buchbesprechungen

Die Asche meiner Mutter

Frank McCourt: Die Asche meiner Mutter.Von der Anmut der Armut. Eine Buchbesprechung.

„Das hat mich damals furchtbar schockiert, das ganze Elend“ war der Kommentar einer lieben Freundin, die sich an ihre Leseerfahrung erinnerte, als sie in meinen Händen Frank McCourts „Die Asche meiner Mutter“ erblickte. Dabei ist das ein überaus heiteres Buch.

Natürlich handelt es von Hunger, von Gewalt, von Armut. Schließlich erzählt da einer von seiner katholischen Kindheit im Irland der 30iger und frühen 40iger Jahre. Und eine katholisch-irische Kindheit ist doppelt arm: arm an fleischlicher und arm an geistiger Nahrung. Aber den jungen Frank McCourt treibt diese doppelte Entbehrung auf den Flügeln der Phantasie zu tiefen metaphysischen Erkenntnissen über das Leben, die Welt, die Geschlechter, die Religionen, den Alkohol, die Frauen und was sonst noch so wichtig ist.

Vielleicht liegt es ja auch ein klein wenig an der sachkundigen Übersetzung von Harry Rowohlt (schon wieder!), dass bei der Lektüre der immerhin 500 Seiten niemals auch nur ein Pint-Hauch von  Langeweile aufkommt. 

Worum geht es in der Asche meiner Mutter?

Frank kommt 1930 als Sohn irischer Einwanderer in New York zur Welt. Während der Großen Depression entscheiden sich die Eltern aus wirtschaftlichen Gründen zurück nach Limerick zu gehen. Aber auch in Irland herrscht bitterste Armut und die Familie gilt den Einheimische als „Amerikaner“, als „Nicht-mehr-zugehörig“. Eine doppelte Migration macht doppelt heimatlos. Das war damals nicht anders, als heute.

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Jules Verne Werkausgabe

Buchbesprechung: Jules Verne: Die Jangada. 800 Meilen auf dem Amazonas

Einige warten  hier auf meinen Reisebericht vom Amazonas. Tatsächlich bin ich ja vor wenigen Wochen den großen Fluss von Tabatinga bis Manaos hinunter gefahren. Sie müssen noch ein wenig warten. Der Bericht ist in Arbeit.

Vor mehr als 150 Jahren unternahm diese Reise schon ein gewisser Joam Garral, eine Figur aus dem Figurentheater von Jules Verne, aufgeschrieben 1881,  unter dem Titel „Die Jangada“ erstmals ins Deutsche übertragen 1882, dann lange Jahre vergessen und schließlich auf wundersame Weise gefunden, sorgsam editiert und sorgfältig wiederveröffentlicht als Band 406 der Anderen Bibliothek im Oktober 2018 im Berliner Aufbau Verlag. 

Jangada war nun auch der Name des Schiffes mit dem ich im Oktober 2022 den Amazonas bereiste. Und ganz eigentlich bezeichnet Jangada eine besondere Art Floß, versehen mit einem dreieckigem Segel und einer Strohhütte, die einer Indio-Familie als schwimmende Wohnung dient. Eine Janganda war also im 19. Jahrhundert eine Art Hausboot in Form eines groben Floßes. 

Amazonasboot

Die typische Bootsform auf dem Amazonas sind heute kleine Kanus mit kleinen Außenbordmotoren.

Die Storyline von Jules Vernes Jangada

Worum geht es in diesem Abenteuerroman?

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Alexander Solschenizyn

Alexander Solschenizyn: Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch

Manchmal steht man vor seiner Bibliothek und greift einfach hinein. Und dann zieht man ein Büchlein heraus, wie einen Ertrinkenden aus dem Meer. Dieser kleine, geschundene dtv-Band trägt das Veröffentlichungsdatum 1973. Sein damaliger Preis: 2.80 DM. Er muss also schon reichlich lange in den Fluten meiner Regale treiben. Es handelt sich um die 7te deutsche Taschenbuchauflage von Alexander Solschenizyns Erstlingswerk „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“.

Ich weiß nicht mehr, wann ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe. Als ich es kaufte, hatte der Autor gerade 3 Jahre zuvor den Nobelpreis für Literatur erhalten.

Der Roman schildert einen Tag im Leben eines Häftligs in einem stalinistischen GULAG. Der Kunstgriff, eine Geschichte auf den Zeitraum von 24 Stunden zu verdichten, hat mir schon immer imponiert: bei Sansibar von Alfred Andersch (ok, da sind es 27 Stunden) und natürlich bei Ulysses.

Solschenizyn berichtet von den Erfahrungen des Gefangenen Iwan Denissowitsch, vom täglichen Überlebenskampf, von den Hierarchien im Lager, von den sozialen Beziehungen unter den Häftlingen. Vieles von dem was er so eindrucksvoll und intensiv erzählt entstammt seinen eigenen Erfahrungen. Schließlich verbrachte er selbst mehrere Jahre in Arbeitslagern. Es ist ein bitteres, erhellendes und wichtiges Buch. Liest man es noch in den Schulen? Es wäre gut.

"Ein Drama für Jack Taylor"

Buchbetrinkung: Ken Bruen, Harry Rowohlt: „Ein Drama für Jack Taylor“

„Ein Drama für Jack Taylor“ war nun der zweite Band der von Harry Rowohlt geschriebenen Detektivgeschichtenreihe über Jack Taylor, die angeblich ein Ken Bruen sich hat einfallen lassen. „Übersetzt von Harry Rowohlt“ steht auf dem Einband. „Übersetzt“ … so ein Unfug. Wenn man die Bändchen liest, hockt einem Harry livehaftig wie Jameson der Satanische gegenüber und liest heiteren Gemüts vor. Sei’s drum.

Wobei „Ein Drama für Jack Taylor“ völlig aus der Reihe fällt. Schon weil Jack das ganze Buch hindurch nichts trinkt und auch nichts raucht. Es handelt sich um einen Entziehungroman mit den erwartbaren Nebenwirkungen. Der Plot ist noch wirrer, als zu erwarten gewesen wäre, wäre der Normalpegel eingehalten worden. Laut Klappentext geht es um einen Mord an zwei Studentinnen, unter deren Leichnams Bücher des irischen Klassikers Synge deponiert wurden. Tatsächlich klärt Jack Taylor zwar die Morde auf, was aber noch lange nicht bedeutet, dass es auf den gut 200 Seiten irgendwie um die Aufklärung dieser Verbrechen ginge. Um was es geht erschließt sich dem Leser und der Leserin nicht so richtig. Irgendwie um „Galway-Kram“. Etwa in der Art der Selbstbeschreibung des Protagonisten als Nicht-Tänzer: „Als Nächstes ging man am Samstagabend zum Tanz, die hohe Zeit der Showbands. Hier begann der Albtraum im vollen Ernst. Meine Generation tanzte nicht. Die Mädchen konnten jiven und hotten, bis die Kühe nach hause kamen. Die Typen kippten den Schnaps aus verbotenen Flachmännern, warteten auf den ‚langsamen Set‘ und schafften es, ihr eine Hand auf die Schulter zu legen, vielleicht das Riemchen ihres BHs zu ertasten und danach wochenlang heiß zu sein. Wenn man gezwungen war bei den schnellen Nummern mitzumachen, demonstrierte man, wie sehr man ein Kind der Sechziger war. Man vollführte eine Serie schrulliger unzusammenhängender Zuckungen, ohne die Füße zu bewegen, und schwitzte grimmig.“

Kurz: in dem Buch werden sich viele Kinder der Sechziger mit Schrecken in den zuckenden Augenlidern wiedererkennen und sich zur Beruhigung noch ein Getränk holen und „die letzte der Pints lenzen“, wie ich in meiner zarten Besprechung von „Ein Grabstein für Jack Taylor“ auf Czyslansky denselbigen zitierte. „Slainte amach.“ „Leat fein.“ Sag ich doch, Harry, sag ich doch.

Die Schule der Trunkenheit

Die Schule der Trunkenheit – ein Leerbuch, äh … Lehrbuch

„Die Schule der Trunkenheit“ ist nun wirklich nicht mein erstes Buch aus dem Verbrecher-Verlag. Aber ich habe, so glaube ich zumindest, noch nie ein Buch aus dessen Programm besprochen. Was für ein Verbrechen.  Schließlich verlegt der Verlag wirklich Hochprozentiges. Antifaschistisches, Literarisches, Ozeanisches. Folget dem Link, es lohnt sich.

Die „Schule der Trunkenheit“ gehört neben den Shell Autoatlas, und sonst nirgendwohin

„Die Schule der Trunkenheit“ lohnt sich allemal. „Welche Spirituose kurvte im Glas von Willy Brandt und was trug diese zur Entspannung zwischen Ost und West bei? Warum gefährdete ein katholischer Geheimbund die Brandy-Produktion?“ Wer die Antwort auf solche Fragen sucht, der trinkt nicht aus Sucht, sondern weil er weiß, dass die Antwort auf die Frage aller Fragen nicht 42 lautet, sondern 40. Und zwar exakt 40, weil 40 Prozent der Alkoholgehalt ist, den der Erfinder des Periodensystems der Elemente Dmitri Iwanowitsch Mendelejew 1894 als russischen Standard definierte, weil so der Wodka am bekömmlichsten ist. Wer das weiß, der trinkt nicht aus Sucht, sondern aus wissenschaftlichem Interesse und der liest das Buch „Die Schule der Trunkenheit“ eben aus literarischem Interesse, ach was, als Sachbuch, als Standardwerk, als Grundlagenwerk, als das Buch, das im Regal direkt neben dem Shell Autoatlas steht und nirgends sonst. Weil ohne diesem Werk alles gar keinen Sinn hat. 

Wie komme ich auf Shell und dessen Atlas? Ach ja, logisch, weil die beiden Autorinnen ihr Werk mit dem Hinweis auf die Weltausstellung 1889 einleiten, auf dem in Paris, zu Füßen des Eiffelturms Europas erste American Bar ihre Flügeltüren öffnete, als „ein Ort der Kommunikation zwischen den Geschlechtern […]. Es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein, dass der Alkohol als Treibstoff des gesellschaftlichen Fortschritts diente. Obwohl nicht verschwiegen werden sollte, dass er nicht selten auch seine Bremsflüssigkeit war.“

Darf ich vorstellen: die blutige Marie

Und so geht es denn dahin, das Gedenke und das Fabulieren rund um jene Verbindung, die keine Lösung, aber auch kein Problem ist. Jedenfalls für den (aus)gebildeten Trinker. Im Folgenden stellen die Autorinnen die wichtigsten Drinks und die besten Geschichten rund um diese Drinks vor. Und ich kannte und kenne viele (Drinks und Geschichten) und habe doch viel Neues bei der Lektüre dieses Buches kennengelernt.

So kannte ich natürlich die blutige Marie, die „Bloody Mary“, von der „Roten Katjuschka“ hatte ich aber noch nie zuvor gehört. Mein Freund und Czyslansky-Bruder Alexander Broy kennt die Katjuschka vermutlich persönlich. Aber der hat ja auch eine Zeitlang als Barkeeper gearbeitet. Aber ob er die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen James „Jim“ Beam und Jakob Böhm kennt? Und ob er weiß, dass Jack Daniels – Ich weiß, Freunde nennen ihn „John“ – nicht an einem gebrochenen Herzen, sondern an einem gebrochenem Zeh starb? Der Verletzung soll er sich bei einem harten Tritt gegen eine verklemmte Tresortür zugezogen haben. Geld macht nicht glücklich, nein nein …

God bless the Queen

Dass der Begriff „Proof“ für einen Alkoholgehalt von 57 Prozent steht und daher rührt, dass man Alkohol mit mehr als 57 Prozent Alkohol mit gelber Flamme anzünden kann. Dazu muss man den Alkohol mit Schießpulver vermengen vor dem Anzünden. Hat er genau 57 Prozent verpufft er mit blauer Flamme. Hat er weniger, tut sich gar nichts.

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Literarisches Quintett

Literarisches Quintett X: Politisches: Mühsam – Chirbes – Bazyar – Pryce – Zahl

Vor rund zwei Jahren habe ich auf meiner Facebook-Seite Michael Kausch schreibt in 100 Tagen 100 Bücher von 100 Autoren vorgestellt. Nach und nach fasse ich hier auf Czyslansky diese kleinen Vorstellung – Besprechungen sind es eigentlich nicht – in Quintetts zusammen. Das Quintett Nummer IX erschein schon im Februar. es wird also mal wieder Zeit …

Heute stelle ich Bücher von fünf politischen Autor*innen vor:

Erich Mühsam: Judas

„An starken Anarchisten bräucht mer halt“ war ein beliebter Satz an bayerischen Stammtischen zu später Stunde, als studentische Kneipen noch geöffnet hatten und billiger Rotwein und edler Augustiner Stoff noch in breiten Urströmen floss. Und in den siebziger und frühen achtziger Jahren fiel dann immer wieder ein Name: „So einen wie den Mühsam Erich“.
Sehr verbreitet freilich waren dessen Schriften nie. Abgesehen vielleicht von seinem Lampenputzer-Gedicht. Das kannte jeder:

„War einmal ein Revoluzzer
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.
Und er schrie: „Ich revolüzze!“
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.“

1978 erschienen seine Schriften in neun anarchoschwarzen Bänden im Berliner Verlag Klaus Guhl. Gekauft hab ich sie im „Adalbert 14“, einem legendären und schon lange nicht mehr existierenden linken Münchner Buchladen und seitdem stehen sie in meinem Regal.

Der Band „Judas“ enthält das gleichnamige heute fast vergessene Theaterstück, ein „Arbeiterdrama in 5 Akten“, uraufgeführt 1921 in Mannheim. Geschrieben hat er das Stück während seiner Haft im Gefängnis in meiner Heimatstadt Ansbach. Und damit ist auch klar, warum ich ausgerechnet diesen Band hier zur Vorstellung ausgewählt habe.

Die Handlung spielt im Januar 1918 in einer deutschen Großstadt. Es geht darum, wie ein Arbeiterführer einen großen Streik organisiert und dabei sich in Widersprüche verstrickt und schließlich die Arbeiter verrät. Das alte Elend.

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Urs Widmer

Wiederentdeckt: Urs Widmer: Die gestohlene Schöpfung

Manchmal entdeckt man in den Untiefen des Bücherregals kleine Schätze, die man längst vergessen hat. Bücher, die sich irgendwann weggeduckt haben. In der zweiten Reihe versteckt. Hinter irgendein zeitgeistiges und zweitklassiges lautprahlerisches junges Ding. Sie wollen einem gestohlen bleiben. Nur um einen eines Tages plötzlich wieder auf die Füße zu fallen. 

So geschehen mit Urs Widmers „Die gestohlene Schöpfung“. Dabei stehen die anderen Ursianika eigentlich drei Reihen tiefer unter „W“ und belegen dort einen knappen dreiviertel Meter des knappen Raumes. Denn ich schätze Widmer sehr, seine überbordende Phantasie, seinen schrägen Humor, seine Galligkeit und Schärfe. „Der Kongreß der Paläolepidopterologen“ – was für ein begnadeter Irrsinn. „Der Geliebte der Mutter“, was für eine feinsinnig-brutale Abrechnung.

Nun habe ich also „Die gestohlene Schöpfung“ wiederentdeckt. 38 Jahre nach seiner Schöpfung. Und ich habe eine ganz besondere Ausgabe in meinem Regal entdeckt: ein persönliches Vorausexemplar, von Urs Widmer persönlich signiert.

Urs Widmer Signatur

Quasi eine Ersterstausgabe. Es verstecken sich ja so einige Erstausgaben und Exemplare mit Zueignungen in meinen Regalen. Sollten dereinst mal die Möbelpacker kommen um den Haushalt aufzulösen werden sie das Ganze zum Kilopreis verhökern. Sei’s drum.

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Jack Taylor

„Er lenzte die letzte der Pints“. Ein Grabstein für Jack Taylor. Eine Buchempfehlung.

„Freiheit und Whisky gehören zusammen.“
Robert Burns

„Er lenzte die letzte der pints“. Ein Roman, der mit diesen Worten beginnt, kann nicht völlig verderbt sein. Andererseits ist klar, dass es sich nicht um ein Werk von Thomas Mann handelt. Bei dem lenzt nichts. Und wenn einer pints lenzt, dann lenzt er wohl im angloamerikanischen Raum, vermutlich in einem irischen Pub. Und wenn er kongenial versoffen übersetzt wurde, dann wurde er eben nicht übersetzt, sondern nachgeschrieben. Und dann hat dies kein weniger Geringwürdiger als Harry Rowohlt getan. Und so ist es auch. Die Rede ist von Privatermittler Jack Taylor, einer Kopfgeburt des studierten Metyphysikers Ken Bruen.

Meine Zeche, ist das eine wilde Lektüre. Wie sowas über Jahre, nein Jahrzehnte an mir ungelesen vorübergehen konnte ist mir ein Rätsel. Letztes Jahr hat mir jemand, dessen Name ich völlig zu Unrecht vergessen habe, den Tipp zugesteckt, ich solle, nein MÜSSE, Jack Taylor lesen wenn ich keine Krimis, aber altertümliche Detektivgeschichten möge. Also hab ich mir einen Band bei meinem sozialen Online-Verschwender geordert. Blind bestellt war es Band 9, der vorerst letzte von 16 Bänden … Ah ja.

Jack Taylor als erstbeste Ausgabe

„Ein Grabstein für Jack Taylor“, erschienen schon 2011 und zwei Jahre später auf Rowohltisch im Atrium Verlag. Und überaus seltsam: Obwohl ich das Werk erst acht Jahre nach Erscheinen geordert habe, halte ich heute eine deutsche Erstausgabe in den Händen. Entweder wollte kein Schwein das Buch lesen oder der Verlag hat sich gründlich bei der Auflage verspekuliert. Ich vermute letzteres. Band 10 erschien dann auch in einem anderen Verlag. Und Jack Taylor lief ab 2013 auch als Fernsehserie im ZDF an. Ging übrigens auch an mir vorbei. Aber das ZDF-Publikum liest eher nicht oder verlangt nach Ausgaben in seniorenaffinem Großdruck.

Dabei passt das Alter durchaus. Harry Rowohlt ist ja auch schon von uns gegangen. Und im Grabstein-Buch trifft man viele uralte Bekannte, Liam Clancy etwa (auch schon tot), oder Bob Dylan (fast). Letzterer wird mit „Blood on the tracks“ zitiert, eine Scheibe, die sich bei mir erst gestern auf dem Spieler gedreht hat. Weil doch die so wunderbare MINT in ihrer neuesten Ausgabe mit einem fetten Bob-Dylan-Schwerpunkt herausgekommen ist. Unbedingt lesen!

Aber ich verplapper mich grad.

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bibliothek

Literarisches Quintett IX: Nachgeworfenes: Zischler – Walser – Nooteboom – Grass – Schneider

Beim Zusammenstellen des Literarischen Quintetts, das ich hier gestern veröffentlichte, sind mir Notizen zu fünf Büchern in die Hände gefallen, die ich den gestrigen Besprechungen dringend hinterherwerfen muss. Da gibt es Bezüge, die nicht verloren gehen dürfen. Im Hypertext-System eines Blogs geht das ja einfach mittels Verlinkung. Früher hat man das umständlich mit kleinen Zettelchen im Zettelkasten erledigt. Aber wer kennt das heute noch, einen Zettelkasten? Meiner war in einer alten Hoffmann-Idealstärke-Kiste angelegt und immer randvoll …

Hanns Zischler: „Kafka geht ins Kino“

Hanns ZischlerGestern habe ich hier „Amerika“ von Franz Kafka vorgestellt und darauf hingewiesen, dass ich großer Kafka-Verehrer bin und Kafka vor langer Zeit mein Abitur-Thema war. Heute nun möchte ich ein Buch empfehlen mit dem seltsamen Titel „Kafka geht ins Kino“. Geschrieben hat es der großartige Schauspieler Hanns Zischler, erschienen ist es in zweiter Auflage 2017 bei Kiepenheuer.

Das Buch widmet sich in einer Aufsatz- und Materialsammlung den zahlreichen Kino-Besuchen Kafkas, seinen verstreuten und zerstreuten Anmerkungen zum Film. Es ist eine ganz wunderbare Fundgrube für alle Freunde der Filmkunst, der Filmgeschichte und für Freunde Kafkas, eine reich bebilderte Grubenleuchte für Cineasten.

Auf Grundlage von Tagebuchnotizen rekonstruiert Zischler Kinobesuche Kafkas und erzählt kenntnisreich über die Geschichte von Lichtspielhäusern, Schauspielerinnen und Regisseuren, rekonstruiert Beziehungen und gedankliche Assoziationsketten, nimmt uns mit zu den Bordellbesuchen, die Kafka gemeinsam mit Max Brod in Paris unternahm. Und so finden wir uns früher oder später natürlich mitten in den von Walter Benjamin beschriebenen Pariser Passagen wieder. Ihr seht: Auch dies ist ein Reisebuch der Phantasie.

„Im Kino gewesen. Geweint. … Maßlose Unterhaltung“. Ich habe dieses schöne Buch in der wunderbaren „Literaturhandlung“ im Jüdischen Museum am Münchner St. Jakobsplatz erstanden, für die ich an dieser Stelle gerne ein wenig Werbung machen möchte. Koyf es!

Robert Walser: „Geschwister Tanner“

Walser RobertDer Robert Walser mag nicht so berühmt sein wie der Martin, aber ich habe von Robert wohl mehr gelesen, als von seinem berühmteren Namensvetter.

Robert Walser, geboren 1878, Deutsch-Schweizer, stammte aus einfachen Verhältnissen und galt als psychisch krank und war lange Jahre in psychiatrischer Behandlung, die letzten Jahre seines Lebens stationär in der Heil- und Pflegeanstalt Herisau.

Zu seinen größten Bewunderern gehörte Walter Benjamin, dessen „Berliner Kindheit“ gestern Thema war. Durch Benjamin habe ich Robert Walser kennengelernt.

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Literarisches Quintett

Literarisches Quintett VIII: (Keine) Jugendbücher: Benjamin – Kafka – Meckel – Tolkien – Watzlawick

Vor zwei Jahren stellte ich auf Facebook und auf Instagram über einen Zeitraum von 100 Tagen täglich ein Buch aus meiner kleinen Bibliothek vor. Dabei suchte ich mir die Werke nach Lust, Laune und Zufall heraus. Die einzige Regel lautete: kein Autor durfte zwei Mal vorkommen. Es handelte sich selten um klassische Rezensionen, eher um Erinnerungen und Gedankenfetzen, die mir kamen, als ich die Bücher – häufig nach vielen Jahren des zwischenzeitlichen Vergessens – wieder aus dem inzwischen tief verstaubtem Regal zog. Facebook und Instagram sind vergänglich und so haben mich Freunde schon damals gebeten meine kleinen Notizen hier auf dem Blog zusammenzutragen. Und so erscheint nach langer Pause heute die achte Folge meines kleinen Literarischen Quintetts, dieses Mal mit Büchern, die ich erstmals in meiner Jugend gelesen hatte, oder die in irgendeiner kruden Weise mit meiner Jugend in Zusammenhang stehen. Es handelt sich also gewissermaßen um (meine) Jugendliteratur.

Walter Benjamin: Berliner Kindheit um Neunzehnhundert

Walter BenjaminWalter Benjamin, Theodor Adorno und Leo Löwenthal bestimmten mein Studium und bildeten schließlich den Gegenstand meiner Dissertation, die 1986 zur Veröffentlichung von „Kulturindustrie und Populärkultur“ im Fischer-Verlag führte. Ich darf behaupten, dass ich die Veröffentlichungen und manch unveröffentlichtes Werk der drei damals komplett gelesen und teilweise wohl auch verstanden habe.

Auch wenn ich mit Leo Löwenthal noch kurz vor seinem Tod die Ehre und das Vergnügen hatte einen persönlichen Kontakt zu pflegen – er schrieb sogar das Vorwort zu meinem bei Fischer erschienenen Buch -, so hat mich doch von diesen Dreien Walter Benjamin sicherlich am stärksten beeinflusst.

Die „Berliner Kindheit“ erstand ich schon 1981 und der kleine Aufsatz über den Tiergarten wurde zur Richtschnur für meine Art und Weise mir fremde Städte zu erkunden. In ihm schreibt Benjamin:

„Sich in einer Stadt nicht zurechtfinden heißt nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einem Walde sich verirrt, braucht Schulung. Da müssen Straßennamen zu dem Irrenden so sprechen wie das Knacken trockener Reiser und kleine Straßen im Stadtinnern ihm die Tageszeiten so deutlich wie einer Bergmulde widerspiegeln.“

So lerne ich auch heute noch fremde Städte am liebsten kennen, indem ich los laufe und mich ihr herumirrend ausliefere. Wie gerne würde ich mich in diesen irren Corona-Zeiten wieder einmal in einer fremden Stadt verlieren. Vielleicht in Lissabon. Oder gar in Timbuktu.

Franz Kafka: „Amerika“

Franz KafkaKafka war mein selbst gewähltes Abitur-Thema. Von ihm habe ich also schon als Schüler alles gelesen, was es so zu lesen gab. Den Prozess, das Schloss und alles damals noch mit „ß“. Nur Amerika war ohne. Aber Amerika gilt ja auch als unvollendet. Ähäm.

Kafka selbst hält Amerika für ein hoffnungsfrohes Buch. So schreibt er jedenfalls einmal an Max Brodt. Das bedeutet aber nur, dass der Protagonist des Romans nicht schon auf den ersten Seiten an Selbstmord denkt.

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