buchbesprechungen

Herbert Achternbusch

Servus Herbert

„Es ist ein Leichtes beim Gehen den Boden zu berühren“.

Ein Bild von dir in Tracht, munter ausschreitend im Oberland, darunter dieses Zitat aus irgendeinem deiner Filme, die ich alle im Münchner Leopold-Kino gesehen habe, mit einer Tüte Gummibärchen auf dem Schoß, hing jahrelang über meinem Schreibtisch. Nun bist du mausetot. Es ist ein großes Elend. Tränen haben wir gelacht im Leopold. Schon beim Vorspann, wenn wir die Namen Annamirl und Josef Bierbichler lasen. Den mächtigen Mann kannten wir ja damals noch nicht. Den haben wir damals über dich entdeckt. Wie so vieles. Wie den Komantschen und das Gespenst und den Neger Erwin und den Atlantikschwimmer.

Es bleiben ein paar deiner Bücher, Erinnerungen ans Theater, DVDs mit deinen Filmen, der Geschmack der Bären und ein unbedingt zu lesender wunderbarschöner Artikel in der heutigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung von Willi Winkler mit dem Titel „Achternbusch scheißt auf einen Preis“, Tagebuchnotizen von 1977.

Vermodere endlich. Du hast es dir verdient. Servus Herbert.

Herbert Achternbusch

Helen-Wolf-Hintergrund-fuer-Liebe

Helen Wolff: Hintergrund für Liebe. Ein Sommerroman und eine Frauenrolle rückwärts.

Da liegt der Roman „Hintergrund für Liebe“ von Helen Wolff. Gestern ausgelesen. Sie wollen wissen, wie ich das Buch fand? Gar nicht. Ich hab es nicht gefunden. Es flog mir zu. Zugeschickt von einem wirklich sehr guten Freund mit dem Vermerk „Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, dass euch das nicht gefällt„.

Und es hat mir anfangs überhaupt nicht gefallen. Wie konnte er nur auf die Idee kommen? Klar, mein Freund lädt mich immer zu diesem ganz ausgezeichneten Italiener in der Bremer Innenstadt ein. Er ist ja auch mit dem Inhaber befreundet. Ich erzähle ihm dann immer, dass ich lieber zum Franzosen gehe und überhaupt, die italienischen Weine im Vergleich zu einem guten Burgunder … Er verträgt das. Ich sagte ja schon: Er ist ein wirklich sehr guter Freund, auch wenn ich ihn viel zu selten sehe. Aber dieses Buch …

These: Der „Hintergrund für Liebe“ spielt natürlich in Südfrankreich …

Der „Hintergrund für Liebe“ spielt natürlich in Südfrankreich. Das war wohl der Grund für meinen Freund mir das Buch zu schenken. Und ich hatte meinem Freund mal von einer Geschichte erzählt … aber das liegt lange zurück und ich will hier nicht abschweifen …

Also die Protagonistin des Buchs ist eine junge Frau, die mit einem deutlich älteren Mann nach Südfrankreich reist. Und der erste Teil des Plots ist schnell erzählt: Sie ist wirklich sehr schön und er ist natürlich sehr reich, sie weiß nichts, er weiß alles, sie ist ein wenig naiv, er bestimmt wo es lang geht, sie will in ein Haus mit Garten, viel Natur und kleinem Kätzchen, er will in die Stadt mit Restaurants und auch sonst ein bisschen Kultur, sie sitzt auf dem Beifahrersitz, er am Volant eines schicken Wagens.

So kann man eine Sommergeschichte schreiben, wenn man Tucholsky heißt und Hemingway lässt man das allemal durchgehen. Letzterer hat das schon geschrieben und seit ich das bei ihm gelesen habe trinke ich Single Malt mit Perrier, weil der Meister das im Wechsel mit einem Tavel immer gegen den großen Durst und gegen die provencalische Hitze getrunken hat. Aber ich beginne abzuschweifen…

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Edgar Selge Hast du uns endlich gefunden

Edgar Selge’s Brot der frühen Jahre: Hast du uns endlich gefunden. Eine Rezension.

Da muss einer so alt werden, um schreiben zu lernen wie der junge Böll.  Erst wollte ich es ja nicht lesen. Es muss ja nun wirklich  nicht sein, dass ein Kommissar nach dem anderen uns seine Lebenserinnerungen verkauft. Die „Raumpatrouille“ von Mathias Brandt habe ich mit großem Vergnügen gelesen. Schon wegen des Titels. Schließlich war und bin ich großer Fan des schnellen Raumkreuzers. Mathias Brandt ist ziemlich genau mein Jahrgang, seine Kindheitserinnerungen sind meine und außerdem ist er „der Sohn.“ Dabei fällt mir auf, dass ich das Buch hier noch gar nicht besprochen habe.

Nun kommt also auch noch „der Einarmige“ mit seinen Erinnerungen daher. Fehlt nur noch Borowksi mit der schönen Stimme. Er wird seine Kindheitstraumata wohl gleich als Hörbuch einsprechen. Alles andere wäre Verschwendung. Ich höre keine Hörbücher. Der Kelch geht an mir vorüber.

Ich hatte eine recht vielversprechende Besprechung der Erstlings von Edgar Selge in der Süddeutschen Zeitung gelesen. Also hat mich „Hast du uns endlich gefunden“ gefunden. Und nun lag es da und wurde das erste Buch des neuen Jahres 2022. Und es wurde eine Überraschung.

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Ein Mann liest Zeitung

Michael Kausch: Ein Mann liest Buch: Justin Steinfeld: Ein Mann liest Zeitung

Immer wieder kommt einem einmal ein Buch zwischen in die Finger, das einen elektrisiert. „Ein Mann liest Zeitung“, Justin Steinfelds einziger Roman gehört zweifellos dazu. Für mich jedenfalls. Dieses Buch hat mich umgehauen. Ob es daran liegt, dass ich leidenschaftlicher Zeitungleser bin? Dass ich Kaffeehäuser liebe? Dass ich Prag mag? Dass ich eine gewisse Affinität zur antifaschistischen und frailech zur jüdischen Exilliteratur hege? 

Justins Steinfeld schrieb das Buch während seiner erzwungenen Emigration in England wohl irgendwann in den vierziger oder fünfziger Jahren. Erschienen ist das Werk unter dem Titel  „Ein Mann liest Zeitung“ dann erstmals 1984 im „Neuen Malik Verlag“. Dann war es wieder vergriffen um im vergangenen Jahr bei Schöffling & Co. endlich neu aufgelegt zu werden. Und nun bleibt zu hoffen, dass es dem Markt niemals wieder verloren geht.

Wer ist – oder besser war – Justin Steinfeld?  Die wichtigsten Eckdaten: Steinfeld wurde 1886 als Jude in Kiel geboren und starb 1970 in England. Er lebte in den zwanziger Jahren als kommunistischer Journalist in Hamburg und schrieb u.a. für die A.I.Z. und Die Wahrheit. Nach der Machtergreifung durch die Nazis emigrierte er nach Prag, von wo aus der später vor den Faschisten nach England floh. 

In seinem Roman behandelt er das Schicksal der deutschjüdischen Emigranten in Prag am Beispiel der Kunstfigur Leonhard Glanz:

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die hochzeit der chani kaufman 2

Eve Harris: Die Hochzeit der Chani Kaufman. A Schmöker über Jiddischkait.

Meet a Jew“ heißt eine schöne Aktion des Zentralrats der Juden in Deutschland. Aus Anlass des Festjahres „1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“ vermitteln jüdische Gemeinden persönliche Kontakte zwischen nicht-jüdischen und jüdischen Menschen. Da können Gojim und Gojete dann mal fragen, ob Juden auch in Urlaub fahren, was sie am Schabbat machen und wie das eigentlich so funktioniert mit dem koscheren Essen und den zwei Kühlschränken. Und Juden erklären ihren deutschen Freunden den Kaschrut und … äh … dass sie auch Deutsche sind. 

Dass die Jiddischkait ein wichtiger Teil der deutschen Kultur ist, ist leider bei vielen in Vergessenheit geraten. Nichtjuden gebrauchen zwar noch viele jiddische Begriffe – Abzocke, Chuzpe, Haberer, Großkotz, Kaff, Maloche, Massel, Mischpoke, Schickse – sind sich dessen aber nur selten bewusst. Und erst recht bleibt ihnen der jüdische Alltag ein großes Mysterium. 

Das liegt natürlich auch daran, dass es so viele Spielarten des jüdischen Lebens gibt, wie es Formen des nichtjüdischen Lebens gibt. Der Unterschied zwischen einem orthodoxen und einem nicht-religiösen Juden ist nicht geringer, als zwischen einem fundamentalistischem Kreationisten und einem marxistischen Befreiungstheologen, oder wenigstens zwischen einer katholischen Bauersfrau aus der Oberpfalz und einem lutherischen Motorradpastor aus St. Pauli.

Die Hochzeit der Chani Kaufman

Wer einen ersten Einblick in die Vielfalt jüdischen Lebens und vor allen Dingen in das sehr verschlossene Leben des orthodoxen aschkenasischen Judentums  gewinnen will, der sollte „Die Hochzeit der Chani Kaufman“ von Eve Harris lesen. Und er wird auch noch Spaß dabei haben und sich bestens unterhalten fühlen.

Jüdische Wahlverwandschaften

Drei Paare bilden die Protagonisten des Romans:

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71_72_Saison der Träumer

Rezension: „71/72 – Die Saison der Träumer.“ Der Traum ist aus.

1971/72 war ein großartiges Jahr.  Ich pubertierte heftig vor mich hin und war hin- und hergerissen: hingerissen vom elegantesten Fußball den man bis dahin je gesehen hatte und von den elegantesten Frauen, die man sich als linker Nachwuchsrevolutionär so erträumen konnte. Bis dahin war ich eher unauffällig, langweilig, spießig, provinziell. Ab 1972 wuchsen mir am Kopf die Haare, im Kopf die Ideologien, an den Boots die Fransen und für die Beine kaufte ich mir die ersten weinroten Cord-Jeans im einzigen Jeans-Laden meines Heimatortes. Manchesterhosen, wie meine Oma sie betitelte. weinrot, mit geprägter Blütenornamentik. Darüber lange Slimline Pullover aus irgendeinem Kunststoff. An der Taille – sowas ich hatte damals – trug ich einen schwarzen Ledergürtel, da drüber im Winter ein Parka, die ungewaschenen Haare mit Trockenschampoo aufgemöbelt. Kurz: ich war von heute auf morgen auffällig, kurzweilig, revolutionär – aber immer noch provinziell bis auf die Knochen. Und fußballverrückt. Im Kassettenrekorder Marke Grundig – ich komm aus Franken – spielten Doors, Jethro Tull und natürlich auch Ton, Steine, Scherben.

Außerdem erinnere ich mich noch immer an das Jahr des Bundesligaskandals, in dem die junge revolutionäre Gesinnung brutal auf die Begeisterung für den Ball stieß. Ich ja war einigermaßen fein raus. Meine Glubberer spielten seit 1969 in der Regionalliga Süd. Wer sollte die schon schmieren? Eben. Niemand. Die spielten für Zwa-in-am-Wegg-und-am-Seidla.

Die damals eingleisige Bundesliga war nicht so spannend. Aber die Nationalmannschaft, die spielte damals traumhaft. Und wirklich erinnere ich mich noch heute an das Endspiel der Europameisterschaft gegen die UdSSR 1972. Und auch viele der Namen der Italiener 1970 (Mechico!) fallen mir noch spontan ein: Riva, Rivera, Mazzola, Boninsegna, … Diese Liste hat mir schon einige kostenlose Grappe bei meinem Stammitaliener eingebracht.

Aber eigentlich will ich ja ein Buch vorstellen. Ein zauberhaftes Buch. Ein Buch, das eine Idee verfolgt, die ein wenig durchgeknallt, aber wunderschön  ist …

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lebt ja auf Sylt. Gestern erzählte sie mir, dass sie seit drei Tagen dichten Neben auf der Insel hätten. Da kommt tiefer Neid in mir hoch. Dichte Nebelschwaden, fröstelnde Kälte, heulende Sturmböen, in der Ferne ein Nebelhorn und dann heiße sämige Erbensuppe in der Kombüse und ein schöner Rum in der Kajüte. Und in der Koje irgendwas von Theodor Storm. Seit dem Schimmelreiter, den ich noch als gelbes Reclam-Heftchen in der Schule lesen durfte, mag ich den großen Klaren aus dem Norden. Unvergessen auch "Pole Poppenspäler", ebenfalls Schullektüre. Ich erinnere den Poppenspäler aber auch in der Verfilmung mit dem hervorragenden Walter Richter in der Hauptrolle. Ihr kennt den Mann sicherlich als Hauptkommissar Trimmel aus alten Tatort-Folgen. Dieser kleiner Band, den ich heute aus dem Regal gezogen habe, beinhaltet drei Novellen: "In St. Jürgen", "Eine Halligfahrt" und das ein wenig gespenstische "Draußen im Heidedorf". Besonders hat es mir die "Halligfahrt" angetan, eine auf den ersten Blick hübsch betrüblich-tragische Romanze, in der zwei Liebende nicht zueinander kommen können. Auf den zweiten Blick aber gibt es eine Menge Sozialkritik und auch noch heftige Kritik an Bürokratismus und staatlicher Bevormundung. Alles in allem ruft da ein liberaler Storm laut und flehend um Hilfe, ohne allerdings den politischen Ausweg zu finden und ohne so recht die Konsequenzen zu formulieren. Ich schätze an Storm seine - sagen wir - "Bodenhaftung", seine Nähe zu den Volkssagen und auch zu den "einfachen Leuten" des 19. Jahrhunderts. Was Thomas Mann dem Bürgertum, das ist Theodor Storm dem einfachen Volk vom Land zwischen den Meeren. Und einmal mehr: seine Novellen riechen eindrucksvoll nach Salz und Fisch.

Literarisches Quintett VII: Bücher die nach Fisch stinken: Alexander – Clarke – Eco – Heinichen – Storm

Als Kind musste ich immer den Sommer in den Bergen verbringen. Mit 17 Jahren fuhr ich zum ersten Mal in den Ferien ans Meer: an die französische Atlantikküste und ans Mittelmeer. Unvergessen meine Freunde Rainer und Jockel, unvergessen der alte Käfer, mit dem wir unterwegs waren und unvergessen natürlich auch Isabelle aus dem Perigord …

Das prägt. Der Sand zwischen den Zehen – und nicht nur da, das Salz auf den Lippen – und nicht nur dort. Und immer der Geruch von Fisch in der Nase. Heute kann ich sagen, dass mich Berge zu ersticken drohen, dass das Meer mir aber Weite und Weitblick verschafft. Außerdem wird es mit dem Alter immer mühsamer Berge zu besteigen. Wie schön ist es hingegen am Meer mit einem Buch im Schatten zu sitzen und von fernen Inseln zu träumen. Fünf Bücher, die ausreichend nach Fisch stinken empfehle ich für die nächste Reise ans große Wasser:

Caroline Alexander: Die Bounty. Die wahre Geschichte der Meuterei auf der Bounty

Die Meuterei auf der Bounty hat mich immer fasziniert. Und eigentlich ist die Geschichte und vor allem die Erstverfilmung mit Charles Laughton als Captain Bligh und Clark Gable als Fletcher so schön, dass man die historische Wahrheit eigentlich gar nicht wissen möchte. Eigentlich. Wenn da die Neugier nicht wäre. Und die ganz wunderbare Zeitschrift „Mare“. Letztere nämlich hat mich dazu verleitet das Buch von Caroline Alexander zu kaufen und zu lesen „Die Bounty. Die wahre Geschichte der Meuterei auf der Bounty“.

Das Buch selbst ist mindestens so spannend wie der Film. In Wirklichkeit gab es keinen skrupellosen Kapitän und keinen ehrenhaften Fletcher, sondern – man wagt es heute kaum zu schreiben – nach langer Seefahrt ausgehungerte Matrosen, die offenbar den Sirenenklängen oder aber den süßen Lotusfrüchten der Südseeschönheiten erlagen. Kurz: sie waren sexuell ein wenig ausgeblutet und damit der britischen Seefahrerdisziplin abhanden gekommen – um es vorsichtig zu formulieren. Das dionysische Moment obsiegte und machte die Aufständischen zu Aussteigern im übertragenen und den Kapitän mit seinen Getreuen zu Aussteigern im wörtlichen Sinne. Letztere wurden „ausgebootet“.

Wer sich also an langen Winterabenden ein wenig in die Südsee träumen möchte, dem sei die wahre Geschichte der Meuterei auf der Bounty ans Herz und ins Regal empfohlen.

Und zwischendurch kann man sich ja den Film, natürlich den ersten von 1935, auf den Bildschirm ziehen. In einer Nebenrolle ist dort übrigens Movita Castaneda als blutjunges Tahiti-Mädchen Tehani zu sehen.

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Literarisches Quintett VI: Kriegsbücher: Bernieres – Brecht – Hagendorf – Kladstrup – Seghers

In der fünften Folge des Literarischen Quintetts ging es um Nachkriegsbücher. Heute geht es um Kriegsbücher. Starten wir mit …

Louis de Bernieres: Corellis Mandoline

BernieresJetzt wird’s eng. Ganz eng. Dieses Buch ist angeblich ein Liebesroman. Und nicht irgendein Liebesroman. Dieses Buch ist immerhin Band 9 der BRIGITTE-Buch-Edition „Die Liebesromane„. Zu meiner Ehrenrettung muss ich aber erwähnen, dass ich das nicht wusste, als ich es las. Und als ich beschloss das Buch zu mögen kannte ich auch nicht die unsägliche Beschreibung, mit der die BRIGITTE dieses Buch ihren Leserinnen empfiehlt: „Eine mitreißende Liebesgeschichte – und weit mehr: ein Buch über Ehre und Anstand und über die Hoffnung, dass am Ende des Schreckens das Gute bestehen bleibt.“

Würg, kotz, übel, spei, … Quatsch mit schleimgrüner Soße aber auch. 

Ich habe das Buch gelesen, weil es ein Insel-Buch ist und ich Insel-Bücher liebe. Außerdem handelt der Roman vom Streit zwischen einem griechisch-orthodoxen Alkoholiker, einem Kommunisten, einem Monarchisten und einem intellektuellem Arzt auf Kefalonia. Es ist also alles da für eine griechische Version von Don Camillo und Peppone. Und natürlich gibt es auch eine Liebesgeschichte, sonst könnte die Sache ja nicht auf einer griechischen Insel spielen.
Und dann gibt es als Beigabe noch den italienischen schwulen Soldaten und Besatzer und den ganzen unsäglich blödsinnigen, verworrenen Krieg, der einmal mehr als blödsinnig und verworren dargestellt wird. Als wären die menschlichen Verhältnisse nicht ohnehin schon blödsinnig und verworren genug.

Dieses Buch ist angeblich ein Liebesroman. Und nicht irgendein Liebesroman. Dieses Buch ist immerhin Band 9 der BRIGITTE-Buch-Edition „Die Liebesromane“. Das sagte ich schon? Ach so.

Ich empfehle es trotzdem!

Bert Brecht: Mutter Courage

BrechtDie Courage war eine der allerersten Eindrücke, die Brecht bei mir hinterlassen hat. In irgendeiner mittleren gymnasialen Klasse wurden wir ins Kino verschleppt um uns eine Filmaufnahme der Bühnenfassung mit der großartigen Giehse anzusehen. Die meisten meiner Klassenfreunde mokierten sich über die Musik Paul Dessaus. Ich fand sie großartig, wie das ganze Stück.

Das „Lied der Mutter Courage“ hatte ich zuvor in einem Anflug hoffnungsloser Selbstüberschätzung sogar selbst vertont, natürlich atonal – ich hatte da mal „was in der Art“ gehört:

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Literarisches Quintett V: Nachkriegsbücher: Böll – Härtling – Meckel – Schlink – Tisma

Unter den 100 Büchern, die ich auf „Michael Kausch schreibt“ vorgestellt habe, befinden sich zahlreiche Werke, in denen die Autoren ihre Erfahrungen und Traumata aus dem Zweiten Weltkrieg aufgearbeitet haben. Und auch wenn ich selbst erst einige Jahre später geboren wurde und meine Kindheit in die sechziger Jahre fällt, so hat mich doch die Nachkriegszeit geprägt und ich erinnere mich noch an Dinge, die heute wie aus einem anderen Jahrtausend scheinen – und es ja tatsächlich auch sind:

In mein Elternhaus kam zwei Mal im Jahr der „Boandlkramer“, der Messerschleifer hielt vor der Tür, der Kohlehändler lieferte uns Kohlen, ab und an kamen fahrende oder wandernde Sänger des Wegs und direkt hinter dem Garten lagerten regelmäßig Sinti und Roma. Wir Kinder durften dann immer das Haus nicht verlassen: „Die Zigeuner stehlen die Kinder“ hieß uns mit ehrlich sorgenvoller Miene die Mutter.

Nicht zuletzt habe ich als Arbeiterkind in jenen Jahren den Wert von Brot auch noch in einer Unmittelbarkeit kennengelernt, in der ich die Erfahrungen von Heinrich Böll sehr wohl nachfühlen kann:

Heinrich Böll: Das Brot der frühen Jahre

Heinrich BöllBei Heinrich Böll geht es mir wie bei Günter Grass: seine frühen Werke sind mit die liebsten.

„Das Brot der frühen Jahre“ entstand schon 1955. Es ist ein Nachkriegsroman. Der Protagonist Walter Fendrich ist ein junger Mann, den der Krieg – wie Böll selbst beschreibt, „zum Wolf“ gemacht hat. Er kämpft im zerstörten Nachkriegsdeutschland ums nackte Überleben, ums tägliche Brot.

Es passiert nicht viel in diesem Buch. Es passiert Alltag: ein bisschen Diebstahl, ein bisschen Hurerei, ein bisschen Mutterliebe, viel Adenauer, viel Hunger, viel katholische Doppelmoral.

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Literarisches Quintett

Literarisches Quintett IV: Jüdisches: Austerlitz – Baram – Chabon – Grab – Polgar

100 Bücher von 100 Autoren habe ich auf meinem Facebook-Kanal „Michael Kausch schreibt“ innerhalb von 100 Tagen vorgestellt.  Darunter befanden sich weit überdruchschnittlich viele Schriftsteller jüdischer Herkunft. Das muss Gründe haben. Sicherlich gibt es viele Juden unter den ernst zu nehmenden deutschsprachigen Schreibern. Und vielleicht fühle ich mich auch gerade diesen Schriftstellern und Denkern besonders verbunden. Aber es ist nicht so, dass man die jüdische Tradition den Werken immer anmerkt. Auf den zweiten und dritten Blick häufig schon. Und die Sujets sind schon gar nicht jüdisch. In diesem Quintett stell ich fünf wundervolle Bücher von fünf jüdischen Schriftstellern vor, die ihr „Jüdisch-Sein“ sehr unterschiedlich ausdrücken, die es aber doch nicht verbergen können und wollen.

W. G. Sebald: Austerlitz

Jacques Austerlitz wächst nach dem Zweiten Weltkrieg in Wales bei einem Predigerpaar in behüteten Verhältnissen auf. In seinen 50igern erfährt er aber, dass er eigentlich jüdischer Herkunft ist und dass seine leibliche Mutter ihn im Sommer 1939 mit einem Kindertransport aus dem von den Nazis bedrohten Prag nach England in Sicherheit bringen konnte.

Austerlitz beginnt daraufhin seine verlorene Kindheit und Herkunft mühsam zu erforschen. Seine Mutter war nach Theresienstadt deportiert und im Osten ermordet, sein Vater in einem Lager in den Pyrenäen interniert worden.

So komplex wie die Geschichte ist die Erzählweise, die W. G. Sebald für seinen Roman gewählt hat. Es ist nicht Austerlitz, der hier seine Geschichte vor dem Leser ausbreitet, sondern ein Erzähler, der Austerlitz begegnet und diesem die Geschichte in zahlreichen Begegnungen entreißt. Alles ist Hören-Sagen und Interpretation.

Austerlitz selbst montiert seine eigene Geschichte aus Versatzstücken, aus Fotografien und Erzähltem, die er mühsam recherchiert. Seine Erinnerung reicht ja nicht zurück in seine frühe Kindheit. Der Erzähler wiederum erfährt die Geschichte in einer Vielzahl von Begegnungen mit Austerlitz, Begegnungen, die ihrerseits oft Jahre auseinander liegen.

Der ganze Roman ist eine literarische „Stille Post“ und das wird dem Sujet natürlich sehr gerecht. Schließlich ist Geschichte immer Interpretation und ein Puzzle mit fehlenden Teilen.

Michael Rutschky hat Sebald’s Puzzle-Spiel nach seinem Erscheinen in einer Rezension in der Frankfurter Rundschau mit der Arbeitsweise des von mir arg verehrten Alexander Kluge verglichen. Das ist nicht ganz falsch. Mich hat es eher noch an Walter Benjamins Zettelkasten aus seinem Passagen-Werk erinnert. Nach Weihrauch riecht beides. Die ungeheure Spannung dieses Romans ergibt sich jedenfalls aus beiden Ebenen, aus dem Sujet und aus seiner vielfach gebrochenen und subjektivistischen Erzählweise.

Weiter geht es mit einem aktuellen Buch von Nir Baram:

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