Elias Canetti Die Blendung

Aus der Bücherhöhle: Elias Canetti: Die Blendung

In letzter Zeit habe ich ja einige Bibliomane gelesen, also Romane über seelenkranke Bibliophile: Erst hat Satoshi Yagisawa ihre Lebenskrise in der Buchhandlung Morisaki ausgeheilt und dann hat auch noch Frau Komachi mehr als ein Buch empfohlen. Im Hintergrund habe ich mich dabei auch noch laufend mit dem Büchersammler Peter Kien und seiner Frau und Haushälterin Therese Krumbholz herumgeschlagen und trudelnd in den Irrsinn begeben. Von allen Schreiberlingen war Canetti zweifelsfrei der riesenhafteste, sein Held der wahnsinnigste. Kein Wunder, spielt seine Handlung doch auch im freudianischen Wien, nicht im vergleichsweise vernunftbegabten Tokio.

"Ein Mensch, der Hunde und Kinder hasst, kann nicht ganz schlecht sein."

Aber es gibt eine Verbindung. Canettis Protagonist ist immerhin Sinologe und also mit fernöstlichen Weisheiten vertraut. Und er ist ein Büchernarr. Er lebt mit Büchern. Bis er eines Tages den verhängnisvollen Fehler begeht seine Haushälterin zu ehelichen. Damit beginnt der Absturz in den Wahnsinn. Gegen das, was er in der Folge an Schrecken erlebt, sind alle Erlebnisse Franz K’s ein heiteres Ponyschlecken.

In der Tat ist der Roman von größter Düsternis durchzeichnet. Salman Rushdie erkennt wohl zu Recht in der Blendung das Aufscheinen des in den 30iger Jahren auch in Österreich heraufziehenden Faschismus. Susan Sontag, die ich überaus schätze, würgt es ob des leidenschaftlichen Frauenhasses, der ihr in der Blendung entgegenschlägt. Andere erfreuen sich am Nestroyschen Witz, der ihnen aus Canettis Großwerk entgegenlächelt. Es ist schon ein arg wienerischer Humor, der hier wie ein mordender Clown aus den Buchdeckeln lacht. Peter Kien hasst ja nicht nur die Frauen, er hasst die Menschen ganz allgemein, insofern sie nicht gerade als Figuren in Büchern unterwegs sind. Er hasst eigentlich alles, was wirklich lebt und auf zwei bis vier Beinen steht. Andererseits, wie schreibt schon der us-amerikanische Schriftsteller Leo Rosten: „Ein Mensch, der Hunde und Kinder hasst, kann nicht ganz schlecht sein.“ Und ein Mann, der sich wie Kien mit 25.000 Büchern umgibt kann schwerlich auch noch ein Menschenfreund sein. Deshalb habe ich bei 15.000 auch aufgehört. Man will doch nicht der Blendung anheimfallen …

Elias Canetti: Die Blendung. 15 Euro. Beim Buchhändler Deines Vertrauens. Oder bei buch7.

Illustration © Michael Kausch

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