Perutz Nachts unter der steinernen Brücke

Ein Juwel der jüdischen Literatur: Leo Perutz: Nachts unter der steinernen Brücke

Wieder so ein Schriftsteller, den der Faschismus uns vergessen machen wollte: Leo Perutz, 1882 als Sohn jüdischer Eltern in Prag geboren, 1899 nach Wien gezogen, ab 1906 schriftstellerisch tätig, angestellt ab 1907 als Versicherungsmathematiker bei der Triester Generali – ja genau, ebendort, wo auch Franz Kafka sein Brot verdiente – befreundet mit den Caféhaus-Literaten Peter Altenberg, Anton Kuh und Alfred Polgar, verfeindet mit Robert Musil, bekannt mit Egon Erwin Kisch, erfolgreich ab 1915, dann auch besprochen von Kurt Tucholsky, verfolgt und verjagt ab 1938. Als er 1957 in Bad Ischgl starb – er war 1952 aus dem Exil zurückgekehrt – war er völlig vergessen. Die Deutschen und die Österreicher konnten ihm sein Jüdischsein nach der Katastrophe von 1945 einfach nicht verzeihen. Wie auch …

Und so kommt es, dass man diesen großartigen Autor heute wieder entdecken muss. Seine Bücher gibt es zum Glück wieder. Und für mich war es zum Jahresende 2023 eine großartige Entdeckung. Mein erstes Werk war „Nachts unter der steinernen Brücke“.

„Nachts unter der steinernen Brücke“ – eine Geschichte im alten Prager Judenviertel

Geschrieben hat Leo Perutz diesen historischen Roman zwischen 1924 und 1951. Ein langer Zeitraum, in dem viel passiert ist, in dem vor allem ihm viel passiert ist: Verfolgung und Exil. Als er das Buch begonnen hat, galt er als einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftsteller. In der 30iger Jahren aber war sein Markt plötzlich weg. In Deutschland hatte er seinen Verlag, den jüdischen Verlag Zolnay, verloren. Und als er den Roman in den 50iger Jahren vollendete, gab es für sein Buch, das im mittelalterlichen jüdischen Prag spielte, auch noch lange keinen Markt. Der Antisemitismus war ja 1945 nicht verschwunden. Das Buch erschien zwar, aber es fand keine Leser in Deutschland. Eine „Stunde Null“ gab es vielleicht in den Feuilleton-Redaktionen, aber nicht in den Wohnstuben der lesenden Deutschen und Österreicher. Da hockten die keinesfalls entnazifizierten Volksgenossen und wollten von Juden nichts, aber auch gar nichts wissen und lesen.

Zwischenruf: Kennt Ihr das wunderbare Lied „Weg zur Arbeit“ von Georg Kreisler? Er schildert darin den Weg zur Arbeit eines zurückgekehrten Wiener Juden nach 45, der seinen Weg zwischen all den alten Nazis zu seiner Kanzlei findet, zwischen dem Ex-SS-Mann, dem Friseurgehilfen Navratil, dem Buchverkäufer Dr. Hammerschlag, der einst den Thomas Mann und den Feuchtwanger verbrannt hat, dem Professor Töpfer (früher Völkischer-Beobachter, „heute ist er Demokrat“), Man sollte sich das böse Chanson anhören, um nachzufühlen, wie sich Leo Perutz nach seiner Rückkehr gefühlt haben mag und man wird verstehen, warum sein „Nachts unter der steinernen Brücke“ in den 50iger Jahren keine Leser gefunden hat. Schließlich waren die Österreicher die ersten Opfer Hitlers … :

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Der Mensch denkt, Gott lacht

Das Buch ist eigenartig konstruiert und scheint aus lauter kleinen Kurzgeschichten zu bestehen. Es ist eigentlich ein Baukasten aus kleinen Erzählungen, die erst im Kopf des Lesenden zu einer stringenten Geschichte montiert werden wollen. Die Montage-Technik erinnert sehr an Walter Benjamins Zettelkasten und erscheint überaus modern. Es entfaltet sich ein Kaleidoskop mittelalterlichen jüdischen Lebens. Und ständig überrascht Perutz den Lesenden mit ungewöhnlichen und humorvollen Interpretationen geschichtlicher Fakten. Er interpretiert Geschichte als Zufall und stets aus der Perspektive der einfachen Menschen. So wird etwa eine obskure Geschichte von Wallenstein erzählt, in der ihn eine Liebesnacht mit einer seltsamen Dame vor großem Ungemacht rettet. Letztlich verdankt er dieser Liebesnacht, genauer einem bellenden Hund seinen späteren Reichtum. Manchmal reichen eben Schlauheit und Grobheit nicht aus, um an die Macht zu gelangen. Es braucht auch einen Hund. „Der Mensch denkt, Gott lacht“, lautet ein jüdisches Sprichwort. Hans-Harald Müller erinnert in seinem Nachwort an dieses Bonmot. Zu Recht.

Immer wieder spielen zufällige Begegnungen und Hörensagen eine Rolle. Die ganze Geschichte der Menschheit ist ein großer Irrsinn: „Ein Tauber hat gehört, wie ein Stummer erzählt hat, dass ein Blinder gesehen hat, wie der Lahme auf dem Seil tanzte.“ So verzwirbeln sich jüdische Sagen und Sprichwörter mit historisch überliefertem, Fakten mit Träumereien, Irrlichter mit Überliefertem. Der Roman ist ein ganz großes Vexierbild.

Prag Alter jüdischer Friedhof

Hat das Buch eine Botschaft?

Blättert man ein wenig durch die Rezeptionsgeschichte des Buchs, so bleibt man irritiert zurück. Und ich meine, diese Irritation ist vom Autor beabsichtigt. Perutz scheut eindeutige und plumpe Erklärungsversuche. Die Welt ist komplex und uneindeutig. Sie ist mystisch, wobei die Mystik für das Unerklärbare, für das Anarchisch-Zufällige steht. Dabei ergreift Perutz stets eindeutig Partei. Er steht auf der Seite der einfachen Leute, auf der Seite derer, die nie an der Macht sind. Er zeigt Sympathien für die Schwachen und die Schwächen der Menschen, für ihre kleinen Alltagslügen und ihre Ausflüchte. Wenn Religion Opium für das Volk ist, dann versteht Perutz die Opiumsucht und zeichnet ihre Ursachen nach, anstatt sie zu bewerten. Er berichtet vom Rausch, nicht, nicht vom Opium-Rausch, sondern vom Rausch der Kabbala. Als Mathematiker ist ihm diese sicherlich geläufig, auch wenn er sie im Buch mit keinem Wort erwähnt.

Nachts unter der steinernen Brücke ist ein rauschhaftes Buch. Ich freue mich schon auf die nächsten Romane von ihm. „Zwischen neun und neun“ und „Der schwedische Reiter“ liegen hier schon bereit.

Leo Perutz: Nachts unter der steinernen Brücke. Als Taschenbuch 12,- €. Bei Ihrer freundlichen Buchhändlerin oder bei buch7.

Illustrationen © Michael Kausch

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Eine Antwort

  1. Vielen Dank, dass Du den wunderbaren Leo Perutz wieder in Erinnerung rufst. Ich habe Einiges von ihm gelesen, nachdem er mir empfohlen worden war. Ist auch schon wieder was her.
    Ich sollte ihn für mich wiederentdecken, aber ach: So viele Bücher und so wenig Zeit.

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