die hochzeit der chani kaufman 2

Eve Harris: Die Hochzeit der Chani Kaufman. A Schmöker über Jiddischkait.

Meet a Jew“ heißt eine schöne Aktion des Zentralrats der Juden in Deutschland. Aus Anlass des Festjahres „1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“ vermitteln jüdische Gemeinden persönliche Kontakte zwischen nicht-jüdischen und jüdischen Menschen. Da können Gojim und Gojete dann mal fragen, ob Juden auch in Urlaub fahren, was sie am Schabbat machen und wie das eigentlich so funktioniert mit dem koscheren Essen und den zwei Kühlschränken. Und Juden erklären ihren deutschen Freunden den Kaschrut und … äh … dass sie auch Deutsche sind. 

Dass die Jiddischkait ein wichtiger Teil der deutschen Kultur ist, ist leider bei vielen in Vergessenheit geraten. Nichtjuden gebrauchen zwar noch viele jiddische Begriffe – Abzocke, Chuzpe, Haberer, Großkotz, Kaff, Maloche, Massel, Mischpoke, Schickse – sind sich dessen aber nur selten bewusst. Und erst recht bleibt ihnen der jüdische Alltag ein großes Mysterium. 

Das liegt natürlich auch daran, dass es so viele Spielarten des jüdischen Lebens gibt, wie es Formen des nichtjüdischen Lebens gibt. Der Unterschied zwischen einem orthodoxen und einem nicht-religiösen Juden ist nicht geringer, als zwischen einem fundamentalistischem Kreationisten und einem marxistischen Befreiungstheologen, oder wenigstens zwischen einer katholischen Bauersfrau aus der Oberpfalz und einem lutherischen Motorradpastor aus St. Pauli.

Die Hochzeit der Chani Kaufman

Wer einen ersten Einblick in die Vielfalt jüdischen Lebens und vor allen Dingen in das sehr verschlossene Leben des orthodoxen aschkenasischen Judentums  gewinnen will, der sollte „Die Hochzeit der Chani Kaufman“ von Eve Harris lesen. Und er wird auch noch Spaß dabei haben und sich bestens unterhalten fühlen.

Jüdische Wahlverwandschaften

Drei Paare bilden die Protagonisten des Romans:

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verschwörungstheorien

Die Verschwörungstheorien sind die schlimmere Pandemie

Warum Filterblasen und Echokammern eine große Herausforderung für unsere Demokratie sind. Ein Beitrag zur Diskussion.

Im Lager der Querdenker verhochzeiten sich Coronaleugner und Neonazis zu einer unheiligen Allianz. Dabei sind natürlich nicht alle Impfskeptiker Nazis und nicht alle Neonazis misstrauen deutschen Virologen.

Warum aber treffen sich Bannerträger der Reichkriegsflagge, Neonazis, Blut- und-Boden-Ökos, Abtreibungsgegner, Parawissenschaftler, Kreationisten, Klimawandelleugner, Antisemiten, Esoteriker und Impfgegner unter Regenbogen und Hakenkreuz? Warum werden die Grenzen so unscharf? Warum treffen sich die Anhänger dieser scheinbar so unterschiedlichen Gruppierungen durchaus in den gleichen Filterblasen und Echokammern und tauschen dort die immergleichen Vorurteile und Mythen aus? Warum halten sie untereinander nicht einmal mehr den Mindestabstand von eineinhalb Metern ein und pochen gegenseitig auf Toleranz, weil sie ja vorgeblich alle von den „Systemmedien“ und „Systempolitikern“ ausgegrenzt werden?

Alle diese Gruppen eint, dass sie sich ausgegrenzt fühlen und dass sie sich selbst ausgrenzen – und dass sie damit unsere demokratische Gesellschaft in Frage stellen!

Sind Filterblasen und Echokammern die Ursachen des Problems?

Es scheint, dass das Internet und die sozialen Medien Schuld sind am Aufkommen von Verschwörungstheorien und an der Verfestigung undemokratischer Tendenzen in unserer Gesellschaft. Am rechten Rand bilden sich Gegenkulturen aus Aussteigern, Spinnern, Rassisten und Neonazis.

Tatsache ist:

  • Rassisten, die noch vor ein paar Jahren ihre Meinung nicht öffentlich zu formulieren wagten, äußern sich nun öffentlich im Internet, manchmal anonym, immer öfter aber auch offen sogar unter Nennung ihres Namens.
  • Menschen, die sich politisch am Rande des demokratischen Meinungsspektrums bewegen und bislang nicht öffentlich äußerten schließen sich Rassisten und Faschisten an, die sich immer stärker formieren und organisieren.
  • Ehemalige demokratische – konservative und fortschrittliche – Meinungsmacher (Journalisten, Influencer) schlagen sich auf die Seite von reaktionären Verschwörungstheoretikern und zum Teil Rassisten und Faschisten.
  • Die Grenzen zwischen Verschwörungstheoretikern, Ökokonservativen, Nationalkonservativen und Neonazis verschwimmen.
  • Viele von uns haben schon gute Freunde, Kolleginnen, Kollegen oder Familienmitglieder verloren.
  • Die Bewegung radikalisiert sich und wird zunehmend militant. Mordaufrufe sind an der Tagesordnung.

Nochmal zur Klarstellung: Ich werfe nicht alle diese Menschen in einen Topf. Viele dieser Menschen werfen sich selbst in einen Topf. Ich sehe in den Timelines von demokratischen Impfskeptikern zunehmend Kommentare, in denen erklärt wird, dass Merkel die Demokratie abgeschafft habe und in denen ein Widerstandsrecht gegen Journalisten erklärt wird. Wer behauptet, wir würden angesichts der aktuellen Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie – die man gut oder schlecht finden kann – in einer Diktatur leben, wer daraus ein Widerstandsrecht ableitet, der macht sich gemein mit jenen, die in Washington das Capitol gestürmt haben, die zur Wahlfälschung aufrufen, die in Deutschland Politiker und Journalisten zunehmend körperlich bedrohen. 

Es ist schwierig mit Betroffenen umzugehen, sie vor dem Abdriften in die Szene zu bewahren, die Szene zu bekämpfen. Wir haben keine verbindliche Strategie und wir haben keine Erklärung für die Ursachen. Oder korrekter: Wir haben viele!

Die zwei großen Trends: Die Legitimationskrise der Wissenschaft und die Legimitationskrise der demokratischen Institutionen

Gegenwärtig überlagern sich zwei Trends, die wir sehr klar voneinander unterscheiden müssen:

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Advance Playstream A7

Der Streaming Vollverstärker Advance Playstream A7 im Test – C’est Paris merveilleux

„C’est Paris merveilleux“ – An diese letzte Zeile des großen Chansons „Les Prénoms de Paris“ von Jacques Brel musste ich denken, als der Streaming Vollverstärker Advance Playstream A7 von Advance Paris für einige Tage bei mir zu Gast war. „Es ist das wunderbare Paris“, das könnte auch als Überschrift über diesem kleinen Testbericht stehen.

Denn wunderbar ist es, was diese kleine schwarze Französin bei mir in den Raum gezaubert hat. Und dabei bin ich eigentlich eher ein altmodischer Röhren- und Vinyl-Junkie, während es sich bei der A7 – und es muss sich bei der französischen Finesse und Eleganz, die dieses Gerät ausstrahlt, ganz klar um etwas weibliches handeln – um ein Hifi-Gerät der modernen digitalen Gegenwart handelt. Die A7 ist – ja was ist sie eigentlich? Vollverstärker, Streamer, DAB- und UKW-Tuner, DAC, Netzwerk-Player, Phono-Pre … ?

Aber fangen wir doch mal mit den  Äußerlichkeiten an:

Advance Playstream A7

Im kleinen Schwarzen

Das Gehäuse besitzt klassisches Gardemaß (43 x 37 x 13,5 cm) mit hochglänzender Front und fein gezeichneter Beschriftung. „Fein gezeichnet“ heißt: es ist hübsch anzusehen, aber von größerer Entfernung aus nicht wirklich gut ablesbar. Man muss sich der hübschen Französin also schon nähern, wenn man etwas von ihr will, es sei denn, man nutzt die sauber gemachte Fernbedienung. Was man aus großer Entfernung sieht, sind die großen blauen Augen, also die beiden beleuchteten VU-Meter, die ein ganz klein wenig an Mcintosh erinnern. Zwischen beiden gibt es ein kleines Info-Fenster mit einer ebenso feinen Klarschriftanzeige mit Informationen zur Quelle.

A7 Fernbedienung

Der große Lautstärkedrehregler rechts ist ein wenig schwammig, tut aber zuverlässig seinen Dienst. An ihm merkt man am ehesten, dass die Französin eben doch eher eine zerbrechliche Piaf ist, als eine mondäne Jeanne Moreau. Gleich daneben gibt es gleich zwei parallel geschaltete Kopfhörerausgänge, einen für 3,5-mm- und  einen für 6,3-mm-Klinke. Das ist dann schon wieder ziemlich luxuriös, oder sagen wir besser sehr funktional.

Überhaupt legt die Französin sehr viel Wert auf Funktionalität. Sie ist einfach sehr sehr praktisch veranlagt und erinnert dabei an Simone Signoret in „Le chat“.  Betrachten wir sie dabei einmal von hinten, also ihr Anschlussfeld:

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Humppa

Humppakäräjät – Da tanzt die Nadel in der Rille Polka

Humppa humppa tätäräää. Ich hab es getan! Ich habe sie beim Abendessen aufgelegt. Und mir ist glatt die Salami vom Brot gerutscht. Da rockt der Elch. Dabei ist die Platte „Humppakäräjät“ vom Orchester Eläkeläiset  (deutsch „Die Rentner“, nicht zu verwechseln mit „Porojen“ = Rentiere) schon von 1994. Da ist ein Stück finnische Hochkultur glatt an mir vorbei gegangen.  

Was die Rentner da machen klingt, als ob Ozzy Osbourne schwer betrunken die Oberkrainer dirigieren würde. Sie spielen … äh … Polka. Und zwar nach Noten von Judas Priest, Bon Jovi und anderen Musikalienhändlern. Sie „covern“ klassische Songs. Sie nennen das aber nicht „covern“, sondern „polkern“. Weil herauskommen tut immer eine Polka. Ihr könnt Euch das nicht vorstellen? Nachvollziehbar. Ihr könnt es Euch auch dann nicht vorstellen, wenn Ihr es gehört habt.  Und glaubt mir: es ist besser, man stellt es sich nicht vor. 

Humppa

Aber man sollte es hören.

Wenn man gute Nerven hat. Und wenn nicht gerade ein Salamibrot vor einem liegt. Wichtig ist auch, dass der Plattenspieler einigermaßen erschütterungsfrei aufgestellt ist. Ebenso wie die Zuhörer. Denn die Musik ist erschütternd.

Mein finnisch ist leider nicht sonderlich entwickelt und ich lasse also Google mal ein wenig aus dem Cover übersetzen:

Zur Aufnahmesituation:

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71_72_Saison der Träumer

Rezension: „71/72 – Die Saison der Träumer.“ Der Traum ist aus.

1971/72 war ein großartiges Jahr.  Ich pubertierte heftig vor mich hin und war hin- und hergerissen: hingerissen vom elegantesten Fußball den man bis dahin je gesehen hatte und von den elegantesten Frauen, die man sich als linker Nachwuchsrevolutionär so erträumen konnte. Bis dahin war ich eher unauffällig, langweilig, spießig, provinziell. Ab 1972 wuchsen mir am Kopf die Haare, im Kopf die Ideologien, an den Boots die Fransen und für die Beine kaufte ich mir die ersten weinroten Cord-Jeans im einzigen Jeans-Laden meines Heimatortes. Manchesterhosen, wie meine Oma sie betitelte. weinrot, mit geprägter Blütenornamentik. Darüber lange Slimline Pullover aus irgendeinem Kunststoff. An der Taille – sowas ich hatte damals – trug ich einen schwarzen Ledergürtel, da drüber im Winter ein Parka, die ungewaschenen Haare mit Trockenschampoo aufgemöbelt. Kurz: ich war von heute auf morgen auffällig, kurzweilig, revolutionär – aber immer noch provinziell bis auf die Knochen. Und fußballverrückt. Im Kassettenrekorder Marke Grundig – ich komm aus Franken – spielten Doors, Jethro Tull und natürlich auch Ton, Steine, Scherben.

Außerdem erinnere ich mich noch immer an das Jahr des Bundesligaskandals, in dem die junge revolutionäre Gesinnung brutal auf die Begeisterung für den Ball stieß. Ich ja war einigermaßen fein raus. Meine Glubberer spielten seit 1969 in der Regionalliga Süd. Wer sollte die schon schmieren? Eben. Niemand. Die spielten für Zwa-in-am-Wegg-und-am-Seidla.

Die damals eingleisige Bundesliga war nicht so spannend. Aber die Nationalmannschaft, die spielte damals traumhaft. Und wirklich erinnere ich mich noch heute an das Endspiel der Europameisterschaft gegen die UdSSR 1972. Und auch viele der Namen der Italiener 1970 (Mechico!) fallen mir noch spontan ein: Riva, Rivera, Mazzola, Boninsegna, … Diese Liste hat mir schon einige kostenlose Grappe bei meinem Stammitaliener eingebracht.

Aber eigentlich will ich ja ein Buch vorstellen. Ein zauberhaftes Buch. Ein Buch, das eine Idee verfolgt, die ein wenig durchgeknallt, aber wunderschön  ist …

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mytheresa

Warum Mytheresa eine halbe Milliarde Dollar brachte – ich weiß es!

In wenigen Jahren zum Multimillionär. Das ist eigentlich gar nicht so schwer. Wie es geht lernt man bei McKinsey. Alte Schule. CEO Michael Kliger hat sich dort seine Meriten verdient. Es nervt ein wenig. Vor allem, wenn man Handtaschen verkauft. Aber ganze Handtaschenläden kann man damit gut verkaufen. Daran muss ich in letzter Zeit oft denken, wenn ich mir die Erfolgsgeschichte der Münchner Edelboutique Theresa vergegenwärtige.

An der Börse wurde der Laden – natürlich auf Grund des Online-Ablegers – vor einigen Wochen mit knapp einer halben Milliarde Dollar bewertet. Im Münchner Stammgeschäft bin ich manchmal. Vor ein paar Jahren habe ich dort zum Beispiel eine Handtasche gekauft. Ein schlichtes Teil. Meine Frau hatte sie im Schaufenster entdeckt und bemerkte „Oh Gott ist die schön …“. Also bin ich ein paar Tage später rein. Und dann spielte sich ungefähr folgender Dialog ab:

„Guten Tag. Sie haben da im Fenster eine Tasche von Gucci. Die hätte ich gern.“

Ein überaus serviler Verkäufer machte sich mit grazilen Körpertäuschungen auf den Weg, schlängelte sich ins Fenster und kehrte mit der Tasche zurück.

Er begann säuselnd zu erklären.

„Das ist ein sehr feines Modell. Eine gute Wahl. Sehen Sie: sie ist überaus praktisch. Sie hat hier ein Fach …“ Er nestelte sogleich an einem Reißverschluss herum  …

„Ich nehm sie.“

„Und fühlen Sie mal. Das Leder. Die Verarbeitung. Das ist …“

„Große Klasse. Einfach einpacken.“

„Ja. Hier gibt es noch eine Tasche im Inneren. Die Dame kann hier allerlei Kleinigkeiten …“

„Verzeihung. Wenn Sie jetzt einfach aufhören mir den USP der Tasche zu erläutern, dann nehm ich die Tasche einfach mit. Wenn Sie aber die ‚How-to-sell-card‘ unbedingt komplett abarbeiten wollen, dann geh ich jetzt und komm in einer Stunde wieder. Bis dahin sind Sie dann mit dem Rezitieren durch, haben die Tasche eingepackt und vermutlich sogar die Rechnung vorbereitet. Einverstanden?“

„Äh … ja … also … ich darf sie einpacken?“

„Ich bitte darum.“

Zitternd überreichte der junge Mann die Tasche einer Kollegin an der Kasse, verließ artig die Szene, bedankte sich und ging nach hinten ab.

Manche Dinge lernt man einfach nicht bei McKinsey. Aber sie haben hübsche Taschen bei Mytheresa, wirklich hübsche Taschen.

lebt ja auf Sylt. Gestern erzählte sie mir, dass sie seit drei Tagen dichten Neben auf der Insel hätten. Da kommt tiefer Neid in mir hoch. Dichte Nebelschwaden, fröstelnde Kälte, heulende Sturmböen, in der Ferne ein Nebelhorn und dann heiße sämige Erbensuppe in der Kombüse und ein schöner Rum in der Kajüte. Und in der Koje irgendwas von Theodor Storm. Seit dem Schimmelreiter, den ich noch als gelbes Reclam-Heftchen in der Schule lesen durfte, mag ich den großen Klaren aus dem Norden. Unvergessen auch "Pole Poppenspäler", ebenfalls Schullektüre. Ich erinnere den Poppenspäler aber auch in der Verfilmung mit dem hervorragenden Walter Richter in der Hauptrolle. Ihr kennt den Mann sicherlich als Hauptkommissar Trimmel aus alten Tatort-Folgen. Dieser kleiner Band, den ich heute aus dem Regal gezogen habe, beinhaltet drei Novellen: "In St. Jürgen", "Eine Halligfahrt" und das ein wenig gespenstische "Draußen im Heidedorf". Besonders hat es mir die "Halligfahrt" angetan, eine auf den ersten Blick hübsch betrüblich-tragische Romanze, in der zwei Liebende nicht zueinander kommen können. Auf den zweiten Blick aber gibt es eine Menge Sozialkritik und auch noch heftige Kritik an Bürokratismus und staatlicher Bevormundung. Alles in allem ruft da ein liberaler Storm laut und flehend um Hilfe, ohne allerdings den politischen Ausweg zu finden und ohne so recht die Konsequenzen zu formulieren. Ich schätze an Storm seine - sagen wir - "Bodenhaftung", seine Nähe zu den Volkssagen und auch zu den "einfachen Leuten" des 19. Jahrhunderts. Was Thomas Mann dem Bürgertum, das ist Theodor Storm dem einfachen Volk vom Land zwischen den Meeren. Und einmal mehr: seine Novellen riechen eindrucksvoll nach Salz und Fisch.

Literarisches Quintett VII: Bücher die nach Fisch stinken: Alexander – Clarke – Eco – Heinichen – Storm

Als Kind musste ich immer den Sommer in den Bergen verbringen. Mit 17 Jahren fuhr ich zum ersten Mal in den Ferien ans Meer: an die französische Atlantikküste und ans Mittelmeer. Unvergessen meine Freunde Rainer und Jockel, unvergessen der alte Käfer, mit dem wir unterwegs waren und unvergessen natürlich auch Isabelle aus dem Perigord …

Das prägt. Der Sand zwischen den Zehen – und nicht nur da, das Salz auf den Lippen – und nicht nur dort. Und immer der Geruch von Fisch in der Nase. Heute kann ich sagen, dass mich Berge zu ersticken drohen, dass das Meer mir aber Weite und Weitblick verschafft. Außerdem wird es mit dem Alter immer mühsamer Berge zu besteigen. Wie schön ist es hingegen am Meer mit einem Buch im Schatten zu sitzen und von fernen Inseln zu träumen. Fünf Bücher, die ausreichend nach Fisch stinken empfehle ich für die nächste Reise ans große Wasser:

Caroline Alexander: Die Bounty. Die wahre Geschichte der Meuterei auf der Bounty

Die Meuterei auf der Bounty hat mich immer fasziniert. Und eigentlich ist die Geschichte und vor allem die Erstverfilmung mit Charles Laughton als Captain Bligh und Clark Gable als Fletcher so schön, dass man die historische Wahrheit eigentlich gar nicht wissen möchte. Eigentlich. Wenn da die Neugier nicht wäre. Und die ganz wunderbare Zeitschrift „Mare“. Letztere nämlich hat mich dazu verleitet das Buch von Caroline Alexander zu kaufen und zu lesen „Die Bounty. Die wahre Geschichte der Meuterei auf der Bounty“.

Das Buch selbst ist mindestens so spannend wie der Film. In Wirklichkeit gab es keinen skrupellosen Kapitän und keinen ehrenhaften Fletcher, sondern – man wagt es heute kaum zu schreiben – nach langer Seefahrt ausgehungerte Matrosen, die offenbar den Sirenenklängen oder aber den süßen Lotusfrüchten der Südseeschönheiten erlagen. Kurz: sie waren sexuell ein wenig ausgeblutet und damit der britischen Seefahrerdisziplin abhanden gekommen – um es vorsichtig zu formulieren. Das dionysische Moment obsiegte und machte die Aufständischen zu Aussteigern im übertragenen und den Kapitän mit seinen Getreuen zu Aussteigern im wörtlichen Sinne. Letztere wurden „ausgebootet“.

Wer sich also an langen Winterabenden ein wenig in die Südsee träumen möchte, dem sei die wahre Geschichte der Meuterei auf der Bounty ans Herz und ins Regal empfohlen.

Und zwischendurch kann man sich ja den Film, natürlich den ersten von 1935, auf den Bildschirm ziehen. In einer Nebenrolle ist dort übrigens Movita Castaneda als blutjunges Tahiti-Mädchen Tehani zu sehen.

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bibliothek

Literarisches Quintett VI: Kriegsbücher: Bernieres – Brecht – Hagendorf – Kladstrup – Seghers

In der fünften Folge des Literarischen Quintetts ging es um Nachkriegsbücher. Heute geht es um Kriegsbücher. Starten wir mit …

Louis de Bernieres: Corellis Mandoline

BernieresJetzt wird’s eng. Ganz eng. Dieses Buch ist angeblich ein Liebesroman. Und nicht irgendein Liebesroman. Dieses Buch ist immerhin Band 9 der BRIGITTE-Buch-Edition „Die Liebesromane„. Zu meiner Ehrenrettung muss ich aber erwähnen, dass ich das nicht wusste, als ich es las. Und als ich beschloss das Buch zu mögen kannte ich auch nicht die unsägliche Beschreibung, mit der die BRIGITTE dieses Buch ihren Leserinnen empfiehlt: „Eine mitreißende Liebesgeschichte – und weit mehr: ein Buch über Ehre und Anstand und über die Hoffnung, dass am Ende des Schreckens das Gute bestehen bleibt.“

Würg, kotz, übel, spei, … Quatsch mit schleimgrüner Soße aber auch. 

Ich habe das Buch gelesen, weil es ein Insel-Buch ist und ich Insel-Bücher liebe. Außerdem handelt der Roman vom Streit zwischen einem griechisch-orthodoxen Alkoholiker, einem Kommunisten, einem Monarchisten und einem intellektuellem Arzt auf Kefalonia. Es ist also alles da für eine griechische Version von Don Camillo und Peppone. Und natürlich gibt es auch eine Liebesgeschichte, sonst könnte die Sache ja nicht auf einer griechischen Insel spielen.
Und dann gibt es als Beigabe noch den italienischen schwulen Soldaten und Besatzer und den ganzen unsäglich blödsinnigen, verworrenen Krieg, der einmal mehr als blödsinnig und verworren dargestellt wird. Als wären die menschlichen Verhältnisse nicht ohnehin schon blödsinnig und verworren genug.

Dieses Buch ist angeblich ein Liebesroman. Und nicht irgendein Liebesroman. Dieses Buch ist immerhin Band 9 der BRIGITTE-Buch-Edition „Die Liebesromane“. Das sagte ich schon? Ach so.

Ich empfehle es trotzdem!

Bert Brecht: Mutter Courage

BrechtDie Courage war eine der allerersten Eindrücke, die Brecht bei mir hinterlassen hat. In irgendeiner mittleren gymnasialen Klasse wurden wir ins Kino verschleppt um uns eine Filmaufnahme der Bühnenfassung mit der großartigen Giehse anzusehen. Die meisten meiner Klassenfreunde mokierten sich über die Musik Paul Dessaus. Ich fand sie großartig, wie das ganze Stück.

Das „Lied der Mutter Courage“ hatte ich zuvor in einem Anflug hoffnungsloser Selbstüberschätzung sogar selbst vertont, natürlich atonal – ich hatte da mal „was in der Art“ gehört:

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Hitler Postkarte

Hiroito – Hitler – Heinemann. Eine Reizwortgeschichte in Briefmarken

Im Oktober 1971 weilte der damalige japanische Kaiser Hiroito, der 124te Tenno , der „Shōwa-tennō“, auf Staatsbesuch in Deutschland. Aus diesem Anlass  konnten sich Philatelisten auf dem Hauptpostamt der damaligen Bundeshauptstadt Bonn einen Sonderstempel abholen. 

Ich war zwölf Jahre alt und hatte in Bonn eine fürsorgliche Verwandte, die mir über viele Jahre immer Ersttagsbriefe, Ersttagskarten und Sonderstempel besorgte. Ihr Mann war übrigens als Hauptmann und Geheimnisträger im Bundesverteidigungsministerium beschäftigt und vielleicht verfügte sie schon aus diesem Grund über eine gewisse Chuzpe. 

Jedenfalls verdanke ich es ihr, dass ich heute über eine ziemlich einmalige philatelistische Besonderheit verfüge: eine Adolf-Hitler-Postkarte, auf deren Rückseite eine Gustav-Heinemann-Briefmarke klebt, entwertet mit einem Sonderstempel vom Staatsbesuch des japanischen Kaiserpaars vom 13. Oktober 1971!

Hiroito Hitler Heinemann Briefmarke

Immerhin war der Tenno ja 30 Jahre vor diesem Besuch beim deutschen Bundespräsidenten schon Waffenbruder des Führers gewesen – eine erstaunliche Kontinuität, die Anfang der 70iger Jahre in einigen Tageszeitungen und auf zahlreichen politischen Demonstrationen thematisiert wurde. Auf meinem deutsch-japanischem Bundes-Nazi-Ersttags-Jubiläumsbrief wird diese Kontinuität eindrucksvoll dokumentiert.

Meine Bekannte hat wohl die alte Hitler-Karte einfach mit der neutralen Rückseite samt Heinemann-Marke zum Abstempeln vorgelegt. Erwischen lassen hätte sie sich wohl besser nicht sollen. Heute ist diese Karte sicherlich eine absolute Besonderheit. Vielleicht sollte ich sie dem Deutschen Historischen Museum anbieten? Oder einem reichen japanischen Sammler?

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das blog zur analog- und digitalkultur

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