Literarisches Quintett

Literarisches Quintett X: Politisches: Mühsam – Chirbes – Bazyar – Pryce – Zahl

Vor rund zwei Jahren habe ich auf meiner Facebook-Seite Michael Kausch schreibt in 100 Tagen 100 Bücher von 100 Autoren vorgestellt. Nach und nach fasse ich hier auf Czyslansky diese kleinen Vorstellung – Besprechungen sind es eigentlich nicht – in Quintetts zusammen. Das Quintett Nummer IX erschein schon im Februar. es wird also mal wieder Zeit …

Heute stelle ich Bücher von fünf politischen Autor*innen vor:

Erich Mühsam: Judas

„An starken Anarchisten bräucht mer halt“ war ein beliebter Satz an bayerischen Stammtischen zu später Stunde, als studentische Kneipen noch geöffnet hatten und billiger Rotwein und edler Augustiner Stoff noch in breiten Urströmen floss. Und in den siebziger und frühen achtziger Jahren fiel dann immer wieder ein Name: „So einen wie den Mühsam Erich“.
Sehr verbreitet freilich waren dessen Schriften nie. Abgesehen vielleicht von seinem Lampenputzer-Gedicht. Das kannte jeder:

„War einmal ein Revoluzzer
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.
Und er schrie: „Ich revolüzze!“
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.“

1978 erschienen seine Schriften in neun anarchoschwarzen Bänden im Berliner Verlag Klaus Guhl. Gekauft hab ich sie im „Adalbert 14“, einem legendären und schon lange nicht mehr existierenden linken Münchner Buchladen und seitdem stehen sie in meinem Regal.

Der Band „Judas“ enthält das gleichnamige heute fast vergessene Theaterstück, ein „Arbeiterdrama in 5 Akten“, uraufgeführt 1921 in Mannheim. Geschrieben hat er das Stück während seiner Haft im Gefängnis in meiner Heimatstadt Ansbach. Und damit ist auch klar, warum ich ausgerechnet diesen Band hier zur Vorstellung ausgewählt habe.

Die Handlung spielt im Januar 1918 in einer deutschen Großstadt. Es geht darum, wie ein Arbeiterführer einen großen Streik organisiert und dabei sich in Widersprüche verstrickt und schließlich die Arbeiter verrät. Das alte Elend.

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Bahnbetrug? Mit der Deutschen Bahn auf dem Stehplatz von Köln nach München

Wenn einer etwas verkauft, was er nicht hat, dann spricht man von Betrug.  Oder vielleicht von einem Versehen, wenn ihm das Objekt der Begierde irgendwie kurzfristig abhanden gekommen ist. Wenn einer aber an nur einem Tag einem Kunden gleich zwei Mal etwas verkauft, was er nicht hat, dann darf sich der Kunde doch zu Recht irgendwie betrogen fühlen.

Ich bin ein großer Freund der Bahn und leidenschaftlicher Zugfahrer. Während der Pandemie war ich kaum unterwegs, weshalb ich den Bahncomfort-Status mangels Mobilität vorübergehend verloren habe. Meine Bahn-Card 50 für die 1. Klasse aber ist mir wichtig. Innerdeutsche Flüge nutze ich schon lange nicht mehr und das Auto lasse ich auf längeren Strecken gerne stehen. Und ich habe großes Verständnis für die Bahn und ihre „kleinen“ Schwächen. Doch vorgestern hat mir die Bahn gleich zweimal ein Ticket in Waggons verkauft, die sie einfach nicht hatte. Und sie hat mich mit mehr als vier Stunden Verspätung von Köln nach München gefahren. Stehend auf einem überfülltem Gang. Und das alles nicht wegen fiesem Sturm, Hagel oder umgefallener Bäume. Aber lasst mich den Horror-Trip einfach mal in aller Ruhe erzählen …

Von Aachen nach Köln verbummelt man gerne eine Stunde in der Bahn

Wenn alles normal läuft, braucht man mit dem ICE von Köln nach München knapp über vier Stunden. Um aber vorher von Aachen nach Köln zu kommen lässt man sich mit einem Bummelzug eine Stunde lang über die Dörfer schaukeln. Da sammelt man gerne Verspätung an und mein Fahrplan kalkulierte in Köln nur eine Umsteigezeit von neun Minuten. Der ICE wartet aber nicht auf einen Regionalzug. Also bin ich sicherheitshalber schon mal eine Stunde vorher in Aachen aufgebrochen. Diese Stunde investiert man weil man die Pünktlichkeitsprobleme der Bahn kennt und mit ihnen lebt.

Die Bahn bucht mich um – wie dumm …

Am vergangenen Freitag hatte das den Vorteil, dass ich noch Zeit hatte in Köln am Bahnsteig einen Blick auf den Wagenstandsanzeiger zu werfen. Und siehe da: Plötzlich gab es keinen Wagen 39 im ICE 107. Dabei war in eben diesem Wagen mein gebuchter reservierter Sitzplatz. Obwohl ich in meine Bahn-App eingetragen hatte, man möge mich über Änderungen informieren, war dies nicht geschehen. Was ich aber in der App sah war, dass der Zug außerordentlich stark ausgelastet war, sprich: es war alles besetzt. Gut, dass ich noch Zeit hatte ins Reisezentrum zu gehen. Dort empfahl man mir einen späteren Zug nach München zu nehmen. Leider könne man mir erst einen Platz im ICE 721 anbieten, der drei Stunden später Köln Richtung München verlassen würde.

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„Jeder Schuss ein Russ“. Wir ziehen wieder in den Krieg. Teil 2. Und Schluss.

Warum 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr den Frieden nicht sicherer machen.

Der russische Überfall auf die Ukraine und die furchtbaren dort begangenen Kriegsverbrechen haben die Friedensbewegung hierzulande gründlich zerrüttet. So viele friedensbewegte grüne und christliche Freundinnen und Freunde singen plötzlich patriotisch die ukrainische Nationalhymne, fordern Waffenlieferungen für die ukrainische Armee, neue Waffensysteme für die Bundeswehr und eine Verstärkung von Nato-Verbänden möglichst dicht an der russischen Grenze. Dies war das Thema im ersten Teil dieser sehr persönlichen Stellungnahme zur aktuellen Diskussion um den Krieg in der Ukraine.  

Und wenn der Präsident der USA offen die Entfernung des russischen Präsidenten aus dem Kreml fordert – „Um Gottes Willen, dieser Mann darf nicht an der Macht bleiben“ – dann erhält er offen Zustimmung aus dem ehemals pazifistischen USA-kritischem Lager. Die völlig gerechtfertigte Solidarität mit den Opfern des Kriegs führt einmal mehr zu einem patriotischen Blindflug der Waffengläubigkeit.

Ich halte den Beschluss der Bundesregierung über ein zusätzliches Sondervermögen in Höhe von 100 Milliarden Euro die Bundeswehr aufzurüsten und anschließend dauerhaft den Rüstungsetat auf wenigstens zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu halten für völlig verfehlt.

Sicherheit wird nicht über zusätzliche Rüstungsausgaben erreicht und der Frieden ist nicht auf Grund mangelhafter Militärausgaben gefährdet. Die Destabilisierung der Welt beruht wesentlich auf sozialen und kulturellen Ungleichheiten und politischen Ungleichgewichten. Putins abenteuerliche und aggressive Politik wurde erst möglich durch das diplomatische Versagen des Westens nach dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts. Einerseits hat man es versäumt die demokratischen Kräfte Russlands zu stärken, andererseits hat man mit den Autokraten des neuen Russlands beste Geschäfte gemacht. Das Anwachsen der sozialen Ungleichheit in Russland hat man toleriert und indirekt gefördert.

Soziale Ungleichheit aber bereitet überall den Boden für autoritäre politische Strukturen. Dies gilt für Russland nicht weniger, als für westliche Demokratien. Putin hätte seine expansive militärische Abenteuer niemals gewagt, hätte er nicht auf die erodierten Strukturen des Westens setzen können, auf eine unter Trump beinahe implodierte westliche Führungsmacht, eine Brexit-geschwächte EU, ein von Rechtsradikalen bedrohtes Frankreich und ein Deutschland mit scheinbar unberechenbaren Mehrheitsverhältnissen und einer von ihm kontrollierten „Alternative für Deutschland“ in allen Parlamenten.

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frieden

„Jeder Schuss ein Russ“. Wir ziehen wieder in den Krieg. Teil 1.

Manchmal tut es so gut Alexander Kluge zu lesen. Unter dem Titel „Lasst sie singen“ hat er gestern in der Süddeutschen Zeitung ein Plädoyer für die Kunst und gegen den Krieg gehalten: „Anna Netrebko soll singen“. Wie recht er hat. Aber er schreibt nicht nur für die Kunst und gegen den Krieg, sondern auch gegen die Entsachlichung des Diskurses. Und das tut Not. Denn was wir derzeit unter dem Deckmantel der Moralisierung der Politik erleben, ist eine massive Entsachlichung, ist der Verfall all dessen, was Friedenspolitik und Diplomatie bis vor wenigen Wochen noch bei uns ausmachte. Und kurz vor den Ostermärschen tut eine Kursbestimmung der Friedensbewegung in Zeiten des Krieges Not.

Eine Kurzbestimmung der Friedensbewegung in Zeiten des Krieges

Ich selbst hielt diese Woche einen Vortrag über die aktuelle Militärpolitik, in der ich mich kritisch über das 100-Milliarden-Euro-Nachrüstungspaket für die Bundeswehr äußerte. Zu hören bekam ich „Das klingt ja alles vernünftig – aber eben nur vernünftig!“

Vernunft ist wohl kein Maßstab mehr, wenn es um die Kriegsverbrechen in der Ukraine geht. Als ob es je einen Krieg gegeben hätte, der kein Verbrechen war. Als ob der Krieg in der Ukraine der erste Krieg dieses Jahrhundert wäre.

(Nicht nur) unsere grüne und ehemals friedensbewegte Außenministerin fordert heute den Export schwerer Waffen in die Ukraine. Anfangs ging es nur um Verteidigungswaffen, dann um leichte Waffen, jetzt um schwere Waffen. Was kommt als nächstes? Erst waren es Helme, dann Panzerfäuste, dann Geschütze, jetzt Leopard-1-Panzer. Man spricht schon über Kampflugzeuge und Anti-Schiff-Raketen. Was kommt als nächstes?

Die Doktrin „Keine Waffen in Krisengebiete“ ist schneller vom Tisch gefegt worden, als russische Truppen Minnen legen können.

Wie schnell und geräuschlos wurden die Aufklärungsdrohnen der Bundeswehr bewaffnet. Und dass ein Bundeskanzler quasi im Alleingang eine Vorlage über ein Sondervermögen über 100 Milliarden Euro für einen Nachrüstungsbeschluss innerhalb weniger Tage vorlegen kann, das verdankt sich auch nicht nur seiner Erfahrung als Finanzminister. Das ging so schnell, da erreichten die FDP-Abgeordneten trotz fehlenden Tempolimits kaum rechtzeitig Berlin zur Aussprache im Plenarsaal. War aber auch gar nicht nötig …

Wie weit wollen wir mit den Waffenlieferungen noch gehen? Frau Baerbock: Was ist eigentlich Ihr Kriegsziel? Wollen Sie, dass die Russen komplett aus der Ukraine vertrieben werden? Soll Putin verjagt werden, so wie das Joe Biden fordert, wenn er sagt „Um Gottes Willen, dieser Mann darf nicht an der Macht bleiben“? Oder sollen sich die Russen nur auf die Krim zurückziehen? Ich frag ja nur. Ich meine, wer Waffen liefert, der ist auch Kriegspartei. Und wer einen Krieg führt, der muss ein Kriegsziel haben.

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Urs Widmer

Wiederentdeckt: Urs Widmer: Die gestohlene Schöpfung

Manchmal entdeckt man in den Untiefen des Bücherregals kleine Schätze, die man längst vergessen hat. Bücher, die sich irgendwann weggeduckt haben. In der zweiten Reihe versteckt. Hinter irgendein zeitgeistiges und zweitklassiges lautprahlerisches junges Ding. Sie wollen einem gestohlen bleiben. Nur um einen eines Tages plötzlich wieder auf die Füße zu fallen. 

So geschehen mit Urs Widmers „Die gestohlene Schöpfung“. Dabei stehen die anderen Ursianika eigentlich drei Reihen tiefer unter „W“ und belegen dort einen knappen dreiviertel Meter des knappen Raumes. Denn ich schätze Widmer sehr, seine überbordende Phantasie, seinen schrägen Humor, seine Galligkeit und Schärfe. „Der Kongreß der Paläolepidopterologen“ – was für ein begnadeter Irrsinn. „Der Geliebte der Mutter“, was für eine feinsinnig-brutale Abrechnung.

Nun habe ich also „Die gestohlene Schöpfung“ wiederentdeckt. 38 Jahre nach seiner Schöpfung. Und ich habe eine ganz besondere Ausgabe in meinem Regal entdeckt: ein persönliches Vorausexemplar, von Urs Widmer persönlich signiert.

Urs Widmer Signatur

Quasi eine Ersterstausgabe. Es verstecken sich ja so einige Erstausgaben und Exemplare mit Zueignungen in meinen Regalen. Sollten dereinst mal die Möbelpacker kommen um den Haushalt aufzulösen werden sie das Ganze zum Kilopreis verhökern. Sei’s drum.

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Jack Taylor

„Er lenzte die letzte der Pints“. Ein Grabstein für Jack Taylor. Eine Buchempfehlung.

„Freiheit und Whisky gehören zusammen.“
Robert Burns

„Er lenzte die letzte der pints“. Ein Roman, der mit diesen Worten beginnt, kann nicht völlig verderbt sein. Andererseits ist klar, dass es sich nicht um ein Werk von Thomas Mann handelt. Bei dem lenzt nichts. Und wenn einer pints lenzt, dann lenzt er wohl im angloamerikanischen Raum, vermutlich in einem irischen Pub. Und wenn er kongenial versoffen übersetzt wurde, dann wurde er eben nicht übersetzt, sondern nachgeschrieben. Und dann hat dies kein weniger Geringwürdiger als Harry Rowohlt getan. Und so ist es auch. Die Rede ist von Privatermittler Jack Taylor, einer Kopfgeburt des studierten Metyphysikers Ken Bruen.

Meine Zeche, ist das eine wilde Lektüre. Wie sowas über Jahre, nein Jahrzehnte an mir ungelesen vorübergehen konnte ist mir ein Rätsel. Letztes Jahr hat mir jemand, dessen Name ich völlig zu Unrecht vergessen habe, den Tipp zugesteckt, ich solle, nein MÜSSE, Jack Taylor lesen wenn ich keine Krimis, aber altertümliche Detektivgeschichten möge. Also hab ich mir einen Band bei meinem sozialen Online-Verschwender geordert. Blind bestellt war es Band 9, der vorerst letzte von 16 Bänden … Ah ja.

Jack Taylor als erstbeste Ausgabe

„Ein Grabstein für Jack Taylor“, erschienen schon 2011 und zwei Jahre später auf Rowohltisch im Atrium Verlag. Und überaus seltsam: Obwohl ich das Werk erst acht Jahre nach Erscheinen geordert habe, halte ich heute eine deutsche Erstausgabe in den Händen. Entweder wollte kein Schwein das Buch lesen oder der Verlag hat sich gründlich bei der Auflage verspekuliert. Ich vermute letzteres. Band 10 erschien dann auch in einem anderen Verlag. Und Jack Taylor lief ab 2013 auch als Fernsehserie im ZDF an. Ging übrigens auch an mir vorbei. Aber das ZDF-Publikum liest eher nicht oder verlangt nach Ausgaben in seniorenaffinem Großdruck.

Dabei passt das Alter durchaus. Harry Rowohlt ist ja auch schon von uns gegangen. Und im Grabstein-Buch trifft man viele uralte Bekannte, Liam Clancy etwa (auch schon tot), oder Bob Dylan (fast). Letzterer wird mit „Blood on the tracks“ zitiert, eine Scheibe, die sich bei mir erst gestern auf dem Spieler gedreht hat. Weil doch die so wunderbare MINT in ihrer neuesten Ausgabe mit einem fetten Bob-Dylan-Schwerpunkt herausgekommen ist. Unbedingt lesen!

Aber ich verplapper mich grad.

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odessa

Als Pu, ein Bär von sehr geringem Verstand, einmal ein Land überfiel

Als Pu, ein Bär von sehr geringem Verstand, einmal ein Land überfiel, da waren sie alle arg überrascht. Das hätten sie nicht sein müssen, besagt doch ein altes russisches Sprichwort „Wer den Bär zum Tanz auffordert, der bestimmt nicht darüber, wann der Tanz endet“. So ist es.

Ich will gar nicht behaupten, dass der Westen, wer auch immer das sein mag, Schuld am Elend der Ukraine trage. Der Kriegstreiber sitzt am östlichen Ende von Nord Stream 2, jener langen Röhre, durch die er nun mit Gerhard Schröder am Altherrenabend Guckguck spielen kann. Aber die hohe Kunst der Diplomatie hat „der Westen“ gründlich verlernt. Wie anders ist zu erklären, dass sich der eine orangefarbene Teil diebisch wie eine Elster freut („Wie schlau ist das denn?“ – Trump über Pu und seinen Truppenaufmarsch) und der andere Teil, die deutsche Außenministerin, sichtlich empört ist, dass Pu „gegen das Völkerrecht agiert“, wo sie doch das Völkerrecht studiert hat. Pu, das geht nun aber gar nicht!

Pu der Bär ist kein Hitler

Die nächsten holen dann gleich die ganz große Klatsche raus und vergleichen Pu mit Hitler: hat der nicht damals auch erst Sudetenland und danach ganz Tschechien „heim geholt“, so wie Pu jetzt die Krim und dann die ganze Ukraine?  NEIN, Pu ist kein Hitler 2.0! Pu ist ein Nationalist, aber kein Rassist der auf Landeroberung für seine Russen aus ist und andere Völker systematisch ausrotten will. Pu ist nicht der große Völkermörder, noch nicht einmal ein kleiner Stalin. Pu ist auch gefährlich für seine Nachbarn, aber auf seine ganz eigene Art und Weise. Und er wird um so gefährlicher, um so schwächer er wird. Und schwach ist er. Wirtschaftlich steht er enorm unter Druck. Seinen Leuten geht es nicht gut. Die Modernisierung der Industrie kommt nicht voran. Bei der Bekämpfung der Korruption gibt es keine Fortschritte. Und das waren seine großen Ziele. Das einzige was er wirklich vorweisen kann sind sehenswerte Erfolge in der Aufrüstung.

Seine Gefährlichkeit resultiert aus seiner Schwäche, nicht aus seiner Stärke. Er ist ein dummer kleiner Bär mit großen Muskeln und zunehmend kleinem Verstand. Und je schwächer er – innenpolitisch – wird, desto größer ist die Gefahr die von ihm ausgeht, desto unberechenbarer ist er. Der frontale Angriff auf die Ukraine wird ihn weiter schwächen, weil der Angriff sehr teuer für ihn werden wird. 

Lettgallen in Lettland ist die Ostukraine des Baltikums

Ich habe Angst vor einer weiteren Eskalation, davor, dass der Westen ihn weiter in die Enge treibt. Wirtschaftlich wird der Konflikt Russland weiter schwächen. Der ohnehin schwachen Demokratiebewegung in Russland wird das nicht helfen. In die Enge getrieben wird Pu sein Augenmerk auf weitere russische Minderheiten in weiteren Nachbarländern werfen. Und da gibt es viele, auch in den baltischen Staaten.

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bibliothek

Literarisches Quintett IX: Nachgeworfenes: Zischler – Walser – Nooteboom – Grass – Schneider

Beim Zusammenstellen des Literarischen Quintetts, das ich hier gestern veröffentlichte, sind mir Notizen zu fünf Büchern in die Hände gefallen, die ich den gestrigen Besprechungen dringend hinterherwerfen muss. Da gibt es Bezüge, die nicht verloren gehen dürfen. Im Hypertext-System eines Blogs geht das ja einfach mittels Verlinkung. Früher hat man das umständlich mit kleinen Zettelchen im Zettelkasten erledigt. Aber wer kennt das heute noch, einen Zettelkasten? Meiner war in einer alten Hoffmann-Idealstärke-Kiste angelegt und immer randvoll …

Hanns Zischler: „Kafka geht ins Kino“

Hanns ZischlerGestern habe ich hier „Amerika“ von Franz Kafka vorgestellt und darauf hingewiesen, dass ich großer Kafka-Verehrer bin und Kafka vor langer Zeit mein Abitur-Thema war. Heute nun möchte ich ein Buch empfehlen mit dem seltsamen Titel „Kafka geht ins Kino“. Geschrieben hat es der großartige Schauspieler Hanns Zischler, erschienen ist es in zweiter Auflage 2017 bei Kiepenheuer.

Das Buch widmet sich in einer Aufsatz- und Materialsammlung den zahlreichen Kino-Besuchen Kafkas, seinen verstreuten und zerstreuten Anmerkungen zum Film. Es ist eine ganz wunderbare Fundgrube für alle Freunde der Filmkunst, der Filmgeschichte und für Freunde Kafkas, eine reich bebilderte Grubenleuchte für Cineasten.

Auf Grundlage von Tagebuchnotizen rekonstruiert Zischler Kinobesuche Kafkas und erzählt kenntnisreich über die Geschichte von Lichtspielhäusern, Schauspielerinnen und Regisseuren, rekonstruiert Beziehungen und gedankliche Assoziationsketten, nimmt uns mit zu den Bordellbesuchen, die Kafka gemeinsam mit Max Brod in Paris unternahm. Und so finden wir uns früher oder später natürlich mitten in den von Walter Benjamin beschriebenen Pariser Passagen wieder. Ihr seht: Auch dies ist ein Reisebuch der Phantasie.

„Im Kino gewesen. Geweint. … Maßlose Unterhaltung“. Ich habe dieses schöne Buch in der wunderbaren „Literaturhandlung“ im Jüdischen Museum am Münchner St. Jakobsplatz erstanden, für die ich an dieser Stelle gerne ein wenig Werbung machen möchte. Koyf es!

Robert Walser: „Geschwister Tanner“

Walser RobertDer Robert Walser mag nicht so berühmt sein wie der Martin, aber ich habe von Robert wohl mehr gelesen, als von seinem berühmteren Namensvetter.

Robert Walser, geboren 1878, Deutsch-Schweizer, stammte aus einfachen Verhältnissen und galt als psychisch krank und war lange Jahre in psychiatrischer Behandlung, die letzten Jahre seines Lebens stationär in der Heil- und Pflegeanstalt Herisau.

Zu seinen größten Bewunderern gehörte Walter Benjamin, dessen „Berliner Kindheit“ gestern Thema war. Durch Benjamin habe ich Robert Walser kennengelernt.

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Literarisches Quintett

Literarisches Quintett VIII: (Keine) Jugendbücher: Benjamin – Kafka – Meckel – Tolkien – Watzlawick

Vor zwei Jahren stellte ich auf Facebook und auf Instagram über einen Zeitraum von 100 Tagen täglich ein Buch aus meiner kleinen Bibliothek vor. Dabei suchte ich mir die Werke nach Lust, Laune und Zufall heraus. Die einzige Regel lautete: kein Autor durfte zwei Mal vorkommen. Es handelte sich selten um klassische Rezensionen, eher um Erinnerungen und Gedankenfetzen, die mir kamen, als ich die Bücher – häufig nach vielen Jahren des zwischenzeitlichen Vergessens – wieder aus dem inzwischen tief verstaubtem Regal zog. Facebook und Instagram sind vergänglich und so haben mich Freunde schon damals gebeten meine kleinen Notizen hier auf dem Blog zusammenzutragen. Und so erscheint nach langer Pause heute die achte Folge meines kleinen Literarischen Quintetts, dieses Mal mit Büchern, die ich erstmals in meiner Jugend gelesen hatte, oder die in irgendeiner kruden Weise mit meiner Jugend in Zusammenhang stehen. Es handelt sich also gewissermaßen um (meine) Jugendliteratur.

Walter Benjamin: Berliner Kindheit um Neunzehnhundert

Walter BenjaminWalter Benjamin, Theodor Adorno und Leo Löwenthal bestimmten mein Studium und bildeten schließlich den Gegenstand meiner Dissertation, die 1986 zur Veröffentlichung von „Kulturindustrie und Populärkultur“ im Fischer-Verlag führte. Ich darf behaupten, dass ich die Veröffentlichungen und manch unveröffentlichtes Werk der drei damals komplett gelesen und teilweise wohl auch verstanden habe.

Auch wenn ich mit Leo Löwenthal noch kurz vor seinem Tod die Ehre und das Vergnügen hatte einen persönlichen Kontakt zu pflegen – er schrieb sogar das Vorwort zu meinem bei Fischer erschienenen Buch -, so hat mich doch von diesen Dreien Walter Benjamin sicherlich am stärksten beeinflusst.

Die „Berliner Kindheit“ erstand ich schon 1981 und der kleine Aufsatz über den Tiergarten wurde zur Richtschnur für meine Art und Weise mir fremde Städte zu erkunden. In ihm schreibt Benjamin:

„Sich in einer Stadt nicht zurechtfinden heißt nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einem Walde sich verirrt, braucht Schulung. Da müssen Straßennamen zu dem Irrenden so sprechen wie das Knacken trockener Reiser und kleine Straßen im Stadtinnern ihm die Tageszeiten so deutlich wie einer Bergmulde widerspiegeln.“

So lerne ich auch heute noch fremde Städte am liebsten kennen, indem ich los laufe und mich ihr herumirrend ausliefere. Wie gerne würde ich mich in diesen irren Corona-Zeiten wieder einmal in einer fremden Stadt verlieren. Vielleicht in Lissabon. Oder gar in Timbuktu.

Franz Kafka: „Amerika“

Franz KafkaKafka war mein selbst gewähltes Abitur-Thema. Von ihm habe ich also schon als Schüler alles gelesen, was es so zu lesen gab. Den Prozess, das Schloss und alles damals noch mit „ß“. Nur Amerika war ohne. Aber Amerika gilt ja auch als unvollendet. Ähäm.

Kafka selbst hält Amerika für ein hoffnungsfrohes Buch. So schreibt er jedenfalls einmal an Max Brodt. Das bedeutet aber nur, dass der Protagonist des Romans nicht schon auf den ersten Seiten an Selbstmord denkt.

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Clearaudio TT5

Der Tangential-Tonarm Clearaudio TT5

Der Clearaudio TT5 ist der Einstieg in die ganz große Welt der tangentialen Tonarme. Clearaudios kleinster Tangential-Tonarm ist ein kleiner Lustgriffel. Manch kurzes Stück bringt langes Glück. Jedenfalls wenn Musik dabei herauskommt. Mit ihm kann man ganz lange sehr glücklich Musik hören. Vielleicht ist es sogar die endgültige Antwort auf die Frage nach einem klangneutralen, einfach zu bedienenden und hochwertigen Tonarm.

Clearaudio Innovation

Beim Autor wurde der TT5 auf einem clearaudio Innovation montiert. Er passt mit seiner Linn-kompatiblen Befestigung und einem Einbauabstand von 222 Millimetern aber auch auf so ziemlich jedes andere (Fremd-)Laufwerk.

Abtastwinkel gleich Schneidewinkel

Das ist in Kürze das Prinzip eines Tangential-Tonarms. Der Schneidstichel kratzt bei der Produktion einer Schallplatte die Musik tangential in die Rille, also immer im 90-Grad-Winkel zur Tellerachse. Ein Drehtonarm wiederum steht immer ein wenig schief in der Rille. Dieser Schiefstand ist der Spurfehlwinkel. Auch wenn bei modernen gekröpften Tonarmen dieser Winkel in der Regel bei deutlich unter zwei Grad liegt, so entstehen doch in jedem Fall Verzerrungen bei der Tonabnahme. Es werden zusätzliche harmonische Oberwellen erzeugt, genauer: in der Regel wird die zweite Harmonische verstärkt. Wahrnehmbar sind solche Verzerrungen, folgt man aktuellen empirischen Untersuchungen, ab einer Abweichung von etwa 2,11 Grad. Damit liegen die Auswirkungen des Spurfehlwinkels bei einem guten Drehtonarm knapp unter der Hörbarkeitsschwelle (vgl. hierzu die diesbezüglichen Anmerkungen von Klaus Rampelmann für die AAA, die Analogue Audio Association).

Ganz sicher geht man freilich, wenn man den Ton so abnimmt, wie er auch in die Scheibe geritzt wurde. Bei einem Tangential-Tonarm bewegt sich die Abtastnadel auf geradem Weg Umdrehung für Umdrehung von außen nach innen. Einen Spurfehlwinkel und zusätzliche Verzerrungen gibt es nicht.

Klangrelevanter ist aber vielleicht ein anderer Vorteil von Tangential-Tonarmen: man spart sich die Einstellung der Antiskating-Kraft. Die Skating-Kraft drängt einen Drehtonarm immer ein wenig zur Plattentellermitte hin. Diese Kraft aber ist nicht immer gleich, sondern hängt von mehreren Faktoren ab: von der Form der Nadel, also vom Tonabnehmer, von dessen Auflagekraft, leider aber auch davon, ob die gerade abgespielte Rille sich eher außen oder innen auf der Platte befindet. Die Skating-Kraft bewirkt ebenfalls Verzerrungen, und mit einer Testschallplatte kann kann man die Auswirkungen einer nicht optimal eingestellten Antiskating-Kraft bei einem Drehtonarm auch recht gut hören. Ein Tangential-Tonarm aber kennt keine Skating-Kraft und vermeidet deshalb den klangverschlechternden Einfluss eines falsch eingestellten Antiskatings schon mal aus Prinzip. Deshalb ist ein Tangential-Arm weniger fehleranfällig, aber auch einfacher zu betreiben. Perfekt für alle, doppelt perfekt für Faule!

Warum hängen dann die meisten Tonabnehmer an fehleranfälligen Dreharmen und nicht einfach an Tangential-Tonarmen? Nun, die Konstruktion eines Tangentialarms ist alles andere als einfach: Erfolgt die Abtastung der Toninformationen nicht völlig gleichmäßig, sondern zum Beispiel durch eine störanfällige aktive Nachführtechnik mehr oder wenig ungleichmäßig, so entstehen hässliche Rumpelgeräusche. Auch sind motorgetriebene Nachführmechaniken störanfällig. Clearaudio hat sich deshalb schon vor vielen Jahren für das passive Souther-Prinzip entschieden, bei dem die Nadel allein von der Rille geführt wird. 1982 hat Peter Suchy das von Lou Souther gehaltene Patent für diese Tangentialtechnik gekauft und seitdem entwickelt clearaudio diese Technik immer weiter. Der TT5 ist die modernste und aktuellste Reinkarnation dieses Prinzips.

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das blog zur analog- und digitalkultur

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