Literarisches Quintet XVIII: Kultiges von Carlos Castaneda, Wiglaf Droste, den Zwillingen Oskar Negt und Alexander Kluge, Will Self und Christian Y. Schmidt

Jetzt bin ich sie fast schon durch, meine Quintette, meine Fünferbanden großer oder artiger Schriftsteller*innen. Insgesamt 100 hatte ich vor geraumer Zeit auf meinem Insta-Kanal vorgestellt. Und weil die sozialen Medien ja so vergesslich sind, trage ich sie nach und nach hier auf dem Czyslansky-Blog noch einmal zusammen. 100 Bücher von 100 Autoren. Heute geht es einmal nicht um KriegsbücherBücher die nach Fisch stinken, auch nicht um Großschreiber oder um Trunkenes. Es geht um fünf Kultbücher von sechs Kultautoren. Aber lest selbst:

Carlos Castaneda: Reise nach Ixtlan

Carlos Castaneda: Reise nach Ixtlan. Manche meinen, das sei ein Selbstfindungsbuch. Ich bin ja eigentlich kein Freund von Selbstfindungsbüchern. Auf dem Weg zu mir selbst verlaufe ich mich in schöner Regelmäßigkeit. Andere meinen, das sei ein Drogenbuch. Die Zeit für Drogenbücher ist finde ich nun aber auch schon vorbei. Dritte wiederum halten dieses Werk für Science Fiction. Och nö. Abgesehen von ein wenig Stanislav Lem bin ich kein Fan der Raumschiff-Reiserei.

Castaneda war Anthropologe und als Wissenschaftler hoch umstritten. Als gebürtiger Peruaner beschäftigte er sich intensiv mit den indogenen Völkern Süd- und Mittelamerikas. Und in diesem Buch – wie auch in den beiden Büchern „Die Lehren des Don Juan“ und „Eine andere Wirklichkeit“ arbeitete er seine Erfahrungen bei und mit mexikanischen indogenen Völkern auf. Dazu gehörte allerlei Rauchzeug, aber eben auch die Aufarbeitung mündlicher und spiritueller Traditionen und alten überlieferten Wissens.

Die „Reise nach Ixtlan“ brachte ihm den Doktor-Titel ein und zählt wohl noch zu den seriösesten unter den zahlreichen seiner Veröffentlichungen. Es ist vielleicht ein guter Einstieg in seine Schriften. Und ihn zu lesen ist nicht ganz dumm. Immerhin gilt er als Gottvater der New-Age-Bewegung und der Hippie-Kultur. Wer den wallenden Gewändern und Räucherstäbchen entwachsen ist kann es lesen ohne Gefahr für Leib und Seele – denke ich.

Wiglaf Droste: Kalte Duschen, warmer Regen

Wer heute „Droste“ hört, der denkt natürlich immer gleich an Viren, Mundschutz und zuhause bleiben. Das war aber nicht immer so. Zu meiner Schulzeit dachte man an Droste-Hülshoff, Annette von. Im Mittelalter dachte man an die Drosten, also an die Truchsesse, Kleinadlige mit großartigen Verwaltungsfunktionen und bis zum Januar 2020 dachte jeder anständige deutsche Feuilleton-Leser an Wiglaf Droste, den begnadeten westfälischen Satiriker und ehemaligen taz- und Titanic-Redakteur, den Gründer des Kabel-freien Benno-Ohnesorg-Theaters.

Über ein fünfwöchiges kommunikationswissenschaftliches Studium qualifizierte er sich als Medienkritiker und lies es die Medien bitter spüren. „Kalte Duschen, warmer Regen“ ist seine letzte Sammlung bösartiger wohlmeinender Artikel, erschienen 2018, ehe seine Leber im Mai 2019 den Kampf gegen den Alkohol aufgab. Jeder Satz ist ein Seziermesser, jedes Wort ein Dolch, der seine Feinde tief ins Herz trifft. Und von Feinden war Droste stets dicht umstellt.

Er rechnet ab mit Beatrix von Storch, mit Markus Söder, mit Trump und mit Erdogan, mit dem SPIEGEL, mit der deutschen Sprache, mit dem Kommerz, mit Bäckern, mit … ach bin ich froh, dass er mich nicht gekannt hat.

Hätte Karl Kraus Schnaps statt Kaffee getrunken, er hätte geschrieben wie Droste. Es ist ein Jammer, dass er so früh gestorben ist. Wiglaf Droste wäre der Meister der maulenden deutschen Rentner geworden. Dieses Buch ist sein Nachlass. Es gehört in jedes deutsche Regal genagelt.

Oskar Negt und Alexander Kluge: Geschichte und Eigensinn

Dieses Buch fällt nun doch ein wenig aus der Reihe. Aber es ist auch Kult. Für mich war es jedenfalls Kult. Und es ist immer noch Kult.

Alexander Kluge begleitet mich seit fast genau 40 Jahren. Im dritten Semester meines Studiums meldete ich mich zu einem Referat über sein mit Oskar Negt gemeinsam verfasstes Buch „Öffentlichkeit und Erfahrung“ bei Helmut Dubiel am Münchner Institut für Soziologie. Daraus entstand nicht nur eine lebenslange Freundschaft mit einem studentischen Lese- und Freundeskreis, sondern auch eine intensive Auseinandersetzung mit der Frankfurter Schule, die letztlich zum Thema meiner Promotion und zu zwei Buchveröffentlichungen führte. Na ja, und zu einer lebenslänglichen Auseinandersetzung mit dem filmischen und schriftstellerischen Wirken von Alexander Kluge.

„Geschichte und Eigensinn“ ist eines seiner wundersamsten Bücher, geschrieben erneut in inniger Zusammenarbeit mit Oskar Negt. Ich habe versprochen hier keine Sachbücher vorzustellen. Aber das hier ist kein Sachbuch. Es ist ein Lesebuch. Die Autoren haben es einmal ein „Gebrauchsbuch“ genannt. Man könnte es auch ein Handbuch nennen. Man nimmt es ab und an zur Hand und liest darin um erst sich und danach die Dinge weiter zu entwickeln. Es ist ein systematischer Baukasten an Fragen und Ideen, ein Passagenwerk der Aufklärung. Die Lektüre des Buchs hilft allemal dabei undogmatisch und neugierig tolerant zu bleiben ohne beliebig zu werden.

Ich besitze das Buch seit 1982 und es ist fleckig und arg zerlesen, mit zahlreichen Eselsohren und Anmerkungen versehen. Es ist also in einem guten Zustand. Es hat Geschichte geatmet. Mein Lektor beim Fischer-Verlag hat mir mal erzählt, die leider jüngst verstorbene Tochter von Jürgen Habermas habe ihm einmal erzählt, dass jener Bücher auf eine wesentlich rabiatere Art lese: er reiße Seiten, der er für überflüssig halte, einfach heraus. Das wiederum erinnert mich an ein Bonmot von Walter Benjamin, der in der „Einbahnstraße“ schreibt: „Echte Polemik nimmt ein Buch sich so liebevoll vor, wie ein Kannibale sich einen Säugling zurüstet.“ Sehr eigensinnig.

Will Self: Das Ende der Beziehung

Mein erstes Buch von Will Self war „Spass“. Und wenn man den Klappentext liest, dann erwartet man einen Horrorschocker … Ganz so schlimm wurde es dann doch nicht, aber ziemlich wirr und völlig schräg ist es allemal, was einem der gelernte britische Philosoph und Punk-Musiker seit Jahren unterjubelt.

Vielleicht sind die Kurzgeschichten einmal mehr ein guter Einstieg ins Werk. „Das Ende der Beziehung“ bringt neun Kurzgeschichten zusammen, die alle irgendwie mit gescheiterten Beziehungen zu tun haben.

Dies ist sicherlich nicht das richtige Buch für jemanden, der gerade eine Beziehungskrise überwinden möchte. Eher für Psychiater, die genug von Patienten haben, die bei ihnen ihre Beziehungskrisen lösen wollen. Auch Familientherapeuten mit Alkoholproblemen kann man das Buch getrost zu Weihnachten schenken.

Wer also entweder über eine gehörige Portion skurrilen Humor verfügt, ein böses Geschenk für böse Verwandte sucht oder wem der Arzt ein strenges Alkoholverbot verschrieben hat, dem sei Will Self in hohen Dosen empfohlen.

Christian Y. Schmidt: Der letzte Huelsenbeck

Christian Y. Schmidt: Der letzte Huelsenbeck. Der alte Chinese. Ein Buch für Psychotherapeuten und -therapierte. Und für Männer, die in den siebziger Jahren mehr oder weniger erwachsen gemacht und dann von Psychotherapeuten nicht rechtzeitig entdeckt wurden. Ein irres Buch über Irre, das beständig den schmalen Grat zwischen Irrsein und Normalorealo knapp verpasst. Die siebziger Jahre werden als das große Zeitalter des Neo-Dadaismus vorgestellt … . Diejenigen, die in den späten fünfziger oder frühen sechziger Jahren geboren wurden, waren ja nicht nur enttäuscht von ihren Nazi-Großvätern und Wirtschaftswundervätern, sondern auch von ihren älteren 68er Geschwistern, die schon im langen Marsch verschwunden waren. Sie konnten an kein Wertesystem andocken und schwirrten wie die Dadaisten um Kurt Schwitters und Richard Huelsenbeck halt- und gestaltlos durch Traum und Zeit, ehe sie sich ohne Umweg über die Institutionen in den achtziger Jahren etablieren konnten.

Der letzte Huelsenbeck ist in lehrreiches psychologisches Sachbuch, in dem man allerhand Aufschlussreiches über die wichtigsten „ICD-Schlüssel“ erfährt: „F12 und F15, psychische Störungen durch Cannabinoide oder andere Stimulanzien … F20, Schizophrenie, und F22, anhaltende wahnhafte Störungen, hier speziell religiöser Wahn und Beziehungswahn … F31 … eine bipolare affektive Störung.“ (K)ein Wunder, dass Daniel in der Psychiatrie empört ausruft, wenn er noch lange in der Geschlossenen bleiben müsse, würde er verrückt werden.

Ein wahrlich durchgeknalltes Buch. Sehr realistisch.

Illustrationen © Michael Kausch

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