Timon Karl Kalevta,Heilung

Buch-Besprechung: Timon Karl Kaleyta: Heilung

„Die schönste Bergklinik der Literatur seit dem Zauberberg“. Na, Eckhart Nickel, so weit will ich dann doch nicht gehen. Dazu lieb ich meinen Thomas Mann denn doch zu sehr.  Und Clawdia Chauchat natürlich. Da hilft es auch nicht, dass dieser Roman von den Kritikern hochgejubelt wurde und wird und dass es sein Erzähler mit seinem Erstlingswerk „Die Geschichte eines einfachen Mannes“ schon mal auf die Shortlist des aspekte-Literaturpreises geschafft hat. Der Plot ist ja ganz nett, aber die Erzählung ist mir dann doch zu holprig.

Ein Mann kann nicht schlafen und sucht sich selbst

Die Geschichte ist eigentlich ein platter Selbstfindungstrip. Ein Mann kann nicht mehr schlafen und wird von seiner Frau überredet, sich in eine Klinik zu begeben. Die Klinik von Dr. Trinkl liegt – wie alle guten Kliniken seit Thomas Mann – in den Bergen, ist abgeschieden und teuer. Diesen Dr. Trinkl umgibt ein Zauber, seine Klinik steckt voller Geheimnisse. Der Doktor ist eine Mischung aus platten Psychoanalytiker und Zauberheiler. Die Probleme unseres Erzählers liegen – natürlich – irgendwo in seiner Vergangenheit. Nur der Weg zu sich selbst ist der Weg zu Heilung. 

In der Klinik unterzieht sich unser Erzähler seltsamen Experimenten, die ich hier gar nicht schildern will, Sie könnten allesamt einer Mischung aus frühen Horrorstummfilmen und dem Komödienstadel entstammen.  

In der Klinik trifft er natürlich auch eine junge hübsche geheimnsvolle verführerische Frau. Mana ist eine Billig-Version der verführerischen Clawdia Chauchat, so wie Dr. Trinkl Dr. Krokowkis verarmter Bruder und die Klinik San Vita ein zur Jugendherberge verkommener Berghof ist. Da wo Thomas Mann im Zauberberg unendlich langsam und sorgfälitg ein reiches Sittengemäle der bürgerlichen Gesellschaft am Vorabend des ersten Weltkriegs entwirft und irrlichternde Gestalten von zauberhafter Schönheit entwirft, zeichnet Kaleyta in groben Strichen ein kümmerliches Skizzenbuch.

Selbst der Skiausflugs Hans Castorps findet seine ärmliche Entsprechung in der Heilung, abgemagert in einem Waldspaziergang, in dem unser Erzähler im Traum einem Jugendfreund in einer Hütte begegnet begegnet. 

Mach was mit deinen Händen!

Im zweiten Teil des Romans begibt sich unser Erzähler auf Wanderschaft und sucht seinen Jugendfreund auf und beginnt mit ihm ein scheinbar glückliches und einfaches bäuerliches Leben. Er lebt den Gegenentwurf zum hektischen Leben seiner Frau und findet – scheinbar – zu sich selbst. Die reaktionäre Selbstfindung scheint abgeschlossen. Sein Freund erklärt ihm, dass er die einfachen Dinge schätzen muss: 

„Wann hast du das letzte Mal mit deinen Händen gearbeitet?“, fragte Jesper. Und ich wusste darauf keine Antwort. „Die Hände sind dafür da, dass sie etwas ins Werk setzen. Dass sie etwas erschaffen. Verstehst du?“ Er machte eine lange Pause und sah mich an. „Wann haben deine Hände zum letzten Mal einen Unterschied gemacht?“

Dann wandern die beiden durch Blumenwiesen und trinken Morgentau aus Blütenkelchen. ein lebendes Hummelbild. Der Kitsch rinnt einem schon beim Lesen honiggelb durch die Finger und wird durch den Autor des Buches nicht gebrochen. Und das macht das Buch nur schwer erträglich. Das ist einfach schlechter Stil. Es gibt Rezensenten, die in diesem Text Ironie finden. Ich nicht. 

Ein Mann kehrt heim

Nach der platt erzählten Irrsinnsachterbahnfahrt durch das Sanatorium und die falsche Idylle des reaktionären Bauernhofs kehrt der Mann „geheilt“ in den Augen des Schriftstellers – unrettbar verblödet und verloren, wenn Ihr mich fragt –  zu seiner Frau zurück, die ihm das ganze eingebrockt hat.

Freilich kann man das Buch lesen. Eine Heilung sollte man sich davon nicht erwarten.

Timon Karl Kaleyta: Heilung. „Der beste Roman des Frühjahres“ meint die Zeit. „Ein phänomenaler Roman“ schreibt die Süddeutsche Zeitung“, „ein eindrucksvolles Buch“ funkt der Deutschlandfunk, „braucht kein Mensch“ findet Czyslansky. 

Illustrationen © Michael Kausch

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