Ungarn und die Steuern

Wappen von Ungarn

Kein Aprilscherz, schließlich ist jetzt Oktober: Ungarn plant die Einführung einer Internetsteuer. 150 Forint pro Gigabyte, das sind 47 ct. Marketingtechnisch eine Ungeschicklichkeit, ich hätte vermutlich eine Steuer von 0,50 ct. pro MB genommen. Oder warum nicht gleich 0,000000005 Euro pro Byte? Der internationale #Aufschrei wäre leiser. So aber hört man allerorten, die Ungarn seien auf dem Weg in die Steinzeit und das sei eine unsinnige Steuer und überhaupt sei das das Ende des Internet und ähnliche sachliche Beiträge.

Bevor man zu einer pauschalen Kritik Ungarns kommt, sollte man sich vielleicht zunächst das ungarische Steuersystem anschauen. Die Ungarn haben nämlich einen saftigen Mehrwertsteuersatz, den höchsten in Europa: 27 Prozent! Also noch rund 50% mehr als wir. Dafür haben sie aber absolut attraktive Einkommenssteuern, derzeit beinahe flat 16% und demnächst 10%. Die umstrittene Internetsteuer soll etwa 20 Milliarden Forint bringen, das sind also 60 Mio. Euro. Viel ist das nicht, aber immerhin pro (ungarischer) Nase 6 Euro. Pro Jahr.

Dennoch geht der Shitstorm los,  Weiterlesen

Liken statt lesen

Nicht nur Willi will’s wissen. Manchmal treibt auch mich die Neugier an, Dingen auf den Grund zu gehen, die andere möglicherweise gar nicht interessieren. Ich kann da sogar richtig pedantisch werden.
Eine Frage aus den sozialen Netzwerken, die eigentlich schon beantwortet ist, lautet: Wie verhält es sich eigentlich mit dem Verhältnis vom liken ohne zu lesen, dem klicken ohne zu kucken, dem faven ohne zu fragen, dem besternen ohne zu besuchen.
Nutzer der sozialen Medien wissen, was ich meine.

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Dummheit hilft… anderen.

Erinnern Sie sich?
Im Frühjahr 1979 stand ein lockenköpfiger, bis dahin völlig unbekannter französischer Sänger mit dem Namen Patrick Hernandez auf der Bühne oder flimnmerte über die heimischen Fernsehschirme. Er hatte ein chaplinartiges Spazierstöckchen, trug einen gepflegten Anzug. Doch dann legte er los: Born to be alive. Es war DER Hit des Jahres, noch Jahrzehnte später eine der Hymnen der legendären Disco-Ära.
Das ist lange her. Aber “Born to be alive” ist seitdem eines der Schlagworte, wenn es um die unbändige Sucht nach Leben und Erleben geht. Diese Lebenssucht thematisierte 2010 der unheilige Graf mit der etwas plumpen eingedeutschen Variante “Geboren um zu leben”. Auch das ist wieder ein Weilchen her.
Die Lebenslust und Lebenssucht aber bleibt. Vor allem bei denen, deren Leben auf der Kippe steht. Entsprechend suchen Gesundheitsverbände händerringend nach Organspendern, um Schwerkranken oder Unfallopfern lebensnotwendige Körperteile implantieren zu können.
Eine belgische Organspendeorganisation hat sich dazu einen ganz besonderen Namen gegeben Re-born to be alive. Und auf ihrer Website hat sie eine fulminante Kampagne aufgesetzt: Weiterlesen

Saulus, Paulus und die disruptive Wucht des Internets

Would the real Internet Guru please stand up?

Es gibt gewisse Ähnlichkeiten zwischen Jaron Lanier, der gerade in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen nahm, und meinem kürzlich verstorbenen Freund und Coautoren Ossi Urchs. Ja, die Dreads – aber da hört die Ähnlichkeit nicht auf. Beide kannten sich gut, und ich habe sie in San Francisco bei einer Konferenz von Silicon Graphics zusammen erlebt, als wir uns nach einem Vortrag Jarons über die Zukunft von Virtual Reality auf ein Kaffee und ein Ratsch hingesetzt haben und uns völlig einig waren, dass die damals noch recht primitiven VR-Computer eines Tages unsere Sicht der Welt verändern würden. “Irgendwann wirst du gar nicht mehr sehen können, ob du dich in der Wirklichkeit oder in der virtuellen Realität befindest”, schwärmte Jaron damals. Und er hat ja Recht behalten, wie Ossi und ich in “Digitale Aufklärung” geschrieben haben. Nur, dass man dazu keine zentnerschweren Indy Workstations mehr braucht: Du setzt dir einfach ein Google Glass auf, und schon verschwimmen Realität und Virtualität zu einer neuen Dimension der Wahrnehmung.

Ossi und Jaron haben sich in den letzten paar Jahren aber weit auseinander entwickelt. Ossi, der Netzwerker und Vordenker, blieb davon überzeugt, dass wir dank Internet bessere Menschen und damit Teile einer besseren Gesellschaft sein werden. Jaron sah und sieht das anders. Er glaubt im Gegensatz zu uns nicht an den Netzwerkeffekt, nämlich dass das Ergebnis größer ist als die Summe der Teile. Für ihn ist das Kollektivismus und damit nichts anderes als eine Art von Digitalem Maoismus, wie er in “You Are Not A Gadget” schrieb. Wikipedia und die Open Source-Bewegung zerstören angeblich die Möglichkeiten für die Mittelklasse, die Erzeugung von Inhalten zu finanzieren. Und er hat Angst vor digitalen Massenbewegungen, weil sie seiner Meinung nach direkt in die “digitale Barbarei” führen.

Es konnten also keine zwei gegensätzlicheren Menschen unter den roten Mähnen stecken. Weiterlesen

Mono – sonst nix!


 

Der neue Kult ist auf dem Weg. Wenn sogar die WELT bereits über neue Mono-Schallplatten berichtet, ist der Trend ja fast schon in der ZDF-Zielgruppe angekommen.

“Zum ersten Mal seit ihrer Auflösung veröffentlichen die Beatles und ihre Erben das Hauptwerk so, wie es klingen sollte. Auf Vinyl und im guten, alten Einkanalton. Eine Hymne auf die Monofonie …” stimmt die WELT an. Und ich gebe zu: das ist verlockend: Ein kleiner Röhren-Verstärker, ein Plattendreher mit einem Ortofon Mono-System und ein fetter Lautsprecher wie die Tannoy Westminster. Wohlgemerkt: EIN fetter Lautsprecher:

Tannoy Westminster

Ich denke ernsthaft darüber nach, einen meiner beiden Tonarme mit einem Mono-System auszustatten. Ein Ortofon SPU wäre naheliegend:

Ortofon SPU

Noch schöner aber wäre eine entsprechende Zweitanlage. Ein kleines Musikzimmer nur für Monoplatten. Ich hab ja schon zahlreiche gute alte Monoplatten. Und natürlich klingen diese Scheiben interessant. Und völlig anders, als gewohnt. Was interessiert mich Windows 10. …. Man muss mal drüber nachdenken …

Offener Brief an Facebook

Betr: Werbung auf meiner Pinnwand

Sehr geehrter Herr Zuckerberg, liebes Facebook,
es heißt doch immer, Du weißt alles über Deine User. Es heißt doch auch, Du überprüfst die Inhalte von allen Nutzern. Da hast Du sicher viel zu tun.

Es heißt auch, Du steuerst die Werbung so gezielt auf die Pinnwände der Facebook-Nutzer, dass es die Richtigen erreicht. Das wundert mich. Du sammelst Daten und wertest sie nicht aus. Oder Du wertest sie falsch aus. Jedenfalls bin ich weder Zielgruppe für die Werbung, die Du für mich bereit hältst, noch finde ich sie unterhaltsam, aus ästhetischen oder anderen Gründen betrachtenswert. Ich weiß nicht, warum Du mir ein Produkt vorschlägst, für das ich gar keine Verwendung habe.
Wie kommst Du auf diese Idee? Was weißt Du über mich, was nicht mal ich selbst weiß?

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Wenn ich an mir so herunterschaue, dann entdecke ich weder Grund noch Zusammenhang für solche Produktvorschläge. Habe ich jemals bei Euch irgendetwas gemacht, was mich in die Nähe der Verwender solcher Salben rückt? Oder habe ich so viele Freunde, die das tun, dass ich mitgefangen bin und mitgehangen werde?

Lieber Herr Zuckerberg, sicher haben Sie enorm viel zu tun. Und Ihr Facebook Team bestimmt auch. Damit Sie das hier aber lesen können, setze ich diese Nachricht auch direkt in mein Profil. Ich hoffe, Sie finden das und irgendwer übersetzt Ihnen das, ich vermute mal, dass Sie nicht alle Sprachen sprechen, die bei Facebook so benutzt werden. Obwohl Zuckerberg ja sehr deutsch klingt, glaube ich nicht, dass Sie meine Nachricht unübersetzt verstehen. Also: Es geht um “eingewachsene Fußnägel”. Das heißt auf englisch “ingrown toenail”, das habe ich schon mal vorab gegoogelt, damit Sie es leichter haben. Denn ich weiß, wie viel Arbeit bei Ihnen sicher ansteht, all die Millionen Accounts zu überwachten. Haben Sie da eigentlich spezielle große Monitore?

Also, liebes Facebook: Ich möchte, dass Du, wenn Du das hier gelesen hast,  mir nie wieder solche Werbung für Salbe gegen ingrown toenails auf die Pinnwand setzt, ok?
Kümmerst Du Dich bitte darum? Wenn nämlich nicht und ich wieder solche unappetitlichen Dinge anschauen muss, dann werde ich viele böse Sachen über Dich bei Twitter schreiben. Und das ist doch sicher nicht in Deinem Sinne, oder? Und der Herr Zuckerberg möchte das sicher auch nicht.
Ich finde das ist ein fairer Deal, oder?
Also abgemacht.
Ich verlass mich drauf!

LP

Jeeves lebt!

Carry on, Jeeves!

Carry on, Jeeves!

Dass ich das noch erleben durfte: Nach 40 Jahren feiert Jeeves, der Butler aller Butler, Auferstehung. Bertie Wooster kommt doch noch unter die Haube. Und alle Fans von PG Wodehouse (alias: Sir Pelham Grenville Wodehouse) können sich auf ein neues Landhaus-Abenteuer freuen zwischen Cocktailshakern und Gurkensandwichs, Rasentennis und Cricketfeld. Der gute alte Zweisitzer setzt sich wieder in Bewegung, und wir dürfen Wiedersehen feiern mit Tante Agatha, Harold „Stinker“ Pinker, Madeline Basset, Claude „Catsmeat“ Potter-Pirbright und vielen anderen unvergänglichen Figuren aus den insgesamt 11 bisherigen Jeeves-Romanen.

Nein, Wodehouse ist nicht von den Toten auferstanden und hat sich an die alte mechanische Schreibmaschine gesetzt. Und es ist auch kein unveröffentlichtes Manuskript beim Ausmisten seines Dachstuhls aufgetaucht. Statt dessen hat sich ein Brite namens Sebastian Faulks hingesetzt und versucht, das eigentlich Unmögliche möglich zu machen, nämlich ein Buch zu schreiben, das so genau den unverwechselbaren Tonfall des Meisters trifft, als wäre es wirklich ein Stück vom ihm. Weiterlesen

Vom Gondeln und Glotzen

rr4Wer ganz oben ist, hat den beste Überblick!

Diese Binsenweisheit gilt noch immer, von Ausnahmen einmal abgesehen. Eine dieser Ausnahmen mag der eine oder andere aus dem Arbeitsleben kennen: Ganz oben in der Firmenhierarchie zu stehen bedeutet noch lange nicht, den besten Überblick über alles zu haben. Aber das ist ein anderes Thema, das in unserem Zusammenhang nicht weiter relevant ist.

Aber so mancher Benutzer des „Real Life“ weiß auch, wie schön es ist, von oben über Stadt, Land, Fluss zu schauen.
München hat in Sachen Skyline eher wenig zu bieten. Aber sofern die Witterung mitspielt, verzaubert die Stadt mit einem betörenden Blick bis weit hinein in die Alpen; vorausgesetzt man ist hoch genug. Ansonsten ist das Münchner Panorama weniger beeindruckend als zum Beispiel das Frankfurter. Dafür hat München andere Qualitäten.
Eine davon ist das Oktoberfest. Das zieht reichlich Besucher an, so viele, dass – wie mir eine Bedienung aus einem Festzelt glaubhaft versichert, zeitweilig WhatsApp nicht mehr geht. Zu hoch ist der Datenverkehr der bierseligen Besucher. Da kann es schon mal eine halbe Stunde dauern, bis eine WA-Nachricht von einem Bierzelt zum nächsten flattert.
Auch wir haben zur Wiesn Besuch, gemeinsam flanieren wir zwischen Zelten und Schaustellerbuden, Fahrgeschäften, Biergärten und Fressständen umher und steuern irgendwann auf das Riesenrad zu. Und wie war das noch?
Wer ganz oben ist, hat den besten Überblick! Weiterlesen

Ein Spionagethriller als Tatsachenroman

Gänsehaut gratis

Gänsehaut gratis

Spätestens seit Edward Snowdon und seinen NSA-Enthüllungen dürfte auch dem Letzten klar sein, dass in der vernetzten Welt neuartige Gefahren lauern. Dass man unsere Handys abhört oder uns beim Surfen über die Schulter schaut, wussten wir eigentlich schon vorher. Aber getan haben wir nichts, außer den Kopf in den Sand setzen.

Ich habe an anderer Stelle schon meine Sicht der Dinge in Sachen Big Data dargestellt: Solange ein Wirtschaftsunternehmen Informationen über mich sammelt, um mich besser bedienen zu können, finde ich das in Ordnung. Mit Dingen erfreut werden, die ich sowieso will und mich nicht mehr mit Angeboten zu belästigen, die ich nicht haben will, ist prinzipiell in Ordnung. Das ist nicht Big Brother, das ist allenfalls Little Brother, wie der „Economist“ unlängst schrieb. Oder anders ausgedrückt: Es ist das, was ein Tante Emma-Laden früher so erfolgreich machte: Die Ladenbesitzerin kannte mich und wusste, wann ich was will. Sie konnte mir aber auch sagen: „Lieber Herr Cole, wir haben etwas Neues hereinbekommen, und das wird Ihnen schmecken!“

Marktwirtschaft ist die beste Form des Datenschutzes, denn wenn ein Unternehmen meine Daten so verwendet, dass mir ein Schaden daraus entsteht, habe ich als Kunde ein Machtmittel in der Hand: Der Entzug der Kundenbeziehung. Und das tut richtig weh… Weiterlesen

Was ich den Verlegern gerne gesagt hätte

Gestern kam eine Anfrage rein für einen Vortrag in Hamburg vor Verlegern (Print und Online). und zwar von einer Firma, die hier nicht genannt werden soll, die aber recht bekannt ist im Bereich des Cross Media Publishing. Die Dame, die mir die Mail schrieb, hatte auch ganz konkrete Vorstellungen über das, worüber ich reden sollte, nämlich: “Es soll sich ums Publishing, um die Prozesse drehen. Gern auch einen Ausblick in die Zukunft. Wie entwickelt sich das Leseverhalten? Wie konsumieren die Menschen Informationen? Welchen Einfluss hat die Technik? Wie können Publisher auf diese Entwicklung reagieren? etc.”

Ich setze mich hin und schrieb eine Antwort, und weil mich das Thema wirklich interessiert, fiel die Antwort etwas länger und auch etwas kontroverser aus, als ich gedacht hatte. Mir war aber auch klar, dass ich die Dame womöglich so erschrecken könnte, dass ich nie wieder etwas von ihr höre – dann ist der Auftrag futsch.

Aber wenn schon, so dachte ich, dann wäre die Antwort wenigstens ein schöner Blogpost für Czyslansky, also hier isser. Vielleicht gefällt er wenigstens Euch/Ihnen:

Danke, dass Sie an mich gedacht haben. Ich sehe auch kein Problem mit dem Termin: Von Hamburg nach Salzburg gibt es mehrmals am Tag Flüge.

Schwieriger ist es mit dem Thema.

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