Volksfest

Lust der Täuschung – The Centrifuge Brain Project

Am Wochenende war ich in der sehr sehenswerten Ausstellung „Kunst der Täuschung“ in der Münchner Kunsthalle. Dort beeindruckte mich unter anderem ein Videobeitrag über ein technologisches Forschungsprojekt, das auch unserem alten Czyslansky angemessen gewesen wäre. Ich kann mir auch die Filmbesprechung sparen. Schließlich gibt es das Video über das „Centrifuge Brain Project“ auch hier zu sehen:

 

Tim Cole

Buchbesprechung: Tim Cole – Wild Wild Web

Tim Cole Wild Wild WebWenn ein Internet-„Urgestein“ einem anderen Internet-„Urgestein“ das Vorwort schreibt, so empfiehlt es sich allzu oft den intellektuellen Rollator bereitzustellen. Dies gilt für die Lektüre von „Wild Wild Web“ mitnichten. Der altersweise Tim Cole hat ein furioses Buch geschrieben, einen lautstarken Aufruf für eine Reorganisation des Internet auf Grundlage kritischer gebildeter und medienkompetenter Geister. 

Internet-Urgestein Winfried Felser beschreibt in seinem Vorwort das Buch sehr treffend als „Aufruf zu digitaler Souveränität“ und den Deutsch-Amerikaner Tim Cole als jemanden, der durch einen Vergleich des Wilden Wilden Westens mit dem World Wide Web vor den Risiken des Internets warnen will. Tatsächlich will uns mein alter Freund Tim – er ist einer der Gründer dieses Czyslansky-Blogs –  durch die Denunziation der Revolverhelden von Dawson City vor den Verführern des Silicon Valley warnen. Aber er tut dies nicht mit großem Lamento wie einst sein Lieblingsgegner Frank Schirrmacher, sondern als leidenschaftlicher Aufklärer und – ja – Medienpädagoge des Digitalzeitalters.

Vom Widerstand gegen die digitalen Räuberbarone

Tim Cole betrachtet den gesellschaftlichen Widerstand gegen ACTA, AirBnB und Uber als beispielhaft und wünscht sich mehr Aktionen von Volk und Verwaltungen gegen die neuen Monopolisten, die ihre Macht dazu missbrauchen sich auf Kosten der Allgemeinheit zu bereichern. Dabei will er die neuen Krösuse nicht köpfen, sondern in eine – noch anzupassende – Rechtsordnung hineinzwängen. Er fordert einen New Deal, in dem ein moderner Datenschutz ebenso gesichert ist, wie eine faire Besteuerung der Gewinne der internationalen Digitalkonzerne.

Dabei geht er mit den neuen Räuberbaronen nicht gerade zimperlich um:

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Buchvorstellung – Tim Cole: Wild Wild Web. Was uns die Geschichte des Wilden Westens über die Zukunft der digitalen Gesellschaft lehrt

wild wild webEr hat es wieder getan. Mein langjähriger Freund und Mitgründer dieses Czyslansky-Blogs Tim Cole hat ein neues Buch geschrieben. Und dieses Mal ist es ein Western. Na ja, fast. Eigentlich geht es um das, um was es immer bei ihm geht: um uns und unsere Zukunft im und mit dem Internet. Dieses Mal aber zieht er große Parallelen zwischen dem World Wide Web und dem Wilden Westen. Ein W5-Buch sozusagen. Es geht um Macht und um Macher, um digitale Revolver- und andere Helden. Es geht ums Ganze. 

Am 5. November 2018 um 11:00 Uhr wird er sein Buch im Münchner PresseClub (Marienplatz 22/IV, Eingang Rindermarkt) vorstellen.

Falls Sie sich mit ihm duellieren wollen, sollten Sie dabei sein und mit ihm diskutieren. Ich werde mir die Chance nicht entgehen lassen. Aber Vorsicht: er zieht schnell.

Schon vor der Buchvorstellung gibt es (m)eine kleine Buchbesprechung von mir: Zur Buchbesprechung Tim Cole Wild Wild Web.

Zur Einstimmung hat er mir einen kleinen Text geschickt, den ich nur ein klein wenig überarbeitet hier wiedergebe: eine Art Klappentext für die große Klappe:

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Der letzte Huelsenbeck

Buchbesprechung – Christian Y. Schmidt: Der letzte Huelsenbeck

Christian Y. Schmidt – Der letzte Huelsenbeck, erschienen im Mai 2018 bei Rowohlt. Ein Buch für Psychotherapeuten und Psychotherapierte. Und für Männer, die in den siebziger Jahren mehr oder weniger erwachsen gemacht und dann von Psychotherapeuten nicht rechtzeitig entdeckt wurden. Ein irres Buch über Irre, das beständig den schmalen Grat zwischen Irrsein und Normalorealo knapp verpasst.

Der letzte HuelsenbeckDie siebziger Jahre werden als das große Zeitalter des Neo-Dadaismus vorgestellt und das ist gar nicht mal so falsch. Diejenigen, die in den späten fünfziger oder frühen sechziger Jahren geboren wurden, waren ja nicht nur enttäuscht von ihren Nazi-Großvätern und Wirtschaftswundervätern, sondern auch von ihren älteren 68er Geschwistern, die schon im langen Marsch verschwunden waren. Sie konnten an kein Wertesystem andocken und schwirrten wie die Dadaisten um Kurt Schwitters und Richard Huelsenbeck halt- und gestaltlos durch Traum und Zeit, ehe sie sich ohne Umweg über die Institutionen in den achtziger Jahren etablieren konnten. Dietmar Dath schreibt in der F.A.Z.:

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Manfred Jannot

Buchbesprechung – Manfred Jannot: Erinnerungen

Oral History – während meines Studiums in den frühen 80iger Jahren war das ein absoluter Hype: Geschichte aus Geschichten lernen, aus individueller Erfahrung, nicht aus spröden Fakten und Zahlentabellen. Nicht Drei – drei – drei, bei Issos Keilerei, sondern  Vom Russen, der mit mir seine letzte Zigarette teilte. Oder für Nicht-Leser: Guido Knopp, aber ohne Zeitzeuge in leichter Untersicht vor ewig schwarzem Hintergrund.

Und ich höre noch immer gerne alten Leuten zu, wenn sie von früher erzählen und ich tue das als Digisaurier ja selbst auch ab und an. Ich mag zwar keine Historienromane (Die Blutspur im Rohbau des Taj Mahal), aber spannende Lebensberichte mag ich sehr. Und um einen solchen geht es bei

Manfred Jannot: Einnerungen an das 20. Jahrhundert.

Ich kenne Manfred Jannot nicht, aber ich kenne – und schätze – seinen Sohn Thomas. Der hat mich nicht um eine Besprechung gebeten, aber unerbetene Besprechungen haben allemal das Anrecht auf unerbittliche Ehrlichkeit. Und ich finde dieses Buch ehrlich gut! Warum? Deshalb: (toller Cliff Hanger)

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Iran

Zwischen CIA-Kampagne, Stalinismus und Menschenrechtsorganisation

Im vergangen Jahr rotierte ich mitten in der „Achse des Bösen“,  wie US-Präsident George W. Bush den Iran gemeinsam mit Staaten wie Nordkorea und Irak im Jahr 2002 nannte. Meine Rotation gelang mittels eines Eisenbahnzugs und sie führte mich quer durchs Land, von Teheran über Mashad und Kerman, durch die Wüste und das Bergland bis in die persischen Traumstädte Isfahan und Shiraz. Vor allem aber machte mich diese Reise mit wunderbaren Menschen in einem wunderbaren Land bekannt. Ich habe darüber ja ausführlich in meinem fünfteiligen Reisebericht zum Iran erzählt.

Freilich bleibt einem als kritischer Tourist immer bewusst, dass man sich zugleich durch das Land mit den weltweit meisten Todesstrafen, mit zahllosen politischen Gefangenen und heftiger Unterdrückung der Menschenrechte bewegt. Der Iran ist nicht einfach ein „Zentrum des Bösen“, aber auch keine Urlaubsidylle, sondern ein autoritär geführter Staat mit zahlreichen offenen, hilfsbereiten und freundlichen Menschen darin.

Und freilich will man, wenn man viel Geld für eine Bildungsreise investiert, nicht einfach ein ungewolltes Regime stabilisieren, sondern sich solidarisch mit den Rechtlosen, mit den Opfern zeigen. Also informiert man so gut man eben kann in seinen Kreisen über die Wirklichkeit im Iran, wirbt für die Menschen, nicht für das Regime. Und man ist froh, wenn man Menschen trifft, die sich von Deutschland aus für politische Gefangene im Iran einsetzen.

So wurde ich  auf den gemeinnützigen in Berlin ansässigen „Verein für Nothilfe e.V.“ aufmerksam und geriet damit sogleich in vielfache Verwirrung.

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The Educated Monkey

Ich bin mir wirklich nicht sicher, ob ich den guten alten Rechenschieber aus meiner Schulzeit – stimmt: ich bin kein digital native! – noch bedienen könnte. Aber Spaß würde es bestimmt nicht machen. Spaß hat er nie gemacht. Ganz anders mein neuer Rechenknecht, den ich vor ein paar Tagen erstanden habe: der Educated Monkey!

Educated Monkey

Mein neuer Rechen-Affe

Das schlaue Kerlchen kann alles, was man so rechnerisch im Alltag braucht: addieren, subtrahieren, multiplizieren, dividieren. Mit stoischer Miene beweist der kleine Affe seine Intelligenz. Beziehungsweise die Intelligenz seines Schöpfers William Robertson. Der hat den kleinen blechernen Rechenknecht am 3. September 1915 zum Patent angemeldet, welches er am 27. Juni 1916 auch für die Educational Novelty Company in Dayton, Ohio erhalten hat (Quelle).

Dem Original des Educated Monkey war eine Gebrauchsanweisung beigefügt mit einem bedenkenswerten Satz:

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Umfrage zum Diversity Management – Der Mittelstand hat Nachholbedarf

Für den Unternehmerkreis (MUK) habe ich im Frühsommer 2018 eine Umfrage unter oberbayerischen Unternehmen zum Stand ihres Diversity Managements durchgeführt. Die Ergebnisse sind überaus aufschlussreich:

  • Diversity Management ist heute bereits ein breiter Trend, der in vielen Unternehmen aufgegriffen wird. In jedem zweiten Unternehmen werden Konzepte realisiert, die unter dem Stichwort Diversity Management subsumiert werden können. Dabei hat der Mittelstand noch den größten Nachholbedarf.
  • Diversity Management wird nicht aus philanthropischen Gründen betrieben, sondern aus harten betriebswirtschaftlichen Erwägungen heraus. Vor allem geht es um die Sicherstellung des benötigten Fachkräftepersonals.
  • Die Ergebnisse der bestehenden Diversity-Management-Projekte werden sehr positiv eingeschätzt: die Produktivität der Betriebe verbessert sich, die Mitarbeitermotivation nimmt zu und das Image der Unternehmen kann optimiert werden.
  • Im Zentrum der Projekte stehen derzeit Modelle zur Flexibilisierung der Arbeit. Besonders häufig werden bereits Home-Office-Arbeitsplätze eingerichtet.
  • Die wichtigste Zielgruppe sind derzeit Frauen. Viele Projekte richten sich aber auch an jüngere und ältere Beschäftigte und an Menschen mit Migrationshintergrund.
  • Viele Diversity-Management-Projekte sind derzeit noch unzureichend organisiert: häufig fehlt es an klar zugewiesenen Budgets, an einer schriftlichen Dokumentation und an einer regelmäßigen internen Information.

Diversity Management – Was ist das eigentlich?

„Achte darauf, dass ein Stellvertreter immer ein anderer Charakter ist, als derjenige, um dessen Stellvertretung es geht!“

„Fördere im Unternehmen jene, die anders sind, als du selbst!“

Diese und ähnliche Regeln bestimmen schon seit vielen Jahrzehnten das Recruiting und Management in zahlreichen Firmen.

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Die Große Koalition ist keine sozialdemokratische Bürgerpflicht

179 Seiten Koalitionsvertrag, ein ehemaliger Parteivorsitzender, der nicht Minister werden darf, geschäftsführende Minister, die nicht mehr Minister werden sollen, ehemalige Minister, die noch nicht Parteivorsitzende werden dürfen, eine SPD, in der die Mitglieder nicht nur über eine Regierungsbeteiligung der SPD abstimmen werden, sondern insgeheim auch noch darüber, ob ein bayerischer Ministerpräsident deutscher Heimatminister werden kann. Eine tolle Zeit für die Demokratie.

Ja: eine tolle Zeit für die Demokratie, denn wir sind unmittelbar am politischen Willensbildungsprozess beteiligt, wir diskutieren, wir kritisieren, wir leben Demokratie.

Aber diese Politik macht schon verdammt viel Arbeit. Man muss sich zu allererst mal durch 179 Seiten Zumutungen durcharbeiten. Und damit möchte ich einsteigen: mit einem kritischen Blick auf den Koalitionsvertrag, auf einen Vertrag, der unter den gegebenen politischen Mehrheitsverhältnissen kurzfristig eine erträgliche und in Ansätzen auch eine taugliche Grundlage für eine Regierungspolitik sein kann.

Anschließend möchte ich darlegen, warum ich trotzdem und erst recht heute GEGEN eine Große Koalition bin. Und schließlich möchte ich die SPD dazu ermuntern, sich nicht aufzugeben und aufzulösen. Die Sozialdemokratie hat nicht nur Vergangenheit, sie hat auch Zukunft.

Der GroKo-Koalitionsvertrag

Der Koalitionsvertrag, das sind 179 Seiten mit vielen guten und leider auch vielen weniger guten Dingen, v.a. aber mit zahlreichen obskuren Zufälligkeiten. Und es geht wirklich nicht darum, ob sich hier SPD oder Union mehr durchgesetzt haben und ob die Kanzlerin mehr geqietscht oder die rote Andrea mehr gekrächzt hat.

Aber die SPD Unterhändler waren schon fleißig. Das merkt man daran, dass viele Formulierungen aus SPD-Papieren Eingang gefunden haben:

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das blog zur analog- und digitalkultur