beiträge über analoge und digitale kultur

Leckere Schallplatte

Vinyl-Kult: Allerlei Schräges zum Thema Vinyl

Vinyl ist Kult. Immer Menschen entdecken ihre Leidenschaft zur Schallplatte und holen ihre Vinylschätze aus dem Keller. Ich habe das sammeln und Hören von Schallplatte nie aufgegeben. Ich kaufe auch regelmäßig Musik auf Platte. 

Und ich gucke mich im YouTube-Universum immer mal um, was es dort so gibt rund um das Thema Schallplatte. es es gibt wunderhübsche Dinge zu entdecken. Ich habe mich vor einiger Zeit für das Clearaudio-Blog in den Tiefen der Video-Gruft umgeschaut und bin auf zahlreiche magische Rillen gestoßen. Einige davon will ich hier kurz vorstellen:

Schallplatten kann man zum Fressen gern haben – in Form schmackhafter Tortillas:

Auch wenn der Sommer nun schon fast vorbei ist mag der ein oder andere von Euch auch mal einen kalten Aufschnitt kühlender klingender Schallplatten aus purem Eis auflegen:

Wer hat die größten? Die vermutlich größte Schallplatte der Welt lässt sich weder mit einem Virtuoso V2 abspielen, noch mit einem Goldfinger Statement. Da muss schon ein „ausgewachsener“ 500er Fiat ran:

Ob Schallplatten aus dem 3D-Drucker die Zukunft sind? Ich weiß es nicht. In den USA aber schnitzt jemand Platten aus Plastiktellern aus dem Kaufhaus:

In größeren Auflagen erschienen vor einigen Jahren tatsächlich Schallplatten auf alten Röntgen-Bildern. In der ehemaligen Sowjetunion war der Rohstoff für Vinyl-Platten kostbar, und Regierungs-kritische Liedermacher hatten keine Chance, ihre Musik in offiziellen Presswerken auf Schallplatte verewigt zu bekommen. Not aber macht erfinderisch: Einige Künstler pressten und veröffentlichten ihre Werke auf alten Röntgenbildern. Diese Röntgen-Platten sind heute gesucht und wertvoll.  Die Kollegen von der Vinyl Factory erzählen auf YouTube die Geschichte dieser Pretiosen, von denen ich – natürlich – auch einige zuhause habe:

Das Königreich Bhutan veröffentlichte im Jahr 1972 sieben runde Briefmarken mit Musik und Sprachaufnahmen. Die Briefmarkenplatten sind auf jedem Plattenspieler mit 33 rpm abspielbar. Zu hören sind Volkslieder, aber auch die königliche Nationalhymne. Auf allen Platten ist der Wert als Postwertzeichen aufgedruckt. Man kann tatsächlich Briefe und Päckchen mit ihnen frankieren – aber eben nur in Bhutan:

Wer aber einfach gute Musik auf Schallplatten aus Vinyl sucht, der wird eher in unserem Online-Shop fündig: Spitzenpressungen aus den Bereichen Jazz, Blues, Klassik, Pop und Rock kann man dort direkt in der Rubrik Vinyl bestellen. Garantiert nicht essbar, nicht Fiat-kompatibel und ohne jeden postalischen Wert. 😉

grossemeister

Platten-Tipp: Wenn dem Plattenspieler Flügel wachsen: Große Meister – Kleine Stücke

Platten-Tipp: Große Meister – Kleine Stücke, clearaudio LP 83044, 29,- Euro

Gleich sieben der weltbesten Pianisten kommen auf dieser Schallplatte zu Gehör. Besonders erfreulich, dass neben den Großmeistern Askenase, Barenboim, Kempff, Richter und Weissenberg auch zwei Frauen auf der Platte Berücksichtigung fanden: Die heute in Argentinien lebende Pianistin Martha Argerich ist eigentlich erst in den letzten Jahren mit der Verleihung des ECHO im Jahr 2014 international in die erste Riege der Klaviervirtuosen aufgenommen worden. Die Französin Monique Haas hat über lange Jahre vor allen Dingen die Debussy- und Ravel-Tradition der Deutschen Grammophon bereichert. Hier ist sie einmal nicht mit einer Interpretation der Romantik, sondern mit einer Sonate von Scarlatti vertreten. 

Klavier-Platten der Deutschen Grammophon sind eigentlich immer eine feste Bank. Und wenn Heinz Wildhagen der Tonmeister war, dann ist die Aufnahmequalität vom Feinsten. Und wenn dann auch noch clearaudio die Platte als Neupressung auf schwerem 180-Gramm-Vinyl vorlegt, dann stimmt auch die Pressqualität. Und so liegt denn gerade mit „Große Meister – Kleine Stücke“ eine Scheibe auf meinem Laufwerk, die wahrlich prächtig ist. 

Die Auswahl der „kleinen Stücke“ ist äußerst abwechslungsreich geraten. Vom verzückt-lieblichen Lisztschen Ohrenschmalz „Liebestraum“ über das expressive und furiose Feux d’artifice von Claude Debussy bis zu zwei mächtigprächtigen Präludien Rachmaninows. Sicherlich wird jeder Hörer seine eigenen Favoriten heraushören. Mir sagen zum Beispiel die eigenwilligen Transkriptionen kammermusikalischer Pretiosen Wilhelm Kempffs besonders zu. Bachs sizilianische Flötensonate in der Kempffschen Fassung für den Flügel wird zwar heute nicht selten gespielt, von ihm selbst interpretiert hatte ich es allerdings bislang noch nicht in meinem Plattenschrank.

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Ein Mann liest Zeitung

Michael Kausch: Ein Mann liest Buch: Justin Steinfeld: Ein Mann liest Zeitung

Immer wieder kommt einem einmal ein Buch zwischen in die Finger, das einen elektrisiert. „Ein Mann liest Zeitung“, Justin Steinfelds einziger Roman gehört zweifellos dazu. Für mich jedenfalls. Dieses Buch hat mich umgehauen. Ob es daran liegt, dass ich leidenschaftlicher Zeitungleser bin? Dass ich Kaffeehäuser liebe? Dass ich Prag mag? Dass ich eine gewisse Affinität zur antifaschistischen und frailech zur jüdischen Exilliteratur hege? 

Justins Steinfeld schrieb das Buch während seiner erzwungenen Emigration in England wohl irgendwann in den vierziger oder fünfziger Jahren. Erschienen ist das Werk unter dem Titel  „Ein Mann liest Zeitung“ dann erstmals 1984 im „Neuen Malik Verlag“. Dann war es wieder vergriffen um im vergangenen Jahr bei Schöffling & Co. endlich neu aufgelegt zu werden. Und nun bleibt zu hoffen, dass es dem Markt niemals wieder verloren geht.

Wer ist – oder besser war – Justin Steinfeld?  Die wichtigsten Eckdaten: Steinfeld wurde 1886 als Jude in Kiel geboren und starb 1970 in England. Er lebte in den zwanziger Jahren als kommunistischer Journalist in Hamburg und schrieb u.a. für die A.I.Z. und Die Wahrheit. Nach der Machtergreifung durch die Nazis emigrierte er nach Prag, von wo aus der später vor den Faschisten nach England floh. 

In seinem Roman behandelt er das Schicksal der deutschjüdischen Emigranten in Prag am Beispiel der Kunstfigur Leonhard Glanz:

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verschwörungstheorien

Die Verschwörungstheorien sind die schlimmere Pandemie

Warum Filterblasen und Echokammern eine große Herausforderung für unsere Demokratie sind. Ein Beitrag zur Diskussion.

Im Lager der Querdenker verhochzeiten sich Coronaleugner und Neonazis zu einer unheiligen Allianz. Dabei sind natürlich nicht alle Impfskeptiker Nazis und nicht alle Neonazis misstrauen deutschen Virologen.

Warum aber treffen sich Bannerträger der Reichkriegsflagge, Neonazis, Blut- und-Boden-Ökos, Abtreibungsgegner, Parawissenschaftler, Kreationisten, Klimawandelleugner, Antisemiten, Esoteriker und Impfgegner unter Regenbogen und Hakenkreuz? Warum werden die Grenzen so unscharf? Warum treffen sich die Anhänger dieser scheinbar so unterschiedlichen Gruppierungen durchaus in den gleichen Filterblasen und Echokammern und tauschen dort die immergleichen Vorurteile und Mythen aus? Warum halten sie untereinander nicht einmal mehr den Mindestabstand von eineinhalb Metern ein und pochen gegenseitig auf Toleranz, weil sie ja vorgeblich alle von den „Systemmedien“ und „Systempolitikern“ ausgegrenzt werden?

Alle diese Gruppen eint, dass sie sich ausgegrenzt fühlen und dass sie sich selbst ausgrenzen – und dass sie damit unsere demokratische Gesellschaft in Frage stellen!

Sind Filterblasen und Echokammern die Ursachen des Problems?

Es scheint, dass das Internet und die sozialen Medien Schuld sind am Aufkommen von Verschwörungstheorien und an der Verfestigung undemokratischer Tendenzen in unserer Gesellschaft. Am rechten Rand bilden sich Gegenkulturen aus Aussteigern, Spinnern, Rassisten und Neonazis.

Tatsache ist:

  • Rassisten, die noch vor ein paar Jahren ihre Meinung nicht öffentlich zu formulieren wagten, äußern sich nun öffentlich im Internet, manchmal anonym, immer öfter aber auch offen sogar unter Nennung ihres Namens.
  • Menschen, die sich politisch am Rande des demokratischen Meinungsspektrums bewegen und bislang nicht öffentlich äußerten schließen sich Rassisten und Faschisten an, die sich immer stärker formieren und organisieren.
  • Ehemalige demokratische – konservative und fortschrittliche – Meinungsmacher (Journalisten, Influencer) schlagen sich auf die Seite von reaktionären Verschwörungstheoretikern und zum Teil Rassisten und Faschisten.
  • Die Grenzen zwischen Verschwörungstheoretikern, Ökokonservativen, Nationalkonservativen und Neonazis verschwimmen.
  • Viele von uns haben schon gute Freunde, Kolleginnen, Kollegen oder Familienmitglieder verloren.
  • Die Bewegung radikalisiert sich und wird zunehmend militant. Mordaufrufe sind an der Tagesordnung.

Nochmal zur Klarstellung: Ich werfe nicht alle diese Menschen in einen Topf. Viele dieser Menschen werfen sich selbst in einen Topf. Ich sehe in den Timelines von demokratischen Impfskeptikern zunehmend Kommentare, in denen erklärt wird, dass Merkel die Demokratie abgeschafft habe und in denen ein Widerstandsrecht gegen Journalisten erklärt wird. Wer behauptet, wir würden angesichts der aktuellen Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie – die man gut oder schlecht finden kann – in einer Diktatur leben, wer daraus ein Widerstandsrecht ableitet, der macht sich gemein mit jenen, die in Washington das Capitol gestürmt haben, die zur Wahlfälschung aufrufen, die in Deutschland Politiker und Journalisten zunehmend körperlich bedrohen. 

Es ist schwierig mit Betroffenen umzugehen, sie vor dem Abdriften in die Szene zu bewahren, die Szene zu bekämpfen. Wir haben keine verbindliche Strategie und wir haben keine Erklärung für die Ursachen. Oder korrekter: Wir haben viele!

Die zwei großen Trends: Die Legitimationskrise der Wissenschaft und die Legimitationskrise der demokratischen Institutionen

Gegenwärtig überlagern sich zwei Trends, die wir sehr klar voneinander unterscheiden müssen:

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Humppa

Humppakäräjät – Da tanzt die Nadel in der Rille Polka

Humppa humppa tätäräää. Ich hab es getan! Ich habe sie beim Abendessen aufgelegt. Und mir ist glatt die Salami vom Brot gerutscht. Da rockt der Elch. Dabei ist die Platte „Humppakäräjät“ vom Orchester Eläkeläiset  (deutsch „Die Rentner“, nicht zu verwechseln mit „Porojen“ = Rentiere) schon von 1994. Da ist ein Stück finnische Hochkultur glatt an mir vorbei gegangen.  

Was die Rentner da machen klingt, als ob Ozzy Osbourne schwer betrunken die Oberkrainer dirigieren würde. Sie spielen … äh … Polka. Und zwar nach Noten von Judas Priest, Bon Jovi und anderen Musikalienhändlern. Sie „covern“ klassische Songs. Sie nennen das aber nicht „covern“, sondern „polkern“. Weil herauskommen tut immer eine Polka. Ihr könnt Euch das nicht vorstellen? Nachvollziehbar. Ihr könnt es Euch auch dann nicht vorstellen, wenn Ihr es gehört habt.  Und glaubt mir: es ist besser, man stellt es sich nicht vor. 

Humppa

Aber man sollte es hören.

Wenn man gute Nerven hat. Und wenn nicht gerade ein Salamibrot vor einem liegt. Wichtig ist auch, dass der Plattenspieler einigermaßen erschütterungsfrei aufgestellt ist. Ebenso wie die Zuhörer. Denn die Musik ist erschütternd.

Mein finnisch ist leider nicht sonderlich entwickelt und ich lasse also Google mal ein wenig aus dem Cover übersetzen:

Zur Aufnahmesituation:

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Hitler Postkarte

Hiroito – Hitler – Heinemann. Eine Reizwortgeschichte in Briefmarken

Im Oktober 1971 weilte der damalige japanische Kaiser Hiroito, der 124te Tenno , der „Shōwa-tennō“, auf Staatsbesuch in Deutschland. Aus diesem Anlass  konnten sich Philatelisten auf dem Hauptpostamt der damaligen Bundeshauptstadt Bonn einen Sonderstempel abholen. 

Ich war zwölf Jahre alt und hatte in Bonn eine fürsorgliche Verwandte, die mir über viele Jahre immer Ersttagsbriefe, Ersttagskarten und Sonderstempel besorgte. Ihr Mann war übrigens als Hauptmann und Geheimnisträger im Bundesverteidigungsministerium beschäftigt und vielleicht verfügte sie schon aus diesem Grund über eine gewisse Chuzpe. 

Jedenfalls verdanke ich es ihr, dass ich heute über eine ziemlich einmalige philatelistische Besonderheit verfüge: eine Adolf-Hitler-Postkarte, auf deren Rückseite eine Gustav-Heinemann-Briefmarke klebt, entwertet mit einem Sonderstempel vom Staatsbesuch des japanischen Kaiserpaars vom 13. Oktober 1971!

Hiroito Hitler Heinemann Briefmarke

Immerhin war der Tenno ja 30 Jahre vor diesem Besuch beim deutschen Bundespräsidenten schon Waffenbruder des Führers gewesen – eine erstaunliche Kontinuität, die Anfang der 70iger Jahre in einigen Tageszeitungen und auf zahlreichen politischen Demonstrationen thematisiert wurde. Auf meinem deutsch-japanischem Bundes-Nazi-Ersttags-Jubiläumsbrief wird diese Kontinuität eindrucksvoll dokumentiert.

Meine Bekannte hat wohl die alte Hitler-Karte einfach mit der neutralen Rückseite samt Heinemann-Marke zum Abstempeln vorgelegt. Erwischen lassen hätte sie sich wohl besser nicht sollen. Heute ist diese Karte sicherlich eine absolute Besonderheit. Vielleicht sollte ich sie dem Deutschen Historischen Museum anbieten? Oder einem reichen japanischen Sammler?

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bibliothek

Literarisches Quintett V: Nachkriegsbücher: Böll – Härtling – Meckel – Schlink – Tisma

Unter den 100 Büchern, die ich auf „Michael Kausch schreibt“ vorgestellt habe, befinden sich zahlreiche Werke, in denen die Autoren ihre Erfahrungen und Traumata aus dem Zweiten Weltkrieg aufgearbeitet haben. Und auch wenn ich selbst erst einige Jahre später geboren wurde und meine Kindheit in die sechziger Jahre fällt, so hat mich doch die Nachkriegszeit geprägt und ich erinnere mich noch an Dinge, die heute wie aus einem anderen Jahrtausend scheinen – und es ja tatsächlich auch sind:

In mein Elternhaus kam zwei Mal im Jahr der „Boandlkramer“, der Messerschleifer hielt vor der Tür, der Kohlehändler lieferte uns Kohlen, ab und an kamen fahrende oder wandernde Sänger des Wegs und direkt hinter dem Garten lagerten regelmäßig Sinti und Roma. Wir Kinder durften dann immer das Haus nicht verlassen: „Die Zigeuner stehlen die Kinder“ hieß uns mit ehrlich sorgenvoller Miene die Mutter.

Nicht zuletzt habe ich als Arbeiterkind in jenen Jahren den Wert von Brot auch noch in einer Unmittelbarkeit kennengelernt, in der ich die Erfahrungen von Heinrich Böll sehr wohl nachfühlen kann:

Heinrich Böll: Das Brot der frühen Jahre

Heinrich BöllBei Heinrich Böll geht es mir wie bei Günter Grass: seine frühen Werke sind mit die liebsten.

„Das Brot der frühen Jahre“ entstand schon 1955. Es ist ein Nachkriegsroman. Der Protagonist Walter Fendrich ist ein junger Mann, den der Krieg – wie Böll selbst beschreibt, „zum Wolf“ gemacht hat. Er kämpft im zerstörten Nachkriegsdeutschland ums nackte Überleben, ums tägliche Brot.

Es passiert nicht viel in diesem Buch. Es passiert Alltag: ein bisschen Diebstahl, ein bisschen Hurerei, ein bisschen Mutterliebe, viel Adenauer, viel Hunger, viel katholische Doppelmoral.

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Frisch gehört: Mulo Francel und Quadro Nuevo – Mare

Kopfreisen sind im Corona-Jahr ja schwer angesagt. Mulo Francel, der Kopf hinter der Weltmusikgruppe Quadro Nuevo, ist mir ein willkommener Reiseführer für einen solchen Trip. Mit seiner neuen Doppel-LP MARE hat er ein neues Ziel in seinem Reiseprogramm.

Als musikalischen Reiseveranstalter kenne ich Mulo Francel und seine Quadro Nuevo schon seit vielen Jahren. Angefangen hat alles mit Luna Rossa, dem Debüt-Album von 1998 und seinen schwer verliebten Tangos in bester Piazolla-Tradition. Wenig später folgte dann Tango Lyrico mit der wundervollen Evelyn Huber an der Harfe. In dieser Besetzung habe die Gruppe dann auch live gehört, auch deshalb, weil Evelyn Huber ganz früher mal, ehe sie ihre phantastische musikalische Karriere startete, bei meiner Frau zur Lehre ging.

Dann, so muss ich gestehen, hab ich Quadro Nuevo ein wenig aus dem Auge und vor allen Dingen aus den Ohren verloren. Nun mag ich zwar südamerikanische Rythmen und auch Tango und vor allen Dingen moderne und „jazzige“ Varianten südamerikanischer Musik – ich verehre zum Beispiel den argentinischen Bandoneon-Spieler Dino Saluzzi über alle Maßen – gleichwohl war ich vor einigen Jahren mit Quadro Nuevo „durch“ wie man so schön sagt.

Was für eine Fehleinschätzung!

Quadro Nuevo ist mehr als „nur“ Tango. Auf Weltreise mit Mulo Francel

quadro nuevo mareDurch Freunde wurde ich auf MARE aufmerksam, die Neuerscheinung von Quadro Nuevo, in der Mulo Francel mit recht unterschiedlichen Musikern die ganze Bandbreite seiner musikalischen Interessen und Fähigkeiten zelebriert. Mulo Francel selbst erklärt die Vielfalt der Stile als Resultat der Buntheit der Eindrücke aus umfangreichen Reisen der Musiker:

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herbst

Die Herbste kommen meistens allein

Die Herbste sind doch rechte Einzelgänger. Fast wie die Frühjahre. Und ganz anders, als die Winter und die Sommer. Wie verräterisch doch die deutsche Sprache ist: kein Mensch denk sich etwas dabei, wenn er liest, wie heiß und trocken die Sommer in den letzten Jahren waren. Oder wie kalt und weiß die Winter in frühen Kindheitstagen angeblich einst gewesen sind.

Aber die Herbste, sie sollen sich gefälligst nicht in pluralen Horden in unsere Sprache stehlen. Herbst und Frühjahr sind Einzelgänger, wahre Solitäre, singuläre Übergänge. Sie sind überhaupt gar nicht so richtige Jahreszeiten. Sie sind so irgendwas dazwischen. Zwischenzeiten. Sie schmuggeln sich zwischen die Sommer und die Winter. Immer nur vereinzelt. Sie sind keine Gattung, nicht wie die weißen Winter und die heißen Sommer. Sie sind einsame Schmuddelkinder.

Wenn sie sich schön machen, dann sind sie „Indian Summer“, also schon wieder eine Form der Sommer, in Deutschland „Altweibersommer“. Schöne Herbste gibt es nicht. Wie unfair sind die Jahreszeiten.

Gibt man bei Google „die sommer“ ein, so erhält man 1.060.000 Fundstellen, bei „die winter“ gar 1.610.000. „die herbste“ bringen es nur auf jämmerliche 8.430, „die frühjahre“ auf erbärmliche 1.980.  Hätte sich Vivaldi diese Relation zum Maßstab genommen, sein Herbst müsste nach 3 Sekunden vorbei sein, sein Frühjahr hätte er im Millisekundenbereich terminieren müssen. Ich habe das ausgerechnet. Mit Excel. 

Lasst uns der Herbste eingedenk sein

Dabei habe ich schon viele wunderschöne Herbste erlebt. Und tolle Frühlinge. Schon das Wort „Frühlinge“ ist bezaubernd schön. Wie … Schmetterlinge. Oder Egerlinge. Pfifferlinge. Inge. 

Lasst uns in diesem Herbst der vielen schönen Herbste gedenken, die hinter uns liegen und die noch vor uns liegen mögen. Wollen wir den Herbsten und Frühlingen ihr Recht auf Gemeinschaft einräumen zwischen all den Sommern und Wintern. Lasst uns die Herbste aus ihrer Singularität erheben.  

Lang Lang bringt dich sicher über den Goldberg

Lang Lang GoldbergvariationenOh ich war ja immer hin- und hergerissen, wenn ich Lang Lang hörte. Stets hegte ich heftigen Kitsch-Verdacht und sein Manierismus an den Tasten war mir nie geheuer. Als er sich nun über die Goldberg-Variationen her machte argwöhnte ich das Allerschlimmste und die Marketingmaschine die die Veröffentlichung seine Aufnahme begleitete war ja nun auch beängstigend. Doch die meisten Kritiken waren äußerst wohlwollend und ich war ob des Gehörten mal wieder hin- und hergerissen: technisch ist der Mann ja wirklich meisterhaft und seine Interpretation des viel gehörten Werkes ist, nun ja, jedenfalls interessant. So ganz konnte ich mich freilich nicht damit anfreunden Bach plötzlich als Romantiker einordnen zu müssen …

Wie herzerfrischend war es da endlich einen gnadenlosen Verriss zu lesen: Wolfram Ette schreibt Lang Lang im Freitag in Grund und Boden:

„Wenn Bach wie Chopin klingt … Wenn man diesseits aller Theorie anschaulich erleben will, wie Kulturindustrie heute läuft, sollte man sich mit der Neueinspielung der Goldberg-Variationen des chinesischen Pianisten Lang Lang auseinandersetzen. … Die Aria klingt bei Lang Lang wie Chopin, delirant kommen die Verzierungen als schwankende Gestalten daher, die nichts zu erkennen geben, außer den Wunsch aufzufallen. Die extremen Temposchwankungen der Variationen wirken willkürlich; alles ist gestelzt, gesetzt, leerer Ausdruck. Das ganze Gebäude gerät bei Lang Lang ins Rutschen, alle Wände verschieben sich ständig gegeneinander wie auf Bildern von Escher. Aber es ist nicht „Dekonstruktion“, sondern Willkür als knallhartes Kalkül, das nur eine einzige Währung kennt: die der zerstreuten und zersplitterten Aufmerksamkeit der Hörerinnen und der Hörer. Flach vor Tiefe hat Lukács dieses Phänomen genannt, Adorno nennt es den Fetischcharakter der Musik. Aber es reicht auch, wenn man findet: Es ist Kitsch.“

Danke Meister Ette. Mein Weltbild ist wieder eingenordet.

kurz kurz kurz lang lang lang kurz kurz kurz.