verschwörungstheorien

Die Verschwörungstheorien sind die schlimmere Pandemie

Warum Filterblasen und Echokammern eine große Herausforderung für unsere Demokratie sind. Ein Beitrag zur Diskussion.

Im Lager der Querdenker verhochzeiten sich Coronaleugner und Neonazis zu einer unheiligen Allianz. Dabei sind natürlich nicht alle Impfskeptiker Nazis und nicht alle Neonazis misstrauen deutschen Virologen.

Warum aber treffen sich Bannerträger der Reichkriegsflagge, Neonazis, Blut- und-Boden-Ökos, Abtreibungsgegner, Parawissenschaftler, Kreationisten, Klimawandelleugner, Antisemiten, Esoteriker und Impfgegner unter Regenbogen und Hakenkreuz? Warum werden die Grenzen so unscharf? Warum treffen sich die Anhänger dieser scheinbar so unterschiedlichen Gruppierungen durchaus in den gleichen Filterblasen und Echokammern und tauschen dort die immergleichen Vorurteile und Mythen aus? Warum halten sie untereinander nicht einmal mehr den Mindestabstand von eineinhalb Metern ein und pochen gegenseitig auf Toleranz, weil sie ja vorgeblich alle von den „Systemmedien“ und „Systempolitikern“ ausgegrenzt werden?

Alle diese Gruppen eint, dass sie sich ausgegrenzt fühlen und dass sie sich selbst ausgrenzen – und dass sie damit unsere demokratische Gesellschaft in Frage stellen!

Sind Filterblasen und Echokammern die Ursachen des Problems?

Es scheint, dass das Internet und die sozialen Medien Schuld sind am Aufkommen von Verschwörungstheorien und an der Verfestigung undemokratischer Tendenzen in unserer Gesellschaft. Am rechten Rand bilden sich Gegenkulturen aus Aussteigern, Spinnern, Rassisten und Neonazis.

Tatsache ist:

  • Rassisten, die noch vor ein paar Jahren ihre Meinung nicht öffentlich zu formulieren wagten, äußern sich nun öffentlich im Internet, manchmal anonym, immer öfter aber auch offen sogar unter Nennung ihres Namens.
  • Menschen, die sich politisch am Rande des demokratischen Meinungsspektrums bewegen und bislang nicht öffentlich äußerten schließen sich Rassisten und Faschisten an, die sich immer stärker formieren und organisieren.
  • Ehemalige demokratische – konservative und fortschrittliche – Meinungsmacher (Journalisten, Influencer) schlagen sich auf die Seite von reaktionären Verschwörungstheoretikern und zum Teil Rassisten und Faschisten.
  • Die Grenzen zwischen Verschwörungstheoretikern, Ökokonservativen, Nationalkonservativen und Neonazis verschwimmen.
  • Viele von uns haben schon gute Freunde, Kolleginnen, Kollegen oder Familienmitglieder verloren.
  • Die Bewegung radikalisiert sich und wird zunehmend militant. Mordaufrufe sind an der Tagesordnung.

Nochmal zur Klarstellung: Ich werfe nicht alle diese Menschen in einen Topf. Viele dieser Menschen werfen sich selbst in einen Topf. Ich sehe in den Timelines von demokratischen Impfskeptikern zunehmend Kommentare, in denen erklärt wird, dass Merkel die Demokratie abgeschafft habe und in denen ein Widerstandsrecht gegen Journalisten erklärt wird. Wer behauptet, wir würden angesichts der aktuellen Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie – die man gut oder schlecht finden kann – in einer Diktatur leben, wer daraus ein Widerstandsrecht ableitet, der macht sich gemein mit jenen, die in Washington das Capitol gestürmt haben, die zur Wahlfälschung aufrufen, die in Deutschland Politiker und Journalisten zunehmend körperlich bedrohen. 

Es ist schwierig mit Betroffenen umzugehen, sie vor dem Abdriften in die Szene zu bewahren, die Szene zu bekämpfen. Wir haben keine verbindliche Strategie und wir haben keine Erklärung für die Ursachen. Oder korrekter: Wir haben viele!

Die zwei großen Trends: Die Legitimationskrise der Wissenschaft und die Legimitationskrise der demokratischen Institutionen

Gegenwärtig überlagern sich zwei Trends, die wir sehr klar voneinander unterscheiden müssen:

  • Ein kurzfristiger Trend des Vertrauensverlustes von Wissenschaft und Forschung in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. Dieser Trend erklärt sich zum Teil aus dem zweiten Trend, den er zugleich erheblich verstärkt:
  • Ein langfristiger Trend, gekennzeichnet aus einer wachsenden Legitimationskrise demokratischer politischer Institutionen (und Parteien), der einhergeht mit erstarkenden Verschwörungstheorien und wachsenden autoritären und zum Teil offen antisemitischen, rassistischen und faschistischen politischen Bewegungen.

Die Legitimationskrise der Wissenschaft

Beginnen wir mit der Vertrauenskrise in die Wissenschaft. Diese hat unmittelbar mit der schlechten Vermittlung von Wissenschaft und Forschung und mit der übersteigerten Erwartungshaltung an die Lösungskompetenz von Wissenschaft zu tun.

Mit dem Aufkommen der Corona-Krise Anfang 2020 sind Erwartung an und Vertrauen in die Wissenschaft anfangs sprunghaft gestiegen und dann Zug um Zug mit der Wahrnehmung des Diskurs-Charakters der Wissenschaft gefallen:

Die Wissenschaft wurde in eine Rolle gedrängt, die eigentlich in der Demokratie Politikern vorbehalten sein muss. Die allgemeine Erwartungshaltung aber war: Wissenschaftler sollten das Corona-Problem lösen. Politikern traute man diese Kompetenz nicht mehr zu. Journalisten hatten das Vertrauen ohnehin schon lange verspielt:

Eine Erosion des Vertrauens in die Wissenschaft findet erst in allerletzter Zeit und nur in einer Minderheit der Gesellschaft statt:

Dass in sozialen Medien den Argumenten aus Wissenschaft und Forschung so arg misstraut wird, aber hat kurzfristige Ursachen:

  • Überforderung der Wissenschaft
  • Wissenschaft besteht aus Konflikt und Diskurs: Wissenschaftler ringen mit unterschiedlichen Meinungen um Wahrheit
  • Wissenschaft ist eine Ansammlung unterschiedliche Disziplinen
  • Hinter der Wissenschaft stehen immer auch ökonomische und politische Interessen
  • Defizite in der Wissenschaftskommunikation
  • Defizite in der politischen Kommunikation

Die Legimitationskrise der Demokratie

Die Corona-Krise hat die Verschwörungstheorien nochmals befeuert. Grundsätzlich ist der Trend zu irrationalen Bewegungen aber ein langfristiger Trend, der bereits in den 90er Jahren eingesetzt hat und der nur als Legitimationskrise der Demokratie zu begreifen ist. Eine ähnliche tiefgreifende Krise war in den 30er und 40er Jahren mit dem Aufkommen der verschiedenen Formen des Faschismus und mit dem Erstarken des Antisemitismus in fast allen Industriestaaten bereits festzustellen. Damals ging diese Legitimationskrise einher mit dem Aufkommen der Massenmedien (heute mit den sozialen Medien). Typische irrationale Erscheinungsformen damals waren z.B. Horoskope, Astrologie, Antisemitismus und die Renaissance aller rassistischen Ideologien.

Der heutige Trend zur Irrationalität ist nicht neu und wird nicht von den sozialen Medien verursacht. Nahezu alle Erscheinungsformen, die wir den sozialen Medien zuschreiben gab es bereits vor dem Aufkommen des Internet. Sie wurden durch das Internet bloß neu geformt.

Die psychologische Ebene

Die wesentlichen Phänomene sind vielfach in psychologischen oder soziologischen Labor- oder Feldexperimenten nachgewiesen worden:

a) Selbstbestätigungsdrang

Menschen teilen Neuigkeiten vor allem dann, wenn sie die eigene Meinung bestätigen.

b) Parteiliche Voreingenommenheit

Abweichende Meinungen werden in der Regel abgewertet.

c) Motivierte Argumentation

Erhaltene Informationen werden nach dem Maßstab eigener Vorurteile interpretiert.

d) Rückstoßeffekt

Werden Gegenargumente zu eigenen Meinungen aufgenommen, so bewirken diese häufig sogar noch eine Verhärtung der eigenen Position. Ein Beispiel: Erhält ein Impfgegner plausible Argumente, die für eine Impfung sprechen, so wird er sich erst recht gegen Impfungen aussprechen – auch mit irrationalen Begründungen. Dies tut er innerhalb einer Gruppe von Impfgegnern, um sich der psychischen Anstrengung von Meinungsänderungen entziehen zu können.

e) Gruppenpolarisierung

Man orientiert sich entlang einer vorhandenen Argumentationslinie in einer Gruppe und spitzt diese Argumentation weiter zu. Dies gilt insbesondere in anonymen Gruppen. Die Zuspitzung ist der „Mehrwert“, den man einbringt.

f) Emotionale Ansteckung

Man orientiert sich emotional an Meinungsführern.

g) Fake-News-Wert-Effekt

Vorhandene Falschmeldungen werden nochmals zugespitzt und verstärkt, da die Zuspitzung stärkere Aufmerksamkeit und soziale Akzeptanz verspricht.

Alle diese Mechanismen gibt es bereits in der Offline-Kommunikation. Sie werden online und in sozialen Medien nur verformt und zum Teil intensiviert.

Die gesellschaftliche Ebene

Betrachten wir diese Phänomene, so erkennen wir, dass es sich nicht um neue Phänomene handelt, die erstmals durch soziale Medien ausgelöst wurden. Das ist alles nicht wirklich neu. Eine weitergehende Analyse der Inhalte der Verschwörungstheorien würde nun zu Parallelen zwischen der aktuellen Krise und der Krise der 30er und 40er Jahre weisen:

Kritisiert wird von den Verschwörungstheoretikern, dass die demokratischen Gesellschaften eben das nicht einlösen, was sie einzulösen vorgeben :

  • Transparenz
  • Sicherheit
  • Geborgenheit
  • Gleiche Chancen für alle

Der Kern aller Verschwörungstheorien: der Antisemitismus

Ich möchte das an einem Beispiel erklären: Antisemiten kritisieren „am Juden“ zumeist das, was eigentlich das bürgerliche Ideal ist: den wirtschaftlichen Erfolg. Eigentlich soll in unserer Gesellschaft jeder, der fleißig ist, wirtschaftlich erfolgreich sein und gesellschaftlich aufsteigen. In der Wirklichkeit funktioniert das natürlich nicht. Dieses Urbild des Erfolgs projiziert der Antisemit auf den Juden. Jüdische Menschen sind leider auch nicht erfolgreicher als nichtjüdische. Das ist das Irrationale am Antisemitismus. Ich bin mir sicher, dass ganz ähnliche Mechanismen – die Projektion des Scheiterns – auch heute noch den Kern des aktuellen Faschismus ausmacht, in der AfD nicht weniger als bei den Querdenkern.

Das Reaktionäre im Programm der AfD bezeugt ja dieses Scheitern. Der AfD-Wähler will zurück in die scheinbare Idylle der 50er Jahre, weil sich für ihn das Wohlstandsversprechen nicht eingelöst hat. Da wohl Kohls Landschaften nicht erblüht sind,  ist die Verklärung der Vergangenheit am stärksten ausgeprägt. Da wo es die wenigsten Ausländer gibt, ist der Ausländerhass am ausgeprägtesten. 

Historisch sind Verschwörungstheorien immer dann und dort erstarkt, wo die soziale Differenzierung und die ökonomische Verelendung massiv zugenommen haben. 

Von der Schwierigkeit gegen die Verschwörer zu argumentieren und mit ihnen zu diskutieren

Auch deshalb ist es so schwer gegen Verschwörungstheoretiker zu argumentieren:

  • Im Kern sind sie das Ergebnis des Scheiterns unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, jedenfalls so wie wir sie kennen und wie sie sich in den letzten Jahren entwickelt hat.
  • Offensichtlichen Unfug (Bill Gates trinkt Kinderblut) lassen sich die Verschwörer nicht ausreden (siehe oben). Die Harten machen zu, die Weichen erklären, das sei nicht ihre Meinung und zu den Äußerungen einiger „Spinner“ wolle man sich nicht äußern. Das seien Minderheitspositionen.
  • Wir erreichen die Verschwörer nicht über unsere Kanäle:
    Sie interessieren sich viel weniger für Wissenschaft:
Wissenschaftsinteresse

Grafik: Kausch, Daten: Wissenschaftsbarometer 2020

  • Viele informieren sich in anderen Quellen:
Informationsverhalten

Grafik: Kausch; Daten: Wissenschaftsbarometer 2020

Die Wähler von Linken und vor allem der AfD unterscheiden sich in ihrem Recherche-Verhalten bei wissenschaftlichen Inhalten deutlich von anderen: AfD-Wähler informieren sich häufig in Blogs und Foren, also tendenziell häufiger in Filterblasen und Echokammern, als die Wählerinnen und Wähler anderer Parteien. Wir erleben also eine politische Segmentierung rechter Wählerströme im Internet.

Wer die große Pandemie der Verschwörungstheorien erfolgreich bekämpfen will, der muss das soziale Auseinanderdriften unserer Gesellschaft beenden. Der muss für Wissen und Gerechtigkeit eintreten. Verschwörungstheorien sind eine soziale Herausforderung. Gute Argumente werden nicht reichen. Gute Politik ist notwendig.


Titelbild: Nomad_Soul  @ stock.adobe.com

2 Gedanken zu „Die Verschwörungstheorien sind die schlimmere Pandemie“

  1. Hallo Michael

    ein paar Gedanken dazu von mir:

    These „Alle diese Gruppen eint, dass sie sich ausgegrenzt fühlen und dass sie sich selbst ausgrenzen – und dass sie damit unsere demokratische Gesellschaft in Frage stellen!“

    Zum ersten Teil: klar fühlen sie sich ausgegrenzt. Aber dass sie es primär selbst tun, kann man so nicht stehen lassen. Ob beim Klimawandel, Gentechnik, Pflanzenschutz oder eben der Pandemie gibt es nicht die eine ultimative, die finale Wahrheit. Es würde zu weit führen das hier im Detail auszuführen. Bekannt sein dürfte, dass es zu jedem Thema Minderheitenmeinungen gibt. Und bekannt ist auch (und im Artikel bestätigt), dass Wissenschaft noch nie nach Mehrheitskonsens funktioniert hat. Also stellt sich die Frage, wie wird mit der Minderheit umgegangen. Mir gelingt es spontan nicht ein einziges Beispiel zu nennen, wo eine Minderheitenmeinung nicht mit persönlicher Ausgrenzung einher ginge. „Shoot the messenger“ ist eine der beliebtesten Sportarten dieser Tage geworden. Der sich nach meiner Beobachtung nur in einer politischen Echokammer, der linken, ausgebreitet hat.

    Zum zweiten Teil: gefährdet das die Gesamtheit der demokratischen Gesellschaft? Oder womöglich nur die Wohlfühlblase jener, die sich im Besitz der vollkommenen Wahrheit wähnen?

    These „Die Legitimationskrise der Wissenschaft“

    Bleiben wir beim Beispiel der Covid-19 Pandemie. Jahrzehntelang galt (so ziemlich) weltweit die These als unumstößlich, dass Epidemiologie das Fachgebiet der Pandemiebewältigung wäre. Dass man sie ignoriert und unterfinanziert hat, ändert daran erstmal nichts. Kaum sind wir in der Pandemie gilt das Wort des Epidemiologen gar nichts und etwa die Virologie als einzig vorstellbares Fachgebiet zur Bewältigung. Und hier kommt es auch ganz schnell der Rückschluss mit dem oben Gesagten: wie wird mit dem Epidemiologen umgegangen? Welche Bedeutung hat das Wort eines Klaus Stöhr oder Anders Tegnell in der Gesellschaft, in der Presse, in den Social Medien oder gar bei der Regierung?

    These „Die Wissenschaft wurde in eine Rolle gedrängt, die eigentlich in der Demokratie Politikern vorbehalten sein muss. Die allgemeine Erwartungshaltung aber war: Wissenschaftler sollten das Corona-Problem lösen.“

    Was die Erwartungshaltung der Bevölkerung war oder ist kann ich nicht vernünftig einschätzen. Für gegeben halte ich nur, dass die Erwartung Wissenschaftler würden politische Probleme lösen, sowas von daneben ist. Insofern sehe ich die kurzfristigen Folgeschäden sehr schön im Artikel herausgearbeitet.

    Zur Psychologie kann ich wenig beitragen.

    Dass aber der Antisemitismus (und Rassismus und co.) da einen ursächlichen Beitrag leisten, halte ich für sehr weit hergeholt. Es ist auch nicht durch Indizien belegt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.