beiträge über analoge und digitale kultur

Von Facebook zensiert und ausgesperrt

Heute wurde ich das erste Mal von Facebook zensiert und ausgesperrt. Ausgerechnet mir, der ich mich stets liebevoll und fürsorgend vor wirklich jeden britischen Insulaner werfe, wenn man ihn des gehobenen Irrsinns bezichtigt, wurde vorgeworfen auf Facebook gegen die „Gemeinschaftsstandards zu Hassrede“ verstoßen zu haben. Und das kam so:

Mein Freund und Czyslansky-Gründer Tim Cole, übertriebener Liebedienerei eher abgeneigt, fand auf seinem Facebook-Kanal klare Worte in Bezug auf den für kommenden Freitag angekündigten Brexit: „F*ck you GB!“

Brexit

Mich veranlasste dies zu einem – wie ich meine – deutlich differenzierterem und wohlfeil poetischerem Kommentar: „Es hat sich nichts geändert: die Schotten sind ganz dicht, die Engländer nicht.“

Dergestalt wollte ich darauf hinweisen, dass die Schotten einerseits über den erheblich besseren Whisky verfügen, dem sie angesichts des Brexits nunmehr intensiver zugetan seien, als die Engländer, andererseits seien die Schotten – im übertragenen Sinne – in der Einwanderungspolitik nach dem Brexit nunmehr dichter geworden. Die Engländer wiederum verfügten stets über prozentual weniger Dichter, als die Schotten.

Na ja, wie dem auch sei… Mein kleiner unscheinbarer Satz lässt sich mannigfach interpretieren. Allein Facebook tat dies nicht. Facebook reagierte seltsam unwirsch und zwar binnen weniger Minuten: Mein Eintrag wurde gelöscht mit dem Hinweis, es handele sich um Hassrede und Hetze.

Facebook überprüft seine Einschätzung in zwei Minuten. Ja wie denn? Ja was denn? Ja wer denn?

Selbstverständliche könne man diese Einschätzung überprüfen lassen, was ich selbstredend umgehend veranlasste. Zwei Minuten später kam das Prüfergebniss: eine Überprüfung ergab, dass es sich tatsächlich um Hassrede handele. Ja wie machen die das denn? Das Zensurprogramm prüft sich da wohl selbst? Ein Algorithmus prüft sich  selbst?  Anders kann das so schnell doch gar nicht gehen. Und anders ist das Ergebnis auch gar nicht nachvollziehbar. „F*ck you GB“ ist schon ok, aber „nicht ganz dicht“ ist eine Hassrede? Wer wurde denn eigentlich beleidigt? Die Schotten? Die Engländer?

Es folgte auch gleich noch ein eine Aussperrung

Wenig später folgte dann auch gleich noch eine Aussperrung, ein Redeverbot in Facebook für 24 Stunden:

Facebooksperre

 

Für 24 Stunden darf ich in Facebook nichts mehr veröffentlichen und nichts mehr kommentieren, wegen des Satzes „die Schotten sind ganz dicht, die Engländer nicht“!

Der Satz mag einem gefallen oder nicht, aber das ist doch wohl keine Volksverhetzung!

Natürlich geht es darum, persönliche Beleidigungen und Volksverhetzung in den Netzen zu verhindern. Aber das ist hier doch wohl ein Witz. Und wenn ich mir vorstelle, dass Upload-Filter, wie sie die Europäische Union fordert, künftig so funktionieren, wie die Selbstzensur von Facebook, dann kommt mir das nackte Grauen.

Blockwart-Mentalität ist nicht die Alternative zur Hetze im Netz!

Das hat ja Konsequenzen. Man ist ja nicht nur als Privatperson blockiert. Ich zum Beispiel betreue auf Facebook auch die Seiten einiger Unternehmen und eines Bundestagsabgeordneten. Und die Aussperrung behindert mich auch in meiner Funktion als Administrator dieser Seiten.


Auch nach einem Tag erlaubt es mir Facebook nicht den Vorgang  direkt auf Facebook zu kommentieren. Joachim Herbert hat ja in seinem Kommentar gemeint, Facebook würde Hasskommentare nur auf Antrag verfolgen. Ich wollte dies korrigieren. Meine Kommentarfunktion hat Facebook aber noch immer gesperrt. Facebook verhindert, dass ich dies richtigstelle:

Unerträglich.

 

 

 

Ich bin ein Fan von Post und Bahn

Eben habe ich mich wieder einmal aufgeregt über das beliebte Post- und Bahn-Bashing auf Facebook und Twitter. Dabei ist die Häme über die Öko-Schwedin in Bodenhaltung noch nicht einmal eine Woche alt.

Munteres Bahn-Bashing wegen einer Öko-Schwedin in Bodenhaltung

Als gäbe es sonst keine Nachrichten zogen die großen Tagesmedien einmal mehr über die Bahn her, weil Greta Thunberg im überfüllten und offenbar beschädigten Zug der Deutschen Bahn keinen Platz gefunden hatte und einige Kilometer auf dem Boden sitzen musste. Eine ganze Nation stellt den Kamm auf, weil eine Siebzehnjährige im Zug keinen Sitzplatz bekommt? Ehrlich jetzt? In dem Alter habe ich unzählige Bahnkilometer auf den putzigen Klapptischchen in vollbesetzten Gängen deutscher Züge verbracht oder auch lümmelnd direkt in den Eingangsbereichen krachend voller Waggons. Die „Erste Klasse“ kannten wir vom Hörensagen. 

Und heute mokiert sich ein wirklich lieber und kluger Freund auf Facebook über die Post. „Lange Schlangen, unfreundliche Mitarbeiter, wie in der DDR …“ – das Übliche eben.

Ich mag die Post. Da kostet eine 80-Cent-Marke immer 80 Cent und nicht mal 70 Cent, ein andermal 95 Cent, je nachdem, ob die Nachfrage gerad hoch ist oder niedrig und ob ich Werbung auf der Marke akzeptiere oder nicht.

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Die Hybridisierung der Fortbewegung – eine automobile Genese

Ich habe es getan. Gestern. Ich habe meine Katze zum Teufel gejagt. Ich habe mich hybridisiert. Gretisiert. Elektrifiziert. Jedenfalls fast.

Ich gehöre ja  einer Generation an, für die Automobilität tatsächlich noch ein Freiheitsversprechen war.

In der fränkischen Provinz, also da wo ich groß gemacht wurde, kam man in den siebziger Jahren ohne Auto exakt nirgendwo hin: in kein Konzert, in kein Kino, in keine Kneipe, in überhaupt kein „K“. Höchstens in die Kirche.

Der Autor als Führer – also der Autor im Führerschein. Ein historisches Dokument der frühen Mobilität.

Mit 15 schaffte man sich ein Mofa an – nein, als frankophiler Franke natürlich eine Solex. Mit 18 hatte man dann den Führerschein und irgendetwas, was annähernd wie ein Auto aussah, also eine Blechschachtel, die von Heißkleber, Glaube und Hoffnung zusammengehalten wurde. Erinnert sich jemand an die legendäre Zündfunkserie von Achim Sechzig Bogdahn aus  Frammersbach mit dem „Führer“, der als einziger in seiner Jugend-Clique einen Führerschein besaß? So war das Leben Jahre zuvor auch an der Rezat: wer einen Schein hatte trank Wasser und fuhr die ganze Combo durch die Nacht. Wer keinen Schein hatte soff. Autofahren war gesund und hielt die Leber klein. So war das damals.

Wer in dieser Kultur groß gemacht wurde, für den war das Auto immer mit Transportaufgaben verbunden:

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High End 2019

Die High End 2019 – Ein Rundgang über die Hifi-Messe

Die High End ist die Weltleitmesse der gehobenen Audio-Kultur. In diesem Jahr war ich leider gut mit Terminen eingedeckt und kam nur wenig zum Fotografieren. Trotzdem will ich hier einige persönliche Highlights der High End kurz in Bildern vorstellen – High End vom röhrenden Bugatti by Accuton bis zur Edel-Röhre von Michael Franken.:

Western Electric

Bild 1 von 7

Immer ein Höhepunkt: Western Electric Lautsprecher bei den liebenswert Durchgeknallten von Silbatone. Dieses Mal lief "die Knef".

 

Zum Bugatti hab ich einen eigenen Bericht verfasst, schon vor der Messe: Presto Possibile.

Und früher gab’s die High End auch schon: HighEnd 2016

Und als ganz besonderes Erlebnis: High End 2013

bill gates 1994

Mit Bill Gates in der Alten Oper

Manchmal stößt man wirklich auf vergessene Schätze in den Tiefen der heimischen Festplatten. Hier eine Aufzeichnung meiner Anmoderation von Bill Gates auf den Mittelstandstagen von Microsoft Deutschland in der Alten Oper in Frankfurt am Main. Das muss irgendwann im Sommer1994 gewesen sein, denn ich nehme Bezug auf den berühmten Fauxpas von Kanzler Kohl, der  am 3. März des Jahres in RTL bei Hans Meiser auf die Frage des damaligen Microsoft Deutschland Chefs Christian Wedell zum Stand der Datenautobahnen antwortete: 

„Ja, da sind wir ja mitten in der Diskussion, das weiß hier ja kaum einer besser als Sie, und Sie wissen auch wie heftig umstritten das ist. Die Zukunft läuft in diese Richtung, aber wir brauchen dafür Mehrheiten und wir sind ein föderal gegliedertes Land und Autobahnen sind elementar, auch mit Recht, in der Oberhoheit der Länder. Der Zustand den wir jetzt auf den Autobahnen haben ist dergestalt, dass wir wissen, wann wir überhaupt nur noch von Go and Stop auf Autobahnen reden können.“

Hier die Anmoderation, schon mit Fliege, aber noch mit richtig vielen Haaren:

 

Es gibt leider nur wenige Dokumente meiner damaligen regelmäßigen Arbeit für und mit Bill Gates. Eine Pressekonferenz mit ihm in Moskau kommt mir noch in den Sinn: 

Mit Bill Gates in Moskau – von Microsoft, dem KGB, einer Nutten-Bar und dreiäugigen Beamern

Volksfest

Lust der Täuschung – The Centrifuge Brain Project

Am Wochenende war ich in der sehr sehenswerten Ausstellung „Kunst der Täuschung“ in der Münchner Kunsthalle. Dort beeindruckte mich unter anderem ein Videobeitrag über ein technologisches Forschungsprojekt, das auch unserem alten Czyslansky angemessen gewesen wäre. Ich kann mir auch die Filmbesprechung sparen. Schließlich gibt es das Video über das „Centrifuge Brain Project“ auch hier zu sehen:

 

Iran

Zwischen CIA-Kampagne, Stalinismus und Menschenrechtsorganisation

Im vergangen Jahr rotierte ich mitten in der „Achse des Bösen“,  wie US-Präsident George W. Bush den Iran gemeinsam mit Staaten wie Nordkorea und Irak im Jahr 2002 nannte. Meine Rotation gelang mittels eines Eisenbahnzugs und sie führte mich quer durchs Land, von Teheran über Mashad und Kerman, durch die Wüste und das Bergland bis in die persischen Traumstädte Isfahan und Shiraz. Vor allem aber machte mich diese Reise mit wunderbaren Menschen in einem wunderbaren Land bekannt. Ich habe darüber ja ausführlich in meinem fünfteiligen Reisebericht zum Iran erzählt.

Freilich bleibt einem als kritischer Tourist immer bewusst, dass man sich zugleich durch das Land mit den weltweit meisten Todesstrafen, mit zahllosen politischen Gefangenen und heftiger Unterdrückung der Menschenrechte bewegt. Der Iran ist nicht einfach ein „Zentrum des Bösen“, aber auch keine Urlaubsidylle, sondern ein autoritär geführter Staat mit zahlreichen offenen, hilfsbereiten und freundlichen Menschen darin.

Und freilich will man, wenn man viel Geld für eine Bildungsreise investiert, nicht einfach ein ungewolltes Regime stabilisieren, sondern sich solidarisch mit den Rechtlosen, mit den Opfern zeigen. Also informiert man so gut man eben kann in seinen Kreisen über die Wirklichkeit im Iran, wirbt für die Menschen, nicht für das Regime. Und man ist froh, wenn man Menschen trifft, die sich von Deutschland aus für politische Gefangene im Iran einsetzen.

So wurde ich  auf den gemeinnützigen in Berlin ansässigen „Verein für Nothilfe e.V.“ aufmerksam und geriet damit sogleich in vielfache Verwirrung.

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The Educated Monkey

Ich bin mir wirklich nicht sicher, ob ich den guten alten Rechenschieber aus meiner Schulzeit – stimmt: ich bin kein digital native! – noch bedienen könnte. Aber Spaß würde es bestimmt nicht machen. Spaß hat er nie gemacht. Ganz anders mein neuer Rechenknecht, den ich vor ein paar Tagen erstanden habe: der Educated Monkey!

Educated Monkey

Mein neuer Rechen-Affe

Das schlaue Kerlchen kann alles, was man so rechnerisch im Alltag braucht: addieren, subtrahieren, multiplizieren, dividieren. Mit stoischer Miene beweist der kleine Affe seine Intelligenz. Beziehungsweise die Intelligenz seines Schöpfers William Robertson. Der hat den kleinen blechernen Rechenknecht am 3. September 1915 zum Patent angemeldet, welches er am 27. Juni 1916 auch für die Educational Novelty Company in Dayton, Ohio erhalten hat (Quelle).

Dem Original des Educated Monkey war eine Gebrauchsanweisung beigefügt mit einem bedenkenswerten Satz:

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Umfrage zum Diversity Management – Der Mittelstand hat Nachholbedarf

Für den Unternehmerkreis (MUK) habe ich im Frühsommer 2018 eine Umfrage unter oberbayerischen Unternehmen zum Stand ihres Diversity Managements durchgeführt. Die Ergebnisse sind überaus aufschlussreich:

  • Diversity Management ist heute bereits ein breiter Trend, der in vielen Unternehmen aufgegriffen wird. In jedem zweiten Unternehmen werden Konzepte realisiert, die unter dem Stichwort Diversity Management subsumiert werden können. Dabei hat der Mittelstand noch den größten Nachholbedarf.
  • Diversity Management wird nicht aus philanthropischen Gründen betrieben, sondern aus harten betriebswirtschaftlichen Erwägungen heraus. Vor allem geht es um die Sicherstellung des benötigten Fachkräftepersonals.
  • Die Ergebnisse der bestehenden Diversity-Management-Projekte werden sehr positiv eingeschätzt: die Produktivität der Betriebe verbessert sich, die Mitarbeitermotivation nimmt zu und das Image der Unternehmen kann optimiert werden.
  • Im Zentrum der Projekte stehen derzeit Modelle zur Flexibilisierung der Arbeit. Besonders häufig werden bereits Home-Office-Arbeitsplätze eingerichtet.
  • Die wichtigste Zielgruppe sind derzeit Frauen. Viele Projekte richten sich aber auch an jüngere und ältere Beschäftigte und an Menschen mit Migrationshintergrund.
  • Viele Diversity-Management-Projekte sind derzeit noch unzureichend organisiert: häufig fehlt es an klar zugewiesenen Budgets, an einer schriftlichen Dokumentation und an einer regelmäßigen internen Information.

Diversity Management – Was ist das eigentlich?

„Achte darauf, dass ein Stellvertreter immer ein anderer Charakter ist, als derjenige, um dessen Stellvertretung es geht!“

„Fördere im Unternehmen jene, die anders sind, als du selbst!“

Diese und ähnliche Regeln bestimmen schon seit vielen Jahrzehnten das Recruiting und Management in zahlreichen Firmen.

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Die Große Koalition ist keine sozialdemokratische Bürgerpflicht

179 Seiten Koalitionsvertrag, ein ehemaliger Parteivorsitzender, der nicht Minister werden darf, geschäftsführende Minister, die nicht mehr Minister werden sollen, ehemalige Minister, die noch nicht Parteivorsitzende werden dürfen, eine SPD, in der die Mitglieder nicht nur über eine Regierungsbeteiligung der SPD abstimmen werden, sondern insgeheim auch noch darüber, ob ein bayerischer Ministerpräsident deutscher Heimatminister werden kann. Eine tolle Zeit für die Demokratie.

Ja: eine tolle Zeit für die Demokratie, denn wir sind unmittelbar am politischen Willensbildungsprozess beteiligt, wir diskutieren, wir kritisieren, wir leben Demokratie.

Aber diese Politik macht schon verdammt viel Arbeit. Man muss sich zu allererst mal durch 179 Seiten Zumutungen durcharbeiten. Und damit möchte ich einsteigen: mit einem kritischen Blick auf den Koalitionsvertrag, auf einen Vertrag, der unter den gegebenen politischen Mehrheitsverhältnissen kurzfristig eine erträgliche und in Ansätzen auch eine taugliche Grundlage für eine Regierungspolitik sein kann.

Anschließend möchte ich darlegen, warum ich trotzdem und erst recht heute GEGEN eine Große Koalition bin. Und schließlich möchte ich die SPD dazu ermuntern, sich nicht aufzugeben und aufzulösen. Die Sozialdemokratie hat nicht nur Vergangenheit, sie hat auch Zukunft.

Der GroKo-Koalitionsvertrag

Der Koalitionsvertrag, das sind 179 Seiten mit vielen guten und leider auch vielen weniger guten Dingen, v.a. aber mit zahlreichen obskuren Zufälligkeiten. Und es geht wirklich nicht darum, ob sich hier SPD oder Union mehr durchgesetzt haben und ob die Kanzlerin mehr geqietscht oder die rote Andrea mehr gekrächzt hat.

Aber die SPD Unterhändler waren schon fleißig. Das merkt man daran, dass viele Formulierungen aus SPD-Papieren Eingang gefunden haben:

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