Alle Beiträge von Michael Kausch

Michael Kausch bloggt auch auf vibrio, Digisaurier, Travellers Insight, twittert unter www.twitter.com/michaelkausch, facebookelt hier und googelplusst hier.
Advance Playstream A7

Der Streaming Vollverstärker Advance Playstream A7 im Test – C’est Paris merveilleux

„C’est Paris merveilleux“ – An diese letzte Zeile des großen Chansons „Les Prénoms de Paris“ von Jacques Brel musste ich denken, als der Streaming Vollverstärker Advance Playstream A7 von Advance Paris für einige Tage bei mir zu Gast war. „Es ist das wunderbare Paris“, das könnte auch als Überschrift über diesem kleinen Testbericht stehen.

Denn wunderbar ist es, was diese kleine schwarze Französin bei mir in den Raum gezaubert hat. Und dabei bin ich eigentlich eher ein altmodischer Röhren- und Vinyl-Junkie, während es sich bei der A7 – und es muss sich bei der französischen Finesse und Eleganz, die dieses Gerät ausstrahlt, ganz klar um etwas weibliches handeln – um ein Hifi-Gerät der modernen digitalen Gegenwart handelt. Die A7 ist – ja was ist sie eigentlich? Vollverstärker, Streamer, DAB- und UKW-Tuner, DAC, Netzwerk-Player, Phono-Pre … ?

Aber fangen wir doch mal mit den  Äußerlichkeiten an:

Advance Playstream A7

Im kleinen Schwarzen

Das Gehäuse besitzt klassisches Gardemaß (43 x 37 x 13,5 cm) mit hochglänzender Front und fein gezeichneter Beschriftung. „Fein gezeichnet“ heißt: es ist hübsch anzusehen, aber von größerer Entfernung aus nicht wirklich gut ablesbar. Man muss sich der hübschen Französin also schon nähern, wenn man etwas von ihr will, es sei denn, man nutzt die sauber gemachte Fernbedienung. Was man aus großer Entfernung sieht, sind die großen blauen Augen, also die beiden beleuchteten VU-Meter, die ein ganz klein wenig an Mcintosh erinnern. Zwischen beiden gibt es ein kleines Info-Fenster mit einer ebenso feinen Klarschriftanzeige mit Informationen zur Quelle.

A7 Fernbedienung

Der große Lautstärkedrehregler rechts ist ein wenig schwammig, tut aber zuverlässig seinen Dienst. An ihm merkt man am ehesten, dass die Französin eben doch eher eine zerbrechliche Piaf ist, als eine mondäne Jeanne Moreau. Gleich daneben gibt es gleich zwei parallel geschaltete Kopfhörerausgänge, einen für 3,5-mm- und  einen für 6,3-mm-Klinke. Das ist dann schon wieder ziemlich luxuriös, oder sagen wir besser sehr funktional.

Überhaupt legt die Französin sehr viel Wert auf Funktionalität. Sie ist einfach sehr sehr praktisch veranlagt und erinnert dabei an Simone Signoret in „Le chat“.  Betrachten wir sie dabei einmal von hinten, also ihr Anschlussfeld:

Weiterlesen

Humppa

Humppakäräjät – Da tanzt die Nadel in der Rille Polka

Humppa humppa tätäräää. Ich hab es getan! Ich habe sie beim Abendessen aufgelegt. Und mir ist glatt die Salami vom Brot gerutscht. Da rockt der Elch. Dabei ist die Platte „Humppakäräjät“ vom Orchester Eläkeläiset  (deutsch „Die Rentner“, nicht zu verwechseln mit „Porojen“ = Rentiere) schon von 1994. Da ist ein Stück finnische Hochkultur glatt an mir vorbei gegangen.  

Was die Rentner da machen klingt, als ob Ozzy Osbourne schwer betrunken die Oberkrainer dirigieren würde. Sie spielen … äh … Polka. Und zwar nach Noten von Judas Priest, Bon Jovi und anderen Musikalienhändlern. Sie „covern“ klassische Songs. Sie nennen das aber nicht „covern“, sondern „polkern“. Weil herauskommen tut immer eine Polka. Ihr könnt Euch das nicht vorstellen? Nachvollziehbar. Ihr könnt es Euch auch dann nicht vorstellen, wenn Ihr es gehört habt.  Und glaubt mir: es ist besser, man stellt es sich nicht vor. 

Humppa

Aber man sollte es hören.

Wenn man gute Nerven hat. Und wenn nicht gerade ein Salamibrot vor einem liegt. Wichtig ist auch, dass der Plattenspieler einigermaßen erschütterungsfrei aufgestellt ist. Ebenso wie die Zuhörer. Denn die Musik ist erschütternd.

Mein finnisch ist leider nicht sonderlich entwickelt und ich lasse also Google mal ein wenig aus dem Cover übersetzen:

Zur Aufnahmesituation:

Weiterlesen

71_72_Saison der Träumer

Rezension: „71/72 – Die Saison der Träumer.“ Der Traum ist aus.

1971/72 war ein großartiges Jahr.  Ich pubertierte heftig vor mich hin und war hin- und hergerissen: hingerissen vom elegantesten Fußball den man bis dahin je gesehen hatte und von den elegantesten Frauen, die man sich als linker Nachwuchsrevolutionär so erträumen konnte. Bis dahin war ich eher unauffällig, langweilig, spießig, provinziell. Ab 1972 wuchsen mir am Kopf die Haare, im Kopf die Ideologien, an den Boots die Fransen und für die Beine kaufte ich mir die ersten weinroten Cord-Jeans im einzigen Jeans-Laden meines Heimatortes. Manchesterhosen, wie meine Oma sie betitelte. weinrot, mit geprägter Blütenornamentik. Darüber lange Slimline Pullover aus irgendeinem Kunststoff. An der Taille – sowas ich hatte damals – trug ich einen schwarzen Ledergürtel, da drüber im Winter ein Parka, die ungewaschenen Haare mit Trockenschampoo aufgemöbelt. Kurz: ich war von heute auf morgen auffällig, kurzweilig, revolutionär – aber immer noch provinziell bis auf die Knochen. Und fußballverrückt. Im Kassettenrekorder Marke Grundig – ich komm aus Franken – spielten Doors, Jethro Tull und natürlich auch Ton, Steine, Scherben.

Außerdem erinnere ich mich noch immer an das Jahr des Bundesligaskandals, in dem die junge revolutionäre Gesinnung brutal auf die Begeisterung für den Ball stieß. Ich ja war einigermaßen fein raus. Meine Glubberer spielten seit 1969 in der Regionalliga Süd. Wer sollte die schon schmieren? Eben. Niemand. Die spielten für Zwa-in-am-Wegg-und-am-Seidla.

Die damals eingleisige Bundesliga war nicht so spannend. Aber die Nationalmannschaft, die spielte damals traumhaft. Und wirklich erinnere ich mich noch heute an das Endspiel der Europameisterschaft gegen die UdSSR 1972. Und auch viele der Namen der Italiener 1970 (Mechico!) fallen mir noch spontan ein: Riva, Rivera, Mazzola, Boninsegna, … Diese Liste hat mir schon einige kostenlose Grappe bei meinem Stammitaliener eingebracht.

Aber eigentlich will ich ja ein Buch vorstellen. Ein zauberhaftes Buch. Ein Buch, das eine Idee verfolgt, die ein wenig durchgeknallt, aber wunderschön  ist …

Weiterlesen

mytheresa

Warum Mytheresa eine halbe Milliarde Dollar brachte – ich weiß es!

In wenigen Jahren zum Multimillionär. Das ist eigentlich gar nicht so schwer. Wie es geht lernt man bei McKinsey. Alte Schule. CEO Michael Kliger hat sich dort seine Meriten verdient. Es nervt ein wenig. Vor allem, wenn man Handtaschen verkauft. Aber ganze Handtaschenläden kann man damit gut verkaufen. Daran muss ich in letzter Zeit oft denken, wenn ich mir die Erfolgsgeschichte der Münchner Edelboutique Theresa vergegenwärtige.

An der Börse wurde der Laden – natürlich auf Grund des Online-Ablegers – vor einigen Wochen mit knapp einer halben Milliarde Dollar bewertet. Im Münchner Stammgeschäft bin ich manchmal. Vor ein paar Jahren habe ich dort zum Beispiel eine Handtasche gekauft. Ein schlichtes Teil. Meine Frau hatte sie im Schaufenster entdeckt und bemerkte „Oh Gott ist die schön …“. Also bin ich ein paar Tage später rein. Und dann spielte sich ungefähr folgender Dialog ab:

„Guten Tag. Sie haben da im Fenster eine Tasche von Gucci. Die hätte ich gern.“

Ein überaus serviler Verkäufer machte sich mit grazilen Körpertäuschungen auf den Weg, schlängelte sich ins Fenster und kehrte mit der Tasche zurück.

Er begann säuselnd zu erklären.

„Das ist ein sehr feines Modell. Eine gute Wahl. Sehen Sie: sie ist überaus praktisch. Sie hat hier ein Fach …“ Er nestelte sogleich an einem Reißverschluss herum  …

„Ich nehm sie.“

„Und fühlen Sie mal. Das Leder. Die Verarbeitung. Das ist …“

„Große Klasse. Einfach einpacken.“

„Ja. Hier gibt es noch eine Tasche im Inneren. Die Dame kann hier allerlei Kleinigkeiten …“

„Verzeihung. Wenn Sie jetzt einfach aufhören mir den USP der Tasche zu erläutern, dann nehm ich die Tasche einfach mit. Wenn Sie aber die ‚How-to-sell-card‘ unbedingt komplett abarbeiten wollen, dann geh ich jetzt und komm in einer Stunde wieder. Bis dahin sind Sie dann mit dem Rezitieren durch, haben die Tasche eingepackt und vermutlich sogar die Rechnung vorbereitet. Einverstanden?“

„Äh … ja … also … ich darf sie einpacken?“

„Ich bitte darum.“

Zitternd überreichte der junge Mann die Tasche einer Kollegin an der Kasse, verließ artig die Szene, bedankte sich und ging nach hinten ab.

Manche Dinge lernt man einfach nicht bei McKinsey. Aber sie haben hübsche Taschen bei Mytheresa, wirklich hübsche Taschen.

lebt ja auf Sylt. Gestern erzählte sie mir, dass sie seit drei Tagen dichten Neben auf der Insel hätten. Da kommt tiefer Neid in mir hoch. Dichte Nebelschwaden, fröstelnde Kälte, heulende Sturmböen, in der Ferne ein Nebelhorn und dann heiße sämige Erbensuppe in der Kombüse und ein schöner Rum in der Kajüte. Und in der Koje irgendwas von Theodor Storm. Seit dem Schimmelreiter, den ich noch als gelbes Reclam-Heftchen in der Schule lesen durfte, mag ich den großen Klaren aus dem Norden. Unvergessen auch "Pole Poppenspäler", ebenfalls Schullektüre. Ich erinnere den Poppenspäler aber auch in der Verfilmung mit dem hervorragenden Walter Richter in der Hauptrolle. Ihr kennt den Mann sicherlich als Hauptkommissar Trimmel aus alten Tatort-Folgen. Dieser kleiner Band, den ich heute aus dem Regal gezogen habe, beinhaltet drei Novellen: "In St. Jürgen", "Eine Halligfahrt" und das ein wenig gespenstische "Draußen im Heidedorf". Besonders hat es mir die "Halligfahrt" angetan, eine auf den ersten Blick hübsch betrüblich-tragische Romanze, in der zwei Liebende nicht zueinander kommen können. Auf den zweiten Blick aber gibt es eine Menge Sozialkritik und auch noch heftige Kritik an Bürokratismus und staatlicher Bevormundung. Alles in allem ruft da ein liberaler Storm laut und flehend um Hilfe, ohne allerdings den politischen Ausweg zu finden und ohne so recht die Konsequenzen zu formulieren. Ich schätze an Storm seine - sagen wir - "Bodenhaftung", seine Nähe zu den Volkssagen und auch zu den "einfachen Leuten" des 19. Jahrhunderts. Was Thomas Mann dem Bürgertum, das ist Theodor Storm dem einfachen Volk vom Land zwischen den Meeren. Und einmal mehr: seine Novellen riechen eindrucksvoll nach Salz und Fisch.

Literarisches Quintett VII: Bücher die nach Fisch stinken: Alexander – Clarke – Eco – Heinichen – Storm

Als Kind musste ich immer den Sommer in den Bergen verbringen. Mit 17 Jahren fuhr ich zum ersten Mal in den Ferien ans Meer: an die französische Atlantikküste und ans Mittelmeer. Unvergessen meine Freunde Rainer und Jockel, unvergessen der alte Käfer, mit dem wir unterwegs waren und unvergessen natürlich auch Isabelle aus dem Perigord …

Das prägt. Der Sand zwischen den Zehen – und nicht nur da, das Salz auf den Lippen – und nicht nur dort. Und immer der Geruch von Fisch in der Nase. Heute kann ich sagen, dass mich Berge zu ersticken drohen, dass das Meer mir aber Weite und Weitblick verschafft. Außerdem wird es mit dem Alter immer mühsamer Berge zu besteigen. Wie schön ist es hingegen am Meer mit einem Buch im Schatten zu sitzen und von fernen Inseln zu träumen. Fünf Bücher, die ausreichend nach Fisch stinken empfehle ich für die nächste Reise ans große Wasser:

Caroline Alexander: Die Bounty. Die wahre Geschichte der Meuterei auf der Bounty

Die Meuterei auf der Bounty hat mich immer fasziniert. Und eigentlich ist die Geschichte und vor allem die Erstverfilmung mit Charles Laughton als Captain Bligh und Clark Gable als Fletcher so schön, dass man die historische Wahrheit eigentlich gar nicht wissen möchte. Eigentlich. Wenn da die Neugier nicht wäre. Und die ganz wunderbare Zeitschrift „Mare“. Letztere nämlich hat mich dazu verleitet das Buch von Caroline Alexander zu kaufen und zu lesen „Die Bounty. Die wahre Geschichte der Meuterei auf der Bounty“.

Das Buch selbst ist mindestens so spannend wie der Film. In Wirklichkeit gab es keinen skrupellosen Kapitän und keinen ehrenhaften Fletcher, sondern – man wagt es heute kaum zu schreiben – nach langer Seefahrt ausgehungerte Matrosen, die offenbar den Sirenenklängen oder aber den süßen Lotusfrüchten der Südseeschönheiten erlagen. Kurz: sie waren sexuell ein wenig ausgeblutet und damit der britischen Seefahrerdisziplin abhanden gekommen – um es vorsichtig zu formulieren. Das dionysische Moment obsiegte und machte die Aufständischen zu Aussteigern im übertragenen und den Kapitän mit seinen Getreuen zu Aussteigern im wörtlichen Sinne. Letztere wurden „ausgebootet“.

Wer sich also an langen Winterabenden ein wenig in die Südsee träumen möchte, dem sei die wahre Geschichte der Meuterei auf der Bounty ans Herz und ins Regal empfohlen.

Und zwischendurch kann man sich ja den Film, natürlich den ersten von 1935, auf den Bildschirm ziehen. In einer Nebenrolle ist dort übrigens Movita Castaneda als blutjunges Tahiti-Mädchen Tehani zu sehen.

Weiterlesen

bibliothek

Literarisches Quintett VI: Kriegsbücher: Bernieres – Brecht – Hagendorf – Kladstrup – Seghers

In der fünften Folge des Literarischen Quintetts ging es um Nachkriegsbücher. Heute geht es um Kriegsbücher. Starten wir mit …

Louis de Bernieres: Corellis Mandoline

BernieresJetzt wird’s eng. Ganz eng. Dieses Buch ist angeblich ein Liebesroman. Und nicht irgendein Liebesroman. Dieses Buch ist immerhin Band 9 der BRIGITTE-Buch-Edition „Die Liebesromane„. Zu meiner Ehrenrettung muss ich aber erwähnen, dass ich das nicht wusste, als ich es las. Und als ich beschloss das Buch zu mögen kannte ich auch nicht die unsägliche Beschreibung, mit der die BRIGITTE dieses Buch ihren Leserinnen empfiehlt: „Eine mitreißende Liebesgeschichte – und weit mehr: ein Buch über Ehre und Anstand und über die Hoffnung, dass am Ende des Schreckens das Gute bestehen bleibt.“

Würg, kotz, übel, spei, … Quatsch mit schleimgrüner Soße aber auch. 

Ich habe das Buch gelesen, weil es ein Insel-Buch ist und ich Insel-Bücher liebe. Außerdem handelt der Roman vom Streit zwischen einem griechisch-orthodoxen Alkoholiker, einem Kommunisten, einem Monarchisten und einem intellektuellem Arzt auf Kefalonia. Es ist also alles da für eine griechische Version von Don Camillo und Peppone. Und natürlich gibt es auch eine Liebesgeschichte, sonst könnte die Sache ja nicht auf einer griechischen Insel spielen.
Und dann gibt es als Beigabe noch den italienischen schwulen Soldaten und Besatzer und den ganzen unsäglich blödsinnigen, verworrenen Krieg, der einmal mehr als blödsinnig und verworren dargestellt wird. Als wären die menschlichen Verhältnisse nicht ohnehin schon blödsinnig und verworren genug.

Dieses Buch ist angeblich ein Liebesroman. Und nicht irgendein Liebesroman. Dieses Buch ist immerhin Band 9 der BRIGITTE-Buch-Edition „Die Liebesromane“. Das sagte ich schon? Ach so.

Ich empfehle es trotzdem!

Bert Brecht: Mutter Courage

BrechtDie Courage war eine der allerersten Eindrücke, die Brecht bei mir hinterlassen hat. In irgendeiner mittleren gymnasialen Klasse wurden wir ins Kino verschleppt um uns eine Filmaufnahme der Bühnenfassung mit der großartigen Giehse anzusehen. Die meisten meiner Klassenfreunde mokierten sich über die Musik Paul Dessaus. Ich fand sie großartig, wie das ganze Stück.

Das „Lied der Mutter Courage“ hatte ich zuvor in einem Anflug hoffnungsloser Selbstüberschätzung sogar selbst vertont, natürlich atonal – ich hatte da mal „was in der Art“ gehört:

Weiterlesen

Hitler Postkarte

Hiroito – Hitler – Heinemann. Eine Reizwortgeschichte in Briefmarken

Im Oktober 1971 weilte der damalige japanische Kaiser Hiroito, der 124te Tenno , der „Shōwa-tennō“, auf Staatsbesuch in Deutschland. Aus diesem Anlass  konnten sich Philatelisten auf dem Hauptpostamt der damaligen Bundeshauptstadt Bonn einen Sonderstempel abholen. 

Ich war zwölf Jahre alt und hatte in Bonn eine fürsorgliche Verwandte, die mir über viele Jahre immer Ersttagsbriefe, Ersttagskarten und Sonderstempel besorgte. Ihr Mann war übrigens als Hauptmann und Geheimnisträger im Bundesverteidigungsministerium beschäftigt und vielleicht verfügte sie schon aus diesem Grund über eine gewisse Chuzpe. 

Jedenfalls verdanke ich es ihr, dass ich heute über eine ziemlich einmalige philatelistische Besonderheit verfüge: eine Adolf-Hitler-Postkarte, auf deren Rückseite eine Gustav-Heinemann-Briefmarke klebt, entwertet mit einem Sonderstempel vom Staatsbesuch des japanischen Kaiserpaars vom 13. Oktober 1971!

Hiroito Hitler Heinemann Briefmarke

Immerhin war der Tenno ja 30 Jahre vor diesem Besuch beim deutschen Bundespräsidenten schon Waffenbruder des Führers gewesen – eine erstaunliche Kontinuität, die Anfang der 70iger Jahre in einigen Tageszeitungen und auf zahlreichen politischen Demonstrationen thematisiert wurde. Auf meinem deutsch-japanischem Bundes-Nazi-Ersttags-Jubiläumsbrief wird diese Kontinuität eindrucksvoll dokumentiert.

Meine Bekannte hat wohl die alte Hitler-Karte einfach mit der neutralen Rückseite samt Heinemann-Marke zum Abstempeln vorgelegt. Erwischen lassen hätte sie sich wohl besser nicht sollen. Heute ist diese Karte sicherlich eine absolute Besonderheit. Vielleicht sollte ich sie dem Deutschen Historischen Museum anbieten? Oder einem reichen japanischen Sammler?

Weiterlesen

bibliothek

Literarisches Quintett V: Nachkriegsbücher: Böll – Härtling – Meckel – Schlink – Tisma

Unter den 100 Büchern, die ich auf „Michael Kausch schreibt“ vorgestellt habe, befinden sich zahlreiche Werke, in denen die Autoren ihre Erfahrungen und Traumata aus dem Zweiten Weltkrieg aufgearbeitet haben. Und auch wenn ich selbst erst einige Jahre später geboren wurde und meine Kindheit in die sechziger Jahre fällt, so hat mich doch die Nachkriegszeit geprägt und ich erinnere mich noch an Dinge, die heute wie aus einem anderen Jahrtausend scheinen – und es ja tatsächlich auch sind:

In mein Elternhaus kam zwei Mal im Jahr der „Boandlkramer“, der Messerschleifer hielt vor der Tür, der Kohlehändler lieferte uns Kohlen, ab und an kamen fahrende oder wandernde Sänger des Wegs und direkt hinter dem Garten lagerten regelmäßig Sinti und Roma. Wir Kinder durften dann immer das Haus nicht verlassen: „Die Zigeuner stehlen die Kinder“ hieß uns mit ehrlich sorgenvoller Miene die Mutter.

Nicht zuletzt habe ich als Arbeiterkind in jenen Jahren den Wert von Brot auch noch in einer Unmittelbarkeit kennengelernt, in der ich die Erfahrungen von Heinrich Böll sehr wohl nachfühlen kann:

Heinrich Böll: Das Brot der frühen Jahre

Heinrich BöllBei Heinrich Böll geht es mir wie bei Günter Grass: seine frühen Werke sind mit die liebsten.

„Das Brot der frühen Jahre“ entstand schon 1955. Es ist ein Nachkriegsroman. Der Protagonist Walter Fendrich ist ein junger Mann, den der Krieg – wie Böll selbst beschreibt, „zum Wolf“ gemacht hat. Er kämpft im zerstörten Nachkriegsdeutschland ums nackte Überleben, ums tägliche Brot.

Es passiert nicht viel in diesem Buch. Es passiert Alltag: ein bisschen Diebstahl, ein bisschen Hurerei, ein bisschen Mutterliebe, viel Adenauer, viel Hunger, viel katholische Doppelmoral.

Weiterlesen

Literarisches Quintett

Literarisches Quintett IV: Jüdisches: Austerlitz – Baram – Chabon – Grab – Polgar

100 Bücher von 100 Autoren habe ich auf meinem Facebook-Kanal „Michael Kausch schreibt“ innerhalb von 100 Tagen vorgestellt.  Darunter befanden sich weit überdruchschnittlich viele Schriftsteller jüdischer Herkunft. Das muss Gründe haben. Sicherlich gibt es viele Juden unter den ernst zu nehmenden deutschsprachigen Schreibern. Und vielleicht fühle ich mich auch gerade diesen Schriftstellern und Denkern besonders verbunden. Aber es ist nicht so, dass man die jüdische Tradition den Werken immer anmerkt. Auf den zweiten und dritten Blick häufig schon. Und die Sujets sind schon gar nicht jüdisch. In diesem Quintett stell ich fünf wundervolle Bücher von fünf jüdischen Schriftstellern vor, die ihr „Jüdisch-Sein“ sehr unterschiedlich ausdrücken, die es aber doch nicht verbergen können und wollen.

W. G. Sebald: Austerlitz

Jacques Austerlitz wächst nach dem Zweiten Weltkrieg in Wales bei einem Predigerpaar in behüteten Verhältnissen auf. In seinen 50igern erfährt er aber, dass er eigentlich jüdischer Herkunft ist und dass seine leibliche Mutter ihn im Sommer 1939 mit einem Kindertransport aus dem von den Nazis bedrohten Prag nach England in Sicherheit bringen konnte.

Austerlitz beginnt daraufhin seine verlorene Kindheit und Herkunft mühsam zu erforschen. Seine Mutter war nach Theresienstadt deportiert und im Osten ermordet, sein Vater in einem Lager in den Pyrenäen interniert worden.

So komplex wie die Geschichte ist die Erzählweise, die W. G. Sebald für seinen Roman gewählt hat. Es ist nicht Austerlitz, der hier seine Geschichte vor dem Leser ausbreitet, sondern ein Erzähler, der Austerlitz begegnet und diesem die Geschichte in zahlreichen Begegnungen entreißt. Alles ist Hören-Sagen und Interpretation.

Austerlitz selbst montiert seine eigene Geschichte aus Versatzstücken, aus Fotografien und Erzähltem, die er mühsam recherchiert. Seine Erinnerung reicht ja nicht zurück in seine frühe Kindheit. Der Erzähler wiederum erfährt die Geschichte in einer Vielzahl von Begegnungen mit Austerlitz, Begegnungen, die ihrerseits oft Jahre auseinander liegen.

Der ganze Roman ist eine literarische „Stille Post“ und das wird dem Sujet natürlich sehr gerecht. Schließlich ist Geschichte immer Interpretation und ein Puzzle mit fehlenden Teilen.

Michael Rutschky hat Sebald’s Puzzle-Spiel nach seinem Erscheinen in einer Rezension in der Frankfurter Rundschau mit der Arbeitsweise des von mir arg verehrten Alexander Kluge verglichen. Das ist nicht ganz falsch. Mich hat es eher noch an Walter Benjamins Zettelkasten aus seinem Passagen-Werk erinnert. Nach Weihrauch riecht beides. Die ungeheure Spannung dieses Romans ergibt sich jedenfalls aus beiden Ebenen, aus dem Sujet und aus seiner vielfach gebrochenen und subjektivistischen Erzählweise.

Weiter geht es mit einem aktuellen Buch von Nir Baram:

Weiterlesen