Alle Beiträge von Michael Kausch

Michael Kausch bloggt auch auf vibrio, Digisaurier, Travellers Insight, twittert unter www.twitter.com/michaelkausch, facebookelt hier und googelplusst hier.
Literarisches Quintett

Literarisches Quintett IV: Jüdisches: Austerlitz – Baram – Chabon – Grab – Polgar

100 Bücher von 100 Autoren habe ich auf meinem Facebook-Kanal „Michael Kausch schreibt“ innerhalb von 100 Tagen vorgestellt.  Darunter befanden sich weit überdruchschnittlich viele Schriftsteller jüdischer Herkunft. Das muss Gründe haben. Sicherlich gibt es viele Juden unter den ernst zu nehmenden deutschsprachigen Schreibern. Und vielleicht fühle ich mich auch gerade diesen Schriftstellern und Denkern besonders verbunden. Aber es ist nicht so, dass man die jüdische Tradition den Werken immer anmerkt. Auf den zweiten und dritten Blick häufig schon. Und die Sujets sind schon gar nicht jüdisch. In diesem Quintett stell ich fünf wundervolle Bücher von fünf jüdischen Schriftstellern vor, die ihr „Jüdisch-Sein“ sehr unterschiedlich ausdrücken, die es aber doch nicht verbergen können und wollen.

W. G. Sebald: Austerlitz

Jacques Austerlitz wächst nach dem Zweiten Weltkrieg in Wales bei einem Predigerpaar in behüteten Verhältnissen auf. In seinen 50igern erfährt er aber, dass er eigentlich jüdischer Herkunft ist und dass seine leibliche Mutter ihn im Sommer 1939 mit einem Kindertransport aus dem von den Nazis bedrohten Prag nach England in Sicherheit bringen konnte.

Austerlitz beginnt daraufhin seine verlorene Kindheit und Herkunft mühsam zu erforschen. Seine Mutter war nach Theresienstadt deportiert und im Osten ermordet, sein Vater in einem Lager in den Pyrenäen interniert worden.

So komplex wie die Geschichte ist die Erzählweise, die W. G. Sebald für seinen Roman gewählt hat. Es ist nicht Austerlitz, der hier seine Geschichte vor dem Leser ausbreitet, sondern ein Erzähler, der Austerlitz begegnet und diesem die Geschichte in zahlreichen Begegnungen entreißt. Alles ist Hören-Sagen und Interpretation.

Austerlitz selbst montiert seine eigene Geschichte aus Versatzstücken, aus Fotografien und Erzähltem, die er mühsam recherchiert. Seine Erinnerung reicht ja nicht zurück in seine frühe Kindheit. Der Erzähler wiederum erfährt die Geschichte in einer Vielzahl von Begegnungen mit Austerlitz, Begegnungen, die ihrerseits oft Jahre auseinander liegen.

Der ganze Roman ist eine literarische „Stille Post“ und das wird dem Sujet natürlich sehr gerecht. Schließlich ist Geschichte immer Interpretation und ein Puzzle mit fehlenden Teilen.

Michael Rutschky hat Sebald’s Puzzle-Spiel nach seinem Erscheinen in einer Rezension in der Frankfurter Rundschau mit der Arbeitsweise des von mir arg verehrten Alexander Kluge verglichen. Das ist nicht ganz falsch. Mich hat es eher noch an Walter Benjamins Zettelkasten aus seinem Passagen-Werk erinnert. Nach Weihrauch riecht beides. Die ungeheure Spannung dieses Romans ergibt sich jedenfalls aus beiden Ebenen, aus dem Sujet und aus seiner vielfach gebrochenen und subjektivistischen Erzählweise.

Weiter geht es mit einem aktuellen Buch von Nir Baram:

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Frisch gehört: Mulo Francel und Quadro Nuevo – Mare

Kopfreisen sind im Corona-Jahr ja schwer angesagt. Mulo Francel, der Kopf hinter der Weltmusikgruppe Quadro Nuevo, ist mir ein willkommener Reiseführer für einen solchen Trip. Mit seiner neuen Doppel-LP MARE hat er ein neues Ziel in seinem Reiseprogramm.

Als musikalischen Reiseveranstalter kenne ich Mulo Francel und seine Quadro Nuevo schon seit vielen Jahren. Angefangen hat alles mit Luna Rossa, dem Debüt-Album von 1998 und seinen schwer verliebten Tangos in bester Piazolla-Tradition. Wenig später folgte dann Tango Lyrico mit der wundervollen Evelyn Huber an der Harfe. In dieser Besetzung habe die Gruppe dann auch live gehört, auch deshalb, weil Evelyn Huber ganz früher mal, ehe sie ihre phantastische musikalische Karriere startete, bei meiner Frau zur Lehre ging.

Dann, so muss ich gestehen, hab ich Quadro Nuevo ein wenig aus dem Auge und vor allen Dingen aus den Ohren verloren. Nun mag ich zwar südamerikanische Rythmen und auch Tango und vor allen Dingen moderne und „jazzige“ Varianten südamerikanischer Musik – ich verehre zum Beispiel den argentinischen Bandoneon-Spieler Dino Saluzzi über alle Maßen – gleichwohl war ich vor einigen Jahren mit Quadro Nuevo „durch“ wie man so schön sagt.

Was für eine Fehleinschätzung!

Quadro Nuevo ist mehr als „nur“ Tango. Auf Weltreise mit Mulo Francel

quadro nuevo mareDurch Freunde wurde ich auf MARE aufmerksam, die Neuerscheinung von Quadro Nuevo, in der Mulo Francel mit recht unterschiedlichen Musikern die ganze Bandbreite seiner musikalischen Interessen und Fähigkeiten zelebriert. Mulo Francel selbst erklärt die Vielfalt der Stile als Resultat der Buntheit der Eindrücke aus umfangreichen Reisen der Musiker:

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DHL

Ein reMarkable bei den Feinden der Einrichtung der DHL – eine Abenteuerreise

Ich warte ja nun schon seit langer Zeit auf mein neues reMarkable 2  Tablet. Vor einer Woche erreichte mich endlich eine Mail mit der Information, dass es am 3. November so weit sein soll. Die Lieferung durch DHL wurde angekündigt:

DHL reMarkable

Die Freude war groß. Allein: am 3. November geschah – nichts. Und auch der 4. November ging ins Land und es geschah – nichts. Aber es gibt ja eine Sendungsverfolgung. Und die ergab in den folgenden Tagen abenteuerliche Dinge. Offenbar war mein reMarkable unter Feinde geraten, unter eine ominöse Bande mit Namen „Feinde der Einrichtung“:

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Bessere Lufthygiene gegen den Corona-Killer

Heute habe ich mal das Klima in meinem Home Office gemessen. Und es ist nicht gut. Gar nicht gut. Gemessen habe ich mit einem Klimamessgerät. Und ich hoffe, dass solche und ähnliche Klimamessgeräte bald in vielen Büros, Besprechungsräumen und Klassenzimmern stehen werden. Wegen Corona. Denn das macht deine Menge Sinn:

Gemeinsam mit zwei Partnerunternehmen habe ich mit meiner Agentur vibrio vor wenigen Wochen ein Forschungsprojekt rund um das Thema Raumlufthygiene gestartet. Dabei geht es um die Analyse von Aerosolbewegungen in geschlossenen Räumen. Ziel ist es, Hinweise für eine optimierte Belüftung von Besprechungsräumen, Büros, aber auch Schulräumen unter Corona-Bedingungen zu erhalten.

Lufthygiene Messwerte

Meine Partner kommen aus der Wissenschaft, unsere Rolle ist die Übersetzung der Forschungsergebnisse in „verständliche Sprache“ und die Aufbereitung in einem Online-Portal, das wir unter den Adresse https://lufthygienepro.de in den nächsten Wochen und Monaten aufbauen werden.

Lufthygiene muss individualisiert werden

Im Ergebnis geht es darum, dass wir von allgemeinen Tipps wie „Alle 30 Minuten fünf Minuten lüften“ weg kommen wollen. Letztlich geht es darum, die Gefahr der individuellen Virenaufnahme als abhängig von Belüftungssituation, Raumgröße, Raumzuschnitt, Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit, Personenanzahl und Personenverhalten zu erfassen.

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Literarisches Quintett

Literarisches Quintett III: Streitschriften: Pirinçci – Handke – Gorki – Geiges – Körner

Heute geht es im Literarischen Quintett um fünf sehr unterschiedliche Bücher. Sie vereint eigentlich nichts, außer, dass sie polarisieren. Und zwar auf sehr unterschiedliche Art und Weise.

Akif Pirinçci: Der Rumpf

Das erste Buch ist das Werk eines Volksverhetzers. Akif Pirinçci wurde 2017 vom Amtsgericht Dresden wegen Volksverhetzung verurteilt. Seit mehreren Jahren nimmt er regelmäßig und unmäßig für Pegida und die AfD Partei, äußert sich auf öffentlichen Veranstaltungen ausländer-, juden- und schwulenfeindlich. Die Verlagsgruppe Random House stoppte die Auslieferung seiner belletristischen Titel, der Großhandel liefert seine Titel kaum mehr aus. Kurz: seine Bücher sind kaum mehr im Handel zu bekommen.

Und nun steht da in meinem Regal ein schon etwas älterer Roman von ihm: „Der Rumpf“. Das Buch ist schon 1992 erschienen, weit vor seiner rechtsradikalen Zeit. Und schon 1992 ist die Erstausgabe in meinem Regal gelandet. Und ich mag dieses Buch.

Was macht man nun? Kann man ein solches Buch eines vergifteten Autors vorstellen? Ist es ein vergiftetes Buch?

Ich höre mit Leidenschaft die Musik des Antisemiten Wagner. Ich habe auch die Bibel des Bauernschlächters Luther gelesen. Ich weiß, dass man keine Bücher verbrennen darf. Darf man sie dann verbieten? Ich meine nein! „Der Rumpf“ ist kein faschistisches Buch. Aber es ist das Buch eines heute faschistischen Autors. Vielleicht solltet Ihr es deshalb NICHT KAUFEN. Gönnt ihm seine Tantiemen nicht. Aber leiht es Euch aus.

Wenn es Euch Spaß bereitet ein Buch zu lesen, in dem es um einen irgendwie perfekten Mord geht. Um einen Mörder, der keine Beine und keine Arme hat, der also nur aus Kopf und Rumpf besteht. Und der den unbedingten Willen hat jemanden zu töten. In dieser Konstellation ist die Geschichte notgedrungen ein wenig handlungsarm, was viele Rezensenten dem Roman auch vorgeworfen haben. Ich aber brauche nicht viel Handlung um viel Spaß zu haben. Mir genügt eine gut erzählte Geschichte. Und gut erzählen konnte Akif Pirinçci. Schade, dass uns der Erzähler verloren ging an dunkle Mächte. Ein Buch, das man auch lesen kann, wenn man den Autor nicht mag. Ein Buch für Leser und Leserinnen mit einem ein wenig abseitigem Humor.

Peter Handke: Nachmittag eines Schriftstellers

Nein, von Louise Glück habe ich noch nichts gelesen. Gar nichts. In meinem ganzen Bekanntenkreis gibt es niemanden, der von der neuen Literaturnobelpreisträgerin auch nur ein Gedicht kennt. Was für ein Unglück (Kann man auch nur ein Mal bringen …).

Bei Peter Handke ist das anders. Obwohl sich viele nach der Vergabe des Preises vor einem Jahr nicht mehr erinnern wollten, dass sie ihn früher mal ganz gerne gelesen haben. Aber wie schrieb mein Freund, der Chefredakteur der Frankfurter Rundschau Thomas Kaspar damals so passend: „Der Nobelpreis ist das Schlimmste, was ihm passieren konnte“. Für ihn war Handke einmal sein „Lieblingsschriftsteller“, von dem er sich später angesichts seiner affirmativen Haltung gegenüber Kriegsverbrechern im ehemaligen Jugoslawien radikal distanzierte: „Adieu, Peter Handke“ .

Auch mein Verhältnis zu Peter Handke ist notgedrungen ein gebrochenes. Aber noch immer lese ich ihn fasziniert. Zum Beispiel die wunderbare kleine Erzählung vom „Nachmittag eines Schriftstellers“, in der nichts Aufregendes passiert, aber in der viel verarbeitet wird, was der Schriftsteller in den Monaten zuvor erlebt hat. Das Lesen selbst ist einfach ein Genuss, weil Handke vielleicht derjenige unter den heute lebenden deutschsprachigen Schriftstellern ist, der am sorgsamsten mit der deutschen Sprache umzugehen weiß.

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herbst

Die Herbste kommen meistens allein

Die Herbste sind doch rechte Einzelgänger. Fast wie die Frühjahre. Und ganz anders, als die Winter und die Sommer. Wie verräterisch doch die deutsche Sprache ist: kein Mensch denk sich etwas dabei, wenn er liest, wie heiß und trocken die Sommer in den letzten Jahren waren. Oder wie kalt und weiß die Winter in frühen Kindheitstagen angeblich einst gewesen sind.

Aber die Herbste, sie sollen sich gefälligst nicht in pluralen Horden in unsere Sprache stehlen. Herbst und Frühjahr sind Einzelgänger, wahre Solitäre, singuläre Übergänge. Sie sind überhaupt gar nicht so richtige Jahreszeiten. Sie sind so irgendwas dazwischen. Zwischenzeiten. Sie schmuggeln sich zwischen die Sommer und die Winter. Immer nur vereinzelt. Sie sind keine Gattung, nicht wie die weißen Winter und die heißen Sommer. Sie sind einsame Schmuddelkinder.

Wenn sie sich schön machen, dann sind sie „Indian Summer“, also schon wieder eine Form der Sommer, in Deutschland „Altweibersommer“. Schöne Herbste gibt es nicht. Wie unfair sind die Jahreszeiten.

Gibt man bei Google „die sommer“ ein, so erhält man 1.060.000 Fundstellen, bei „die winter“ gar 1.610.000. „die herbste“ bringen es nur auf jämmerliche 8.430, „die frühjahre“ auf erbärmliche 1.980.  Hätte sich Vivaldi diese Relation zum Maßstab genommen, sein Herbst müsste nach 3 Sekunden vorbei sein, sein Frühjahr hätte er im Millisekundenbereich terminieren müssen. Ich habe das ausgerechnet. Mit Excel. 

Lasst uns der Herbste eingedenk sein

Dabei habe ich schon viele wunderschöne Herbste erlebt. Und tolle Frühlinge. Schon das Wort „Frühlinge“ ist bezaubernd schön. Wie … Schmetterlinge. Oder Egerlinge. Pfifferlinge. Inge. 

Lasst uns in diesem Herbst der vielen schönen Herbste gedenken, die hinter uns liegen und die noch vor uns liegen mögen. Wollen wir den Herbsten und Frühlingen ihr Recht auf Gemeinschaft einräumen zwischen all den Sommern und Wintern. Lasst uns die Herbste aus ihrer Singularität erheben.  

Literarisches Quintett

Literarisches Quintett II: Meer Bücher: Andersch – Coloane – Laxness – Proulx – Richter

Ich liebe die Zeitschrift Mare. ich liebe das Meer. Ich liebe Bücher, die nach Fisch riechen. Diese fünf Bücher riechen nach Fisch. Und da ist der Butt von Grass noch gar nicht dabei. 

Fünf Bücher, die nach Fisch riechen. Aus der Reihe der Kurzvorstellungen  unter dem Hastag #tagesbuch auf meiner Facebook-Seite Michael Kausch schreibt:

Alfred Andersch: Sansibar oder der letzte Grund

Alfred Andersch SansibarAlfred Andersch „Sansibar oder Der letzte Grund“ spielt, glaubt man dem Buch, in Rerik, wobei der im Ort Rerik genannte Schauplatz keinerlei Ähnlichkeit mit dem wirklichen Rerik, sehr wohl aber mit Wismar hat. Und in Wismar war ich im Jahr 2019 auch einige Tage und ich habe die Schauplätze des Buches eingehend studieren können. Viele sind es ja nicht …
 
Die Erzählung spielt an einem einzigen Tag und die Besetzungsliste ist überschaubar: ein junger Kommunist, ein kritischer Arbeiter, ein aufgeweckter Junge, ein Pfaffe, eine Tochter „aus gutem Hause“ und ein Intellektueller in Form einer Barlach-Figur, der „Lesende Klosterschüler“. In einer typischen fast schon Brechtischen „Aufstellung“ geht es um die Verarbeitung des Nazi-Terrors, um die Möglichkeit des Widerstands und die Utopie eines Besseren.
 
Wismar

In Wismar

Wahrscheinlich haben viele von Euch die Erzählung in der Schule „lesen müssen“. Lasst Euch nicht irritieren. Das Buch ist trotzdem ein Lesegenuss. Versucht es einfach noch einmal, ohne Abfrage- und Notenzwang. Sansibar ist ein wunderbares kleines Buch.
 

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Lang Lang bringt dich sicher über den Goldberg

Lang Lang GoldbergvariationenOh ich war ja immer hin- und hergerissen, wenn ich Lang Lang hörte. Stets hegte ich heftigen Kitsch-Verdacht und sein Manierismus an den Tasten war mir nie geheuer. Als er sich nun über die Goldberg-Variationen her machte argwöhnte ich das Allerschlimmste und die Marketingmaschine die die Veröffentlichung seine Aufnahme begleitete war ja nun auch beängstigend. Doch die meisten Kritiken waren äußerst wohlwollend und ich war ob des Gehörten mal wieder hin- und hergerissen: technisch ist der Mann ja wirklich meisterhaft und seine Interpretation des viel gehörten Werkes ist, nun ja, jedenfalls interessant. So ganz konnte ich mich freilich nicht damit anfreunden Bach plötzlich als Romantiker einordnen zu müssen …

Wie herzerfrischend war es da endlich einen gnadenlosen Verriss zu lesen: Wolfram Ette schreibt Lang Lang im Freitag in Grund und Boden:

„Wenn Bach wie Chopin klingt … Wenn man diesseits aller Theorie anschaulich erleben will, wie Kulturindustrie heute läuft, sollte man sich mit der Neueinspielung der Goldberg-Variationen des chinesischen Pianisten Lang Lang auseinandersetzen. … Die Aria klingt bei Lang Lang wie Chopin, delirant kommen die Verzierungen als schwankende Gestalten daher, die nichts zu erkennen geben, außer den Wunsch aufzufallen. Die extremen Temposchwankungen der Variationen wirken willkürlich; alles ist gestelzt, gesetzt, leerer Ausdruck. Das ganze Gebäude gerät bei Lang Lang ins Rutschen, alle Wände verschieben sich ständig gegeneinander wie auf Bildern von Escher. Aber es ist nicht „Dekonstruktion“, sondern Willkür als knallhartes Kalkül, das nur eine einzige Währung kennt: die der zerstreuten und zersplitterten Aufmerksamkeit der Hörerinnen und der Hörer. Flach vor Tiefe hat Lukács dieses Phänomen genannt, Adorno nennt es den Fetischcharakter der Musik. Aber es reicht auch, wenn man findet: Es ist Kitsch.“

Danke Meister Ette. Mein Weltbild ist wieder eingenordet.

kurz kurz kurz lang lang lang kurz kurz kurz.

Literarisches Quintett

Literarisches Quintett I: Kemal – Tabucchi – Begley – Calvino – Márquez

Auf meiner Facebook-Seite „Michael Kausch schreibt“ und auf Instagram veröffentliche ich seit einiger zeit täglich einen kleinen Buch-Tipp. Und weil Facebook und Instagram so vergängliche Medien sind will ich das dort Verflüchtigte nach und nach in neuer Reihung und Zuordnung und vielleicht auch mal an der ein oder anderen Stelle ein wenig überarbeitet und ergänzt hier in den Stein meines Blogs meißeln. Als „Literarisches Quintett“ werde ich also in loser Folge gelegentlich an dieser Stelle fünf Bücher und Autoren, die mir in meinem Leben Spaß oder Erkenntnis bereitet haben, kurz vorstellen. Dabei geht es mir weniger um klassische Buchvorstellungen, als vielmehr um Erinnerungen, die mich überfallen, wenn ich die Bücher aus dem Regal ziehe. Und schon geht’s los.

Yasar Kemal: Das Unsterblichkeitskraut

Yasar KealWenn mich ein Teufelchen zwingen würde einen Lieblingsautor zu nennen, ich würde mich für den Türken und Kurden Yasar Kemal entscheiden. Seit 1972 wurde er immer wieder für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. Erhalten hat er ihn nie. Er saß als linker Demokrat mehrmals im Gefängnis, schrieb viele Jahre als Journalist für die Zeitung Cumhuriyet, war mit einer jüdischen Frau verheiratet, setzte sich leidenschaftlich für die Aussöhnung von Türken und Kurden ein, kurz: sein Leben in der modernen Türkei war niemals wirklich einfach.

Er war ein wortgewaltiger Erzähler mit einer so bildreichen Sprache und einer ruhigen Art Geschichten zu entwickeln, dass jedes seiner Bücher einen unwillkürlich entführt. Mit ihm bin ich nach Anatolien gereist, habe das Taurusgebirge bestiegen, die Cukurova-Ebene durchwandert, ich war auf der Ameiseninsel und habe das Unsterblichkeitskraut gesucht und gefunden. Yasar Kemal gehört zu den wenigen Autoren, dessen auf Deutsch erschienenes Werk ich komplett gelesen habe. Und ich vermisse jedes Buch, das er nicht geschrieben hat.

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tagesplatte

100 Tage – 100 Schallplatten

Gestern endete auf meiner Facebook-Seite „Michael Kausch schreibt“ und auf meinem Instagram-Kanal das Projekt #tagesplatte. Über 100 Tage habe ich jeden Tag eine Schallplatte aus einer Sammlung vorgestellt.  Angefangen hat es mit einer dieser Aktionen, in der Freunde einen darum bitten 10 Dinge zu tun und 10 Freunde darum zu bitten ebenfalls 10 Dinge zu tun. Ihr kennt das: eine Schneeball-Aktion, die dazu führt, dass Facebook jede Menge Traffic bekommt. Ich mag diese Challenges, die neuerdings sogar bei LinkedIn um sich greifen eigentlich nicht besonders und mach in der Regel auch nicht mit, aber bei Schallplatten kann ich nur sehr schwer NEIN sagen. Ich liebe diese schwarzen Scheiben nun mal. Und eigentlich sollte ich auch nur Bilder der Cover online stellen, aber das geht ja gar nicht. Ich muss doch sagen, warum ich gerade diese Platten vorstelle und nicht tausend andere. Und wie soll ich mich für 10 (!) entscheiden? Schon die Auswahl von 100 war eigentlich ganz und gar unmöglich.

Der Autor beim Hören einer Schallplatten

Trotzdem ich hab es getan: ich habe 100 Tage lang 100 Platten – ausschließlich Vinyl – vorgestellt. Und immer habe ich ein bisschen was dazu geschrieben, mal mehr, mal weniger. Keine Plattenkritiken. Mehr so persönliche Erinnerungen und Assoziatiönchen. Und die Auswahl war furchtbar unfair gegenüber die vielen Platten, die hier noch herumstehen und die mir genauso wichtig sind.  Manche vielleicht sogar wichtiger. Je nach Tageslaune.

Was bleibt nach 100 Tagen? Eine große Ernüchterung:

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