„Jeder Schuss ein Russ“. Wir ziehen wieder in den Krieg. Teil 2. Und Schluss.

Warum 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr den Frieden nicht sicherer machen.

Der russische Überfall auf die Ukraine und die furchtbaren dort begangenen Kriegsverbrechen haben die Friedensbewegung hierzulande gründlich zerrüttet. So viele friedensbewegte grüne und christliche Freundinnen und Freunde singen plötzlich patriotisch die ukrainische Nationalhymne, fordern Waffenlieferungen für die ukrainische Armee, neue Waffensysteme für die Bundeswehr und eine Verstärkung von Nato-Verbänden möglichst dicht an der russischen Grenze. Dies war das Thema im ersten Teil dieser sehr persönlichen Stellungnahme zur aktuellen Diskussion um den Krieg in der Ukraine.  

Und wenn der Präsident der USA offen die Entfernung des russischen Präsidenten aus dem Kreml fordert – „Um Gottes Willen, dieser Mann darf nicht an der Macht bleiben“ – dann erhält er offen Zustimmung aus dem ehemals pazifistischen USA-kritischem Lager. Die völlig gerechtfertigte Solidarität mit den Opfern des Kriegs führt einmal mehr zu einem patriotischen Blindflug der Waffengläubigkeit.

Ich halte den Beschluss der Bundesregierung über ein zusätzliches Sondervermögen in Höhe von 100 Milliarden Euro die Bundeswehr aufzurüsten und anschließend dauerhaft den Rüstungsetat auf wenigstens zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu halten für völlig verfehlt.

Sicherheit wird nicht über zusätzliche Rüstungsausgaben erreicht und der Frieden ist nicht auf Grund mangelhafter Militärausgaben gefährdet. Die Destabilisierung der Welt beruht wesentlich auf sozialen und kulturellen Ungleichheiten und politischen Ungleichgewichten. Putins abenteuerliche und aggressive Politik wurde erst möglich durch das diplomatische Versagen des Westens nach dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts. Einerseits hat man es versäumt die demokratischen Kräfte Russlands zu stärken, andererseits hat man mit den Autokraten des neuen Russlands beste Geschäfte gemacht. Das Anwachsen der sozialen Ungleichheit in Russland hat man toleriert und indirekt gefördert.

Soziale Ungleichheit aber bereitet überall den Boden für autoritäre politische Strukturen. Dies gilt für Russland nicht weniger, als für westliche Demokratien. Putin hätte seine expansive militärische Abenteuer niemals gewagt, hätte er nicht auf die erodierten Strukturen des Westens setzen können, auf eine unter Trump beinahe implodierte westliche Führungsmacht, eine Brexit-geschwächte EU, ein von Rechtsradikalen bedrohtes Frankreich und ein Deutschland mit scheinbar unberechenbaren Mehrheitsverhältnissen und einer von ihm kontrollierten „Alternative für Deutschland“ in allen Parlamenten.

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frieden

„Jeder Schuss ein Russ“. Wir ziehen wieder in den Krieg. Teil 1.

Manchmal tut es so gut Alexander Kluge zu lesen. Unter dem Titel „Lasst sie singen“ hat er gestern in der Süddeutschen Zeitung ein Plädoyer für die Kunst und gegen den Krieg gehalten: „Anna Netrebko soll singen“. Wie recht er hat. Aber er schreibt nicht nur für die Kunst und gegen den Krieg, sondern auch gegen die Entsachlichung des Diskurses. Und das tut Not. Denn was wir derzeit unter dem Deckmantel der Moralisierung der Politik erleben, ist eine massive Entsachlichung, ist der Verfall all dessen, was Friedenspolitik und Diplomatie bis vor wenigen Wochen noch bei uns ausmachte. Und kurz vor den Ostermärschen tut eine Kursbestimmung der Friedensbewegung in Zeiten des Krieges Not.

Eine Kurzbestimmung der Friedensbewegung in Zeiten des Krieges

Ich selbst hielt diese Woche einen Vortrag über die aktuelle Militärpolitik, in der ich mich kritisch über das 100-Milliarden-Euro-Nachrüstungspaket für die Bundeswehr äußerte. Zu hören bekam ich „Das klingt ja alles vernünftig – aber eben nur vernünftig!“

Vernunft ist wohl kein Maßstab mehr, wenn es um die Kriegsverbrechen in der Ukraine geht. Als ob es je einen Krieg gegeben hätte, der kein Verbrechen war. Als ob der Krieg in der Ukraine der erste Krieg dieses Jahrhundert wäre.

(Nicht nur) unsere grüne und ehemals friedensbewegte Außenministerin fordert heute den Export schwerer Waffen in die Ukraine. Anfangs ging es nur um Verteidigungswaffen, dann um leichte Waffen, jetzt um schwere Waffen. Was kommt als nächstes? Erst waren es Helme, dann Panzerfäuste, dann Geschütze, jetzt Leopard-1-Panzer. Man spricht schon über Kampflugzeuge und Anti-Schiff-Raketen. Was kommt als nächstes?

Die Doktrin „Keine Waffen in Krisengebiete“ ist schneller vom Tisch gefegt worden, als russische Truppen Minnen legen können.

Wie schnell und geräuschlos wurden die Aufklärungsdrohnen der Bundeswehr bewaffnet. Und dass ein Bundeskanzler quasi im Alleingang eine Vorlage über ein Sondervermögen über 100 Milliarden Euro für einen Nachrüstungsbeschluss innerhalb weniger Tage vorlegen kann, das verdankt sich auch nicht nur seiner Erfahrung als Finanzminister. Das ging so schnell, da erreichten die FDP-Abgeordneten trotz fehlenden Tempolimits kaum rechtzeitig Berlin zur Aussprache im Plenarsaal. War aber auch gar nicht nötig …

Wie weit wollen wir mit den Waffenlieferungen noch gehen? Frau Baerbock: Was ist eigentlich Ihr Kriegsziel? Wollen Sie, dass die Russen komplett aus der Ukraine vertrieben werden? Soll Putin verjagt werden, so wie das Joe Biden fordert, wenn er sagt „Um Gottes Willen, dieser Mann darf nicht an der Macht bleiben“? Oder sollen sich die Russen nur auf die Krim zurückziehen? Ich frag ja nur. Ich meine, wer Waffen liefert, der ist auch Kriegspartei. Und wer einen Krieg führt, der muss ein Kriegsziel haben.

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odessa

Als Pu, ein Bär von sehr geringem Verstand, einmal ein Land überfiel

Als Pu, ein Bär von sehr geringem Verstand, einmal ein Land überfiel, da waren sie alle arg überrascht. Das hätten sie nicht sein müssen, besagt doch ein altes russisches Sprichwort „Wer den Bär zum Tanz auffordert, der bestimmt nicht darüber, wann der Tanz endet“. So ist es.

Ich will gar nicht behaupten, dass der Westen, wer auch immer das sein mag, Schuld am Elend der Ukraine trage. Der Kriegstreiber sitzt am östlichen Ende von Nord Stream 2, jener langen Röhre, durch die er nun mit Gerhard Schröder am Altherrenabend Guckguck spielen kann. Aber die hohe Kunst der Diplomatie hat „der Westen“ gründlich verlernt. Wie anders ist zu erklären, dass sich der eine orangefarbene Teil diebisch wie eine Elster freut („Wie schlau ist das denn?“ – Trump über Pu und seinen Truppenaufmarsch) und der andere Teil, die deutsche Außenministerin, sichtlich empört ist, dass Pu „gegen das Völkerrecht agiert“, wo sie doch das Völkerrecht studiert hat. Pu, das geht nun aber gar nicht!

Pu der Bär ist kein Hitler

Die nächsten holen dann gleich die ganz große Klatsche raus und vergleichen Pu mit Hitler: hat der nicht damals auch erst Sudetenland und danach ganz Tschechien „heim geholt“, so wie Pu jetzt die Krim und dann die ganze Ukraine?  NEIN, Pu ist kein Hitler 2.0! Pu ist ein Nationalist, aber kein Rassist der auf Landeroberung für seine Russen aus ist und andere Völker systematisch ausrotten will. Pu ist nicht der große Völkermörder, noch nicht einmal ein kleiner Stalin. Pu ist auch gefährlich für seine Nachbarn, aber auf seine ganz eigene Art und Weise. Und er wird um so gefährlicher, um so schwächer er wird. Und schwach ist er. Wirtschaftlich steht er enorm unter Druck. Seinen Leuten geht es nicht gut. Die Modernisierung der Industrie kommt nicht voran. Bei der Bekämpfung der Korruption gibt es keine Fortschritte. Und das waren seine großen Ziele. Das einzige was er wirklich vorweisen kann sind sehenswerte Erfolge in der Aufrüstung.

Seine Gefährlichkeit resultiert aus seiner Schwäche, nicht aus seiner Stärke. Er ist ein dummer kleiner Bär mit großen Muskeln und zunehmend kleinem Verstand. Und je schwächer er – innenpolitisch – wird, desto größer ist die Gefahr die von ihm ausgeht, desto unberechenbarer ist er. Der frontale Angriff auf die Ukraine wird ihn weiter schwächen, weil der Angriff sehr teuer für ihn werden wird. 

Lettgallen in Lettland ist die Ostukraine des Baltikums

Ich habe Angst vor einer weiteren Eskalation, davor, dass der Westen ihn weiter in die Enge treibt. Wirtschaftlich wird der Konflikt Russland weiter schwächen. Der ohnehin schwachen Demokratiebewegung in Russland wird das nicht helfen. In die Enge getrieben wird Pu sein Augenmerk auf weitere russische Minderheiten in weiteren Nachbarländern werfen. Und da gibt es viele, auch in den baltischen Staaten.

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verschwörungstheorien

Die Verschwörungstheorien sind die schlimmere Pandemie

Warum Filterblasen und Echokammern eine große Herausforderung für unsere Demokratie sind. Ein Beitrag zur Diskussion.

Im Lager der Querdenker verhochzeiten sich Coronaleugner und Neonazis zu einer unheiligen Allianz. Dabei sind natürlich nicht alle Impfskeptiker Nazis und nicht alle Neonazis misstrauen deutschen Virologen.

Warum aber treffen sich Bannerträger der Reichkriegsflagge, Neonazis, Blut- und-Boden-Ökos, Abtreibungsgegner, Parawissenschaftler, Kreationisten, Klimawandelleugner, Antisemiten, Esoteriker und Impfgegner unter Regenbogen und Hakenkreuz? Warum werden die Grenzen so unscharf? Warum treffen sich die Anhänger dieser scheinbar so unterschiedlichen Gruppierungen durchaus in den gleichen Filterblasen und Echokammern und tauschen dort die immergleichen Vorurteile und Mythen aus? Warum halten sie untereinander nicht einmal mehr den Mindestabstand von eineinhalb Metern ein und pochen gegenseitig auf Toleranz, weil sie ja vorgeblich alle von den „Systemmedien“ und „Systempolitikern“ ausgegrenzt werden?

Alle diese Gruppen eint, dass sie sich ausgegrenzt fühlen und dass sie sich selbst ausgrenzen – und dass sie damit unsere demokratische Gesellschaft in Frage stellen!

Sind Filterblasen und Echokammern die Ursachen des Problems?

Es scheint, dass das Internet und die sozialen Medien Schuld sind am Aufkommen von Verschwörungstheorien und an der Verfestigung undemokratischer Tendenzen in unserer Gesellschaft. Am rechten Rand bilden sich Gegenkulturen aus Aussteigern, Spinnern, Rassisten und Neonazis.

Tatsache ist:

  • Rassisten, die noch vor ein paar Jahren ihre Meinung nicht öffentlich zu formulieren wagten, äußern sich nun öffentlich im Internet, manchmal anonym, immer öfter aber auch offen sogar unter Nennung ihres Namens.
  • Menschen, die sich politisch am Rande des demokratischen Meinungsspektrums bewegen und bislang nicht öffentlich äußerten schließen sich Rassisten und Faschisten an, die sich immer stärker formieren und organisieren.
  • Ehemalige demokratische – konservative und fortschrittliche – Meinungsmacher (Journalisten, Influencer) schlagen sich auf die Seite von reaktionären Verschwörungstheoretikern und zum Teil Rassisten und Faschisten.
  • Die Grenzen zwischen Verschwörungstheoretikern, Ökokonservativen, Nationalkonservativen und Neonazis verschwimmen.
  • Viele von uns haben schon gute Freunde, Kolleginnen, Kollegen oder Familienmitglieder verloren.
  • Die Bewegung radikalisiert sich und wird zunehmend militant. Mordaufrufe sind an der Tagesordnung.

Nochmal zur Klarstellung: Ich werfe nicht alle diese Menschen in einen Topf. Viele dieser Menschen werfen sich selbst in einen Topf. Ich sehe in den Timelines von demokratischen Impfskeptikern zunehmend Kommentare, in denen erklärt wird, dass Merkel die Demokratie abgeschafft habe und in denen ein Widerstandsrecht gegen Journalisten erklärt wird. Wer behauptet, wir würden angesichts der aktuellen Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie – die man gut oder schlecht finden kann – in einer Diktatur leben, wer daraus ein Widerstandsrecht ableitet, der macht sich gemein mit jenen, die in Washington das Capitol gestürmt haben, die zur Wahlfälschung aufrufen, die in Deutschland Politiker und Journalisten zunehmend körperlich bedrohen. 

Es ist schwierig mit Betroffenen umzugehen, sie vor dem Abdriften in die Szene zu bewahren, die Szene zu bekämpfen. Wir haben keine verbindliche Strategie und wir haben keine Erklärung für die Ursachen. Oder korrekter: Wir haben viele!

Die zwei großen Trends: Die Legitimationskrise der Wissenschaft und die Legimitationskrise der demokratischen Institutionen

Gegenwärtig überlagern sich zwei Trends, die wir sehr klar voneinander unterscheiden müssen:

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Hitler Postkarte

Hiroito – Hitler – Heinemann. Eine Reizwortgeschichte in Briefmarken

Im Oktober 1971 weilte der damalige japanische Kaiser Hiroito, der 124te Tenno , der „Shōwa-tennō“, auf Staatsbesuch in Deutschland. Aus diesem Anlass  konnten sich Philatelisten auf dem Hauptpostamt der damaligen Bundeshauptstadt Bonn einen Sonderstempel abholen. 

Ich war zwölf Jahre alt und hatte in Bonn eine fürsorgliche Verwandte, die mir über viele Jahre immer Ersttagsbriefe, Ersttagskarten und Sonderstempel besorgte. Ihr Mann war übrigens als Hauptmann und Geheimnisträger im Bundesverteidigungsministerium beschäftigt und vielleicht verfügte sie schon aus diesem Grund über eine gewisse Chuzpe. 

Jedenfalls verdanke ich es ihr, dass ich heute über eine ziemlich einmalige philatelistische Besonderheit verfüge: eine Adolf-Hitler-Postkarte, auf deren Rückseite eine Gustav-Heinemann-Briefmarke klebt, entwertet mit einem Sonderstempel vom Staatsbesuch des japanischen Kaiserpaars vom 13. Oktober 1971!

Hiroito Hitler Heinemann Briefmarke

Immerhin war der Tenno ja 30 Jahre vor diesem Besuch beim deutschen Bundespräsidenten schon Waffenbruder des Führers gewesen – eine erstaunliche Kontinuität, die Anfang der 70iger Jahre in einigen Tageszeitungen und auf zahlreichen politischen Demonstrationen thematisiert wurde. Auf meinem deutsch-japanischem Bundes-Nazi-Ersttags-Jubiläumsbrief wird diese Kontinuität eindrucksvoll dokumentiert.

Meine Bekannte hat wohl die alte Hitler-Karte einfach mit der neutralen Rückseite samt Heinemann-Marke zum Abstempeln vorgelegt. Erwischen lassen hätte sie sich wohl besser nicht sollen. Heute ist diese Karte sicherlich eine absolute Besonderheit. Vielleicht sollte ich sie dem Deutschen Historischen Museum anbieten? Oder einem reichen japanischen Sammler?

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Der gute alte Videotext wird 40 Jahre alt: Happy Birthday!

Am Pfingstmontag wird der gute alte Videotext 40 Jahre alt. Ein Grund die Pixel aus der Tüte zu holen und die alte Flimmerkiste damit zu bewerfen: Happy Birthday, du Twitter-Frühchen!

Am 1. Juni 1980 startete die ARD ein neues revolutionäres Nachrichtenangebot. Unter Ausnutzung der Austastlücke, die die „schwarzen Balken“ zwischen den Einzelbildern des analogen Fernsehbildes ließen,  übertrugen die Sendemasten des „Ersten“ Textinformationen, vor allem Nachrichten, Wetter, Fußballergebnisse und Programminformationen. 

ARD Videotexttorte

Diese Geburtstagstorte gibt es zur Zeit im ARD Videotext

Als 24-Stunden-Rund-um-die-Uhr-Medium konnte sich Videotext besonders in Krisenzeiten schnell bewähren. Videotext war das Twitter der Vor-Internet-Ära. Und noch heute schnellen besonders bei Katastrophen die Nutzerzahlen in die Höhe. Jeweils knapp 3 Millionen Menschen nutzen den Videotext von ARD, ZDF und den Dritten Programmen, rund 1,4 Millionen das Teletext-Angebot von RTL. 

Und noch immer ist die Redaktion des Videotextes topaktuell, jedenfalls bei den Öffentlichrechtlichen. Die ARD hat ihre Redaktion zentral in Potsdam sitzen und dort arbeiten sie News extrem schnell in das System ein. Einzig die Seitendarstellung und Navigation ist nicht die Schnellste. Aber wer mit Videotext sozialisiert wurde beherrscht das System ruckzuck. Meine Frau recherchiert die letzten Niederlagen des FCN noch immer schneller im Videotext, als ich auf bundesliga.de. Frustrierend ist eh beides. Wie gesagt: Videotext ist ein perfekter Katastrophendienst.

Echte Nerds aber nutzen Videotext sowieso per App. So wie sie ja auch Telegramme per Internet aufgeben. Mein Link-Tipp zum Jubiläum: https://www.ard-text.de.

 

Von Facebook zensiert und ausgesperrt

Heute wurde ich das erste Mal von Facebook zensiert und ausgesperrt. Ausgerechnet mir, der ich mich stets liebevoll und fürsorgend vor wirklich jeden britischen Insulaner werfe, wenn man ihn des gehobenen Irrsinns bezichtigt, wurde vorgeworfen auf Facebook gegen die „Gemeinschaftsstandards zu Hassrede“ verstoßen zu haben. Und das kam so:

Mein Freund und Czyslansky-Gründer Tim Cole, übertriebener Liebedienerei eher abgeneigt, fand auf seinem Facebook-Kanal klare Worte in Bezug auf den für kommenden Freitag angekündigten Brexit: „F*ck you GB!“

Brexit

Mich veranlasste dies zu einem – wie ich meine – deutlich differenzierterem und wohlfeil poetischerem Kommentar: „Es hat sich nichts geändert: die Schotten sind ganz dicht, die Engländer nicht.“

Dergestalt wollte ich darauf hinweisen, dass die Schotten einerseits über den erheblich besseren Whisky verfügen, dem sie angesichts des Brexits nunmehr intensiver zugetan seien, als die Engländer, andererseits seien die Schotten – im übertragenen Sinne – in der Einwanderungspolitik nach dem Brexit nunmehr dichter geworden. Die Engländer wiederum verfügten stets über prozentual weniger Dichter, als die Schotten.

Na ja, wie dem auch sei… Mein kleiner unscheinbarer Satz lässt sich mannigfach interpretieren. Allein Facebook tat dies nicht. Facebook reagierte seltsam unwirsch und zwar binnen weniger Minuten: Mein Eintrag wurde gelöscht mit dem Hinweis, es handele sich um Hassrede und Hetze.

Facebook überprüft seine Einschätzung in zwei Minuten. Ja wie denn? Ja was denn? Ja wer denn?

Selbstverständliche könne man diese Einschätzung überprüfen lassen, was ich selbstredend umgehend veranlasste. Zwei Minuten später kam das Prüfergebniss: eine Überprüfung ergab, dass es sich tatsächlich um Hassrede handele. Ja wie machen die das denn? Das Zensurprogramm prüft sich da wohl selbst? Ein Algorithmus prüft sich  selbst?  Anders kann das so schnell doch gar nicht gehen. Und anders ist das Ergebnis auch gar nicht nachvollziehbar. „F*ck you GB“ ist schon ok, aber „nicht ganz dicht“ ist eine Hassrede? Wer wurde denn eigentlich beleidigt? Die Schotten? Die Engländer?

Es folgte auch gleich noch ein eine Aussperrung

Wenig später folgte dann auch gleich noch eine Aussperrung, ein Redeverbot in Facebook für 24 Stunden:

Facebooksperre

 

Für 24 Stunden darf ich in Facebook nichts mehr veröffentlichen und nichts mehr kommentieren, wegen des Satzes „die Schotten sind ganz dicht, die Engländer nicht“!

Der Satz mag einem gefallen oder nicht, aber das ist doch wohl keine Volksverhetzung!

Natürlich geht es darum, persönliche Beleidigungen und Volksverhetzung in den Netzen zu verhindern. Aber das ist hier doch wohl ein Witz. Und wenn ich mir vorstelle, dass Upload-Filter, wie sie die Europäische Union fordert, künftig so funktionieren, wie die Selbstzensur von Facebook, dann kommt mir das nackte Grauen.

Blockwart-Mentalität ist nicht die Alternative zur Hetze im Netz!

Das hat ja Konsequenzen. Man ist ja nicht nur als Privatperson blockiert. Ich zum Beispiel betreue auf Facebook auch die Seiten einiger Unternehmen und eines Bundestagsabgeordneten. Und die Aussperrung behindert mich auch in meiner Funktion als Administrator dieser Seiten.


Auch nach einem Tag erlaubt es mir Facebook nicht den Vorgang  direkt auf Facebook zu kommentieren. Joachim Herbert hat ja in seinem Kommentar gemeint, Facebook würde Hasskommentare nur auf Antrag verfolgen. Ich wollte dies korrigieren. Meine Kommentarfunktion hat Facebook aber noch immer gesperrt. Facebook verhindert, dass ich dies richtigstelle:

Unerträglich.

 

 

 

infoautobahn

Die Zukunft der Arbeit – ein Beitrag zu einer sozialdemokratischen Perspektive auf die Digitalisierung

Dieses Manuskript ist eine gekürzte Version eines Vortrags, der auf einer Veranstaltung der SPD im bayerischen Tittmoning am 16. Januar 2020 gehalten wurde.

 

Das „böse“ Märchen

Es ist Märchenstunde in Deutschland!

Wir schreiben Donnerstag, den 2. Mai 2040. In den Fabriken arbeiten fast nur noch Roboter, angeleitet von automatisierten Steuerungssystemen, die auf künstlicher Intelligenz – auf „KI“ – basieren. In der Logistik dominieren autonom fahrende und zentral gesteuerte lustig-bunte Transportsysteme. Nur in ausgewählten Lenkungs-, Verwaltungs- und Dienstleistungsfunktionen werden noch menschliche Arbeitskräfte in nennenswerter Anzahl benötigt.
Einige wenige von diesen lebendigen Menschen arbeiten vor Ort in diversen Pflege- und Service-Einrichtungen, zum Beispiel in Kliniken und in Seniorenheimen der Arbeiterwohlfahrt. Sie tun dies Hand in Hand mit sympathisch-freundlichen Service-Robotern und -Roboterinnen.

Die meisten dieser Menschen sind als mobile vernetzte Eigenunternehmer unterwegs: als Ich-AGs, zum Beispiel als Arzt in Fern-Diagnose-Systemen, als Journalist, als Beraterin, als IT-Entwickler und Projektmanagerin.

Automatisierte Online-Systeme vermitteln hier ihre Arbeitskraft stunden-, tage- oder wochenweise ganz nach dem wechselnden Bedarf der Wirtschaft. Häufig wird kostenlos gearbeitet, um durch unbezahlte Jobs Kontakte in den viel gerühmten pseudosozialen Netzwerken Facebook, Twitter oder Instagram zu pflegen. Ohne diese Netzwerke kommt man nämlich kaum mehr an einen der wenigen schlecht bezahlten Aufträge heran.

Man konkurriert einerseits – und immer häufiger – gegen automatisierte Systeme, also gegen sogenannte „Bots“, die auf künstlicher Intelligenz beruhen und rund um die Uhr an allen Tagen verfügbar sind und andererseits – und immer seltener – gegen menschliche Online-Dienstleister aus Niedriglohnländern, aus Polen, Rumänien oder Indien.

Letztere hatten vorübergehend in den zwanziger Jahren – also zwischen 2020 und 2029 – Aufgaben im technischen Support, im Online-Vertrieb oder in der Buchhaltung von ihren deutschen Kolleginnen und Kollegen übernommen, ehe sie selbst Zug um Zug von KI-Systemen ersetzt wurden.

Im 3D-Fernsehen wurde gestern Abend – also am 1. Mai 2040 – erregt über den aktuellen Trend zum „Egg Freezing“ diskutiert.
Egg Freezing, das wurde so um 2019 herum in den USA entwickelt. Da lassen junge Frauen Eizellen einfrieren und wenn sie dann mal 40 oder 50 Jahre alt sind befruchten, so dass sie in reiferem Alter dann noch Mutter werden.

Ja, in der Tat leisten es sich heute, also im Jahr 2040, immer weniger Frauen in jungen Jahren schwanger zu werden. Eine Frau, die einmal ein paar Jahre „aus dem Geschäft“ ist, verliert als Eigenunternehmerin schnell ihren Marktwert und ihre gesellschaftlichen Kontakte. Eine gerechte Teilung von Erwerbsarbeit und Erziehung zwischen Mann und Frau wird durch die extreme Individualisierung und räumliche Mobilisierung schon seit Jahren zunehmend erschwert. Die Frauen leiden wieder einmal mehr unter den aktuellen gesellschaftlichen und technologischen Veränderungen.

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reichstag

Neu in 2020: Das „Gute-Politik-durch-Selbstversuch-Gesetz“

Zwischen den Jahren soll man sich und die Welt ja mit guten Vorsätzen bereichern. Ich hab da einen Vorschlag, der weniger mich, als viel mehr „die da oben“ in Berlin aufs richtige Gleis setzen soll: das „Gute-Politik-durch-Selbstversuch-Gesetz“. Wir optimieren im neuen Jahr die Gesetzgebung, indem wir alle Gesetze im Selbstversuch erstmal an unseren Politikern ausprobieren. Und ich hab da schon ein paar ganz ganz konkrete Vorschläge …

Die viel diskutierte „Respekt-Rente„, diese wortakrobatische Erfindung von  Hubsi Heil, testen wir an Horsti Seehofer. Dieser hat wahrlich schon genug arbeitsreiche Jahre in der Politik verbracht und darf sich getrost aufs Altenteil zurück ziehen. Und er darf dann auch gleich – unseres Respekts gewiss – künftig kostenlos Bahn fahren, wie unsere treuen Soldaten. Für ihn kein Problem – über eine große Modellbahnanlage verfügt er ja schon. Wir halten es da ganz mit seinem Bankett-Kollegen – äh: Kabinett-Kollegen – Andi Scheuer: „Scheuer nannte die kostenlosen Fahrten ein ‚Herzensanliegen‘, mit dem die Leistung … anerkannt werde“ (schreibt die ZEIT).

So kommen wir denn auch nahtlos zum zweiten Gesetzestester. Maut- und Clown-Seuchen-Andi darf natürlich vice versa Seehofers „Geordnetes Rückkehr Gesetz“ ausprobieren.

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rudi kulzer

Rudi Kulzer – ein später verzweifelter Nachruf

Rudi, das war nicht fair – diese Welt durch den Hinterausgang still und heimlich zu verlassen. Während meines Urlaubs. Ohne letzte Zigarre. Ohne ein letztes Gläschen. Aber ich habe es nicht anders verdient. Nach deinem Schlaganfall im vergangenen Jahr haben wir uns nicht mehr getroffen. Und so habe ich von deinem Tod im Juli diesen Jahres erst sehr spät erfahren. Und das werde ich mir so schnell nicht verzeihen. Schließlich hast du mich wie nur wenige andere Fachjournalisten mein langes Berufsleben hindurch begleitet.

Richtig kennengelernt habe ich dich irgendwann Ende 1988 bei der Vorankündigung des Microsoft SQL Servers in einem dieser üblichen Münchner Hof-Hotels – „Bayerischer Hof“, „Königshof“, … irgendeiner dieser Vorhöfe zur Hölle. Ich war damals Pressesprecher von Microsoft und am Ende der Veranstaltung, in der wir gemeinsam mit Ashton Tate den SQL Server vorstellten, erhob sich in der letzten Reihe der tiefe grollende Bass hinter einem mächtigen Rauschebart mit den Worten

„Rudi Kulzer, Handelsblatt. Ja schämt’s Ihr Euch gar ned bei Äschton Täit, dass Ihr jetzt Euer wichtigstes Produkt über die Feinde von Microsoft vertreiben müsst? Geht ohne den Gates jetzt gar nix mehr? Seids Ihr schon so vor die Hunde gekommen?“ 

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