Digitales Leben

Voyager-Golden-Record

Mit freundlichen Grüßen von den Erdlingen: Die Voyager Golden Record Vinyl Box

Natürlich habe ich auch eine – eine Goldene Schallplatte: „The Voyager Golden Record Vinyl Box Set„.

Die edle Box enthält die Botschaft der Erdlinge, die die NASA vor mehr als 40 Jahren ins All schoss: 

Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 1977. Dies sind die Abenteuer der Raumsonde Voyager, die mit ihrer Golden Record viele Jahre unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringt die Voyager in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Rock und Barock, Klassik und Pop, Gesprochenes und Gemaltes wurde vor 44 Jahren auf eine vergoldete Scheibe gepresst und mit zwei Voyager Sonden ins All geschossen. In 55 Sprachen grüßt die Menschheit fremde intelligentere Wesen, die eines fernen Tages die wertvollen Schallplatten bergen und entziffern mögen.

Erdenklänge verzaubern auf der Voyager Golden Record

Voyager-Golden-Record 01

In einer kunterbunten Klang-Collage wurden unter anderem Vogelgezwitscher, Babyschreie und ein schmatzender Kuss verewigt. Nach einer Rede des damaligen UN-Generalsekretärs Kurt Waldheim (muss man nicht hören) singen Wale (muss man hören) höchst polyphon. Und nicht zuletzt sollen hochwertige Konzertaufnahmen den fremden Intelligenzen einen Eindruck vom menschlichen Kultur- und Musik-Schaffen vermitteln:

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grossemeister

Platten-Tipp: Wenn dem Plattenspieler Flügel wachsen: Große Meister – Kleine Stücke

Platten-Tipp: Große Meister – Kleine Stücke, clearaudio LP 83044, 29,- Euro

Gleich sieben der weltbesten Pianisten kommen auf dieser Schallplatte zu Gehör. Besonders erfreulich, dass neben den Großmeistern Askenase, Barenboim, Kempff, Richter und Weissenberg auch zwei Frauen auf der Platte Berücksichtigung fanden: Die heute in Argentinien lebende Pianistin Martha Argerich ist eigentlich erst in den letzten Jahren mit der Verleihung des ECHO im Jahr 2014 international in die erste Riege der Klaviervirtuosen aufgenommen worden. Die Französin Monique Haas hat über lange Jahre vor allen Dingen die Debussy- und Ravel-Tradition der Deutschen Grammophon bereichert. Hier ist sie einmal nicht mit einer Interpretation der Romantik, sondern mit einer Sonate von Scarlatti vertreten. 

Klavier-Platten der Deutschen Grammophon sind eigentlich immer eine feste Bank. Und wenn Heinz Wildhagen der Tonmeister war, dann ist die Aufnahmequalität vom Feinsten. Und wenn dann auch noch clearaudio die Platte als Neupressung auf schwerem 180-Gramm-Vinyl vorlegt, dann stimmt auch die Pressqualität. Und so liegt denn gerade mit „Große Meister – Kleine Stücke“ eine Scheibe auf meinem Laufwerk, die wahrlich prächtig ist. 

Die Auswahl der „kleinen Stücke“ ist äußerst abwechslungsreich geraten. Vom verzückt-lieblichen Lisztschen Ohrenschmalz „Liebestraum“ über das expressive und furiose Feux d’artifice von Claude Debussy bis zu zwei mächtigprächtigen Präludien Rachmaninows. Sicherlich wird jeder Hörer seine eigenen Favoriten heraushören. Mir sagen zum Beispiel die eigenwilligen Transkriptionen kammermusikalischer Pretiosen Wilhelm Kempffs besonders zu. Bachs sizilianische Flötensonate in der Kempffschen Fassung für den Flügel wird zwar heute nicht selten gespielt, von ihm selbst interpretiert hatte ich es allerdings bislang noch nicht in meinem Plattenschrank.

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Ein Mann liest Zeitung

Michael Kausch: Ein Mann liest Buch: Justin Steinfeld: Ein Mann liest Zeitung

Immer wieder kommt einem einmal ein Buch zwischen in die Finger, das einen elektrisiert. „Ein Mann liest Zeitung“, Justin Steinfelds einziger Roman gehört zweifellos dazu. Für mich jedenfalls. Dieses Buch hat mich umgehauen. Ob es daran liegt, dass ich leidenschaftlicher Zeitungleser bin? Dass ich Kaffeehäuser liebe? Dass ich Prag mag? Dass ich eine gewisse Affinität zur antifaschistischen und frailech zur jüdischen Exilliteratur hege? 

Justins Steinfeld schrieb das Buch während seiner erzwungenen Emigration in England wohl irgendwann in den vierziger oder fünfziger Jahren. Erschienen ist das Werk unter dem Titel  „Ein Mann liest Zeitung“ dann erstmals 1984 im „Neuen Malik Verlag“. Dann war es wieder vergriffen um im vergangenen Jahr bei Schöffling & Co. endlich neu aufgelegt zu werden. Und nun bleibt zu hoffen, dass es dem Markt niemals wieder verloren geht.

Wer ist – oder besser war – Justin Steinfeld?  Die wichtigsten Eckdaten: Steinfeld wurde 1886 als Jude in Kiel geboren und starb 1970 in England. Er lebte in den zwanziger Jahren als kommunistischer Journalist in Hamburg und schrieb u.a. für die A.I.Z. und Die Wahrheit. Nach der Machtergreifung durch die Nazis emigrierte er nach Prag, von wo aus der später vor den Faschisten nach England floh. 

In seinem Roman behandelt er das Schicksal der deutschjüdischen Emigranten in Prag am Beispiel der Kunstfigur Leonhard Glanz:

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die hochzeit der chani kaufman 2

Eve Harris: Die Hochzeit der Chani Kaufman. A Schmöker über Jiddischkait.

Meet a Jew“ heißt eine schöne Aktion des Zentralrats der Juden in Deutschland. Aus Anlass des Festjahres „1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“ vermitteln jüdische Gemeinden persönliche Kontakte zwischen nicht-jüdischen und jüdischen Menschen. Da können Gojim und Gojete dann mal fragen, ob Juden auch in Urlaub fahren, was sie am Schabbat machen und wie das eigentlich so funktioniert mit dem koscheren Essen und den zwei Kühlschränken. Und Juden erklären ihren deutschen Freunden den Kaschrut und … äh … dass sie auch Deutsche sind. 

Dass die Jiddischkait ein wichtiger Teil der deutschen Kultur ist, ist leider bei vielen in Vergessenheit geraten. Nichtjuden gebrauchen zwar noch viele jiddische Begriffe – Abzocke, Chuzpe, Haberer, Großkotz, Kaff, Maloche, Massel, Mischpoke, Schickse – sind sich dessen aber nur selten bewusst. Und erst recht bleibt ihnen der jüdische Alltag ein großes Mysterium. 

Das liegt natürlich auch daran, dass es so viele Spielarten des jüdischen Lebens gibt, wie es Formen des nichtjüdischen Lebens gibt. Der Unterschied zwischen einem orthodoxen und einem nicht-religiösen Juden ist nicht geringer, als zwischen einem fundamentalistischem Kreationisten und einem marxistischen Befreiungstheologen, oder wenigstens zwischen einer katholischen Bauersfrau aus der Oberpfalz und einem lutherischen Motorradpastor aus St. Pauli.

Die Hochzeit der Chani Kaufman

Wer einen ersten Einblick in die Vielfalt jüdischen Lebens und vor allen Dingen in das sehr verschlossene Leben des orthodoxen aschkenasischen Judentums  gewinnen will, der sollte „Die Hochzeit der Chani Kaufman“ von Eve Harris lesen. Und er wird auch noch Spaß dabei haben und sich bestens unterhalten fühlen.

Jüdische Wahlverwandschaften

Drei Paare bilden die Protagonisten des Romans:

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verschwörungstheorien

Die Verschwörungstheorien sind die schlimmere Pandemie

Warum Filterblasen und Echokammern eine große Herausforderung für unsere Demokratie sind. Ein Beitrag zur Diskussion.

Im Lager der Querdenker verhochzeiten sich Coronaleugner und Neonazis zu einer unheiligen Allianz. Dabei sind natürlich nicht alle Impfskeptiker Nazis und nicht alle Neonazis misstrauen deutschen Virologen.

Warum aber treffen sich Bannerträger der Reichkriegsflagge, Neonazis, Blut- und-Boden-Ökos, Abtreibungsgegner, Parawissenschaftler, Kreationisten, Klimawandelleugner, Antisemiten, Esoteriker und Impfgegner unter Regenbogen und Hakenkreuz? Warum werden die Grenzen so unscharf? Warum treffen sich die Anhänger dieser scheinbar so unterschiedlichen Gruppierungen durchaus in den gleichen Filterblasen und Echokammern und tauschen dort die immergleichen Vorurteile und Mythen aus? Warum halten sie untereinander nicht einmal mehr den Mindestabstand von eineinhalb Metern ein und pochen gegenseitig auf Toleranz, weil sie ja vorgeblich alle von den „Systemmedien“ und „Systempolitikern“ ausgegrenzt werden?

Alle diese Gruppen eint, dass sie sich ausgegrenzt fühlen und dass sie sich selbst ausgrenzen – und dass sie damit unsere demokratische Gesellschaft in Frage stellen!

Sind Filterblasen und Echokammern die Ursachen des Problems?

Es scheint, dass das Internet und die sozialen Medien Schuld sind am Aufkommen von Verschwörungstheorien und an der Verfestigung undemokratischer Tendenzen in unserer Gesellschaft. Am rechten Rand bilden sich Gegenkulturen aus Aussteigern, Spinnern, Rassisten und Neonazis.

Tatsache ist:

  • Rassisten, die noch vor ein paar Jahren ihre Meinung nicht öffentlich zu formulieren wagten, äußern sich nun öffentlich im Internet, manchmal anonym, immer öfter aber auch offen sogar unter Nennung ihres Namens.
  • Menschen, die sich politisch am Rande des demokratischen Meinungsspektrums bewegen und bislang nicht öffentlich äußerten schließen sich Rassisten und Faschisten an, die sich immer stärker formieren und organisieren.
  • Ehemalige demokratische – konservative und fortschrittliche – Meinungsmacher (Journalisten, Influencer) schlagen sich auf die Seite von reaktionären Verschwörungstheoretikern und zum Teil Rassisten und Faschisten.
  • Die Grenzen zwischen Verschwörungstheoretikern, Ökokonservativen, Nationalkonservativen und Neonazis verschwimmen.
  • Viele von uns haben schon gute Freunde, Kolleginnen, Kollegen oder Familienmitglieder verloren.
  • Die Bewegung radikalisiert sich und wird zunehmend militant. Mordaufrufe sind an der Tagesordnung.

Nochmal zur Klarstellung: Ich werfe nicht alle diese Menschen in einen Topf. Viele dieser Menschen werfen sich selbst in einen Topf. Ich sehe in den Timelines von demokratischen Impfskeptikern zunehmend Kommentare, in denen erklärt wird, dass Merkel die Demokratie abgeschafft habe und in denen ein Widerstandsrecht gegen Journalisten erklärt wird. Wer behauptet, wir würden angesichts der aktuellen Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie – die man gut oder schlecht finden kann – in einer Diktatur leben, wer daraus ein Widerstandsrecht ableitet, der macht sich gemein mit jenen, die in Washington das Capitol gestürmt haben, die zur Wahlfälschung aufrufen, die in Deutschland Politiker und Journalisten zunehmend körperlich bedrohen. 

Es ist schwierig mit Betroffenen umzugehen, sie vor dem Abdriften in die Szene zu bewahren, die Szene zu bekämpfen. Wir haben keine verbindliche Strategie und wir haben keine Erklärung für die Ursachen. Oder korrekter: Wir haben viele!

Die zwei großen Trends: Die Legitimationskrise der Wissenschaft und die Legimitationskrise der demokratischen Institutionen

Gegenwärtig überlagern sich zwei Trends, die wir sehr klar voneinander unterscheiden müssen:

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Advance Playstream A7

Der Streaming Vollverstärker Advance Playstream A7 im Test – C’est Paris merveilleux

„C’est Paris merveilleux“ – An diese letzte Zeile des großen Chansons „Les Prénoms de Paris“ von Jacques Brel musste ich denken, als der Streaming Vollverstärker Advance Playstream A7 von Advance Paris für einige Tage bei mir zu Gast war. „Es ist das wunderbare Paris“, das könnte auch als Überschrift über diesem kleinen Testbericht stehen.

Denn wunderbar ist es, was diese kleine schwarze Französin bei mir in den Raum gezaubert hat. Und dabei bin ich eigentlich eher ein altmodischer Röhren- und Vinyl-Junkie, während es sich bei der A7 – und es muss sich bei der französischen Finesse und Eleganz, die dieses Gerät ausstrahlt, ganz klar um etwas weibliches handeln – um ein Hifi-Gerät der modernen digitalen Gegenwart handelt. Die A7 ist – ja was ist sie eigentlich? Vollverstärker, Streamer, DAB- und UKW-Tuner, DAC, Netzwerk-Player, Phono-Pre … ?

Aber fangen wir doch mal mit den  Äußerlichkeiten an:

Advance Playstream A7

Im kleinen Schwarzen

Das Gehäuse besitzt klassisches Gardemaß (43 x 37 x 13,5 cm) mit hochglänzender Front und fein gezeichneter Beschriftung. „Fein gezeichnet“ heißt: es ist hübsch anzusehen, aber von größerer Entfernung aus nicht wirklich gut ablesbar. Man muss sich der hübschen Französin also schon nähern, wenn man etwas von ihr will, es sei denn, man nutzt die sauber gemachte Fernbedienung. Was man aus großer Entfernung sieht, sind die großen blauen Augen, also die beiden beleuchteten VU-Meter, die ein ganz klein wenig an Mcintosh erinnern. Zwischen beiden gibt es ein kleines Info-Fenster mit einer ebenso feinen Klarschriftanzeige mit Informationen zur Quelle.

A7 Fernbedienung

Der große Lautstärkedrehregler rechts ist ein wenig schwammig, tut aber zuverlässig seinen Dienst. An ihm merkt man am ehesten, dass die Französin eben doch eher eine zerbrechliche Piaf ist, als eine mondäne Jeanne Moreau. Gleich daneben gibt es gleich zwei parallel geschaltete Kopfhörerausgänge, einen für 3,5-mm- und  einen für 6,3-mm-Klinke. Das ist dann schon wieder ziemlich luxuriös, oder sagen wir besser sehr funktional.

Überhaupt legt die Französin sehr viel Wert auf Funktionalität. Sie ist einfach sehr sehr praktisch veranlagt und erinnert dabei an Simone Signoret in „Le chat“.  Betrachten wir sie dabei einmal von hinten, also ihr Anschlussfeld:

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71_72_Saison der Träumer

Rezension: „71/72 – Die Saison der Träumer.“ Der Traum ist aus.

1971/72 war ein großartiges Jahr.  Ich pubertierte heftig vor mich hin und war hin- und hergerissen: hingerissen vom elegantesten Fußball den man bis dahin je gesehen hatte und von den elegantesten Frauen, die man sich als linker Nachwuchsrevolutionär so erträumen konnte. Bis dahin war ich eher unauffällig, langweilig, spießig, provinziell. Ab 1972 wuchsen mir am Kopf die Haare, im Kopf die Ideologien, an den Boots die Fransen und für die Beine kaufte ich mir die ersten weinroten Cord-Jeans im einzigen Jeans-Laden meines Heimatortes. Manchesterhosen, wie meine Oma sie betitelte. weinrot, mit geprägter Blütenornamentik. Darüber lange Slimline Pullover aus irgendeinem Kunststoff. An der Taille – sowas ich hatte damals – trug ich einen schwarzen Ledergürtel, da drüber im Winter ein Parka, die ungewaschenen Haare mit Trockenschampoo aufgemöbelt. Kurz: ich war von heute auf morgen auffällig, kurzweilig, revolutionär – aber immer noch provinziell bis auf die Knochen. Und fußballverrückt. Im Kassettenrekorder Marke Grundig – ich komm aus Franken – spielten Doors, Jethro Tull und natürlich auch Ton, Steine, Scherben.

Außerdem erinnere ich mich noch immer an das Jahr des Bundesligaskandals, in dem die junge revolutionäre Gesinnung brutal auf die Begeisterung für den Ball stieß. Ich ja war einigermaßen fein raus. Meine Glubberer spielten seit 1969 in der Regionalliga Süd. Wer sollte die schon schmieren? Eben. Niemand. Die spielten für Zwa-in-am-Wegg-und-am-Seidla.

Die damals eingleisige Bundesliga war nicht so spannend. Aber die Nationalmannschaft, die spielte damals traumhaft. Und wirklich erinnere ich mich noch heute an das Endspiel der Europameisterschaft gegen die UdSSR 1972. Und auch viele der Namen der Italiener 1970 (Mechico!) fallen mir noch spontan ein: Riva, Rivera, Mazzola, Boninsegna, … Diese Liste hat mir schon einige kostenlose Grappe bei meinem Stammitaliener eingebracht.

Aber eigentlich will ich ja ein Buch vorstellen. Ein zauberhaftes Buch. Ein Buch, das eine Idee verfolgt, die ein wenig durchgeknallt, aber wunderschön  ist …

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mytheresa

Warum Mytheresa eine halbe Milliarde Dollar brachte – ich weiß es!

In wenigen Jahren zum Multimillionär. Das ist eigentlich gar nicht so schwer. Wie es geht lernt man bei McKinsey. Alte Schule. CEO Michael Kliger hat sich dort seine Meriten verdient. Es nervt ein wenig. Vor allem, wenn man Handtaschen verkauft. Aber ganze Handtaschenläden kann man damit gut verkaufen. Daran muss ich in letzter Zeit oft denken, wenn ich mir die Erfolgsgeschichte der Münchner Edelboutique Theresa vergegenwärtige.

An der Börse wurde der Laden – natürlich auf Grund des Online-Ablegers – vor einigen Wochen mit knapp einer halben Milliarde Dollar bewertet. Im Münchner Stammgeschäft bin ich manchmal. Vor ein paar Jahren habe ich dort zum Beispiel eine Handtasche gekauft. Ein schlichtes Teil. Meine Frau hatte sie im Schaufenster entdeckt und bemerkte „Oh Gott ist die schön …“. Also bin ich ein paar Tage später rein. Und dann spielte sich ungefähr folgender Dialog ab:

„Guten Tag. Sie haben da im Fenster eine Tasche von Gucci. Die hätte ich gern.“

Ein überaus serviler Verkäufer machte sich mit grazilen Körpertäuschungen auf den Weg, schlängelte sich ins Fenster und kehrte mit der Tasche zurück.

Er begann säuselnd zu erklären.

„Das ist ein sehr feines Modell. Eine gute Wahl. Sehen Sie: sie ist überaus praktisch. Sie hat hier ein Fach …“ Er nestelte sogleich an einem Reißverschluss herum  …

„Ich nehm sie.“

„Und fühlen Sie mal. Das Leder. Die Verarbeitung. Das ist …“

„Große Klasse. Einfach einpacken.“

„Ja. Hier gibt es noch eine Tasche im Inneren. Die Dame kann hier allerlei Kleinigkeiten …“

„Verzeihung. Wenn Sie jetzt einfach aufhören mir den USP der Tasche zu erläutern, dann nehm ich die Tasche einfach mit. Wenn Sie aber die ‚How-to-sell-card‘ unbedingt komplett abarbeiten wollen, dann geh ich jetzt und komm in einer Stunde wieder. Bis dahin sind Sie dann mit dem Rezitieren durch, haben die Tasche eingepackt und vermutlich sogar die Rechnung vorbereitet. Einverstanden?“

„Äh … ja … also … ich darf sie einpacken?“

„Ich bitte darum.“

Zitternd überreichte der junge Mann die Tasche einer Kollegin an der Kasse, verließ artig die Szene, bedankte sich und ging nach hinten ab.

Manche Dinge lernt man einfach nicht bei McKinsey. Aber sie haben hübsche Taschen bei Mytheresa, wirklich hübsche Taschen.

bibliothek

Literarisches Quintett V: Nachkriegsbücher: Böll – Härtling – Meckel – Schlink – Tisma

Unter den 100 Büchern, die ich auf „Michael Kausch schreibt“ vorgestellt habe, befinden sich zahlreiche Werke, in denen die Autoren ihre Erfahrungen und Traumata aus dem Zweiten Weltkrieg aufgearbeitet haben. Und auch wenn ich selbst erst einige Jahre später geboren wurde und meine Kindheit in die sechziger Jahre fällt, so hat mich doch die Nachkriegszeit geprägt und ich erinnere mich noch an Dinge, die heute wie aus einem anderen Jahrtausend scheinen – und es ja tatsächlich auch sind:

In mein Elternhaus kam zwei Mal im Jahr der „Boandlkramer“, der Messerschleifer hielt vor der Tür, der Kohlehändler lieferte uns Kohlen, ab und an kamen fahrende oder wandernde Sänger des Wegs und direkt hinter dem Garten lagerten regelmäßig Sinti und Roma. Wir Kinder durften dann immer das Haus nicht verlassen: „Die Zigeuner stehlen die Kinder“ hieß uns mit ehrlich sorgenvoller Miene die Mutter.

Nicht zuletzt habe ich als Arbeiterkind in jenen Jahren den Wert von Brot auch noch in einer Unmittelbarkeit kennengelernt, in der ich die Erfahrungen von Heinrich Böll sehr wohl nachfühlen kann:

Heinrich Böll: Das Brot der frühen Jahre

Heinrich BöllBei Heinrich Böll geht es mir wie bei Günter Grass: seine frühen Werke sind mit die liebsten.

„Das Brot der frühen Jahre“ entstand schon 1955. Es ist ein Nachkriegsroman. Der Protagonist Walter Fendrich ist ein junger Mann, den der Krieg – wie Böll selbst beschreibt, „zum Wolf“ gemacht hat. Er kämpft im zerstörten Nachkriegsdeutschland ums nackte Überleben, ums tägliche Brot.

Es passiert nicht viel in diesem Buch. Es passiert Alltag: ein bisschen Diebstahl, ein bisschen Hurerei, ein bisschen Mutterliebe, viel Adenauer, viel Hunger, viel katholische Doppelmoral.

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