Mein Opa lebt

Ich habe keinen meiner Großväter je kennengelernt. Der eine ist wenige Kilometer vor Moskau „gefallen“, der andere vor meiner Geburt verstorben. Von diesem zweiten, von Josef Kümmel, gibt es immerhin ein Foto. Und jetzt gibt es auch einen kleinen Film. Den Film hab ich selbst gedreht.

Ich habe meinen Opa Josef reanimiert. Ein wenig gruselig ist das ja schon, was die Plattform MyHeritage da macht. Man lädt ein Foto hoch und per Künstlicher Intelligenz erstellt die Software eine kleine Animation. Und schon zwinkert mir der Alte aus dem Jenseits zu.

Josef: Man sieht sich! 

Herbert Achternbusch

Servus Herbert

„Es ist ein Leichtes beim Gehen den Boden zu berühren“.

Ein Bild von dir in Tracht, munter ausschreitend im Oberland, darunter dieses Zitat aus irgendeinem deiner Filme, die ich alle im Münchner Leopold-Kino gesehen habe, mit einer Tüte Gummibärchen auf dem Schoß, hing jahrelang über meinem Schreibtisch. Nun bist du mausetot. Es ist ein großes Elend. Tränen haben wir gelacht im Leopold. Schon beim Vorspann, wenn wir die Namen Annamirl und Josef Bierbichler lasen. Den mächtigen Mann kannten wir ja damals noch nicht. Den haben wir damals über dich entdeckt. Wie so vieles. Wie den Komantschen und das Gespenst und den Neger Erwin und den Atlantikschwimmer.

Es bleiben ein paar deiner Bücher, Erinnerungen ans Theater, DVDs mit deinen Filmen, der Geschmack der Bären und ein unbedingt zu lesender wunderbarschöner Artikel in der heutigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung von Willi Winkler mit dem Titel „Achternbusch scheißt auf einen Preis“, Tagebuchnotizen von 1977.

Vermodere endlich. Du hast es dir verdient. Servus Herbert.

Herbert Achternbusch

Helen-Wolf-Hintergrund-fuer-Liebe

Helen Wolff: Hintergrund für Liebe. Ein Sommerroman und eine Frauenrolle rückwärts.

Da liegt der Roman „Hintergrund für Liebe“ von Helen Wolff. Gestern ausgelesen. Sie wollen wissen, wie ich das Buch fand? Gar nicht. Ich hab es nicht gefunden. Es flog mir zu. Zugeschickt von einem wirklich sehr guten Freund mit dem Vermerk „Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, dass euch das nicht gefällt„.

Und es hat mir anfangs überhaupt nicht gefallen. Wie konnte er nur auf die Idee kommen? Klar, mein Freund lädt mich immer zu diesem ganz ausgezeichneten Italiener in der Bremer Innenstadt ein. Er ist ja auch mit dem Inhaber befreundet. Ich erzähle ihm dann immer, dass ich lieber zum Franzosen gehe und überhaupt, die italienischen Weine im Vergleich zu einem guten Burgunder … Er verträgt das. Ich sagte ja schon: Er ist ein wirklich sehr guter Freund, auch wenn ich ihn viel zu selten sehe. Aber dieses Buch …

These: Der „Hintergrund für Liebe“ spielt natürlich in Südfrankreich …

Der „Hintergrund für Liebe“ spielt natürlich in Südfrankreich. Das war wohl der Grund für meinen Freund mir das Buch zu schenken. Und ich hatte meinem Freund mal von einer Geschichte erzählt … aber das liegt lange zurück und ich will hier nicht abschweifen …

Also die Protagonistin des Buchs ist eine junge Frau, die mit einem deutlich älteren Mann nach Südfrankreich reist. Und der erste Teil des Plots ist schnell erzählt: Sie ist wirklich sehr schön und er ist natürlich sehr reich, sie weiß nichts, er weiß alles, sie ist ein wenig naiv, er bestimmt wo es lang geht, sie will in ein Haus mit Garten, viel Natur und kleinem Kätzchen, er will in die Stadt mit Restaurants und auch sonst ein bisschen Kultur, sie sitzt auf dem Beifahrersitz, er am Volant eines schicken Wagens.

So kann man eine Sommergeschichte schreiben, wenn man Tucholsky heißt und Hemingway lässt man das allemal durchgehen. Letzterer hat das schon geschrieben und seit ich das bei ihm gelesen habe trinke ich Single Malt mit Perrier, weil der Meister das im Wechsel mit einem Tavel immer gegen den großen Durst und gegen die provencalische Hitze getrunken hat. Aber ich beginne abzuschweifen…

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Edgar Selge Hast du uns endlich gefunden

Edgar Selge’s Brot der frühen Jahre: Hast du uns endlich gefunden. Eine Rezension.

Da muss einer so alt werden, um schreiben zu lernen wie der junge Böll.  Erst wollte ich es ja nicht lesen. Es muss ja nun wirklich  nicht sein, dass ein Kommissar nach dem anderen uns seine Lebenserinnerungen verkauft. Die „Raumpatrouille“ von Mathias Brandt habe ich mit großem Vergnügen gelesen. Schon wegen des Titels. Schließlich war und bin ich großer Fan des schnellen Raumkreuzers. Mathias Brandt ist ziemlich genau mein Jahrgang, seine Kindheitserinnerungen sind meine und außerdem ist er „der Sohn.“ Dabei fällt mir auf, dass ich das Buch hier noch gar nicht besprochen habe.

Nun kommt also auch noch „der Einarmige“ mit seinen Erinnerungen daher. Fehlt nur noch Borowksi mit der schönen Stimme. Er wird seine Kindheitstraumata wohl gleich als Hörbuch einsprechen. Alles andere wäre Verschwendung. Ich höre keine Hörbücher. Der Kelch geht an mir vorüber.

Ich hatte eine recht vielversprechende Besprechung der Erstlings von Edgar Selge in der Süddeutschen Zeitung gelesen. Also hat mich „Hast du uns endlich gefunden“ gefunden. Und nun lag es da und wurde das erste Buch des neuen Jahres 2022. Und es wurde eine Überraschung.

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RESTEK MRIA+

Heisse Kiste – Der Phono-Pre RESTEK MRIA+

Seit mehr als sechs Jahren läuft hier schon der kleine Phono-Pre MINIRIA von RESTEK. Nun hat er einen großen Bruder bekommen: den MRIA+. Beide steuern jeweils einen Tonabnehmer an getrennten Tonarmen von Mørch auf meinem Clearaudio Innovation. Warum ich mich für den MRIA+ entschieden habe?

Hightech aus Deutschland

Seit der Renaissance der Schallplatte gibt es wieder zahlreiche bezahlbare Phonovorverstärker, darunter viel Schrott, aber auch einige wirklich gute Produkte, vor allem aus England und Deutschland. Zu den renommierten deutschen Manufakturen zählt zweifellos RESTEK aus  Fuldabrück bei Kassel. das hessische Unternehmen liefert aber nicht nur besonders langlebige Produkte, sondern auch ein langlebiges und zeitloses Produktdesign. Den MRIA gibt e schon seit vielen Jahren. Freilich hat er in diesen Jahren eine schonende Modellpflege erhalten.

MRIA+ 4-03

Die aktuelle Version 4.03 meines MRIA+

Das Konzept und die äußere Gestalt aber sind geblieben und heute noch so modern wie seit ehedem.

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Trifft ein schwarzer Rassist einen Afrikaner in der U-Bahn …

Die aktuelle Hochtemperaturdebatte um den Auftritt von Elke Heidenreich bei Markus Lanz bringt das Problem des alltäglichen kleinen Rassismus ja mal wieder in die Klatschspalten. Vor allem: Darf man einen nicht-weißen Menschen fragen, wo er oder sie herkommt? 

Elke Heidenreich meinte über die dunkelhäutige Sarah-Lee Heinrich bei Lanz: „Ich frage natürlich: Wo kommst du her? Und zwar nicht, um sie zu diskriminieren. Sondern, weil ich sofort sehe, die kommt nicht aus Wanne-Eickel oder Wuppertal. Ich finde darin kein Problem, wenn man das fragt. Man sieht es ja.“ Heidenreich findet es im Übrigen ganz „wunderbar, dass wir so viele Menschen aus anderen Ländern hier haben, die bei uns leben und sich engagieren.“ 

Da leben also PoC, dunkelhäutige Menschen, die vielleicht in Köln-Süd geboren wurden „bei uns„, also bei Elke Heidenreich und anderen hellhäutigen Deutschen. Natürlich ist eine solche Formulierung rassistisch. Aber natürlich ist Frau Heidenreich keine Frau Heydrich. Das ist eben der alltägliche kleine Rassismus, der mehr oder weniger in allen von uns steckt  und mal mehr, mal weniger durch unsere mal heller, mal dunklere Haut an die Oberfläche treibt. Er ist erfahrungsgetrieben. Eine multikulturelle und (haut-)bunte Gesellschaft muss man erleben und erfahren und erlernen.

Eine Geschichte über Rassismus aus dem Münchner Untergrund

Vor etwa einem Jahr saß ich abends in der Münchner U-Bahn. Auf der anderen Seite des Mittelgangs saßen sich zwei junge dunkelhäutige Männer lässig gegenüber. Offenbar kannten sie sich nicht. Als der eine den anderen in schlechtem Deutsch fragte „Wo du her?“ erhielt er mit erkennbar Münchner Zungenschlag zur Antwort „München. Munich“ und es entspann sich sogleich folgender, hier aus dem Gedächtnis zitierte Dialog zwischen den beiden

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Computerliebe – Beim morgendlichen Spam-Verzehr

Manchmal frage ich mich, was ich tun würde, wäre ich ein Computer. In welchen Bot würde ich mich verlieben? Ich meine das ganz ernst: Eines Tages, wenn also die künstlichen Intelligenzen endlich die Macht übernommen haben werden, wie werden Sie ihre Kontaktanzeigen schreiben? Geben die Bot-Nachrichten in unseren Spam-Mail-Eingängen uns eine Vorahnung auf diese Zukunft?

Werfen wir einen Blick in meinen heutigen Spam-Beutel:

spam

Ich bin der Traum der Spam-Schleudern. Und da gibt es sehr direkte, unendlich romantische und eigenartig verpeilte.

  • „Ich freue mich, Sie kennenzulernen“ scheidet als Langweilerin für die heiß verdrahtete Computerliebe schon mal aus.  
  • „Ich will deine Hände unter meinem Höschen spüren“ geht da schon ganz anders zur Röhre, äh, zum Prozessor, ist mir aber vielleicht doch ein wenig gar zu aufdringlich.
  • „Mach mich zu deiner Schlampe“ klingt durchaus aufregend. Die könnte mein Bot für aufregende Computerspiele werden.
  • Wesentlich romantischer dagegen: „Eine Nachricht von einer süßen Prinzessin“.  Das ist das Bot, das einem noch ein halbes Königreich als Zugabe verspricht. Oder ein ganzes Königreich und eine halbe Prinzessin.
  • „Hier kehren wir nach Hause zurück und ich werde dich satteln, mein Hengst!“ ist wohl die sportliche Alternative.
  • Schon beinahe literarisch quillt „Ich sah dich an und erkannte, dass ich dich treffen möchte“ aus dem Ordner. Das ist etwas für lange Winterabende.
  • Tiefgründig : „Ihr Name wurde mir nie gemeldet„. Wie geheimnisvoll. Was will mir dieser dunkel-mystische Bot wohl sagen? 
  • Und voll durchgeknallt: „Ich bestehe darauf, mich kennenzulernen.“ Das ist es. Das ist MEIN BOT. Mein Schizo-Bot. Wir schizen alle in einem Bot. Spamst du dich nicht? HAL hätte seine Freude dran. Und mein Lieblingsrobbi Marvin sowieso. 

Titelbild Darren Baker @ stockadobe.com

Muenchen

Bitteres Gerichtsurteil für Online-Marketing-Profis: Münchens Online-Portal muss Content abbauen

Das Münchner Oberlandesgericht hat gestern ein wegweisendes Urteil gefällt, das Stadt-Marketing-Profis gar nicht gefallen kann: Das hochgelobte Online-Portal muenchen.de hat zu viel Inhalt!

Mit seinen guten Geschichten rund um die bayerische Landeshauptstadt sei muenchen.de zu „presseähnlich„. Die Stadt darf ihr Online-Aushängeschild deshalb mit sofortiger Wirkung nicht mehr in der gewohnten Form betreiben. Geklagt hatten in seltener Eintracht die örtlichen Tageszeitungen: die Süddeutsche Zeitung, die Abendzeitung, die tz und der Münchner Merkur. Nach ihrer Meinung verstößt muenchen.de gegen Artikel 5 des Grundgesetzes, der die Pressefreiheit und die Staatsferne der Presse regelt: „Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet“ heißt es dort. Kurz: Wenn das Portal einer Stadt inhaltlich so gut gemacht sei, wie das Angebot einer Zeitung, dann handele es sich um staatsnahe Presse und die Freiheit der Presse, die immer kommerziell sei, sei gefährdet. 

muenchen.de ist Storytelling vom Feinsten

Nun bietet muenchen.de tatsächlich deutlich mehr als nur die Öffnungszeiten von Wertstoffhöfen und Amtsstuben. muenchen.de ist im Selbstverständnis ein Teil der Strategie des Standortmarketings von Stadt und Stadtwerken der Landeshauptstadt. Und die Macher*innen des Portals nehmen Storytelling eben ernst und drucken nicht nur das Kinoprogramm ab, sondern besprechen auch Filme und lassen die Bürgerinnen und Bürger zu Wort kommen. Es gibt hervorragend gemachte Artikel über Restaurants und Freizeit-Tipps und einfach alles, was man als Münchner*in über die Stadt wissen will und muss. Genau deshalb wurde muenchen.de vielfach ausgezeichnet, genau deshalb lieben die Menschen dieses Angebot.

Nun kommen die Revisionisten

Die Stadt München hat bereits angekündigt, dass sie gegen das Urteil des OLG Revision beim Bundesgerichtshof einlegen wird. Und das wird nun spannend werden. Der BGH nämlich hat vor drei Jahren bereits in einem ähnlich gelagerten Fall ganz im Sinne der Zeitungsverleger entschieden. Damals wurde der Stadt Crailsheim untersagt weiter in ihrem Amtsblatt über Vereinsfeste und Fußballspiele zu berichten. Das sei Sache kommerzieller Medien.

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Leckere Schallplatte

Vinyl-Kult: Allerlei Schräges zum Thema Vinyl

Vinyl ist Kult. Immer Menschen entdecken ihre Leidenschaft zur Schallplatte und holen ihre Vinylschätze aus dem Keller. Ich habe das sammeln und Hören von Schallplatte nie aufgegeben. Ich kaufe auch regelmäßig Musik auf Platte. 

Und ich gucke mich im YouTube-Universum immer mal um, was es dort so gibt rund um das Thema Schallplatte. es es gibt wunderhübsche Dinge zu entdecken. Ich habe mich vor einiger Zeit für das Clearaudio-Blog in den Tiefen der Video-Gruft umgeschaut und bin auf zahlreiche magische Rillen gestoßen. Einige davon will ich hier kurz vorstellen:

Schallplatten kann man zum Fressen gern haben – in Form schmackhafter Tortillas:

Auch wenn der Sommer nun schon fast vorbei ist mag der ein oder andere von Euch auch mal einen kalten Aufschnitt kühlender klingender Schallplatten aus purem Eis auflegen:

Wer hat die größten? Die vermutlich größte Schallplatte der Welt lässt sich weder mit einem Virtuoso V2 abspielen, noch mit einem Goldfinger Statement. Da muss schon ein „ausgewachsener“ 500er Fiat ran:

Ob Schallplatten aus dem 3D-Drucker die Zukunft sind? Ich weiß es nicht. In den USA aber schnitzt jemand Platten aus Plastiktellern aus dem Kaufhaus:

In größeren Auflagen erschienen vor einigen Jahren tatsächlich Schallplatten auf alten Röntgen-Bildern. In der ehemaligen Sowjetunion war der Rohstoff für Vinyl-Platten kostbar, und Regierungs-kritische Liedermacher hatten keine Chance, ihre Musik in offiziellen Presswerken auf Schallplatte verewigt zu bekommen. Not aber macht erfinderisch: Einige Künstler pressten und veröffentlichten ihre Werke auf alten Röntgenbildern. Diese Röntgen-Platten sind heute gesucht und wertvoll.  Die Kollegen von der Vinyl Factory erzählen auf YouTube die Geschichte dieser Pretiosen, von denen ich – natürlich – auch einige zuhause habe:

Das Königreich Bhutan veröffentlichte im Jahr 1972 sieben runde Briefmarken mit Musik und Sprachaufnahmen. Die Briefmarkenplatten sind auf jedem Plattenspieler mit 33 rpm abspielbar. Zu hören sind Volkslieder, aber auch die königliche Nationalhymne. Auf allen Platten ist der Wert als Postwertzeichen aufgedruckt. Man kann tatsächlich Briefe und Päckchen mit ihnen frankieren – aber eben nur in Bhutan:

Wer aber einfach gute Musik auf Schallplatten aus Vinyl sucht, der wird eher in unserem Online-Shop fündig: Spitzenpressungen aus den Bereichen Jazz, Blues, Klassik, Pop und Rock kann man dort direkt in der Rubrik Vinyl bestellen. Garantiert nicht essbar, nicht Fiat-kompatibel und ohne jeden postalischen Wert. 😉

das blog zur analog- und digitalkultur

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