Eigentlich bin ich ja weder ein Pauschaltourist, noch ein typischer Gruppenreisender. Ich gehe gerne in meinem Tempo zu meinen Zielen auf meinen Wegen. Zwischen dem 13. und dem 24.  April 2017 durchquerte ich aber mit einer Reisegruppe auf der Eisenbahn den Iran. Während es im ersten Teil des Berichts um die Reisevorbereitungen und Literaturhinweise ging, möchte ich heute einen Einblick in meine Reisegruppe geben: die Gefährten!

Es war erst das dritte Mal, dass ich eine organisierte Gruppenreise unternahm. Vor Jahren bin ich mit einer Gruppe auf Tempeltrip den Nil hinauf gefahren, später dann besuchte ich Ausgrabungsstätten in der westlichen Türkei in einem geführten Team. Dieses Mal schloss ich mich einer Gruppe an, um im Sonderzug zwölf Tage quer durch den Iran zu fahren.

Dabei weisen diese drei Reisen durchaus einen durchgängigen Spannungsbogen auf: die soziokulturelle Zusammensetzung auf meinem Nildampfer unterschied sich kaum von einer Heizdecken- und Butter-Fahrt; der Ausflug in die Türkei glich dem Ausflug eines Lehrerkollegiums (der GEW-Anteil lag bei geschätzten 80 Prozent); im Iran war ich schließlich bei der betreuten Seniorenausfahrt pensionierter Hochschulprofessoren angekommen: „Guten Tag Herr Professor!“ „Hallo Herr Doktor.“ „Hat Ihre Gemahlin heute schon ihre Medikamente genommen?“ 

Sonderzug Iran
Mit dem Sonderzug 3.500 Kilometer quer durch den Iran.

Reiseland Iran: Gruppentour oder Individualreise?

Im Iran spricht heute vieles für eine organisierte Gruppenreise:

Nach Teheran, Shiraz oder Isfahan würde ich heute eine private Städtetour planen. Soll es aber durch das Hinterland gehen, so sollte man eine organisierte Gruppenreise durchaus in Betracht ziehen. Ich habe über ZEIT-Reisen gebucht und bin bei einem ausgezeichneten Veranstalter gelandet: „Lernidee Erlebnisreisen„. 

Die Gefährten

Aber natürlich unterscheidet sich eine Gruppenfahrt erheblich von einer Individualreise. Ich neige dazu, spätestens am zweiten Tag erste Fluchttendenzen zu entwickeln: weg von der Gruppe, raus aus der Dauerkommunikation. Ich behelfe mir dann immer mit einem kleinen Spiel:  Ich studiere nicht nur das Land, sondern als Feriensoziologe meine Mitreisenden, ihre Verhaltensauffälligkeiten und die mannigfachen gruppendynamischen Phänomene. Ich liebe es, meinen Gefährten Rollen zuzuordnen, die ihnen mehr oder weniger gerecht werden. Ich baue mir meine kleine Welt aus Vorurteilen, stecke die Menschen in kleine Schubladen und freue mich tierisch über meinen kleinen menschlichen Reisezoo Fellinischer Monströsität. Das ist selten fair, niemals gerecht, aber immer freudvoll. Los geht’s!

Es treten auf:

Reisegruppe Iran
Die Reisegruppe

Mr. Livingstone

Meine erste Bekanntschaft machte ich noch auf der Anreise am Flughafen Teheran. Sie sollte sich in den kommenden Tagen als überaus erfreulich erweisen. Ein älteres Ehepaar war ausweislich seines knallgelben Kofferanhängers Mitglied meiner Reisegruppe. Auf meine knappe freundliche deutsche Anrede erfuhr ich eine ein wenig irritierte – besser: desorientierte – Reaktion. Also fasste ich nach „Do you speak english? Parlez vous francais? Sprechen Sie deutsch? What language do you speak?“  Der Mann blickte mir tief in die Augen und erwiderte kurz, knapp und mit klarer Diktion: „Any„. 

Es war ihm egal, mit welcher Sprache man ihn anredete. Eine wahrlich souveräne Antwort. Und wäre sie von einem anderen Kerl, als eben von ihm gekommen, ich hätte sie wohl als hochmütig empfunden. Dieser Mann aber war schlank und groß gewachsen, wie es einem Weltreisenden geziemt, sein Kopf oval, wie ein Tropenhelm, sein Kinn lang, wie es gewöhnlich nur unter den Pelzmützen der königlichen Beatfeaters  hervorsticht, seine Augen blau, freundlich und neugierig. So machte ich die Bekanntschaft mit Mr. Livingstone – der wahre Name tut nichts zur Sache -, jenem Archetyp eines britischen Entdeckers, wie er seit dem Untergang des Empires nur noch in Filmen Peter Ustinovs vorkommt.

Natürlich spricht ein solcher Mann alle Sprachen, erst recht, wenn er wie Mr. Livingstone als gebürtiger Engländer mit seiner reizenden Gemahlin in der vielsprachigen Schweiz lebt. Und in gewisser Weise sollte er sich später meiner Schubladisierung zum Naturforscher und Mitglied der Royal Society als würdig erweisen. Immerhin war er früher als Physiker am CERN lange Jahre der dunklen Materie auf der Spur gewesen.

Der rheinische Wiedergänger

Der rheinische Wiedergänger ist mein Wiedergänger. Er outete sich nicht nur als rheinische Frohnatur, sondern auch als Hochschullehrer der Medienwissenschaft, vor allem aber als Reiseteilnehmer, dem unser Veranstalter vor Reisebeginn versehentlich meine Reiseunterlagen zugeschickt hatte. Sein Name – Klarnamen verbieten sich auch hier –  wird durch einen einfachen Austausch eines Konsonanten zu meinem Namen. Uns beide edelt graues Haar und unsere Ehefrauen führen Doppelnamen und haben auch noch beide den gleichen Beruf erlernt. Kein Wunder also, dass sich die Wiedergänger neben den Livingstones zu unseren engsten Gefährten im Iran entwickeln sollten.

Gimli und Balin

Gimli und Balin schienen anfangs ein klein wenig aus der Reihe der zurückhaltend bildungsbürgerlich distinguierten Reisegesellschaft herauszufallen. Mag dies am sächselnden Singsang ihrer beiden Reisebegleiter gelegen haben oder aber an ihren kecken gelben Mützchen, auf denen der Name eines thüringischen Reisebüros prangte. Jedenfalls vielen beide durch ein ungewohnt fröhliches Wesen auf, in Verbindung mit einem relativ übersichtlichem körperlichem Längenwachstum. Es kommt ja eher selten vor, dass ich im Zwiegespräch nicht nach oben blicken muss… Jedenfalls konnte ich sie mir beide anfangs eigentlich nur mit einer Laterne in der erhobenen rechten Hand und einem Spaten in der Linken vorstellen.

Gimli war der offenbar jüngere von beiden und er hätte mit seinen 67 Jahren den Altersschnitt der Reisegruppe auch erheblich senken können, wäre er nicht mit seinem Vater angereist. Dieser trug in meinem Herzen den Namen Balin und war sportliche 95 Jahre alt. Gimli und Balin erwiesen sich beide rasch als überaus sympathisch, immer positiv denkend, stets gut gelaunt. Und die gelben Kappen waren Werbegeschenke des Reisebüros, das Gimli als Eigentümer offenbar sehr erfolgreich führte. By the way: in einem Fachdialog zwischen dem rheinischen Wiedergänger und mir entpuppte sich Gimli nach einigen Tagen als dritter Medienwissenschaftler: er hatte vor Jahren in den USA Media Research studiert, sich damals intensiv mit Adorno beschäftigt und noch selbst bei Meister Bloch gehört. Seitdem stelle ich mir TWA immer mit Laterne und Spaten vor …

Opa Hoppenstedt

Opa Hoppenstedt war mit seinen 90 Lenzen im Vergleich zu Balin ein rechter Jungspund, doch spielte er die Rolle des räsonierenden Alten mit zielsicherer Hingabe. Während des ersten Fachvortrags der mitreisenden Archäologin im Speisewagen des Zuges klopfte er wiederholt mit einem Stöckchen auf den Boden und reklamierte vernehmlich: „Gibt’s denn hier keine Lautsprecher?“ Fünf Minuten später ertönte ein zweiter Zwischenruf „Warum gibt es denn hier keine Lautsprecher?„, gefolgt von der suggestiven Frage „Machen Sie das hier eigentlich zum ersten Mal? Ohne Lautsprecher?“ Endlich wandte sich die Archäologin an Opa Hoppenstedt mit der Erklärung, dass leider keine Lautsprecheranlage an Bord sei. Nachdem sie mit ihren Ausführungen über die Bestattungsriten der Achämeniden fortgefahren war, erschallte in einer kurzen Atempause von hinten Opa Hoppenstedt erneut „Lautsprecher wären jetzt schön“ …

Opa Hoppenstedt war übrigens wie die meisten Teilnehmer schon viel gereist und offenbar und irgendwie in der ganzen Welt zuhause. Als unser Zug mal wieder nicht so recht voran kam – die Strecke ist durchgängig eingleisig und man benötigt für jeden Streckenabschnitt offenbar nicht nur ein grünes Signal, sondern eine explizite Freigabe mindestens dreier iranischer Behörden – auch der Prophet setzt auf eine koranfeste Bürokratie -, als also unser Zug einmal wieder nicht so recht voran kam, klopfte Opa Hoppenstedt vernehmlich mit seinem Stöckchen auf den Wagenboden  und versetzte „Das hat damals in Usbekistan aber besser geklappt„, ein Satz, der unsere Reise ganz im Sinne räsonnierenden Pluggings durchgängig begleiten sollte. 

Zug im Iran
Die meisten Zugstrecken im Iran sind eingleisig und nur mit Dieselloks zu befahren.

Blondie I, II und III

Zu den wenigen Teilnehmern, die keine eigenen Kriegserfahrungen zu den abendlichen Diskursen beitragen konnten, gehörten die Damen Blondie I, II und III.

Blondie I und Blondie II hatten die Angewohnheit sich gerne ein wenig von der Gruppe zu entfernen, verloren dabei zwar manchmal die Gruppe, niemals aber die Perspektive der Gruppe aus den Augen. So kam es, dass sich beide einmal sorgenvoll an unseren Reiseleiter wandten und Blondie I vorwurfsvoll bemerkte: „Wir wären jetzt fast verloren gegangen“.  

Bei Blondie III wiederum wirkte sich nach einigen Tagen der Entzug offenbar sinneintrübend aus. Beim Abendessen im Restaurant verlangte sie bei Kellner und Reiseleiter unter Hinweis auf das ausgeschenkte alkoholfreie Bier ultimativ nach Wein. Alkohol im Iran? Das gibt es natürlich – aber nicht öffentlich und auch niemals in einer Reisegruppe, die sich zurecht den Regeln der political correctness unterwirft. Offiziell baut im Iran nur die christliche Minorität der Armenier Wein an. Und trinken muss sie ihn selbst, der Handel damit ist ihr verboten. Moslems wiederum mixen in ihren Wohnungen gerne allerlei Teufelsgebräu aus hochprozentigem Industriealkohol und Kräuterextrakten. Das tut natürlich niemand und jeder. Wein im Restaurant aber ist ungefähr so wie Sex im Nonnenkloster. Nein: seltener, viel seltener, eigentlich unmöglich!

Die ostpreußische Landadlige

Es gibt Menschen, die sind interessant, weil sie ohne den Mund aufzumachen ein ganzes Leben erzählen können – oder auch mehrere. Das ist eine Frage der persönlichen Ausstrahlung. Meine ostpreußische Landadlige gehörte ganz zweifellos zu dieser Gattung Mensch. Sie war eigentlich eine emeritierte Hochschulprofessorin aus Bremen. Aufgefallen aber war sie mir durch jene weltläufige Kühn- und Kühlheit, wie sie häufig dem norddeutschen Großbürgertum in den Romanen Thomas Manns zu eigen ist. Ihr erzählte ich von meinen feriensoziologischen Studien und ich teilte ihr auch mit, dass sie darin die Rolle der ostpreußischen Landadligen spiele, woraufhin sie eines Tages aus einem Lokal trat, auf eine herumstehende alte Kutsche deutete und mit großer theatralischer Geste ausrief: „Sowas hatten wir früher auch in Ostpreußen„. Wunderbar, sie hatte das Spiel verstanden!

Bahnhof Iran
Großer Bahnhof, kleine Gruppe. Die modernen Bahnhöfe liegen meist außerhalb der Städte und sind weitgehend leer.

Vom Jugendpastor zum Architekten

Natürlich wird man in diesem Spiel auch selbst zum Objekt. Man wird eingeschätzt, einsortiert und in intimen Gesprächen der Gefährten als Rollenspieler gehandelt. Normalerweise werde ich dabei auf Grund meiner Vorliebe für schwarze T-Shirts, schwarze Rollenkragenpullover, schwarze Hosen, dezent schwarze Socken und Mützen für einen evangelischen Jugendpastor gehalten, nicht so von meinen Gefährten der Iran-Reise. Vielmehr wurde ich gleich von fünf Mitreisenden darauf angesprochen, ob ich Architekt sei – wegen meiner schwarzen Kleidung. Mir war bislang gar nicht bewusst, dass sich Architekten häufig wie Jugendpfarrer kleiden, aber ich denke, in der Klasse meiner Reisegesellschaft kommen Jugendpfarrer einfach nicht vor – altersbedingt, aber auch weil sich Pastoren eine solche Reise durch den Iran kaum leisten können. Der Beruf des Architekten war vermutlich sozial kompatibler zur Reisegesellschaft.

Etwas ähnliches hatte ich übrigens schon auf meiner bereits erwähnten Reise durch die Türkei erlebt. Ein sehr netter Schreiner geriet in meiner überwiegend aus Studienräten besetzten Reisegruppe zu einem „Künstler, der in Holz macht“. Erstmals definierte diese Rollenzuschreibung damals übrigens Frau Stöhr – Kenner des Zauberbergs kennen die Rolle – die auf Grund einer leichten Bildungsverwirrung den Russen die Unterschlagung des berühmten Elfenbeinzimmers unterstellte. 😉 An ihr hatte ich damals viel Freude …

Die Reiseleiter

Eine organisierte Gruppenreise steht und fällt mit den Reiseleitern. Meine Reise durch den Iran profitierte von zwei überaus liebenswerten „Ver-Führern“:

Ismail Sana erschien mir anfangs als Deutsch-Iraner: sein Deutsch war so perfekt, wie sein Wissen um Vergangenheit und Gegenwart des Iran. Auf meiner Frage, woher er so gut deutsch könne, antwortete er verschmitzt: „Das ist einfach. Ich bin Türke„. Seine kongeniale Ergänzung war unsere iranische Begleiterin Narges Naderlou

Hafez in Shiraz
Ismail und Narges rezitieren den großen persischen Dichter Hafez in Shiraz.

Ein Sunnit und eine Schiitin erläuterten also mit Live-Darbietungen – schon wieder Rollenspiele – nicht nur die unterschiedlichen Usancen bei Gebet und Waschung, sondern erzählten auch Vieles über den heutigen Alltag der Gläubigen und Ungläubigen im Iran, sie rezitierten Gedichte des großen Hafis in Deutsch (Ismail) und Persisch (Narges) und machten meine zwölf Tage im Iran zu einem unvergesslichem Erlebnis.  

Und nun wird es wirklich Zeit von der Reise durch die Berge, durch die Wüste und durch die Städte zu berichten. Im nächsten Teil meines kleinen Reiseberichts geht es los: unsere Rundreise durch den Iran führt uns in der nächsten Etappe von Teheran durch das Alborz-Gebirge über Mashhad nach Kerman und in die heißeste Region unseres Planeten: in die Wüste Lut. Die Photos sind so einigermaßen was geworden. Das hat damals in Usbekistan auch nicht besser geklappt…


Hier geht es zu den einzelnen Kapiteln der Iranreise:

Teil 1: Vorbereitung und Buch-Tipps und Traditionelle Musik

Teil 2: Die Gefährten

Teil 3: Von Teheran über Mashhad und Kerman zum heißesten Punkt der Erde

Teil 4: Von Yazd nach Isfahan

Teil 5: Von Isfahan nach Shiraz


Mein Mitreisender Rolf Pausch hat seine Reiseerlebnisse inzwischen in einem kleinen Büchlein bei BoD veröffentlicht. 

Der Autor: Dr. Rolf Pausch, Medienwissenschaftler, langjährige Tätigkeit als Leiter von universitären Medienzentren bis zum Ruhestand. 

Das Buch
Umfang: ca. 100 Seiten mit vielen Bildern im Text und einem Anhang über einen Filmbeitrag „Weltkongress iranischer Studenten“ für das WDR-Fernsehen aus dem Jahre 1969. Hier u bestellen: Buch Persien im Sonderzug.

2 Antworten

  1. Ganz schön frech, die Schreibe! Gefällt mir. (Ich schreibe das lieber aus. ‚Gefällt mir‘-Buttons sind mir unsympatisch.)

    Auch wir sind seit mehr als 50 Jahren fast immer selbstorganisiert unterwegs. Dennoch ein kleines Plädoyer für eine gut (!) geführte Gruppenreise. Sie kann folgende Vorteile haben:
    – Man kann sich an den Mitreisenden abarbeiten (s.o.). Ist wohl ein allgemein menschliches Vergnügen.
    – Man kommt an Orte, bei denen man als Einzelreisender vor einer unerträglichen Warteschlange kapitulieren würde.
    – Es tut gut und ist auch erholsam, sich einmal um nichts kümmern zu müssen.
    – Man muss nicht im Dunkeln nach einem Hotel oder Campingplatz suchen.
    – Man muss nicht mit dem Partner rechten, weil man die Abfahrt verpasst hat oder das Navi falsch programmiert ist.
    – Man muss nicht mit saurem Magen nach einem Restaurant suchen und sich in der Not einen klebrigen Pizzastreifen reindrücken.
    – Vor allem aber: Man kann bei allen auftretenden Problemen auf die Reiseorganisation schimpfen,
    was aber bei der beschriebenen Reise kaum notwendig war.

  2. Schon lange habe ich nicht mehr so schallend gelacht, als ich Mr. Livingstone so wunderbar beschrieben las! Uebrigens sitze ich allein zu Hause, na wo ist Mr. Livingstone im Moment? Klare Sache…. im Cern auf der Suche nach….. leider nie kapiert!
    Seine Frau

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