bibliothek

Literarisches Quintett XV: Altvordere: Johnson, Manzoni, Mulisch, Sinclair, Zuckmayer

Heute geht es um fünf alte weiße Männer. Um „Altvordere“. Ich lese ja gerne „Altmeister“. Bücher alter Meister. Den klassischen Kanon. Also nicht immer nur Ersterscheinungen aus der SPIEGEL-Bestsellerliste. Jedes Jahr erscheinen auf dem deutschen Buchmarkt rund 60.000 Titel. Wer soll das alles lesen? Und dabei gibt es so viele gute alte Schmöker. Klassiker der deutschen und der Weltliteratur. Die wollen doch auch gelesen werden. Man muss Neuigkeiten ignorieren. Die Alten haben es verdient. Hier also fünf große Bücher von fünf großen alten weißen Männern. Vorgestellt habe ich sie gemeinsam mit 95 anderen Lieblingsautoen in der Reihe Tagesbücher im Laufe des Jahres 2020, also mitten in der Corona-Pandemie, auf meiner Facebook-Seite Czyslansky. Hier fasse ich sie in handlichen 5er-Banden für die Ewigkeit zusammen.

Uwe Johnson: "Jahrestage"

Schwere Kost. Ich lese in der Regel zwei bis drei, manchmal auch vier Bücher gleichzeitig. Darunter ist oft ein Werk, das mich über Monate begleitet. Das ist dann eher ein „Projekt“. Uwe Johnsons „Jahrestage“ sind so ein „Projekt“.

Darauf gekommen bin ich über eine kleine Hörspiel-Serie zum 80igsten Geburtstag von Uwe Johnson auf Bayern2 im Herbst 2019. Damals habe ich entschieden mich mit dem Autor einmal ausführlicher zu beschäftigen. Im Sommer 2020 war es dann soweit. Ich besorgte mir die Jahrestage. Und dann standen sie vor mir: 1.891 Seiten in vier Bänden. Und dann kämpfte ich mich langsam voran. Und ich nahm mir Zeit. Uwe Johnson hat sich mit dem Schreiben ja auch Zeit genommen. 15 Jahre immerhin. Warum soll ich schneller sein als der Autor?

Erzählt wird ein Jahr im Leben von Gesine Cresspahl. Mindestens dieses eine Jahr will ich mir als Leser gönnen. Es geht um das Jahr zwischen dem Sommer 1967 und dem Sommer 1968. Ein nicht ganz unwichtiges Jahr. Wobei mir wieder eine kleine Geschichte einfällt:

Vor Jahren saß ich mit Bernard Vergnes, damals President der Microsoft Corp. in einer Bar. Bernard lud mich auf einen Calvados ein. Auf einen, der so nicht auf der Karte stand. Er orderte einen sündteuren Jahrgang 1945, ich einen kaum preiswerteren Jahrgang 1968. Er wollte mich als Franzose ein wenig provozieren. „Parade – Riposte!“

Aufgearbeitet wird im Roman ein wesentlich größerer Zeitraum. Gesine erzählt nämlich ihrer Tochter aus ihrem Leben.
Und so werden umfangreiche historische Erfahrungen miteinander verflochten: Nazi-Zeit, Krieg, DDR, Vietnamkrieg, Studentenunruhen und und und …
Die Verfilmung von Margarethe von Trotta kenne ich nicht. Die habe ich mir für 2027 vorgenommen. Zum fünften Jahrestag des Auslesens. Ich habe zwei Jahre gebraucht für die Jahrestage.

Alessandro Manzoni: "Die Nonne von Monza"

Alessandro Manzoni „Die Nonne von Monza“ wurde mir vor einigen Jahren von meinem leider inzwischen verstorbenem deutsch-italienischem Freund und Kollegen Gianfranco Lanza ans Herz gelegt. Ihm verdanke ist meine späte Entdeckung dieser Keimzelle der klassischen italienischen Literatur.

Ich kenne mich mit Italienern jenseits von Eisdielen und Pizzaläden ja so gar nicht aus und bin eher frankophil ausgebildet. Na gut, einige Filmregisseure kenne ich leidlich und die Taviani-Brüder verehre ich sogar heftig. Aber bis zu meiner Bekanntschaft mit Gianfranco hätte ich Manzoni wohl auch für eine Nudelsorte gehalten. Schande über mich. Googelt man nach Manzoni so erfährt man, dass es sich bei der hier vorliegenden „frühen Sex-and-Crime-Story“ [na ja!] um eine Art „Urfaust der italienischen Literatur“ handelt. Jedenfalls geht es um ein Liebesdrama im 17. Jahrhundert, um eine junge Frau, die von ihrer Familie genötigt wird in ein Kloster einzutreten, aber im Kloster ist die Hölle los.

Ich habe Manzoni jedenfalls mit großen Genuss gelesen. Goethe war übrigens auch ein großer Manzoni-Verehrer. Und überhaupt spielte Manzoni eine wichtige Rolle als politischer Literat für die nationale Einigung Italiens. Vielleicht werde ich mich mal intensiver mit ihm und seinem Hauptwerk „Die Verlobten“ auseinandersetzen. Die Nonne von Monza ist eigentlich als „Roman im Roman“ ein Teilwerk dieses größeren umfassenderen Werks. Mal sehen. Das wäre ein Projekt für den Winter …

Harry Mulisch: "Die Entdeckung des Himmels"

Früher war das ein todsicherer Tipp, dass, wenn Marcel Reich-Ranicki im Literarischen Quartett ein Buch gnadenlos verrissen hatte, dann konnte ich mich darauf verlassen, dass mir eben dieses Buch großen Lesespaß bereiten würde. Dabei schätze ich den großen Kritiker durchaus, sowohl als Denker und Humanisten, als auch als Zyniker und Liebhaber der deutschen Sprache. Aber seine Verrisse waren mir meistens zuverlässige Empfehlungen. So auch in diesem Fall.

„Ein Roman … Mulisch … 800 Seiten … schon schlecht“. Karasek warf Mulisch im noch immer sehenswerten Literarischen Quartett vom 15. August 1993 ein“Feuerwerk an faulem Zauber“ und „einfach nur Geschwafel“ vor. Das ist auf YouTube wunderbar für alle digitale Ewigkeit dokumentiert.

Tatsächlich handelt es sich bei „Die Entdeckung des Himmels“ von Harry Mulisch um einen großen Abenteuerroman. Aber es ist eben kein „Welterklärungsroman“. Es ist schöne großartige Unterhaltung. Ein Kessel Buntes, der großartig unterhält.

Die Geschichte ist äußerst komplex und – ja: langatmig: Zwei Engel steuern und kommentieren das Leben zweier Menschen. Im Laufe des Romans werden die Originaltafeln mit den zehn Geboten Mose gefunden und mutwillig zerstört und damit wird der doch nicht so ewige Bund zwischen Gott und den Menschen zerstört. Die Welt ist Satan preisgegeben. Eine ziemliche Räuberpistole mit reichlich zeitgeschichtlichen Anspielungen, ein wenig Mystizismus und Kabbala.

Ich habe vor beinahe dreißig Jahren das Quartett gesehen und mir sofort das Buch gekauft. Und ich habe mich so gut unterhalten gefühlt wie Sigrid Löffler. Danke dafür.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Upton Sinclair: "The Jungle"

Von Upton Sinclair habe ich einige Bücher gelesen, natürlich auch „The Jungle“ über die Schlachthöfe und Fleischkonservenindustrie in Chicago, ein Buch dass durch die Machenschaften in deutschen Schlachthöfen seine erschreckende Aktualität gerade erst wieder erwiesen hat, und das deshalb gerade auf Wanderschaft ist. Ich habe es verliehen. Mal sehen, ob es zurückkehrt. es handelt sich um eine der wenigen englischen Ausgaben in meiner Bibliothek.

Den Roman Boston besitze ich in einer ganz frühen deutschen Originalauflage des Malikverlags. Boston erschien 1928 und es geht um die Geschichte der beiden Arbeiterführer Sacco und Vancetti. Wer meine Schallplattensammlung kennt: Dort steht eine Platte von Woody Guthy mit Liedern zu Sacco und Vancetti. Hier schließt sich nun also der Kreis.

In Boston geht es aber nicht nur um die beiden berühmten Opfer der Klassenjustiz jener Jahre, sondern es geht um ein Sittengemälde der „anderen“ nicht so swingenden 20er Jahre, um einen kritischen Blick in das Leben an der us-amerikanischen Ostküste um das Jahr 1927. Sinclair schilder die Klassen- und Rassenkämpfe, die politische Korruption und die Fremdenfeindlichkeit jener Jahre und er nimmt dabei stets Partei. Er ist alles andere als ein neutraler Berichterstatter. Aber gerade aus dieser Parteilichkeit gewinnt der Roman seine emotionale Spannung. Sobald man das Buch zur Seite legt hat man das Bedürfnis laut und deutlich SHIT zu schreiben und einen großen warmen Whiskey hinterzuspülen. Einen mit „e“ ausnahmesweise. Aber immerhin ohne Eis.

Carl Zuckmayer: "Die Fastnachtsbeichte"

Wir befinden uns im schönen Mainz mitten im Fastnachtstrubel im Jahre 1913. Es geht um einen Mord, aber eigentlich um Trug Selbstbetrug, um Verkleidung und um Masken. Die Fastnacht steht für die Falschheit der Charaktermasken und Beziehungen im Leben des bürgerlichen Alltags. Wäre Chabrol Schriftsteller gewesen, das wäre SEIN Roman. Sag ich mal.

Alles läuft auf eine Katastrophe zu. Wir befinden uns wohl nicht zufällig am Vorabend des Großen Krieges, der wie auf Manns Zauberberg seine Schatten schon voraus wirft.

Warum machte es mir Spaß, dieses Buch zu lesen?

Nun, zum Einen schreibt Zuckmayer „gut“. Die Sprache ist reich an Gestaltungsmitteln ohne verspielt zu sein, klassisch, aber nicht altväterlich verzopft. Die Erzählstruktur verleitet zur freien Assoziation. Man macht sich, wenn man die Buchdeckel schließt, Gedanken – über die Personen, die Sujets, die Handlungen. Und zum Dritten lernt man auch noch viele Dinge über Mainz und vor allen Dingen über die Geschichte der dortigen Fastnachtstradition, die sich mir aus „Mainz bleibt Mainz wie es singt und lacht“ und den Rosenmontagszügen nie erschlossen hat. Tatsächlich braucht sich die Mainzer Fastnacht in ihrer Tradition hinter Venedig vermutlich nicht zu verstecken. Nur, dass der kommerzielle Medienapparat sie allzu früh vernichtet hat.

In diesem Sinne: Helau!

Illustrationen © Michael Kausch

Weitere interessante Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.