Kein Platz mehr für Dichtung. Das ist die Wahrheit!

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Buch und Wein – das war fein!

Frank Heumann ist ein netter Mensch. Ein belesener noch dazu. Ein Weinkenner par excellence. Und demnächst vielleicht auch arbeitslos. Das ist jammerschade für ihn, aber noch mehr für die Menschen in München, die gerne vor dem Alltag in die kleine Gasse neben dem Alten Rathaus geflüchtet sind, wo in einem verwinkelten Ladengeschäft die Zeit still gestanden zu sein schien.

„Dichtung & Wahrheit“ heißt die Mischung aus Buchladen und Weinhandlung. Noch, jedenfalls. Der literarische Ableger des großen „Kaufhaus Beck am Rathauseck“ war eine ganz eigene Welt. Wo sonst konnte man einen Chianti Classico „Riserva Rancia“ von Felsina kosten, dazu Grissini mit Parmaschinken genießen und im neuesten Bestseller schmökern? Seit 1993 existiert dieses „Kultur-Kleinod“, wie die „Süddeutsche“ heute schreibt.

Ab Juli ist es damit leider aus, womit dem Thema „Buchladen-Sterben“ (siehe Czyslansky: „Wo sind die Buchläden geblieben?„) ein neues, schmerzhaftes Kapitel hinzugefüht wird. Das Buchgeschäft rentiere sich leider nicht mehr, der Laden soll als reine Weinhandlung fortgeführt werden, sagte Beck-Vorstand Dieter Münch, dem das alles „ein Stück weh“ tue, aber man könne nicht „Themen, die einem näher sind, weiter streicheln“, obwohl sie nur Miese machen.

Bei „Dichtung & Wahrheit“ haben denkwürdige Autorenlesungen stattgefunden, zum Beispiel Jan Weiler („Maria, ihm schmeckt’s nicht“), Friedrich Ani (die „Tabor Süden“-Krimis), Carl Weissner (die Bukowski-Briefsammlung “Schreie vom Balkon”), Robert Hültner (“Das schlafende Grab”), Bernhard Jaumann (“Hörsturz”) oder María Cecilia Barbetta („Änderungsschneiderei Los Milagros“).Auch ich muss ein ganz persönliches Faible für „Dichtung & Wahrheit“ gestehen, seitdem mein erstes „ernsthafte“ Buch, „Erfolgsfaktor Internet“, 1999 bei Econ erschienen, in den engen Altstadträumen sozusagen das erste Licht der Welt erblickte. Mein langjähriger Kollege Günter Ogger („Nieten in Nadelstreifen“) hielt damals die Laudatio, es war brechend voll, Frank Heumann schenkte Felsina aus und keiner fühlte sich digital überfordert. Klar, das Internet steckte damals ja auch noch in den Kinderschuehen.

Eigentlich hatte ich vor, im März mein neues Buch, „Unternehmen 2020 – das Internet war erst der Anfang“, wieder bei Dichtung & Wahrheit zu präsentieren. Ob daraus noch etwas wird? Ob es dann noch so wäre wie damals – oder ob es nur Grabesstimmung gäbe? Vielleicht sollte man es doch lieber bei den Erinnerungen belassen.

4 Gedanken zu „Kein Platz mehr für Dichtung. Das ist die Wahrheit!“

  1. Das wäre ein wahrer Jammer: ich trauere auch immer noch meiner Lieblingsbuchhandlung Dessauer in der Maximilianstrasse nach. Ganz bewusst kaufe ich wenn immer möglich in kleinen Buchhandlungen mit persönlichem Kontakt ein. So gibts echte und wertvolle Beratung. Bücherkauf beim Grossversand ist mittlerweise eher uncool.

  2. lieber tim,

    du solltest dein neues buch unbedingt im dichtung und wahrheit vorstellen. der titel deines buchs wäre der passende schlussakkord für den feinen laden: „das Internet war erst der Anfang“. so ist es: der anfang vom ende vieler schöner buchläden …

  3. Mein Mitleid mit dem Buchhandel hält sich in Grenzen (Diesen von dir angesprochenen kenne ich allerdings persönlich nicht)
    Wie du richtig sagst: [… und im neuesten Bestseller schmökern? …]
    Das ist der Grund warum die Buchläden pleite machen, sie verkaufen alle nur die selben TOP 100 der Bestsellerlisten, oder sind reine Fachbuchhandlungen.

    Die Buchhandlung in der ich beraten werde und auch ungewöhnliche nicht Mainstream Literatur vorgestellt und empfohlen bekomme, die suche ich seit Jahren vergebens, um die wäre es auch schade, gäbe es sie denn …

  4. @alexander „Dichtung & Wahrheit“ wäre für dich der absolute Traum! Ich bin mir nicht mal sicher, ob sie die „Spiegel“ Bestseller überhaupt im Angebot haben. Dafür jede Menge un- oder halbbekannte Autoren, manche davon richtige Entdeckungen. Perfekter Ort für einen verregneten Nachmittag. Noch…

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