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Josef Haslinger: Der Tod des Kleinhäuslers Ignaz Hajek - Buchvorstellung. Mit Haslinger im Waldviertel

Es ist bitter, im Münchner Speckgürtel aufzuwachen, nachdem man die ganze Nacht mit Josef Haslinger im Waldviertel verbracht hat. Aber das kommt davon, wenn man sich abends im Bett von einer dieser wunderbaren Novellen entführen lässt: „Der Tod des Kleinhäuslers Ignaz Hajek“ ist bei Fischer gemeinsam mit der Kurzgeschichte  „Die mittleren Jahre“ erschienen. 

Die meisten werden Josef Haslinger nur von seinem „Opernball“ kennen, jenem skurrilen Massenmord, bei dem 3.000 Besucher des Wiener Opernballs inklusive Bundeskanzler, Bundespräsident, einer illustren Schar Minister und ein Mörtel ums Leben kommen. Das ist schade, denn Haslinger hat viele bezaubernde Dinge geschrieben, etwa den Roman „Das Vaterspiel“, der mich nachhaltig beeindruckt hat. Der Kleinhäusler Ignaz Hajek aber, entstanden schon 1985, also weit vor den großen Romanen, hat mich völlig geflasht und eine ganze Nacht ins harte österreichische Waldviertel entführt, in eine Gegend, in der ich in jungen Jahren, etwa um 1985, einige Tage verbrachte, das Titelbild dieser Geschichte bezeugt es.

"Der Tod des Kleinhäuslers Ignaz Hajek" - Die literarischen Kartoffelesser

„Der Tod des Kleinhäuslers Ignaz Hajek“ ist eine Kurzgeschichte im Stil von – ja in was für einem Stil eigentlich?

Haslinger erzählt in schweren Worten vom Leben der „einfachen Leut“ in einem kargen Landstrich, von Bauern und Knechten, von Kleinhäuslern, von Menschen, die es „zu Nichts gebracht haben“, außer vielleicht zu einem Ziegenbock und einer Sau und einigen mehr oder weniger unehelichen Kindern.

Die Sprache ist derb, wie die Leute, von denen erzählt wird. Aber Haslingers Sprache ist nicht die starke derbe Sprache Oskar Maria Grafs, der in den Erinnerungen an seine Mutter ja auch eine bäuerliche Sittengeschichte erzählt hat. Bei Graf sind die Protagonisten laut, es sind die lärmenden Bauern des katholisch-bayerischen Oberlands, die Mir-san-mir-Bayern, die noch in ihrer Armut allzeit hinterfotzig sind. 

Die Bauern Haslingers erinnern eher an die einfachen und leisen Gestalten in den Romanen der Lena Christ, an die Rumplhanni. Es ist die Klasse derer, die ganz unten stehen in der Hierarchie des Landes. Auch ist das Waldviertel im Vergleich zu Grafs Oberland das entschieden ärmere Viertel, eine Armut, die sich in der leisen Sprache der Geschichte, in der Kargheit ihrer Gestalten völlig ausdrückt. 

van Gogh KartoffelesserWenn mir ein Bild bei der Lektüre des Ignaz Hajek ständig in den Sinn kommt, dann sind es die Kartoffelesser von Vincent van Gogh. Hagere Gestalten bem Verzehr von Kartoffeln. Im Igaz Hajek wird erzählt, wie die Familie sich über Monate von Kartoffeln ernährt und vom „Herrn Vater“ an Weihnachen dafür gescholten wird, dass sie der Sau damit das Futter weggefressen habe. Die Sau wurde traditionell zu Weihnachten geschlachtet. Zum Festtag gab es dann das einzige Mal im Jahr ein wenig Fleisch für die Familie. Der Rest des Schweins wurde geselcht für den „Herrn Vater“, der das Geselchte mit auf die Reise nahm. Er war nämlich elf Monate im Jahr unterwegs um sich in der Fremde zu verdingen. Nach elf Monaten kam er zurück um sich das inzwischen geboren Balg und die geschlachtete Sau anzusehen. So ging es Jahr um Jahr.

Ich werde Euch den Rest der Geschichte hier nicht erzählen. Ihr sollt schließlich das Buch selbst lesen und kaufen. Ich folge brav dem Aufruf des Schriftstellers Leonhard F. Seidl, der zum Welttag des Buches vor zwei Tagen auf seinem Facebook-Account darauf hingewiesen hat, dass hinter jedem Buch ein Autor steckt, der von dem Buch leben muss. Von der Weitergabe eines Buches und von Downloads könne er nicht leben. Und Klaus Eck hat auf seinem LinkedIn-Accout gefragt, wer heutzutage überhaupt noch Bücher lese, so richtig aus Papier und so. Und der Anteil der E-Buch-Leser in seiner Kommentar-Spalte ist frappierend hoch. Anlass war übrigens ein ganz wunderbarer Artikel des ebenso wunderbaren Kurt Kister in der Süddeutschen Zeitung mit dem Titel  „Zeige mir, was du liest“ – ein Plädoyer für das gute alte Bücherregal. Auch dies war ein Beitrag zum Tag des Buches. Ich hab zum Tag des Buches gar nichts geschrieben. Ich hab gelesen.

Und heute Abend? Ratet mal was ich da tun werde: Genau: Ich reise mit Josef Haslinger ins Waldviertel. Man gibt „Die mittleren Jahre.“ Fischer Verlag ISBN-13:978-3-596-12917-1. Ganz aus Papier. Und Worten. Und Träumen. Gute Reise.

Illustrationen © xxx – stock.adobe.com

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3 Antworten

  1. Da will man angestachelt durch diesen Beitrag das Buch käuflich erwerben und muss erfahren, dass es zwar beim großen A. online verfügbar ist, nicht aber in der Buchhandlung meines Vertrauens. Dort muss ein Suchauftrag gestellt werden, um es antiquarisch zu erwerben.
    Was mich fast in die Fänge des großen A. getrieben hätte.
    Ich prangert das also am uns lese derweil etwas Anderes. Zum Glück gibt es ja noch so viel mehr, was gelesen werden will…

  2. Man glaubt es kaum – es hat nur ein Jahr (!) gedauert, bis ich mich tief in die bäuerliche Welt des Waldviertels eingegraben habe, in dem ich es endlich geschafft habe, das Buch antiquarisch ranzuschaffen und in einem Rutsch beide Novellen zu lesen.
    Danke noch mal für den Tipp. Der war großartig.

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