Judenbuche

Buchen musst du suchen: Vorsicht vor der Judenbuche von Annette von Droste-Hülshoff

Über die Weihnachtsfeiertage habe ich mir angewöhnt alte Bücher wieder zu lesen, Werke, die mich in jungen Jahren beeindruckt haben, die Spuren hinterlassen haben in meiner Erinnerung, in meiner Seele, in meinem Gedächtnis, in meinem Herzen. In den vergangenen Jahren waren das Novellen von Theodor Storm, Goethes Wahlverwandtschaft, aber auch einige Bücher aus meiner Kindheit wie die Schatzinsel von Robert Louis Stevenson oder Daniel Defoes Ronbinson Crusoe. Während der letzten Feiertage fiel mir „Die Judenbuche“ von Annette von Droste-Hülshoff bei einer kleinen Regalwanderung fast vor die Füße.

Ich habe diese Novelle zuletzt wohl als Schullektüre gelesen, lesen müssen um genau zu sein. Und ich erinnere mich, dass mich diese Geschichte damals schwer beeindruckt hat. Warum wusste ich nicht mehr. Und an den Inhalt konnte ich mich nur noch schemenhaft erinnern. Also nahm ich mir das kleine gelbe Reclam-Heftchen an den Weihnachtstagen 2025 erneut vor …

Um was geht es in der Judenbuche?

Die Judenbuche ist ein Kriminalroman aus dem 19. Jahrhundert, veröffentlicht im Jahr 1842, also mitten im gemütlichen Biedermeier. Die Geschichte spielt in einer Kleinstadt in Westfalen. Dort lebt Friedrich Mergel in kleinbürgerlichen Verhältnissen. Nachdem er schon als Kind seinen Vater verliert wird er von einem Onkel adoptiert.
Im Dorf kommt es häufig zu Holzdiebstählen. Die Bande der „Blaukittel“ stehlen das Holz der Förster und erschlagen eines Nachts den Oberförster. Friedrich schob Wache für die Bande und fühlt sich mitschuldig, wird nach einem Anfangsverdacht aber von aller Schuld freigesprochen.

Jahre später kommt es auf einer Hochzeit zu einer Auseinandersetzung zwischen Friedrich und dem Juden Aaron, der kurz darauf ermordet unter einem Baum aufgefunden wird. Der Verdacht fällt auf Friedrich, der mit dem Sohn seines Ziehvaters flieht. Angehörige der Jüdischen Gemeinde kaufen den Baum, unter dem das Opfer aufgefunden wurde und sprechen einen Fluch aus, der in die Rinde des Baumes geritzt wird: „Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast.“ Der Baum trägt im Volksmund hinfort den Namen „Judenbuche“.
Viele Jahre später kehrt Friedrich Mergel, getarnt als Sohn seines Ziehvaters, in den Ort zurück und lebt dort unentdeckt einige Zeit bis er eines Tages erhängt in den Ästen der Judenbuch aufgefunden wird. So hat sich der Fluch der Judenbuch schließlich erfüllt.

Warum faszinierte mich diese Geschichte damals und warum tut es dies noch immer?

Die Judenbuche ist eine faszinierende Geschichte, vermutlich vor allem, weil sie extrem vielschichtig ist. Man kann sie mehrmals lesen und in unterschiedlichem Alter wird man bei jedem Lesen Neues entdecken: Es ist eine Geschichte von langsam sich entwickelnder individueller Schuldverstrickung und von Kollektivschuld, von Unmoral und gesellschaftlichen Missständen, von Unrecht und von der Hoffnung auf Erlösung. Der Protagonist Friedrich Mergel ist das Opfer unseeliger Familienverhältnisse. Er versucht sich zu befreien und „nach oben“ zu arbeiten und scheitert doch und gerät in kriminelle Abhängigkeiten. Die Bande, für die er arbeitet, wird letztlich von großen Teilen der Dorfgemeinschaft unterstützt, weil das Holzrecht vor 1848 augenscheinlich unrecht war („Fische-, Holz- und Jagdrecht frei“ war schon eine Forderung in den Bauernkriegen). Kriminalität wird in bestimmten gesellschaftlichen Konstellationen zum Bürgerrecht.

Ich glaube, die letzte Konsequenz haben mir in meiner Schulzeit die Deut-Lehrer nicht beigebracht. Für sie war die Judenbuche nur das Symbol des Rechts, das sich zuletzt doch immer durchsetzt. Aber das ist arg kurz gesprungen. Auch die Rolle des latenten Antisemitismus wurde in meiner Schulzeit nicht wirklich diskutiert. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern …

Was erzählt die Judenbuche über Antisemitismus?

Der Jude Aaron ist eine doppelgesichtige Figur in der Novelle. Er ist einerseits arbeitsam und freundlich, andererseits aber markant „anders“ und „fremd“. Er ist ein Außenseiter. Seine Ermordung wird von den Dörflern nicht bedauert. Einzig sein „Stamm“, diejenigen, die heute als Jüdische Gemeinde kenntlich sind, betrauern ihn. Aber auch diese Gruppe wird in der Judenbuche als verschwörerische Gemeinschaft gekennzeichnet. Sie schreitet in den Wald zur Judenbuche wie eine Gemeinschaft der Zauberer und hinterlässt dort tatsächlich einen Zauberspruch:

Judenbuche Spruch

„Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir gethan hast.“

Offen tritt der Antisemitismus in den Dialogen der handelnden Personen zu Tage, etwa wenn Friedrich Mergels Mutter die Juden als Schelme und Betrüger tituliert oder Dorfbewohner Juden als „Lumpenmoises“ und „Wucherjoel“. Aber das alles wäre ja eine Schilderung des alltäglichen Antisemitismus im bäuerlichen und kleinbürgerlichen Alltag des westfälischen Vormärz. Das wäre schriftstellerische Chronistenpflicht (wenn man so will). Die Darstellung der Juden als quasi Geheimbund, als Waldzauberer, zeugt davon, dass die Schriftstellerin fest im antijüdischen Weltbild ihrer Zeit gefangen ist. Ja, „Die Judenbuche“ ist eine großartige Novelle. Und ja: sie ist eine schlimme antisemitische Erzählung. Man soll sie lesen. Aber man muss sie kritisch lesen.

Wie ist die Judenbuche heute zu lesen?

Die Judenbuche gehört zum Kanon der Schulliteratur. Und das ist gut so. Aber diese Novelle ist im Kern ein Ausdruck von Antisemitismus und man darf Schüler*innen mit ihr nicht allein lassen.

Und wenn ich heute im Internet die zahlreichen Interpretationshilfen zu dieser so wichtigen Novelle lese, dann bin ich schwer entmutigt. Noch immer wird sie gelesen und interpretiert wie vor fünfzig Jahren: als Lehrstück über Moral und Recht. Allenfalls gibt es Hinweise auf antijüdische Aussagen der „Dörfler“. Dabei wäre es so wichtig gerade heute in einer Zeit des wieder anwachsenden Antisemititismus auf die antisemitische Darstellung der jüdischen Menschen durch Annette von Droste-Hülshoff
selbst hinzuweisen. Die Vorstellung der Juden als geheimbündische „Fremde“, als Urheber von Verwünschungen und Verschwörungen, die Recht und Moral im Bund mit dunklen Mächten durchsetzen, ist rassistisch. Auch eine große deutsche Schriftstellerin wie Annette von Droste-Hülshoff konnte sich in ihrer Zeit antisemitischen Vorurteilen nicht entziehen.

Dies zu vermitteln bei der Lektüre der Judenbuche wäre wichtig. Die Lektüre dieser Novelle wäre eine großartige Chance unterschwelligen Antisemitismus zu entlarven, der häufig viel gefährlicher ist, als der offen formulierte. Diese Chance sollten wir nutzen.

Es ist wie bei der alten falschen Gewitter-Regel: „Weiden meiden, Buchen suchen!“ In Zeiten des Antisemitismus sollten wir diese Judenbuche suchen. Lesen wir die Judenbuche und lernen wir aus ihr. Mit Vergnügen.

Illustrationen © Michael Kausch

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