Auf dem Amazonas von San Antonio nach Manaus. Zweiter Teil meines Reiseberichts mit der Jangada.

Im ersten Teil meines Reiseberichts ging es von Tabatinga rund 350 Meilen bis Bethania, eine große indigene Siedlung bei San Antonio. Ich berichtete über das Leben auf dem Amazonas und ausführlich über die Besuche bei zwei indigenen Stämmen, den Marubo und den Tikuna. Im zweiten Teil geht es um Wanderungen durch den Regenwald , die Begegnung mit allerlei Tieren, eine Missionsstation und natürlich um das Ziel der Reise: die Urwaldmetropole Manaus.

Vom Schutz des Regenwaldes

Im Schnitt wurden in den letzten Jahren jährlich rund 13.000 Quadratkilometer Regenwald abgeholzt oder niedergebrannt. Und weil man ja Flächen immer gerne mit dem Saarland illustriet: das entspricht fünf Mal der Fläche des Saarlands. Etwa die Hälfte des heute noch bestehenden Regenwaldes befindet sich in Amazonien. Davon wiederum steht die Hälfte in Brasilien. Und in diesen Wald führte im vergangenen Oktober mein Waldspaziergang. 

Die wichtigsten Naturschützer sind sicherlich die Indigenen. Sie leben zwar auch nicht im paradiesischen Einklang mit der Natur, aber sie bewirtschaften den Wald weitgehend nachhaltig und sie verschmutzen die Flüsse und Seeen kaum. Ganz anders verhält es sich mit den Goldsuchern und Farmern. Dabei sind Brandrodungen am Oberlauf des Amazonas noch nicht das größte Problem. Die großen Zerstörungen des Waldes fanden in den vergangenen Jahren weiter im Süden und Osten statt. Dort gibt es ganz einfach eine besser ausgestattete Infrastruktur für den Transport von Agrargütern. Ein Problem stellen aber am Oberlauf die zahlreichen Goldsucher auf dem Amazonas dar. Sie suchen direkt im Sandboden des Flusses nach Gold. Dabei kommt Quecksilber zum Einsatz, das mit den Abfällen einfach ins Wasser abgelassen wird.

Goldschiff
Überall auf dem Amazonas begegnet man den Förderschiffen der Goldsucher.

Auch das zahlreiche Kleingewerbe – komplette metallverarbeitende Fabriken arbeiten auf Hausbooten auf dem Fluss – leitet seine Abwasser ungefiltert in den Fluss. Aber der Amazonas erträgt viel und die Abwasser werden eigentlich nur in der unmittelbaren Nähe der Großstadt Manaus und im Unterlauf des großen Flusses zum massiven Problem.

(Für eine vergrößerte Ansicht der Bilder einfach auf die Fotos klicken)

Vom neuen alten Präsidenten Lula erhoffen sich viele eine Verbesserung im Umweltschutz. Der Schutz des Regenwaldes ist aber nicht allein die Aufgabe Brasiliens. Der Schutz des Regenwalds als grüne Lunge der Erde kann nur gelingen, wenn sich alle Industriestaaten an dieser Gemeinschaftsaufgabe beteiligen – und wenn die indigene Bevölkerung aktiv an diesem Umweltschutz beteiligt wird.

Das Naturidyll von Mamirauá

Im Naturschutzgebiet Mamirauá bei Fonteboa durchfuhren wir mit kleinen Einbaum-Booten einen Nebenarm des Amazonas. Auf dem Weg zu einer indigenen Siedlung kamen wir an großen Kormorn-Kolonien vorbei:

Eine kleine indigene Siedlung war der Ausgangspunkt für eine größere Erkundungstour durch den Regenwald. Einige Bilder aus dem Wald kann ich an dieser Stelle zeigen. Vieles aber habe ich schlicht nicht fotografiert. Wir waren zwar eine kleine Reisegruppe, alles in allem gerade einmal 14 Teilnehmer*innen, trotzdem nimmt man natürlich stets Rücksicht aufeinander und kann nicht einfach mal zum Fotografieren zurückbleiben, wenn einem danach ist. So bleiben viele Dinge unfotografiert, etwa der „wandernde Baum“:

Vom Baum, der Füße bekam

Tatsächlich gibt es im Regenwald eine Palme, die als Vorbild der Ents aus dem Herrn der Ringe taugen würde. Dabei handelt es sich um einen Baum, dessen kerzengerader Stamm sich ein paar Meter über dem Boden in mehrere Stämme teilt. „Merkt“ der Baum nun, dass sich die Lebensbedingungen für einen der Teilstämme verschlechtern, weil zum Beispiel ein Nachbarbaum ihm das Wasser abgräbt oder weil der Boden wegbricht, so bildet der Baum gegenüberliegend einen neuen Teilstamm. Der alte Teilstamm stirbt ab. So wandert der Baum langsam aber sicher vom als ungünstig erfahrenen Standort ein Stück weit weg. Ein Baum mit Füßen, bei dem sich nicht die Füße bewegen, sondern alte Füße absterben und neue Füße in Bewegungsrichtung nachwachsen. Man kommt aus dem Staunen über den Einfallsreichtum der Natur manchmal nicht heraus … 

In der Siedlung besuchten wir die Schule und eine kleine Lodge:

Die Lehrerin der Schule erklärte uns, dass sie mit einfachsten Mitteln arbeiten muss. Es fehle einfach an vielen grundlegenden Dingen, an Büchern, selbst an Stiften und Papier. Die Schüler*innen kommen zum Teil von weit her aus kleinen indigenen Dörfern.

Tefé und der Teufel der Christianisierung

Knapp 600 Kilometer vor Manaus liegt Tefé, die größte Stadt zwischen Tabatinga und Manaus. Sie geht auf eine Missionsstation zurück, die die Portugiesen im Jahr 1620 gegründet haben. Von hier wollten sie die Indigenen des oberen Amazonas christianisieren. Die meisten der Ureinwohner haben die Missionare auf direktem Weg ins Himmelreich befördert – durch Masern, Pocken oder auch eine einfache Grippe, gegen die sich die Indigenen nicht wehren konnten. „Näher mein Gott zu dir“ – kaum getauft, schon hat es geklappt.

Die Missionsstation gibt es noch, hoch über dem Amazonas gelegen. Der Anteil der Indigenen an der Bevölkerung der Region Tefé liegt laut letzter Volkszählung bei 1,6 Prozent. Als „weiß“ bezeichnen sich 14,9 Prozent, als „schwarz“ 3,2 Prozent, als „asiatisch 0,7 Prozent. Die weitaus größte Bevölkerungsgruppe sind Mulatten, als „Mischlinge“: 79,6 Prozent. Es handelt sich dabei um Selbsteinschätzungen. Ich halte von einer „rassischen“ Einteilung ohnehin nichts. Wichtig ist aber vielleicht doch, dass sich immer mehr Menschen der Region als „indigen“ beschreiben und vor allem, dass indigene Kulturen und Traditionen wieder verstärkt gelebt werden. Die Bedeutung der katholischen Kirche hingegen ist stark rückläufig. Rechte evangelikale politische Strömungen unter der weißen Bevölkerung gewinnen aber an Bedeutung. Auch hier nimmt die gesellschaftliche Spalung zu.

Auf dem Amazonas bis Manaus

Auf den 600 Kilometern von Tefé bis Manuas begegneten wir noch zahlreichen Tieren. Ich bin kein großer Tierfotograf und kann hier nur eine kleine Auswahl zeigen. Da ist zum Beispiel das Faultier, das wir auf einem Baum entdeckten:

Was ist zum Faultier zu sagen? Es ist ein sehr angenehmer Gesell: es bewegt sich nur rund 2 Meter pro Stunde und hängt die meiste Zeit des Tages kopfüber am Baum. Kopfüber deshalb, weil sein größtes und schwerstes Organ die Leber ist, und die sitzt bei ihm am Rücken, hängt also bei der bevorzugten Lage nach unten. Trotz großer Leber: das Faultier frisst nur Blätter und trinkt – nein! – KEINEN Alkohol.
Wesentlich schneller als die Faultiere sind die Kaimane unterwegs, von denen wir zahlreiche gesehen haben, in der Regel Brillenkaimane. Denen möchte man nicht unbedingt im Wasser begegnen, auch wenn sie selten länger als zweieinhalb Meter lang sind. Ihr Verwandter, der Mohrenkaiman, wird immerhin bis zu sechs Meter lang. Den schildert auch Jules Verne als Killer in seinem Buch „Die Jangada. 800 Meilen auf dem Amazonas“Mit der Jangada auf dem Amazonas.

Er gilt als der ältete Vogel der Welt: der Hoatzin, auch Stinkvogel genannt. Seine Verdauung ähnelt dem der Wiederkäuer, was zu seinem Namen Stinkvogel geführt hat. Er ist recht scheu, weshalb man ihn so gut wie nie in zoologischen Gärten findet. Wir haben eine Kolonie an einem Nebenarm des Amazonas entdeckt.

Sagt Euch der Name Evanilson noch etwas? Dede? Ewerthon? Santana (Nein, nicht der Musiker)? Rund 20 Brasilianer spielten irgendwann in den letzten 20 Jahren beim BVB Dortmund. Deshalb findet man auch noch im letzten Winkel Amazoniens Borussen-Fans – aber keine Trikots des FC Bayern München. Welch Wohltat …

Natürlich fragt man sich bei den vielen Booten und Schiffen auf dem Amazonas früher oder später: Wo kommen die eigentlich alle her? Wo sind die Werften? Und man staunt nicht schlecht, wenn man dann so eine Werft sieht, mit all ihrem morbiden Charme:

Ehe wir nun endlich nach Manuas kommen, ans Ziel der Reise, noch einige Bilder vom Amazonas und vom Zusammenfluss des Amazonas mit seinem größten Nebenfluss, dem Rio Negro:

Rio Negro
Bei Manaus fließt der Rio Negro in den Amazonas.

Bei Manaus fließt der Rio Negro in den Amazonas. Es braucht rund 50 Kilometer bis sich die beiden Gewässer vermischen. Der Grund: unterschiedliche Temperatur, Fließgeschwindigkeit und v.a. der ph-Wert von ca. 3,5 des Rio Negro. Fische können die Barriere zwischen beiden Gewässern kaum überwinden. Einzig die Flussdelphine schwimmen zwischen schwarzem und braunem Wasser munter hin und her.

Gib Gummi. Die Urwaldmetropole Manaus.

Knapp 3 Millionen Einwohner leben in Manaus. Dabei ist die Stadt kaum mit dem Auto zu erreichen. Nur wenige Straßen führen in die mitten im Urwald gelegene Stadt, und auch das erst seit wenigen Jahren. Der Fernverkehr findet fast ausschließlich per Flugzeug und vor allen Dingen per Schiff statt.

Auch wir erreichten Manaus also mit dem Schiff, und zwar über den Rio Negro. Die Stadt, die viele am Amazonas vermuten, liegt nämlich nicht am Amazonas, sondern ein paar Kilometer abseits am Rio Negro. 

Eigentlich wollte ich in Manaus in die Oper gehen. Schließlich gibt es hier die sagenumwobene Urwald-Oper, das Teatro Amazonas. Jeder, der Fitzcarraldo von Werner Herzog gesehen hat, kennt dieses mitten im Regenwald gelegen Theater. In Fitzgarraldo leuchtet es hellblau, heute altrosa. Rosa ist die Farbe, die es bei seiner Entstehung 1896 bereits trug. Während der Militärdiktatur war Rosa den herrschenden Generälen aber zu „schwul“, also wurde das Haus bei seiner ersten großen Renovierung bübchenblau gestrichen. Generäle stehen offenbar auf Bübchen. Seit ein paar Jahren darf das Haus nun wieder rosa sein.

Während unseres Aufenthalts in Manaus feierte man gerade den Tag des Kindes. So feierte man nicht nur vor dem Theater mit vielen rosa und blauen Luftballons (für Mädchen und Generäle), sondern auch im Theater mit Kindervorstellungen. Unsere einzige Chance das Interieur des Hauses zu besichtigen war der Besuch einer Kindervorstellung. Wir erstanden kurzerhand zwei Tickets für eine Kindervorstellung und verdrückten uns nach wenigen Minuten um durch die Vorräume und Gänge des Hauses zu spazieren. Hier ein paar Bilder, die dabei entstanden sind:

Das Theater ist überaus prächtig ausgestattet: Marmor aus Carrara, Leuchter aus Murano, Figuren aus Paris, Mosaiken aus Deutschland, Stoffe aus Portugal.

Unser Hotel stand direkt neben dem Theater und wir konnten von der Dachterrasse direkt auf die mit Mosaik geflieste Kuppel des Teatro schauen. 

Das Haus entstand in der Blütezeit der Stadt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Manaus eine der reichsten Städte der Welt. Die Quelle des Reichtums war die Erzeugung von Kautschuk. Der Kautschuk, der in der Industrie und zum Beispiel auch für Autoreifen benötigt wurde, wurde aus im Regenwald wild wachsenden Kautschukbäumen gewonnen. Unternehmer wie Goodyear und Dunlop machten riesige Vermögen mit der Gewinnung und Vermarktung von Kautschuk. Manaus war die wichtigste Metropole der sogenannten Kautschukbarone. Im Umland von Manaus wurde der Kautschuk gewonnen, gesammelt und über den Amazonas abtransportiert. Die Stadt generierte einen unvorstellbaren Reichtum für eine wohlhabende Bürgerschicht. Es wird erzählt, dass die reichen Haushalte ihre Wäsche zum Reinigen damals nach Lissabon geschickt haben, da ihnen das Wasser vom Rio Negro zu dreckig war. Überflüssig zu erwähnen, dass dieser Reichtum auf dem Rücken der ausgebeuteten Indigenen erschaffen wurde. 

In Manaus gab es eine elektrische Straßenbahn, eine elektrische Straßenbeleuchtung, moderne Hafenanlagen und zahlreiche elegante große Bürgerhäuser. Die Stadt wurde als „Paris des Regenwaldes“ bezeichnet und tatsächlich wäre beinahe sogar der Eiffelturm von Paris nach Manaus verbracht worden. Nach der Weltausstellung 1889 sollte der Turm in Paris abgerissen werden. Die Franzosen fanden das eiserne Trum ziemlich hässlich. Man verhandelte eine Zeitlang ernsthaft mit Manaus. Die neureichen Brasilianer wollten den Eiffelturm den Franzosen abkaufen und bei sich im Urwald wieder aufbauen. Letztlich ist nichts daraus geworden. Immerhin aber durfte Eiffel für Manaus Markthallen nach dem Vorbild der Pariser Markthallen bauen. Während aber der „Bauch von Paris“ längst abgerissen wurde, stehen die Eiffelschen Markthallen in Manaus noch immer. Sie sind wunderbar renoviert und laden zu einem Bummel ein: 

Bis zum Ende des 19. Jahrhundert wurde Kautschuk nur in Brasilien und Peru gewonnen, dann wurde der Samen des Kautschukbaums nach England geschmuggelt und es wurden große Kautschukplantagen in britischen Kolonien angelegt. Rasch fiel der Preis für Kautschuk ins bodenlose, die Stadt Manaus verelendete, viele einst prächtige Gebäude verfielen und noch heute sieht man neben einigen renovierten alten Prachtbauten am Hafen und rund um das Theater zahlreiche verfallene Gebäude. Es ist wie häufig: Die Sanierung der Altstadt wäre teuer. Es ist einfacher in der Peripherie schlechte Neubauten hinzuklotzen, als die Innenstadt zu sanieren. Das ist heute in Havanna nicht anders und war vor einigen Jahren in Erfurt und Halle auch nicht anders. Ein Elend …

Wir sind schließlich von Manaus über Brasilia und Rio den Janeiro nach Deutschland zurückgereist. Natürlich war diese Exkursion ziemlich luxuriös:

  • ein luxuriöses Schiff, die Jangada, als Homebase für Ausflüge in den Regenwald
  • eine kleine Reisegruppe mit netten Menschen
  • hervorragend ausgebildete Guides des Veranstalters Lernidee Erlebnisreisen
  • ein Veranstalter, der über langjährige Kontakte verfügt und uns Kontakte zu Indigenen erlaubte, weit ab von üblichen Touristenprogrammen

 

Das alles hat seinen Preis. Man kann den Amazonas auch einfacher bereisen. Für uns war es die Erfüllung eines großen Traums. In jedem Fall ist der obere Amazonas ein lohnendes Reiseziel: eine großartige Natur, eine reiche Kultur, spannende Erfahrungen mit indigenen Völkern.

Hinweise zum Veranstalter, zu Reiseziet, Geld und Gesundheit habe ich im ersten Teil meines Reiseberichts gegebenen. 

Illustrationen © Michael Kausch

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