Schlagwort-Archive: Qualitätsjournalismus

Gedruckte Museumsstücke

Es war ein toller Lauf!

Es war ein toller Lauf!

Mein Freund Christian Spanik​ suchte eine Grafik, die die Auflagenentwicklung deutscher Printmedien zeigt, und fragte deshalb seine FB-Freunde. Ich habe daraufhin beim Statistischen Bundesamt nachgeguckt und fand die Zahlen für den Zeitraum 2003-2016. Dann habe ich Photoshop geöffnet, die Grafik reinkopiert, die Linien und die Timeline verlängert, und schon sieht man ganz genau, wann die letzte Tageszeitung in Deutschland stirbt, nämlich in 35 Jahren!

2050 ist es also aus, liebe Kollegen. Schade, denn die Zeitung hat ja einen tollen Lauf hingelegt. Weiterlesen

Qualitätsjournalist – ein Hundeleben!

Ein Hundeleben ist das!

Ein Hundeleben ist das!

Ich bin eigentlich kein typischer taz-Leser, aber manchmal verirre ich mich mal auf die Website und genieße den rotzfrechen Stil und die eklektische Themenauswahl der Berliner Kollegen. So auch heute, wo mich die Headline „Bald in der ganzen Stadt: Leinenzwang“ unwiderstehlich anzog. Ich las dort einen pointiert geschriebenen und außerordentlich respektlosen Beitrag über die ausufernde Verbotswut Berliner Politiker, der plötzlich eine unerwartete Wende nahm und in eine schwarzhumorige Tirade gegen Hundebesitzer umschwenkte („…versuchen Sie mal, mit Leuten zu reden, die ihren kalbsgroßen Köter „Prinzessin“ nennen) und in der Forderung gipfelte: „Macht aus dem Leinenzwang ein landesweites Hundeverbot, bitte.“ Weiterlesen

Vom Wesen und vom Arbeiten des „Redakteurs“

Das kommt raus, wenn Redakteure schreiben

Das kommt raus, wenn Redakteure schreiben

Das Frauenmagazin „Brigitte“ kürzt Stellen, was erwartungsgemäß zu einem heftigen Aufschrei unter den so genannten „Qualitätsjournalisten“ geführt hat. Die „Welt“ titelte gar: “Brigitte schafft ihre schreibenden Redakteure ab“.

Offenbar ist dem schreibenden Redakteur der „Welt“ gar nicht aufgefallen, was für einen Stuss er da abgesondert hat. Aber er ist alles andere als alleine damit.

Das Wort „redigieren“ kommt vom lateinischen Verb redigere und bedeutet “zurückführen“ oder „in Ordnung bringen”. In der Schweiz heißen Kollegen, die redigieren, „Redaktor“, sind also diejenigen, die redigieren. Es sind also nach helvetischem Selbstverständnis Mitarbeiter, die innerhalb der Redaktion eher Herstellungsaufgaben übernehmen, also bei einem Magazin beispielsweise die Heftplanung, die Beauftragung der Schreiber (sprich: der Journalisten) sowie die Korrektur von Rechtschreibung und Grammatik, aber auch Überwachung der inhaltlichen und stilistischen Qualität.

Damit ist ein guter Redakteur mehr als ausgelastet; zum Schreiben bleibt ihm in aller Regel gar keine Zeit. Weiterlesen

Was ich den Verlegern gerne gesagt hätte

Gestern kam eine Anfrage rein für einen Vortrag in Hamburg vor Verlegern (Print und Online). und zwar von einer Firma, die hier nicht genannt werden soll, die aber recht bekannt ist im Bereich des Cross Media Publishing. Die Dame, die mir die Mail schrieb, hatte auch ganz konkrete Vorstellungen über das, worüber ich reden sollte, nämlich: „Es soll sich ums Publishing, um die Prozesse drehen. Gern auch einen Ausblick in die Zukunft. Wie entwickelt sich das Leseverhalten? Wie konsumieren die Menschen Informationen? Welchen Einfluss hat die Technik? Wie können Publisher auf diese Entwicklung reagieren? etc.“

Ich setze mich hin und schrieb eine Antwort, und weil mich das Thema wirklich interessiert, fiel die Antwort etwas länger und auch etwas kontroverser aus, als ich gedacht hatte. Mir war aber auch klar, dass ich die Dame womöglich so erschrecken könnte, dass ich nie wieder etwas von ihr höre – dann ist der Auftrag futsch.

Aber wenn schon, so dachte ich, dann wäre die Antwort wenigstens ein schöner Blogpost für Czyslansky, also hier isser. Vielleicht gefällt er wenigstens Euch/Ihnen:

Danke, dass Sie an mich gedacht haben. Ich sehe auch kein Problem mit dem Termin: Von Hamburg nach Salzburg gibt es mehrmals am Tag Flüge.

Schwieriger ist es mit dem Thema.

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Journalismus aus dem Automaten

…und immer an den Nutzer denken!

Ich habe die Zukunft des Journalismus gesehen, und mir graut vor ihr.

Jürgen Schlott ist ein netter, freundlicher Mann, der sich „Direktor Marketing“ bei Focus Online nennt, dem „führenden deutschsprachigen Nachrichten- und Nutzwertportal“, wie es auf der Impressumseite heißt. In Düsseldorf auf der „Conversion Conference“ hat er einen Vortrag gehalten mit dem Thema „userzentriertes Arbeiten bei Focus Online.“ Und ich habe ihn dort gefragt: „Sollte das nicht besser ‚leserzentriertes Arbeiten‘ heißen?“ Er hat den Kopf geschüttelt. „Leser gibt es bei uns nicht. Das Wort steht bei uns auf dem Index.“

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Wie der Euro wirklich entstand

So, das mit dem Euro hätten wir erledigt. Sollen wir sie jetzt wieder reinbitten?

Alles Gerede und Geschreibe über eine angebliche „Krise des Euro“ sei leichtfertiges Geschwätz von Medien, von Journalisten und von Politikern, sagte Altkanzler Helmut Schmidt auf dem SPD-Parteitag in Berlin. Nun, im Alter wird man vergesslich (ich weiß, wovon ich rede – und Schmidt steckt ansonsten denktechnisch jeden anderen Politiker, den ich kenne, in den Sack!). Und so hat er es leider verabsäumt, die schlimmsten Missetäter zu benennen: die Spekulanten.

Dass Wirtschaftsjournalisten in der Regel nichts von Wirtschaft, und Politiker nichts von Wirtschaftspolitik verstehen, ist ja der Normalzustand. Aber die Zocker wissen ganz genau, was sie tun: Indem sie ein europäisches Land nach dem anderen gegeneinander ausspielen, mal hier den Zinsdruck in die Höhe treiben, mal dort, lassen sie in der Tat eine Krise entstehen, und zwar eine Krise in den Köpfen von Bürgern und Bankern, die beide auch nicht so recht durchblicken. Schließlich lesen sie ja beide Zeitung und schauen Nachrichten, und was sie dort zu hören bekommen, ist eine journalistische Reflexreaktion: Bete einfach die Horrormeldung nach, die am besten hilft, die Auflage oder die Einschaltquote in die Höhe zu treiben.

Das ist eigentlich kein Vorwurf, denn so funktioniert das Journalistengeschäft ja schon immer. Es ist aber doch ein Vorwurf, denn ich hätte so gerne, dass sich wenigstens diesmal das ethische Verantwortungsgefühl zumindest bei denjenigen durchsetzt, die sich brüsten, „Qualitätsjournalisten“ zu sein. Eine aussterbende Spezies, sicherlich – aber irgendwo muss es doch noch ein paar von ihnen geben.

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Qualitätsjournalismus heißt auch, dem Staat eine lange Nase machen

Ellebätsch!

Wenn sich jemand einem Journalisten anvertraut, muss er sich unbedingt darauf verlassen können, dass dieser seinen Namen niemals preisgeben wird. Ohne diesen garantierte Vertraulichkeit von Informationsquellen wäre kritischer Journalismus überhaupt nicht möglich.

Normalerweise denkt man beim Thema Informantenschutz an Dissidenten in China, dem Nahen Osten oder Nordafrika, wo ein falsches Wort ins falsche Ohr tatsächlich den Kopf kosten kann. Aber auch in einem so genannten Rechtsstaat wie Deutschland wird die Obrigkeit nicht müde, an diesem Grundrecht eines freien Journalisten zu kratzen, wie zuletzt das Bundesverfassungsgericht, das dieser Tage im Namen des Volkes entschied, dass Journalistentelefone abgehört werden dürfen, wenn dadurch der Aufenthaltsort eines gesuchten Verbrechers festgestellt werden kann. Wobei selbstverständlich dieselbe Obrigkeit entscheidet, ob ein solcher Fall vorliegt. De facto sind Journalisten also der Willkür von Staatsbeamten und Juristen ausgeliefert.

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Nichtwissen darf man nicht glauben

Es lebe der Qualitätsjournalismus!

Was treibt Wissenschaftler wie die (bislang) anonyme Doktorandin an der renommierten Chartié in Berlin oder Journalisten wie die so genannten Qualitätsjournalisten der „Süddeutschen“ an, Lügen über Handystrahlen in die Welt zu setzen? Es gibt nur eine vernünftige Erklärung: religiöse Unvernunft. Die Diskussion um Handystrahlen hat längst Ton und Form einer klerikalen Debatte angenommen, in der es nicht um Fakten, sondern um den wahren Glauben geht.

Physikalischer Fakt ist: Strahlen von der Art und der Intensität, wie sie von handelsüblichen Mobilfunkgeräten ausgehen, können nicht zu Brüchen im DNA-Strang des Menschen führen. Daraus folgt mit zwingender medizinischer Logik: Handystrahlen können keinen Krebs verursachen. Punkt. Ende der Debatte.

Aber was kümmert uns die Physik? Wenn die Zahlen nicht das gewünschte Ergebnis bringen, dann stimmen die Zahlen nicht. Das dachte sich jedenfalls eine junge Doktorandin in Berlin, die angebliche Beweise für die genverändernde Wirkung von Handystrahlen vorlegte.

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Zeitungs-Skandal: Wer ist der Nächste?

Feuer frei: Zeitungen im Schußfeld

Mordoch stellt sein Massenblatt „News of the World“ ein, meldete soeben die „Tagesschau“ in einer Eilmeldung. Allzu bunt hatten es die Journalisten dort getrieben, Telefone von Promis abgehört und auch sonst wohl bei der Jagd nach der nächsten Schlagzeile übertrieben. Nun wird zurückgeschossen, die drei Millionen Leser müssen jetzt nach einer anderen Boulevardlektüre greifen, wovon es in Großbritannien ja gottlob genügend.

Die Frage, welche Konsquenzen die Schließung der auflagenstärksten englischen Tageszeitung hat, wird sicher noch lange für Debattenstoff sorgen. Viel spannender aber diese: Wen trifft es denn als nächstes? Bei BILD sollen sorgenvolle Mienen bei der Konferenz zu beobachten gewesen sein. Auch bei „Blick“ in Zürich und der „Krone“ in Wien schlichen die Kollegen dem Vernehmen nach verhuscht durch die Gänge. Jeden könnte es treffen: Die „FAZ“, weil sie grob fahrlässig den Stuß von Frank Schirrmacher veröffentlicht, der „Bote vom Welzheimer Wald“ wegen des Dreckfuhlers auf der zweiten Lokalseite.

Wer weiß: Vielleicht erleben wir jetzt endlich die überfällige Renaissance des Qualitätsjournalismus, notgedrungen…

 

iPad kannibalisiert die Zeitung

Überraschung! Der iPad ist nicht die ersehnte Rettung der Verlage, sondern eher das Gegenteil. Das schreibt jedenfalls die „Süddeutsche“ heute auf der Medienseite („Die große Ernüchterung„). Der gerade erst angelaufene Verkauf von elektronischen Magazinen ist nach kurzem Anfangshoch tief in den Keller gesackt: Das Digierati-Kultmagazin „Wired“ verkaufte im Juni noch 100.000 Ausgaben übers Internet, im November waren es nur noch 22.000.

Schlimmer noch: Die Verlage kannibalisieren sich mit den Apps für iPad & Co selbst. 58 Prozent der Nutzer gaben in einer Umfrage  an, ihr Papierabo in den nächsten sechs Monaten kündigen zu wollen, weil die Verlags-App in der Regel billiger oder sogar umsonst ist. Merke: Kannibalismus ist an sich nichts Schlechtes – es wird ja wenigstens einer dabei satt…

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