Manley Neoclassic SEPP

sepp aus glas: der manley neo-classic se/pp 300b röhrenverstärker im test

seit gut zwei monaten lässt er hier seine röhren glühen – der neue alte röhrenverstärker mit dem seltsamen namen manley neo-classic se/pp 300b. dabei ist der name programm: es ist ein manley! das heisst, er stammt aus einer der berühmtesten audiophilen glasbläsereien der neuen welt. die manley labs genießen einen sagenhaften ruf, nicht nur bei audiophilen, sondern auch bei tonstudios in aller welt. david manley hat ihn irgendwann vor rund 30 jahren entwickelt, seine damalige frau und heutige chefin der manley labs eveanna manley hat ihn vor rund zehn jahren gebaut und ich habe ihn nun fabrikneu erworben.

dazwischen fehlen ein paar jahre? nun, in den ersten fehlenden zwanzig jahren ist er gereift und in den letzten fehlenden zehn jahren lag er im lager des ehemaligen deutschen manley-importeurs eberhard gries in einer abgelegenen lagerhalle im schönen schwarzwald.  seltsamerweise sind manley-verstärker in deutschland ausgesprochen selten zu finden. derzeit ist mir gar kein importeur bekannt. im idyllischen schwarzwald haben wir ihn im vergangenen herbst gründlich entlaubt und entstaubt und nun steht und spielt er hier, der röhren-sepp.

Manley Speaker Terminals

wie immer bei manley sind alle teile von feinster qualität – auch die lautsprecherterminals, die hier zu sehen sind: für 4 bis 8 und für 8 bis 16 ohm.

was ihr wollt: single ended oder push pull

der sepp? ja, der sepp. se/pp steht für singel ended und push pull. und das ist schon mal äußerst ungewöhnlich. denn die beiden seppls – ja, es sind zwei, also zwei mono-endstufen, ein linker und ein rechter sepp – treiben ihre endröhren wahlweise im single-ended- oder im push-pull-betrieb, also als eintakter oder als gegentakter. und das muss zumindest röhren-novizen kurz erklärt werden:

single ended – das ist die urschaltung aller audio-verstärker. so wurde schon anfang des zwanzigsten jahrhunderts der erste röhren-verstärker gebaut. im single-ended-betrieb wird das komplette musiksignal von einem bauelement (also zum beispiel einer röhre) verstärkt. im push-pull- oder gegentaktbetrieb wird das musiksignal, das man ja als welle auffassen kann, halbiert: der obere teil der welle wird getrennt vom unteren teil der welle verstärkt. verstärkt werden also zwei halbwellen. lötkolbenfreaks und elektroniker sollen nun woanders weiterlesen. für hörer ist nur eines wichtig: pp ist komplexer und eigentlich moderner. es kommt auch mehr leistung dabei heraus. se klingt für viele musikfreunde harmonischer, was vor allem daran liegt, dass tendenziell mehr gradzahlige oberwellen erzeugt werden, mehr harmonischer klirr. bei unserem sepp gibt manley für den pp-betrieb einen klirrgrad von 1,5 prozent an, für den se-betrieb immerhin schon 3 prozent.

unser sepp klirrt natürlich nicht wie ein regal voller leerer whiskygläser. er klingt vielmehr. wie er klingt? schön klingt er. nein, nicht schönfärberisch. tatsache aber ist, dass auch schlecht produzierte cds nicht anämisch, sondern annehmbar kräftig von ihm wiedergegeben werden. gut aufgenommene und dynamikreiche tonträger werden  aber auch nicht zugeschmiert, sondern kommen nuancenreich und klar fokussiert. und dynamisch.

im gegensatz zu vielen anderen se-röhrenverstärkern kann der sepp richtig bass. und das schon an lautsprechern mit mittlerem wirkungsgrad so ab 90 db. und das, obwohl er mit endröhren bestückt ist, die ebenso klassisch sind, wie die gute alte se-schaltung: mit der königin der trioden, der 300b.

der manley neo-classic se/pp produziert aber auch im single-ended-betrieb nicht nur sieben oder acht watt wie andere se-300b-verstärker, sondern immerhin 11 watt und im pp-betrieb würgt er sogar überaus solide 24 watt an die lautsprecher. komplexe 4-wege-boxen lassen sich so natürlich nicht anständig bewegen, meine duevel bella luna omnidirektional-lautsprecher aber treibt er schon in se-schaltung ganz wunderbar.

duevel bella luna

meine duevel bella luna treibt der sepp ganz ordentlich. eine traumkombination.

wie er das macht? ganz einfach: er schaltet pro kanal zwei 300b-röhren parallel, bespielt also ein hübsches quartett der noblen 300b-röhren und nicht bloß ein schnödes pärchen.  

der seppl-hut: ein quartett klassisch-schöner 300b-röhren

300B Audio-Röhre

die 300B ist die vielleicht berühmteste und manchmal überschätzte und oftmals falsch betriebene audio-röhre. hier ist sie absolut richtig am platz.

die 300b wird oftmals die „königin der trioden“ genannt. und wie jede königin ist sie ein wenig kapriziös: mehr als fünf bis sieben watt im se-betrieb kann sie alleine nicht liefern. pro röhre und kanal versteht sich. für hochwirkungsgradlautsprecher, insbesondere breitbänder und vor allen dingen auch hörner, kein problem. in parallelschaltung geht dann schon mehr. und im push-pull-betrieb geht dann noch mal mehr. 

den manley neo-classic se/pp kann man im vollen betrieb einfach hin- und herschalten. das knallt dann ein wenig in den lautsprechern, aber man macht das ja nicht allzu häufig. ich mach das eigentlich gar nicht mehr, denn ich habe mich für den se-betrieb entschieden. einzig bei sehr dynamischen großorchestralen werken wechsle ich manchmal in den push-pull-betrieb. tatsächlich spielen dann die bläser im fliegenden holländer noch ein wenig befreiter und offener auf. insbesondere streichinstrumente und stimmen haben aber in der se-stellung einfach mehr schmelz im holz und schmalz im hals.

der manley neo-classic se/pp mit variabler gegenkopplung

eine weitere möglichkeit der klangbeeinflussung bietet die variable gegenkopplung. mit einem vertrauenserweckenden massiven drehregler lässt sich diese von 0 (ohne jede gegenkopplung) bis 10  db (knallhart) während des laufenden betriebs regeln. je nach lautsprecher ist der effekt hörbar bis dramatisch. hier gilt: je schwabbeliger die chassis aufgehängt sind, desto mehr kontrolle und gegenkopplung verträgt der lautsprecher. in der regel. 

sepp im ganzkörper-scanner

der sepp ist ein schlanker langer lulatsch. bei einer breite von rund 21 zentimetern pro sepp erfordert er mit einer länger über puffer von rund sechzig zentimetern schon ein recht ausgewachsenes rack. und stabil sollte es auch sein: das gewicht liegt bei immerhin 19 kilo – pro monoendstufe versteht sich. der aufbau ist klassisch:

Manley Neoclassic SEPP

ganz vorne befindet sich – wenig überraschend – die massive frontplatte, in meinem fall in einem … äh … dezenten violett. mitten in der platte ein beleuchtetes manley-logo, eingerahmt von zwei kipp-schaltern, die denen ähneln, mit denen man in früheren jahren im jaguar e-type das licht ausgemacht hat. einer der schalter ist für den standby verantwortlich, der andere für die auswahl von se oder pp. 

Manley Neoclassic SEPP

oben auf der platte befindet sich nun der schon erwähnte drehregler für die gegenkopplung. es folgen eine 6sl7 als eingangsröhre und eine 6sn7 röhre als treiber und phasensplitter.

Treiberröhre 6SL7

Eine gängige 6SL7 als Treiberröhre

nun kommen die zwei mal zwei arbeitspferde, die 300b, in meinem fall durchaus anständige und bezahlbare slowakische exemplare von jj electronics. die gesamte verstärkungsleistung liegt zwischen 20 und 30 db, je nach grad der gegenkopplung.

der ruhestrom für die direkt mit gleichstrom geheizten 300b lässt sich mit einem mitgeliefertem multimeter und frei liegenden messpunkten recht einfach einstellen. ein röhrenwechsel wird damit zum lusttreibenden kinderspiel. auswirkungen hat dies aber nur auf den pp-betrieb. für single ended ist der ruhestrom des manley neo-classic se/pp laut handbuch voreingestellt. man kommt aber auch hier an die einstellschnecke ran – allerdings ein wenig umständlich von unten. 

ruhestromeinstellung

das einstellen des ruhestroms ist auch für laien mit drei linken händen keine kunst. ich überprüfe die einstellung ein bis zwei mal im monat.

versorgt werden die leistungsröhren des manley neo-classic se/pp von einem ordentlichen netzteil mit zwei parallel geschalteten gleichrichterröhren des typs 5u4 – also gute alte röhrentechnik. immer mehr röhrenverstärker kommen ja heute mit einer halbleitergleichrichtung daher. gegenüber diesen sandkisten haben gute alte röhrengleichrichter einfach den vorteil, dass sie schonender mit den leistungsröhren umgehen: sie nähern sich nur langsam ihrer belastungsgrenze fahren die energie langsam hoch. außerdem machen sie den dreckigen strom besenrein, wirken also in grenzen wie ein stromfilter.

gleichrichterröhre 5u4

die gleichrichterröhre 5u4

ich weiß ja nicht, aber ich glaube, dass die gleichrichterröhren auch ein gutes stück dafür verantwortung tragen, dass der sepp auch schon bei leisen tönen ungeheuer klar aufspielt. viele verstärker – mit röhren, aber noch mehr mit transistoren – brauchen erst eine gewisse lautstärke um sich „frei“zuspielen. der sepp klingt auch in der nacht gut, wenn die kinder und die nachbarn schlafen wollen. dabei ist dann auch wirklich nur musik zu hören und kein trafo-brummen oder sonstige verstärker-blähungen. der sepp verhält sich mustergültig still. das macht schon einen unterschied …

die wichtigsten bauteile eines röhrenverstärkers sind ja eigentlich nicht die röhren, sondern die übertrager. für den manley neo-classic se/pp werden die übertrager direkt bei manley ent- und gewickelt.  und so leitet der sepp wirklich blitzsaubere musik über seine wbt-terminals an der rückseite zu den lautsprechern. 

der grüne sepp

was braucht es zum glücklichsein mit einem sepp? eine ordentliche stromversorgung und gute nerven in bezug auf die stromrechnung. gut 240 watt saugt der sepp aus der dose. in musik setzt er dabei wenig um. dafür ist der heizwert hoch. ein ordentlicher (röhren-)vorverstärker ist ein muss, ebenso gute quellen. 

ich habe viele röhrenverstärker gehört. meine entscheidung für den manley neo-classic se/pp 300b habe ich noch nicht bereut. und mein energieversorger liebt ihn auch. der liefert ökostrom. den mag der sepp. 

 

nachsatz

czyslansky testet ab und an emotionale und technische produkte: gründlich und kritisch, aber nach rein subjektiven kriterien. bislang erschienen auf diesem blog folgende testberichte:

Kaffeemaschine von Kaffee Partner
Radio Tuner von Restek
Fahrrad (Trike) von HP velotechnik
Sony NEX-7 Digitalkamera
Microsoft Surface Tablet PC
Citroen DS 5 Hybrid
Der Audio-Technica ATH-W1000X Kopfhörer am Reussenzehn Röhrenkopfhörerverstärker Harmonie III
Der Tonarm Mörch DP-8 im Test
Dichtung und Wahrheit –
Der RESTEK EPOS+ CD-Spieler im Test
Der Phonovorverstärker RESTEK MINIRIA

3 Gedanken zu „sepp aus glas: der manley neo-classic se/pp 300b röhrenverstärker im test“

  1. Jetzt bin selbst ich, der doch gewisse „nerdige“ Hirnareale besitzt und auch über Röhrenbasishalbwissen verfügt, ausgestiegen, aber ich freue mich sehr, wenn du dich freust.
    Toll finde ich, dass du mit den „lilanen“ Frontplatten dem Design der 80er treu bleibst, ich hatte schon Sorge …
    Viel Spass mit den röhrenden Highendern, ich hingegen bleibe ganz bescheiden meinen Reussenzehnen treu.

  2. Kaum erscheint dieser kleine Artikel, schon muss ich erfahren, dass Manley offenbar die Produktion des Neo Classic SE/PP 300B eingestellt hat. Das ist bedauerlich. Sehr bedauerlich.

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