High End 2016 – Der verzweifelte Versuch auf einer Messe nichts zu verkaufen

High End 2016

Vielen High End Ausstellern fehlt der Drive

Es gibt wenige Branchen, die seit so vielen Jahren auf so hohem Niveau jammern, wie die gehobene Hifi-Branche, die sich selbst High End nennt. Während die Medien vom Hype um Plattenspieler kreischen und Journalisten ob der Preisschilder auf Röhrenverstärkern und Edel-Playern sich verwundert die Augen reiben, klagen auch in diesem Jahr viele Aussteller der Weltleitmesse High End (seit heute im Münchner M.O.C.) über die Unlust der Menschen, für hochwertige Musikanlagen Geld auszugeben.

Die Zeiten haben sich geändert – die Branche nicht

Schon wahr, in meiner Jugend drückten wir uns an den Schaufenstern von „Radio-Schaub“ die Nasen platt und trugen jeden mühsam verdienten Groschen in den Schallplattenladen und sparten jahrelang eisern auf „die erste richtige Anlage“. Heute drehen die Jungs das Internet auf und Musik läuft heraus wie Wasser aus der Leitung, zwar ein wenig dumpf und abgestanden in MP3-Qualität, aber es macht Lärm. Schon damals musste die Branche nicht verkaufen, sondern nur abwarten, bis wir das notwendige Kleingeld zusammen hatten und kaufen wollten und konnten. Die Branche war in den 70iger Jahren im Trend, so wie Microsoft in den 90iger Jahren des letzten Jahrhunderts.

RESTEK

Adrianus Elschot, Chef der deutschen High-End-Manufaktur RESTEK, berät auf der diesjährigen High End einen Besucher U40. Fast noch ein Jugendlicher.

Warum nur interessieren sich heute so wenig junge Menschen für die tollen Angebote der High-End-Branche? Die armdicken Kabel ab 4.500,- Euro der Meter aus sauberstofffreiem Kupfer sehen doch wirklich schnuckelig aus und überall glimmen heimelige Röhrenschluchten: vier 300B-Röhren pro Kanal, Stückpreis ab 100,- Euro, gerne aber auch mal 800,- Euro sind mancherorten schon eher die Regel, als die Ausnahme. Anlagen für fünf- und sechsstellige Beträge machen das Gros der Ausstellungsstücke auf der High End aus. Ist das aber schon der Grund des Jammertals?

unison

Unison Röhrenverstärker – schön, teuer, ordentlich.

Nein – es gibt ja auch noch bodenständige Produkte. Hersteller wie die schwäbische Manufaktur Acoustic Solid bieten Schallplattenspieler für Einsteiger und Überflieger.

Acoustic Solid

Acoustic Solid mit „normalen“ Plattenspielern aus deutschen Landen.

Mein Kunde RESTEK baut nicht nur Edel-Kombis aus Mono-End- und Vorverstärkern für deutlich mehr als 10.000,- Euro, sondern auch Komplettverstärker für rund 1.500,- Euro. Und das mit deutscher Manufaktur-Qualität und einem Service, der völlig aus der Zeit gefallen zu sein scheint.

Die High End 2016 zeigt eine Branche ohne Vertrieb

Das Problem ist, dass sich die Branche offenbar einfach nicht von ihren Produkten trennen will. „Bloß nix hergeben“ scheint die Devise vieler Aussteller zu lauten. Oder wie soll man sich erklären, dass „Verkäufer“ auf dieser Messe extreme Mangelware sind? Wenn Sie mal auf einem Messerundgang garantiert nicht angesprochen werden wollen, dann gehen Sie auf die High End!

In Franken gibt es viele tolle Sachen, aber kaum relevante High-End-Hersteller. Vor einiger Zeit ist mir aber über Presseberichte ein kleiner Hersteller von Röhrenverstärkern aufgefallen: MuSiCa NoVa! Erfreut durfte ich heute bei einem Besuch des Messestands dieses Anbieters feststellen, dass man dort seine Produktpalette offenbar fleißig ausbaut: Völlig neu standen auch ein CD-Spieler oder sogar ein recht interessant aussehender Plattenspieler neben der Röhrenelektronik.

High End 2016

Kleiner neuer Plattenspieler aus Franken

 

Als gerade einziger Besucher auf dem Stand machte ich mich gleich daran, den Dreher zu fotografieren, worauf eine Mitarbeiterin des Ausstellers erstmal die Schallplatte in Sicherheit brachte, die sich munter auf dem Teller dreht. Meine neugierige und irgendwie anerkennend und interessiert gemeinte Bemerkung „Sie sind ja auf den Weg zum Vollsortimenter“ quittierte die Dame mit einem klaren Ja um sich sofort wieder ihrer Kaffeepause zu widmen. Wäre wohl echt blöd gewesen, wenn ich jetzt auch noch irgendwelche Fragen zum Produkt gestellt hätte. Übrigens war heute Fachhändlertag und außer Presse und Fachhändlern war eigentlich niemand zugelassen, aber Fachhändler und Presse werden von der Branche offenbar nicht so sehr gebraucht …

Das Vertrauen auf den Fachhandel ist fataler Nihilismus

Glauben Sie bitte nicht, dass das ein Einzelerlebnis ist. Aber wenn man nicht nachhaltig einem Aussteller auf die Füße steigt, bleibt man auf der High End derart unbehelligt, dass es einem ganz wunderlich wird. Diese Abwesenheit von der typisch-aggressiven Vertriebsattitüde anderer Messeveranstaltungen kann vielleicht eine Wohltat für den Besucher sein, ist aber sicher ein Desaster für die Branche. Diese Branche will einfach nicht verkaufen. Gerne stellt man die Geräte zum Fachhändler und verlässt sich darauf, dass der dann den Verkauf ankurbelt.

High End 2016

Plattendreher aus der Schwermetallabteilung

Der klassische Hifi-Fachhändler kann aber häufig ordentlich Musik vorführen, aber auch er trennt sich ungern von seinen Geräten. In München kenne ich einen durchaus etablierten Fachhändler, der zuerst mal nachfragt, für welchen Preis man eines seiner Ausstellungsstücke bereits im Online-Handel oder sonstwo gesehen habe, um sogleich zu beteuern, diesen Preis könne man schon mitgehen. Ich kann gar nicht so schnell feilschen, wie dort der Preis nachgibt.

Online-Marketing als Blindenfernsehen

Das Internet wird von den meisten Herstellern der High-End-Branche ohnehin noch immer als Feind wahrgenommen, und zwar als ein Feind, dessen (Neu-)Land man besser gar nicht erst betritt. Kaum zu glauben, wie viele Hersteller sich um Facebook und Twitter und damit auch um Kundenpotentiale herumdrücken. Eine große Berliner Nobelschmiede machte ich vor drei Jahren mal darauf aufmerksam, dass ihre Website leider gar nicht aus Text, sondern nur aus Grafik bestünde und ihr Online-Angebot leider von Google deshalb so gut wie völlig ignoriert werde. Man klärte mich darüber auf, dass man auch die Textblöcke als Bilder angelegt habe, damit die Hausschrift auch als besondere Hausschrift „rüberkomme“. Online-Marketing als Blindenfernsehen, aber mit Stil! Man sei jedoch gerade dabei, den Internet-Auftritt zu modernisieren. Inzwischen ist dies offenbar gelungen. Als einzigen Begriff neben der eigenen Marke konnte man sich mit der Zahl „9011“ unter den Top-Ten-Keywords bei Google platzieren. SEO? nciht wirklich!

Röhrengrab

Röhrengrab

Nur zur Klarstellung: das ist ein weltweit anerkannter High-End-Anbieter mit wirklich ganz ausgezeichneten Produkten. Das Unternehmen lebt von seinen chinesisch-marktwirtschaftlichen, russisch-oligarchischen und arabisch-benzolischen Kunden. Das Unternehmen MUSS in Deutschland offenbar nix verkaufen. Und tut es auch so gut wie nicht.

Die Branche ist liebenswert wie ein Dinosaurier

High End 2016

Es gibt einfach wunderbare Dinge und eine große Wertschätzung für „alte Schätzchen“, hier eine Bandmaschine bei Branchen-Guru Dr. Burkhardt Schwäbe

Die High-End-Branche besteht zum guten Teil aus Fricklern, Röhren-Gurus, Röhren-Monos, Vinyl-Fetischisten, Kabel-Göttern und zugegebenermaßen häufig begnadeten Lötkolbenschwingern. Ein paar Verkäufer wären aber der allgemeinen Befindlichkeit der Branche durchaus zuträglich. Sonst folgt man den Dinosauriern. Die sind auch trotz ihrer Nettigkeit ausgestorben. Und bestimmt nicht wegen übertriebener Eleganz.

4 Gedanken zu „High End 2016 – Der verzweifelte Versuch auf einer Messe nichts zu verkaufen“

  1. Noch ein kleiner Nachtrag: Was mir abgeht, sind mutige neue hybride Vertriebskonzepte, die Bereitschaft, sich auf neue Kommunikationswege einzulassen, innovative Brückentechnologien zwischen Vinyl und Digital, … es gibt viel zu tun. Die Branche ist es wert. Und die tollen Leute, die hier anzutreffen sind. Und die Musik ohnehin.

  2. Mich hat in den 90ern das Schicksal mal für zwei Jahre in die Redaktion einer HiFi-Zeitung gespült, und ich habe niemals zuvor und danach so viele absurde Sachen erlebt, gegen die Bachblüten und homöopathische Globuli schon härteste Wissenschaft sind. In meinen Augen sind die Protagonisten der Branche weder willens noch in der Lage, sich wie normale Menschen aufzuführen.

    Der vom Autor bemerkte HiFi-Boom in den 70ern hat einen Grund, und dieser Grund ist derselbe, wieso der Verkauf von Spiegelreflex-Kameras um 1985 einen einsamen Höhepunkt erreichte und seitdem rückläufig ist: Das (damalige) Fehlen brauchbarer Billig-Alternativen. Ich hatte vor meiner ersten Steroanlage ein UKW-Radio mit einem cremefarbenen Stöpsel fürs Ohr, das Ding hatte noch nicht einmal eine Buchse für einen Cassettenrecorder. Wofür man sich damals noch die ganze Hütte mit fetten Kästen vollstellen musste, das erledigen heute ein paar Bluetooth-Streaming-Boxen. Zudem ist bei den meisten High-End-Stereoanlagen der Wife-Acceptance-Faktor gleich null. Frauen nehmen das Gerödel nur als etwas wahr, das sie nicht anfassen dürfen. Ich kenne keine einzige Frau, die eine wirklich teure Stereoanlage selbst angeschafft hat.

    Bei Kameras war es ähnlich. Bis Mitte der 80er Jahre gab es entweder komplett anspruchslose Ritsch-Ratsch-Klick-Kästen oder eben teure, komplizierte System-Spiegelreflexkameras. Dann kam die Pentax Zoom 70: Autofokus, Zoomobjektiv, Belichtungsautomatik, Blitzautomatik, automatischer Filmtransport. Seitdem lassen sich mit null Aufwand Bilder machen, die 80% der Qualität von SLR-Bildern erreichen. Damit war das Thema SLR erledigt. Dann kam die ganze Nummer noch einmal digital – und inzwischen ist das iPhone die am weitesten genutzte Kamera der Welt.

    Während Firmen wie Nikon oder Canon ernsthaft über die Zukunft ihrer SLR-Produktion nachdenken, schaffen es Firmen wie GoPro, das Thema Fotografie neu zu denken. Das hat die gesamte High-End-Branche versäumt. Was unterscheidet das Hören von Vivaldis Vier Jahreszeiten, eingespielt von Nikolaus Harnancourt und dem Concentus Musicus in Wien und gehört von einer High-End-Kette von 2016 vom Erlebnis einer High-End-Kette von 1996? Nix, außer dass der Hörer heute 20 Jahre älter ist und dementsprechend schlechter hört.

  3. sehr geehrter herr kausch,
    sie sprechen mir aus der seele! was mir – zugegebenermaßen nicht übermäßig zahlungskräftigen kunden – in der hifi-/highend-branche schon an arroganz und desinteresse untergekommen ist, ist kaum zu beschreiben. nicht jeder musikfreund hat das budget für anlagen im sechsstelligen euro-bereich. deshalb sind ihre klaren worte sehr passend. danke!
    schöne grüße,
    mag. christian wille

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