beiträge über analoge und digitale kultur

Brüder zum Facebook zur Freizeit – Kann die digitale Welt sozial und demokratisch sein? – Teil 2: Kunde 2.0 und Leben 2.0

Michael KauschIn Teil 1 dieser ein wenig umfangreichen Auseinandersetzung mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf Arbeit, Leben und Politik ging es um die Veränderungen in Arbeit und Wirtschaft, also um Arbeit 2.0. Heute will ich mich dem Thema von der anderen Seite, von der Perspektive der Verbraucher und Konsumenten nähern.

Auf dem Weg zum Kunden 2.0

Die Trennlinie zwischen den Sphären der Arbeit und des Konsums verschwimmen auf mannigfache Art: Arbeitszeiten und Freizeit verschwimmen, Arbeitsort und privates Umfeld werden reintegriert, Werte werden nicht mehr nur in der Produktion geschaffen, sondern zunehmend im Zirkulationsprozess, Marken entstehen nicht mehr nur in den Marketingabteilungen der Unternehmen, sondern in der organisierten Kommunikation der Verbraucher.

Die Flexibilität des sozialen Internet erlaubt auch den ständigen Rollenwechsel der Konsumenten. Verbraucher wechseln ständig die „Milieus“. Eine statische, zielgruppenorientierte Kommunikation funktioniert deshalb nicht mehr. Moderne Unternehmenskommunikation orientiert sich immer weniger an Zielgruppen und immer mehr an Situationen und Kontext.

Und schließlich heben soziale Medien zunehmend die Trennung zwischen Meinungsführern und Meinungsfolgern auf: je nach Thema und sogar je nach Situation wechseln die Rollenbilder zwischen Führern und Folgern. Jeder kann für fünf Minuten zum Star werden.

Moderne Unternehmenskommunikation muss diese wechselnden Rollen des Konsumenten und seine begrenzte „Prominenz“ ernst nehmen. Nicht weil der Kunde grundsätzlich selbstbewusster oder „frecher“ geworden ist, reagiert er heute empfindlicher als früher auf Arroganz, Ignoranz und schlechten Service, sondern weil er erfahren hat, dass jedermann plötzlich für einen wenn auch nur kurzen Zeitpunkt im Lux Populi stehen kann, mit der Macht große Dinge zu verändern.

Dass kritische Kunden mit dieser neuen und stets nur auf Zeit verliehenen Macht in der Regel nicht umgehen können, zeigen die so häufig unhöflichen, aggressiven und flegelhaften Umgangsformen in Foren und auf Meinungsseiten.

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Brüder zum Facebook zur Freizeit – Kann die digitale Welt sozial und demokratisch sein? – Ein Vortrag in vier Teilen – Teil 1: Arbeit 2.0

Michael Kausch

Vorbemerkung

Vor einigen Tagen war ich eingeladen einen kleinen Vortrag zur Rolle des Digitalen in unseren politischen Parteien zu halten. Aber wie das so geht: man setzt sich hin und denkt und schreibt und denkt und schreibt und denkt und schreibt und schließlich bemerkt man, dass man mit all dem, was einem in den Sinn kommt, jeden Vortragssaal leer räumen kann. Wer hält heute schon noch vier Stunden Vortrag ohne Powerpoint aus? Eben. Nur Czyslansky. Und deshalb werde ich, fein positioniert in drei Teile, die Ergebnisse hier nach und nach einstellen.

Warum will eine Partei überhaupt von mir wissen, was sie mit dem Digitalen anfangen soll

Gut 33 Jahre nach der Einführung von MS-DOS und knapp 25 Jahre nach der Einführung des offenen Internet in Form des Word Wide Web sind endlich auch die großen deutschen Parteien im Neuland angekommen. Jedenfalls diskutieren sie alle etwas, was sie nur selten verstehen, vor dem sie aber irgendwie Angst haben. Sie nennen es klassisch-sozialdemokratisch und gewerkschaftsnah Digitale Arbeit, sie schwärmen katholisch-barock von Digital Citizens mit Laptop auf der Lederhose, versehen die am geschichtlichen Horizont aufscheinende Schöne neue Arbeitswelt? immerhin mit Fragezeichen wie die CDU, oder sie beschreiben mit straßenkampferprobtem Pathos unterlegt ein Freies Netz und unabhängige Medien für alle auf den Seiten 188 bis 203 in einem grünen Wahlprogramm. Auch das Netz hat den Marsch durch die Parteiinstitutionen, Bürokratien und Parteitagsbeschlüsse im Buchformat offenbar inzwischen bewältigt.

Um was geht es?

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Die Judensau von Regensburg. Antisemitismus heute

Regensburg ist eine schöne Stadt. In ihrer Mitte steht ein schöner Dom. Und aussen am Dom hängt in einiger Höhe etwas, das an Hässlichkeit nicht zu überbieten ist: die Judensau.

Judensau

Es handelt sich um ein steinernes Relief, das einige spitzhütige Juden zeigt, die sich an den Zitzen einer Sau zu schaffen machen.

Man muss die Kaschrut, die jüdischen Speisegesetze, wirklich nicht kennen, um die üble antisemitische Aussage des Bildes zu verstehen. Gleichwohl ist die Wirkung des Bildes auf gläubige Juden besonders verheerend: das Schwein ist nicht koscher, es ist unrein. Die an den Zitzen saugenden Juden stehen nicht nur in animalisch-erotischer Haltung unter dem Tier, sie vergehen sich auch noch am eigenen Gesetz und begeben sich ins Unreine, werden selbst durch ihr ketzerisches und verlogenes Tun unrein.

Das „Volk“ – das christliche natürlich – hat diesem Relief den eindrücklichen Namen „Judensau“ verpasst. Sie prangt auf derjenigen Seite des Doms, der früher dem jüdischen Viertel der Stadt zugewandt war, auf dass der Jud im Schatten des Kirchenschiffs auch niemals vergesse, welch Reputation ihm im stolzem Regensburg zukomme: keine.

Das jüdische Viertel gibt es freilich in Regensburg wie auch in anderen deutschen Städten nicht mehr. Irgendwie sind den Gemeinden ihre Juden abhanden gekommen. So braucht es heute eine Erklärung zur Judensau. Die hängt zwei Meter unterhalb des Reliefs und ist so widerlich, wie die Sau selbst.

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25 Jahre WWW (II): Vom Hypertext zum Author Rank. Oder: Wie Microsoft vor 25 Jahren beinahe das World Wide Web erfunden hätte und warum Google es bis heute nicht versteht.

Bill Gates

Der Beinahe-Erfinder des Internet

Vor beinahe drei Jahren habe ich in einem kleinen Beitrag in der F.A.Z.  auf einen Artikel der beiden Microsoft Vor-Denker Bill Gates und Nathan Myhrvold über das Prinzip Hypertext hingewiesen. Deren Artikel wurde von mir vor genau 25 Jahren – also im März 1989 – für die Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft aus dem Amerikanischen übersetzt. So formulierten Gates und Myhrvold die Logik des Internet ausgerechnet im selben Monat, in dem Tim Berners-Lee im CERN sein Internet-Projekt vorstellte (siehe hierzu den Beitrag meines Czyslansky-Bruders Tim Cole hier im Blog).

Gates und Myhrvold schrieben vor 25 Jahren:
„Heutige Programme behandeln Dokumente als Dateien, die sich auf einer Computerdiskette befinden. Solche Dateien unterscheiden sich im Prinzip nicht wesentlich von einem Stück Papier oder gar von einer Papyrusrolle: Eine Textzeile folgt auf die andere. Dagegen stellt ein Programm für Koproduktionen mehrerer Autoren ein Dokument als komplizierte Datenstruktur dar, in der einzelne Textbrocken zu einem komplizierten Netz miteinander verflochten sind. Ein solches Dokument bezeichnet man als Hypertext.“

Gates und Myhrvold bezogen ihre Idee vom vernetzten Arbeiten lediglich auf die Struktur von Textdokumenten, die ihren sequentiellen Aufbau zu Gunsten einer dreidimensionalen Struktur überwinden.

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Seid nett zu Fotografen – von Bildrechten und Bildlizenzen. Ein Gespräch mit dem Photocase-Grafiker Karsten Jipp

„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“. Diesen schlauen Spruch kennen wir alle längst auswendig. Etwas poetischer hat es seinerzeit der alte Goethe formuliert:

Goethe – kopiert

„Dummes Zeug kann man viel reden,
Kann es auch schreiben,
wird weder Leib noch Seele töten,
es wird alles beim alten bleiben.
Dummes aber vor’s Aug gestellt
hat ein magisches Recht.
Weil es die Sinne gefesselt hält
wird der Geist ein Knecht.“

Bilder haben ein „magisches Recht“: sie sind emotional, vermeintlich wahr, interpretationsbedürftig und damit vielseitig für unterschiedlichste Zielgruppen offen. Sie erschließen deshalb aber auch komplexe Zusammenhänge schneller und besser als jeder Text. Facebook-Nachrichten mit Bild erhalten mehr als doppelt so viele „Likes“, wie reine Textnachrichten. Und nicht zuletzt: Google liebt Bilder! Kein Wunder, dass wir alle ständig auf der Suche nach Illustrationen sind, nach Bildern für unsere sozialen Kanäle und unsere Websites.

Allein: nur selten gehören einem die besten Bilder. Und Bildrechte kosten Geld. Wer heute auf Bildersuche im Internet geht, der findet hunderte Kopien guter Bilder von bekannten und weniger bekannten Fotografen, von Bildagenturen und Medien. Dabei wurden nur selten die Rechte am Bild von den Seitenbetreibern erworben. Und das kann nicht nur teuer werden – Stichwort: Abmahnung – das ist auch unfair gegenüber jenen, die von der Erstellung dieser Bilder leben wollen (und leben können sollen).

Dabei ist eine faire Kooperation mit Bildermachern heute einfacher denn je: Stock-Dienste wie http://deutsch.istockphoto.com oder https://www.photocase.de bieten tausende Fotografien übersichtlich und zugleich preiswert in zumeist hervorragender Qualität an. Ich selbst nutze vor allem Photocase seit vielen Jahren zur Illustration meiner Blog-Beiträge auf http://www.vibrio.eu/blog und http://www.czyslansky.net und für meine Präsentationen und Vorträge.

Bei Durchsicht meiner Downloads ist mir ein Fotograf aufgefallen, dessen Bilder besonders häufig meine Aufmerksamkeit erregt haben, und dessen wunderbare Illustrationen ich schon häufig genutzt – und legal erworben – habe: kallejipp, bürgerlich: Karsten Jipp, Grafikdesigner aus Berlin.

Ich konnte Karsten Jipp ein paar Fragen zu seinen Erfahrungen mit Photocase, aber auch mit „fairen“ und „unfairen“ Anhängern seiner Bilder stellen:

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Schufa Dieba Du – Nicht die Nutzung meiner Facebook-Daten ist ein Problem, sondern die mangelhafte Transparenz im Kreditgewerbe

Ich verstehe das allgemeine Protestgeheule – zuletzt auch noch des BITKOM – um das Social-Media-Monitoring-Projekt der SCHUFA nicht: es ist die Aufgabe der SCHUFA die Kredibilität von Unternehmen und Personen zu analysieren. Und natürlich nutzt man hierfür so viele öffentlich zugängliche Informationen über das jeweilige Unternehmen oder die Person, wie eben möglich. Es ist kein Skandal, dass die SCHUFA derzeit in einem Forschungsprojekt überprüft, welche Informationen aus sozialen Netzen sich für eine Analyse der Kreditwürdigkeit von Bürgern und Unternehmen eignen.

Niemand sollte sich vormachen, dass sich die Nutzung unserer öffentlichen Daten in Facebook & Co durch eine „Selbstbeschränkung“ von Auskunfteien, Personalberatern oder werbetreibenden Unternehmen begrenzen ließe.

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Stimmung wie in der Südkurve, aber kaum Bewegung auf dem Spielfeld. Ein Nachruf auf den Münchner Urheberrechts-Twittwoch

Thomas Pfeiffer hatte bekannte Namen aufs Podium geladen: Tatort-Autor Jochen Greve, Grünen MdB Dr. Konstantin von Notz, Verbandssprecher Reinher Karl und Piraten-Kapitän Bruno Kramm (von links)

Wenn ein Auto nichts taugt, nennt man es Montagsauto, weil am Montag „die Genauigkeit der Arbeit leidet“, wie Volksmund und Wikipedia wissen. Der letzte Münchner Twittwoch fand an einem Montag statt. Das mag manches erklären …

Eines vorneweg: die Diskussionskultur war erbärmlich und weder dem Thema, noch dem Niveau der meisten Podiumsgäste angemessen. Die Stimmung erinnerte stark an  die Südkurve, die Beweglichkeit auf dem Spielfeld (also vorne) an die Abwehr von Chelsea: stark im Mauern, in den Zweikämpfen dominierte die Blutgrätsche. (Bilder aus der Arena gibt’s übrigens hier)

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51 Netz-Schimanskis verurteilen ohne zu ermitteln: der offene Brief der Tatort-Autoren gegen „die Netzgemeinde“

In einem offenen Brief an die „liebe Netzgemeinde“, die Grünen, die Piraten und die Linke beklagten gestern 51 Tatort-Autoren in einem Rundumschlag jedwede Angriffe auf das Urheberrecht. Sie wehren sich insbesondere gegen die von einigen geplante Verkürzung der Schutzfrist von bislang 70 Jahren ab Tod des Autors, aber auch ganz allgemein gegen Vorwürfe an die GEMA und die Musikindustrie. Sie beklagen, dass die Kritiker der derzeit gültigen Urheberrechtssituation sich nicht mit Autoren und Künstlern zusammensetzten und eine „demagogische Gleichsetzung von frei und kostenfrei“ betreiben würden.

Der Brief vermengt die Diskussion um eine Reform des Urheberrechts mit der Diskussion um Vorratsdatenspeicherung und überhaupt viele Dinge, die nichts miteinander zu tun haben. Er pauschaliert und wirft alle Kritiker des heute gültigen Urheberrechts, „die Grünen, Piraten und Netzpolitiker aller Parteien„, in einen großen Topf.

Die Krimi-Autoren haben mit diesem Brief viel Staub aufgewirbelt und mit Polemik und Pauschalierungen eine vernünftige Debatte um eine Modernisierung des Urheberrechts eher erschwert.

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Das Internet macht die Welt zum Dorf: Facebook ist sein Bäcker, Twitter sein Friseur. Oder: Ignoranz schützt nicht vor Shitstorms

shitstorm

Man kann nicht “nicht kommunizieren” und was Paul Watzlawick schon 1969 so griffig postuliert hat, gilt selbstverständlich auch für die sozialen Medien: Man kann sich da nicht heraushalten.

“Ich geh erst gar nicht in diese sozialen Medien, dann kann mir auch nix passieren!” Dies musste ich mir vor einigen Tagen mal wieder von einem Inhaber und Geschäftsführer eines mittelständischen B2B-Betriebs anhören. Ihm seien die Fahrwasser der sozialen Medien viel zu gefährlich, als dass er seiner “Marketing-Dame” ihren Spleen in Bezug auf eine eigene Facebook Page und einen Corporate Twitter Account durchgehen lassen würde.

Der Mann hat das Zeug zum Präsidenten.

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Ein Shitstorm, eine Troll-Frau und ein Jungunternehmer mit Reputationsnöten – Was dabei herauskommt, wenn man mit Würzburger Studenten im Internet spielt …

keiner_mag_mich

… och, schade (cydonna/photocase.com)

Windige Zeiten sind das in den sozialen Netzen. Ein Shitstorm jagt den nächsten und manch einer entpuppt sich dabei als kleiner Windbeutel. Dabei hat sich seit den seligen Zeiten des ersten allgemein beachteten Shitstorms um Kryptonite vor sieben Jahren wenig getan: die grundlegenden Mechanismen einer typischen Online-Reputationskatastrophe sind die gleichen geblieben. Und auch die Strategien, die gegen solche Image-Krisen zu entwerfen sind, sind schon lange entwickelt.

Strategien aber lassen sich nur schwerlich mit Handbüchern vermitteln. Dies musste ich jedenfalls im Rahmen meiner Lehrtätigkeit an der Fachhochschule Würzburg – heutzutage heißt eine solche Institution natürlich nicht mehr einfach Fachhochschule, sondern University for Applied Sciences – erfahren. Diese Erfahrungen bildeten den unmittelbaren Anlass für die Entwicklung eines Rollenspiels, in dem ich mit Studenten der Wirtschaftsinformatik im vergangenen Wintersemester eine Reputationskatastrophe veranlasst, ausgespielt, bekämpft und schließlich analysiert habe. Die Ergebnisse dieses Rollenspiels wurden bislang nicht veröffentlicht. Und das hat einen einfachen Grund: Ursprünglich wollte ich den “Fall” im vergangenen Februar als Speaker auf der TED-Konferenz Rhein-Main vorstellen. Eine ausgebüxte Bandscheibe hat mir damals einen Strich durch die Rechnung gemacht und so wartete ich nun die Social Media Economy Days ab, die vor wenigen Tagen in München stattfanden. Dort also erlebte der Bericht zur Reputationskatastrophe der “Fränkischen Bratwurst Manufaktur” seine Uraufführung. Die Vortragsfolien sind längst publiziert, der Bericht – die “Story” – folgt nun hier.

Im Wintersemester 2010/11 wollten wir mit Studenten der Wirtschaftsinformatik in einem “Live-Rollenspiel” die Bedingungen und Mechanismen einer typischen Social Media Reputationskatastrophe erfahrbar machen. Die Versuchsanordnung war übersichtlich:

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