Sanary-sur-mer

Zuhause im Exil. Ein literarischer Spaziergang durch Sanary-sur-mer.

Sanary-sur-mer war einmal die Hauptstadt der deutschen Literatur, jedenfalls der anständigen deutschen Literatur. Sanary war Zufluchtsort jener deutschsprachigen Schriftstellinnen und Schriftsteller, die in den dreißiger und vierziger Jahren vor den Nazis aus Deutschland und Österreich fliehen mussten. Bert Brecht, Lion Feuchtwanger, Heinrich und Thomas Mann, Erich Maria Remarque, Stefan Zweig und viele andere fanden in der kleinen Hafenstadt unweit von Marseille zeitweise Unterschlupf.

Sie verbrachten unruhige Zeiten im Exil. Einige konnten von ihren zuvor in Deutschland verdienten Tantiemen recht gut leben, andere hatten wenig mehr als Tasche voll Kleidung dabei, als sie sich Hals über Kopf auf die Flucht über die Grenze begeben mussten. Viele entkamen nur knapp ihren Mördern. Und in Frankreich waren sie nicht lange sicher: mit Kriegsbeginn 1939 wurden sie von den französischen Behörden zu Angehörigen einer feindlichen Nation erklärt. Viele von ihnen, etwa Lion Feuchtwanger oder Walter Benjamin wurden trotz ihrer antifaschistischen Gesinnung oder ihres Status als rassistisch Verfolgte in französischen Lagern interniert. Mit der Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht drohte ihnen unter der mit den Nazis kollaborierenden Vichy-Regierung, die bis 1941 in Sanary das Sagen hatte die Auslieferung an Hitler-Deutschland. Nach dem Einmarsch der Deutschen ins bis dahin unbesetzte Südfrankreich durch die Deutschen mussten sich die emigrierten Antifaschisten, denen bis dahin die Flucht aus Europa nicht gelungen war, in den Untergrund begeben. Viele von ihnen haben die Jahre der Emigration nicht überlebt. Einigen gelang über Sanary und Marseille und vor allem über die Pyrenäen und Spanien die Flucht in die USA, nach Südamerika oder in französische Überseegebiete. Aber zurück nach Sanary-sur-mer …

In der „Welthauptstadt des künstlerischen und literarischen Exils“ (Ludwig Marcuse)

Nachdem ich die Fluchtroute über die Pyrenäen vor einigen Jahren bereits besuchte – Chemin Walter Benjamin zwischen Banyuls-sur-mer und Port-Bou – machte ich mich in diesem Sommer auf den Weg nach Sanary-sur-mer. Dort wollte ich die Wohnorte einige der Exilanten aufsuchen, die in den dreißiger Jahren dort die größte und wichtigste deutschsprachige Community der deutschen Literatur bildeten.

Seit 1987 ehrt eine Gedenktafel am Hafen der Gemeinde Sanary-sur-mer die Mitglieder der deutschsprachigen Exil-Gruppe. Im Jahr 2011 wurde die Tafel erneuert und um die Namen weiterer Mitglieder ergänzt:

Es gibt eine kleine knapp acht Kilometer lange Erinnerungstour durch die Stadt zu ehemaligen Wohngebäuden exilierter Schriftsteller*innen und Musiker*innen. Das Amt für Tourismus hat an den Gebäuden kleine Tafeln mit kurzen mehrsprachigen Informationen zu den Personen angebracht, die dort gelebt haben. Man kann eine kleine Tour in der Innenstadt oder eine große Runde machen, die auch durch Außenbezirke der Gemeinde führt. Ich will Euch im Folgenden mit auf den Weg nehmen und einige der Gebäude besuchen:
Logischer Ausgangspunkt ist der kleine Hafen und in der Nähe des Hafens das „Hotel de la Tour“. Viele Exilanten verbrachten ihre erste Nacht in diesem Hotel ehe sie eine feste Bleibe irgendwo in der Stadt fanden. Andere, wie Bertold Brecht und Klaus und Erika Mann wohnten aber auch mehrere Wochen in dem Hotel. Hier im Hotel schreibt B.B. übrigens an der Dreigroschenoper und verbringt eine schöne Zeit mit seiner Geliebten und Mitarbeiterin Margarete Steffin (während sich seine Frau, die große Helene Weigel um das neue Haus in Dänemark kümmert … ach ja, Brecht und die Frauen … auch so ein Kapitel …)

Sanary-sur-mer

Wie in jedem Hafen gibt es auch in Sanary zahlreiche Kneipen und Cafés. Im Café La Marine soll Brecht regelmäßig revolutionäre Lieder zur Klampfe gesungen haben. Der Rotwein floss in Strömen. Da wäre ich gerne dabei gewesen. Andere Kaffeehäuser waren das Café de Lyon und das Café Le Nautique, das nach dem elsässischen Besitzer auch chez Schwob genannt wurde. 

Direkt über dem Café Schwob wohnte Friedrich Wolf, Vater von Markus Wolf, genau: jener Markus Wolf, der später Chef des DDR-Geheimdienstes werden sollte. Friedrich Wolf war Dramatiker und Arzt und engagierte sich in den zwanziger Jahren gegen den § 218.

Mitten in der Altstadt liegt die Bar National. Im Hinterhaus wohnte hier die „Edelkomparsin von Sanary“. So bezeichnete sich selbst Hilde Stieler, die 1978 in Zürich geborene Schriftstellerin und Malerin, die bis zu ihrem Tod 1965 in Sanary lebte. Sie lebte hier mit dem heute leider weitgehend vergessenen Maler Erich Klossowski. Hilde Stieler pflegte engen Kontakt zu Aldous Huxley, zu Heinrich und Thomas Mann, den Feuchtwangers, Rilke und Alma Mahler-Werfel. Huxley schrieb übrigens in Sanary sein berühmtes Buch „Brave new world“.

Marta und Lion Feuchtwanger bei Huxley

Im gleich Haus wohnte zwischen 1939 und 1941 Hans Siemsen, Mitarbeiter der Weltbühne und enger Freund von Joachim Ringelnatz, dessen Nachlass er verwaltete und herausgab. Siemens wurde sowohl wegen seiner politischen, als auch wegen seiner homosexuellen Einstellungen verfolgt, vor 1945 und nach 1945.

Der pazifistische deutsch-jüdische Verleger Wilhelm Herzog verlässt mit seiner Frau Alica La Roch-Herzog Deutschland schon im Jahr 1929 und zieht 1930 nach Sanary. Herzog war persönlich mit Lenin und Trotzki bekannt. 1940 wurde er zusammen mit Lion Feuchtwanger in Les Milles interniert.

Ein wenig außerhalb der Altstadt liegt die alte Mühle Le Moulin Gris. Hier wohnten zwischen 1938 und 1940 Alma Mahler & Frank Werfel. Alma war die Witwe von Gustav Mahler. 1929 heiratete sie den elf Jahre jüngeren Frank Werfel, den sie einmal folgendermaßen beschrieb: „ein O-beiniger fetter Jude mit wulstigen Lippen und schwimmenden Schlitzaugen“. Aber er hatte eine schöne Stimme und begleitete sie am Klavier. 1940 gelang den beiden die Flucht mit Hilfe von Varian Fry.
Der Fußweg zur Mühle ist übrigens wunderschön …

Mit den sozialistischen Umtrieben der bisher genannten Exilanten hatten Mahler und Werfel nichts zu schaffen. Sie waren auch kaum integriert in die Szene am Hafen. Überhaupt galt für die Exil-Gemeinde wie für alle Exil-Gemeinde bis in die heutige Zeit: es gab viele Gruppen und Grüppchen, es gab Streit und Intrigen. Zwischen Brecht und Mann passte nicht nur ein Blatt Papier sondern ein mittelgroßer Regenwald. Und der Spaziergang zu den Wohnhäusern der Exilanten macht dies schnell deutlich. Es gab recht unterschiedliche Herkünfte und ebenso unterschiedliche (Exil-)Lebenswelten …

Der Weg führt nun in eine hübsche Villengegend. Hier lebten die betuchteren Exilanten. Wir kommen zuerst am ehemaligen Wohnhaus von Liesl und Bruno Frank vorbei. Frank stammt aus einer wohlhabenden Bankiersfamilie. Er war schon in München Thomas Manns Nachbar und blieb das dann auch (fast) in Sanary.

Denn zum früheren Anwesen von Thomas Mann in Sanary sind es nur wenige Meter:

Die frühere Mann’sche Villa wurde von den Deutschen gesprengt, gar nicht einmal, weil man sich am deutschen Schriftsteller rächen wollte. Nein, von diesem Anwesen hat man einfach eine wunderbare Aussicht auf das Meer. Und die Wehrmacht erwartete die Landung der Alliierten an diesem Küstenabschnitt und errichtete deshalb ausgerechnet auf diesem Grundstück Anfang der vierziger Jahre eine Flakstellung. Die Army kam dann aber doch über Italien und die Bretagne und die Sprengung der schönen Villa war ganz umsonst. Die Franzosen bauten also nach 1945 das Anwesen originalgetreu wieder auf. Vor ein paar Jahren aber kam dann ein Investor und beschloss das Haus zu „sanieren“. Und seit der Zeit steht hier ein Bauzaun und eine Bauruine.

Ein anderes Wohnhaus war nur schwer zu finden: die ehemalige Villa von Lion Feuchtwanger. Ich kannte die Adresse: 571, Boulevard de la Plage Beaucours. Ich wusste, wie das Haus aussieht. Aber es gibt vor dem haus keine Erinnerungstafel. Vermutlich haben die heutigen Besitzer sie entfernt. Was es dafür gibt: eine Video-Kamera, die jeden filmt, der sich verdächtig lange vor dem Gebäude aufhält. Ich habe trotzdem ein Foto gemacht:

Einige Lese-Tipps für alle, die sich über die Exil-Literatur eingehender informieren wollen:

Nach Sanary-sur-mer besuchte ich auch die Gedenkstätte Les Milles, in der zahlreiche Exilanten Anfang der vierziger Jahre interniert wurde. Lion Feuchtwanger berichtet in seinem Buch „Der Teufel in Frankreich“ ausführlich über seine Erlebnisse in dieser Gefangenschaft. Mein Besuchsbericht ist in Arbeit.

Illustrationen © Michael Kausch

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Eine Antwort

  1. Nimm es mir nicht übel, aber bei Alma Mahler-Werfel bin ich raus.
    Die ist nur schwer bis gar nicht zu ertragen.

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