Urheberrechte auf molossisch

Pyrhhus_Copenhagen.JPGAm Thema Urheberrechte scheiden sich die Geister, nicht erst seit der Erfindung des Internet. Auch hier in diesem Blog war schon viel dazu zu lesen, beispielsweise über den langen und teilweise verbissenen Kampf der Musikindustrie gegen sogenannte „Piraten“ und „Raubkopierer“. Ein großer Schlag schien gelungen, als im August die schwedische Justiz die Betreiber von „Pirate Bay“ zu drastischen Strafen verurteilte. Wobei „drastisch“ nicht reicht, das waren Strafen, die sich ein bis dahin unbescholtener Bürger mit kaum einem anderen Vergehen eingefangen hätte. Allerorten wurden hochbeglückte Musikmanager gesichtet, mit Champagnergläsern.

Ein überragender Sieg also? Was kaum berichtet wurde: Die Betreiber von Pirate Bay haben ja gar keine illegalen Inhalte gespeichert, nur Fundorte von Inhalten, deren teilweise Illegalität sie in Kauf genommen haben. Und vielleicht wäre ihnen nicht so viel passiert, wenn sie sich nicht ausgerechnet „Pirate Bay“ genannt hätten. Das war wohl provokant – und ich hoffe, ich irre mich, denn das hieße ja nichts anderes als daß sie für ihren Namen so drastisch bestraft wurden, quasi als freche Dissidenten. Im Umkehrschluß heißt das natürlich auch, daß mit der Löschung der Website der Piraten einfach die Lagerliste weggeworfen wurde. Die Inhalte sind aber alle noch da. Im Netz. Auf tausendenden Rechnern.

Die Software von Pirate Bay ist so gesehen nichts anderes als eine Suchmaschine. Eine gute, übrigens. So gut, daß sie gerettet wurde, obwohl das Gericht die Zerstörung angeordnet hatte. Kurz nach dem Urteil lagen Software und Indexdaten in vielen Kopien an vielen Stellen im Netz. Übrigens recht analog den Inhalten, zu denen der Zugang verhindert werden sollte.

Und somit gab es nach kürzester Zeit nicht mehr nur ein Pirate Bay, sondern ganz viele davon. Das hat auch der Anti­viren­soft­ware­her­steller McAfee beobachtet. In seiner vierteljährlichen Studie „McAfee Threat-Report“ auf Seite 13 wird von einem „Pirate-Bay-Effekt“ berichtet:

Wir beobachten die wachsende Beliebtheit von Webseiten, die verschiedenste Inhalte wie illegale Software oder urheberrechtliche geschützte Werke wie Filme und ähnliches hosten. Im Herbst 2008 stieg die Anzahl von Webseiten, über die illegale Anwendungen angeboten wurden, stark an (siehe Abbildung 16). Dazu können viele Faktoren beigetragen haben: die schlechte Wirtschaftslage, verbesserte Webseiten-Tools zum einfachen Veröffentlichen und Austauschen von Daten, die Jahreszeit, das aktuelle Kinoprogramm, u.v.m. Einen ähnlichen Anstieg beobachteten wir kurz vor Beginn des Kinosommers. Am auffälligsten war jedoch der sprunghaft gestiegene Höchstwert solcher Webseiten während der Stilllegung von The Pirate Bay.

Es scheint einfach so zu sein, daß vielen Menschen das freie Austauschen von Musik und anderen Inhalten schlicht wichtig ist. So wichtig, daß die eventuelle Strafbarkeit oder ethische Bedenken geringer erachtet werden als die persönlichen Nachteile im Falle der Abstinenz. Hieße nun, die Kopiererei zu ignorieren, sich dem Druck der Straße zu beugen, wie manche formulieren? Oder gibt es einen Grundbedarf an einfach zu erlangenden Inhalten, was ja auch ein Anzeichen für Kultur sein könnte? Und vielleicht ist das ja auch schon die Lösung, der legale Einkauf darf eben nicht viel schwieriger sein als das ggf. illegale „Saugen“. Guter Wille und neue ökonomische Modelle wären vermutlich recht erfolgreich.

Der „vernichtende Schlag“ war also ein Schlag ins Wasser. Schlägt man der Hydra einen Kopf ab, wachsen zwei nach. Und dennoch, mein Mitleid mit der Musikindustrie hält sich in Grenzen. Das liegt weniger daran, daß ich den Künstlern ihre Tantiemen nicht gönne – das Gegenteil ist der Fall – sondern eher daran, mit welchen Methoden die Musikindustrie ins Feld gezogen ist. Wären nur Bruchteile der Phantasie, die auf die Erschwerung der Tauscherei verwendet wurde, auf wirklich intelligente und moderne Konzepte verwendet worden, wäre das Problem nicht so gravierend.

Wie also nennen wir den „Sieg“ der Musikindustrie? Seit 279 vor Christus haben solche Siege einen Namen. Einem König der Molosser gelang es, immer wieder den Römern Niederlagen zu bereiten, aber jeder Sieg war mit solchen Verlusten verbunden, daß er, der Sieger, die besiegten Römer um Frieden bitten musste, den sie ihm noch nicht einmal gewährten, denn sie schätzten die Qualität seiner Siege ähnlich ein wie er. Er sagte, „noch so ein Sieg, und wir sind verloren“. Die Rede ist von jenem unglücklichen König Pyrros (lateinisch „Pyrrhus“) und seinen Pyrrhus-Siegen.

Photo: Henry Seutsan, via Wikipedia

6 Gedanken zu „Urheberrechte auf molossisch“

  1. Ich finde es schlicht witzig, wie eine Industrie nach der anderen – Musik, Film, Buchverlage, etc. – die offensichtliche Lehre der Geschichte übersieht, nämlich dass in einem paketvermittelten, autonomen Netzwerk wie das Internet Zensurversuche vom System als Störungen eingestuft werden. Das Netz ist extra dafür gebaut worden, Daten um Störungen (konkret: um die Löcher, die russische Atombomben möglicherweise in Amerika verursacht hätten) herum zu leiten, damit die US-Generäle nicht einsam in ihren gehärteten Bunker sitzen, nach dem Motto: Draußen ist Krieg und wir dürfen nicht mitmachen. Ist es Dummheit? Ignoranz? Leugnung? Wie auch immer: Es macht Spaß, ihnen zuzuschauen. Undgefähr so, wie wenn Motten immer und immer wieder mit dem Kopf gegen die Glühbirne knallen. Bis ihre Flügel verglühen.

  2. Ich bin nicht ganz Euerer Meinung. Und das Bild mit den Motten hinkt auch. Ganz abgesehen davon, dass spätestens seit dem „Rat der Motten“ – kennt diesen Song aus den frühen Siebzigern eigentlich noch jemand? – diese Spezies meine ganze Sympathie hat.

    Die Musikwirtschaft besteht ja nicht nur aus den großen Labels, sondern auch aus vielen kleinen unabhängigen Verlagen, aus – immer weniger – Musik-Händlern, aus Komponisten und anderen Künstlern. Und die Raubkopierer haben die ganze Futterkette durcheinandergebracht. Und neue Futtertröge sind für viele nicht in Sicht:

    – Es leidet nicht nur Sony, sondern auch Enja, ein Label, ohne das unsere Jazz-Szene ärmer wäre.
    – Noten werden heute in Unmengen kostenlos über das Internet verbreitet; erfahrene Notengeschäfte gibt es kaum mehr. Als ebenso erbarmungswürdiger wie erbärmlicher Musiker schätze ich aber den Rat meines Noten-Dealers.
    – Meine CD-Händler vor Ort sind – von Ludwig-Beck am bekannten Eck mal abgesehen – inzwischen alle miteinander den Lethe hinabgeflossen.

    Natürlich hat es die Musikindustrie lange Zeit sträflich unterlassen, sich mit alternativen Distributionsstrategien auseinanderzusetzen. Und sie hat auch niemals wirklich positiv für das Urheberrecht gekämpft, sondern nach einer langen Phase der Ignoranz später immer nur auf massive Strafverfolgung gesetzt. Als die Softwareindustrie seit Jahren schon Erfahrung im Umgang mit Urheberrechtsverletzungen und im Kampf um Copyrights gesammelt hatte, hat der Musik-Gigant Sony für Öffentlichkeitsarbeit im Zusammenhang Copyright-Kampagnen in Deutschland jährlich gerade mal einen vierstelligen Betrag verschludert. Gleichzeitig hat der damalige Sony-Chef auf einer Bühne der CSU-Medienkommission schwere Krokodilstränen vergossen, ob der ihm jährlich entgehenden Umsatzmilliarden. Während Microsoft aktiv Vertrauens- und Aufklärungsarbeit rund um Copyright-Regelungen betrieben hat, verharrte die Musikwirtschaft in tiefem Dämmerzustand. Ich kann mich an die leidvollen Diskussionen mit Sony und BMG noch recht gut erinnern. Ich habe damals – im Auftrag und mit dem Geld von Microsoft – den gemeinsamen Arbeitskreis Copyright von Computerindustrie, Musikwirtschaft und Unterhaltungselektronik gegründet.
    Dass es Microsoft heute noch gibt, BMG aber nicht mehr, hat auch damit zu tun, dass die einen die Herausforderungen für das Urheberrecht im Internetzeitalter angenommen haben, die anderen nicht. Und dass das Internet die Hersteller Zug um Zug zu neuen Verwertungsstrategien treibt – siehe Cloud Computing und SaaS – ist gut für uns alle, solange man der Industrie eine Chance gibt und diese die Chance auch nutzt, sich an die neuen Bedingungen anzupassen.

  3. Wenn es irgendeine Lehre aus 40 (?) Jahren Internet gibt, dann doch diese: Content wants to be free, but people will pay for context. Inhalte alleine sind Schall und Rauch, man muss für den Empfänger/Leser/Hörer/Zuschauer Mehrwert schaffen. Das haben die Verlage nicht verstanden, weshalb die Zeitungen pleite gehen. Das haben die Musik-Multis nicht verstanden, die statt dessen lieber ihre eigenen Kunden kriminallsieren (ein GAANZ schlechtes Geschäftsmodell). Und die Filmindustrie wird die nächste sein, die es trotz Ansage nicht verstehen wird.

    Google hat es dagegen ganz genau verstanden. Warum sind die Buchverlage nicht selber auf die Idee gekommen, ihre Bücher online zu stellen und suchbar zu machen? Warum betreiben die Zeitungsverlage im Internet nur Abfall-Recycling?

    Apple hat es auch verstanden, siehe iTunes. Es stimmt also nicht, dass alle Manager einfach blöd sind. Nur die in den Chefetagen der Medienkonzerne.

  4. Auch wenn es mir persönlich um sympathische kleine Labels, gut sortierte Plattenläden oder die Notenläden leid tut, wenn deren Geschäftsmodell nicht mehr aufgeht…. Eines ist einfach klar, ob SONY oder ENJA, es spielt keine Rolle, ob die Musik legal oder illegal vertrieben wird. Musikvertrieb stellt heute keine großen Anforderungen mehr an die Finanzierung, es ist schlicht für die Künstler einfacher geworden, unabhängig zu bleiben.

    Notenläden haben m.E. unter der Erfindung des Photokopierers gelitten. Hohe Produktionskosten und niedrige Auflagen sind nur durchzuhalten, wenn man ein Monopol hat. Seitdem man Noten nicht mehr stechen muss, sondern per Computersatz in Form bringt, sind Formate natürlich auch per Internet klaubar. Der freundliche Notendealer ums Eck kann aber trotzdem weiter existieren – im Netz eben. Da haben sogar mehr Leute eine Chance, seine Dienste zu nutzen.

    Und was die Platten oder CDs angeht: Ich kaufe keine Platten mehr. Ich kaufe Inhalte, CDs sind umständlich, Vinyl erst recht. Ich klaue nicht, ich kaufe, nicht weil ich ein moralischer Mensch bin, sondern weil itunes leichter bedienbar ist als BitTorrent (zum Beispiel wenn ich ein neues Gerät einfach nur synchen muss und alles ist wieder da).

    Die kleinen Labels? Brauchen ein neues Geschäftsmodell. Sie könnten kleine, gut sortierte Webserver betreiben und Musikern beim Bekanntwerden helfen. Sie können dafür Geld von den Musiker kassieren wie bisher auch. Und sie können Mitglieder flat beliefern, die gerne einen angemessenen Mitgliedsbeitrag liefern. Und es ist, ganz Web 2.0, noch viel Platz für Musik-Communities und ein kleines Label kann auch einmal ein großer Portalbetreiber sein.

    Kurz: Der Gegensatz heisst nicht klauen versus kaufen, sondern 21. Jahrhundert versus 20. Alles andere ist Propaganda.

  5. @Tim
    Apple ist genau das richtige Beispiel, an dem sich die Macher der Musikindustrie vorführen lassen: „Natürlich hat es die Musikindustrie lange Zeit sträflich unterlassen, sich mit alternativen Distributionsstrategien auseinanderzusetzen.“ Das meinte ich mit diesem Satz.

    Das Problem der Verwertungsrechte von Künstlern lässt sich mit dem Hinweis auf iTunes aber nur beantworten, wenn wir auch auf die Legalität und die Gebühren von iTunes hinweisen. iTunes-Content ist eben nicht „free“, sondern intelligent verpackt. Steve respektiert ja die Copyrights der Musikschaffenden.

  6. @SvB: Du kaufst ja keine Inhalte, du kauft Bequemlichtkeit. Sagst du ja selber. Genau genommen kaufst du Mehrwert. Den Content bekommst du dazu geschenkt, denn er ist, für sich gesehen, wertlos.

    @Michael: Steve ist das Copyright im Grunde piepegal. Er hat nur erkannt, dass er einen Rohstofflieferanten braucht, wenn sein Modell – Mehrwert verkaufen, s.o. – funktionieren soll.

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