Twitter als Unterrichtsfach?

Viel zu lang!

Wie lang ist lang genug? Goethes „Faust“ kommt in der Dünndruckausgabe auf 646 Seiten. Der dickste (9cm) Einzelband in meinem Regal, ein Erbstück mit dem Titel „Das neue Naturheilverfahren“ von F.E. Bilz aus dem Jahr 1894, bringt es auf 1916 Seiten. Wer bietet mehr?

Am anderen Ende der Skala steht heute Twitter, das dem nach Verbreitung Gierenden nur 140 Zeichen Platz lässt. Irgendwo dazwischen liegt Facebook, wo die Länge eines „personal status message“ neulich von 160 auf 420 Zeichen heraufgesetzt wurde. Junge Menschen wachsen in dieser Welt der Kurznachrichten auf, aber in der Schule ist offenbar eher Masse als Klasse gefragt.

Über Google kam ich auf ein Diskussionsforum namens „Freundeskreis netter Leute mit schlauen Kids – Anlaufstelle für Leute mit Hochbegabten Ableger“, wo unter anderem die Frage gestellt wurde: „Wie lang muss ein Schulaufsatz sein?“ Ein bis zwei Seiten, so der Tenor der meisten Antworten, es dürfen aber auch drei oder mehr sein. DIN-A4-Seiten, versteht sich.

Ich selbst gehörte in der Schule eher zu den Zuviel-Schreibern. Da mir eine flotte Feder in die Wiege gelegt wurde, war ich meistens nach einer Stunde fertig und hatte dann so sechs bis zehn Seiten gefüllt. In der Oberstufe hatten wir drei Stunden Zeit, und meistens wurden zwei oder drei Themen zur Auswahl vorgegeben. Als ich einmal verssucht habe, nach einer Stunde abzugeben, gab mir der Lehrer den Papierbündel zurück und meinte, ich sollte es mir nochmal in Ruhe durchlesen. Ich revanchierte mich, indem ich zu den beiden anderen Themen ebenfalls Aufsätze schrieb und sie ihm mit der Bemerkung hinknallte: „Suchen Sie sich den besten aus…“

Nur um das klar zu stellen: Der Lehrer und ich haben uns sehr gemocht, und ich kriegte auch immer eine eins. Aber ich werde seinen ironischen Kommentar am Ende des Textes nie vergessen: „Weniger ist oft mehr!“

Mein alter Deutschlehrer ist längst im Elysium, aber ich musste jetzt ganz fest an ihn denken als ich in der „Herald Tribune“ unter der Überschrift „Teaching to the text message“ einen Kommentar von Andy Selsberg fand, in dem er als Lehrer über seine Versuche berichtet, seinen Schülern an der John Jay College in New York die Kunst beizubringen, sich kurz zu fassen. Sein Credo: „We need to set our sights not lower, but shorter.“

Er stellt seinen Schülern Aufgaben wie: “Beschreibe in zwei Zeilen etwas, das du auf eBay verkaufen willst”. Ein andermal bat er sie, in zwei Sätzen das Wesen einer Kreidetafel in Worte zu fassen. Das Ergebnis lässt sich durchaus sehen, respektive lesen. Einer schrieb: „Eine Kreidetafel ist wie ein Gedächtnis: oft unaufgeräumt, unorganisiert und schlampig. Sogar wenn es weggewischt ist, bleiben Spuren von dem zurück, was darauf geschrieben worden ist.“ Vielleicht nicht gerade Goethe-Liga, aber hochliterarisch!

Philologen hierzulande beklagen gerne den Niedergang der Schriftkultur, was Blödsinn ist, denn es wurde noch nie so viel geschrieben wie heute, gerade von jungen Leuten. Aber sie wachsen in einer anderen Kulturwelt auf, und da verschafft ihnen die Fähigkeit, sich kurz zu fassen, womöglich einen evolutorischen Vorsprung.

Wobei Selsberg wenigstens eine ausufernde Unart bekämpfen will, nämlich die Zeichensprache: Wer Emoticons („Smileys“) oder unverständliche Abkürzungen verwendet, bekommt eine schlechtere Note. Die Gabe, einen kurzen, präzisen, aber fesselnden Beschreibungstext zu einem YouTube-Video oder eine prägnante Buchkritik auf Amazon zu schreiben, wird aber immer wichtiger im SMS-Zeitalter.

Und sind wir mal ehrlich: Es ist viel, viel schwerer, einen witzigen Text von 140 Zeichen Länge zu schreiben als einen Aufsatz über drei Seiten. Die neue Kommunikationskultur zwingt zur Kreativität. Das sollten wir unseren Kindern beibringen. Für Goethe ist später immer noch Zeit genug.

3 Gedanken zu „Twitter als Unterrichtsfach?“

  1. Ich glaube es war zwar nicht Goethe, sondern Voltaire (oder war es doch Czyslansky?), der einmal schrieb:

    „Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen einen langen Brief schreibe, für einen kurzen habe ich keine Zeit.“

  2. Florian Memberg zeigt doch laufend, wie man mit 140 Zeichen komplette Romane entwickeln kann. Ich zitiere mal sein Werk vom 16. März:
    „Der Mann, der sich „Der Reisende“ nannte, war verschwunden. Edison schwieg. Er blickte auf den seltsamen Glaskolben in seiner Hand.“
    Der Rest der Geschichte spielt sich im Kopf ab. Da, wo sie hingehört.

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