Reif für die Küchen-Insel

Eine große Hilfe

So ein Umzug ist ein Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt, und jedenfalls für mich beginnt er immer bei Ikea. Meine Lieblings-Schweden haben alles, was man braucht, um sich schnell und günstig in den neuen vier Wänden einzurichten, und neuerdings geht das sogar online. „Hier geht’s zum Küchenplaner“, pragt stolz es von der Webseite von www.ikea.de. Dahinter verbirgt sich ein wirklich raffiniertes Werkzeug, mit dem man die neue Kochstätte bis ins kleinste Detail  zusammenstellen, abspeichern und auch noch in 3D anschauen kann, lange bevor man den erste Pappkarton ausgepackt und die erste Schraube in das vorgebohrte Loch schiebt. Wenn es noch einen Zweifel am digitalen Fortschritt gibt, spätestens hier wird er ausgeräumt.

Stunden, ja Tage habe ich neulich damit zugebracht, meine Traumküche bei Ikea im Internet zu entwerfen. Als ich fertig war, stieg ich ins Auto und fuhr hinaus nach Brunnthal vor den Torne Münchens in „meine“ Ikea-Filiale, wo eine sehr nette junge Dame sich mit mir an einen PC setzte. Wir riefen meinen Küchenplan auf, und die sehr fachkundige Verkäuferin korrigierte noch ein paar kleine Fehler, die mir in meiner Laienhaftigkeit – wie oft richtet man sich als Normalsterblicher im Leben bitteschön eine neue Küche ein? – unterlaufen waren. Als alles fertig war, drückte sie auf einen Knopf.

Nein, nicht etwa, um meine Bestellung abzuschicken, sondern um ihn auszudrucken. Es kam ein Stapel Blätter aus dem Drucker, auf denen Hunderte von Einzelteilen aufgelistet waren, jedes mit einer langen Artikelnummer. Die Dame nahm den Stoß und ging hinüber an einen anderen Rechner – und fing doch tatsächlich an, den ganzen Zahlensalat mit der Hand erneut einzutippen. Auf meine entsetzte Frage, was sie denn da tue, antwortete sie nonchalant: „Das ist unser Bestellsystem.“ Ob der Küchenplaner nicht direkt damit verbunden sei? „Nein“, lächelte sie kühl.

Für mich ist an diesem Tag eine Welt zusammengebrochen. Dabei hätte es mich eigentlich nicht überraschen sollen. Gut, Ikea gibt gerne den supermoderne n Hitech-Konzern, aber warum soll es ihr denn anders gehen als den meisten Unternehmen, die ich kenne. Auch dort sind die IT-Systeme meistens nicht wirklich miteinander verbunden. Auch dort werden Daten immer wieder ausgedruckt und woanders wieder eingegeben, was jedes Mal Geld kostet und Fehler verursacht, weil Menschen am Werk sind und keine Maschinen.

Das Internet ist in deutschen Unternehmen seit über einem Jahrzehnt selbstverständlich, und vernetzen tun wir die Arbeitswelt schon viel länger. Und trotzdem habe ich oft das Gefühl, dass wir nur digitale Inseln im Betrieb geschaffen haben. Nach wie vor wandern Poststücke in Papierform durch die Flure, statt dass man sie im Posteingang scannen und digital per Workflow an die Empfänger weiterleitet. Und noch immer stecken wir Rechnungen in Kuvert und kleben 55 Cents in Briefmarkenform darauf, statt sie digital signiert per Internet zu versenden, was seit Jahren mühelos möglich ist. Eine Rechnung zu versenden kostet bei Vollkostenrechnung 3,90 Euro. 80 Prozent davon, so mein Freund Stefan Tampe von der Unternehmensberatung Bearing Point, ließen sich auf einen Schlag sparen, wenn die Unternehmen „eBilling“ machen würden. Nur fünf Prozent tun es, wie eine Studie der Deutschen Bank 2009 ergab.

Nein, Ikea ist da wohl in guter Gesellschaft mit seiner digitalen Insellösung. Nur schade, dass ich wahrscheinlich nie erfahren werde, ob sie es eines Tages geschafft haben werden, eine Brücke zwischen den Systemen zu bauen. Denn nach Lage der Dinge war das die letzte Küche, die ich in meinem Leben planen werde.  Ich werde es mir trotzdem schmecken lassen.

6 Gedanken zu „Reif für die Küchen-Insel“

  1. So lange sich meine IKEA Küchen-Einzelteile nicht auf einem 3D Drucker bei mir zuhause materialisieren und ich sie nur noch zusammenstecken muss, spreche ich als Czyslansky-Jünger noch lange nicht von „Fortschritt“

    Aber vielleicht könnte man der Marketingabteilung einen neuen Slogan vorschlagen: Wohnst du schon, oder druckst (tippst) du noch?

  2. Alexander, das ist ausgesprochen visionslos. Ich brauche keine Küche, ich downloade mein Essen und drucke es gleich fertig aus *gg*

  3. @svb
    Schade, dass man das Essen zu guter Letzt immer ausdrucken muss …Man kann ja letztlich so wenig bei sich behalten …

    @tim
    Aber im Ernst und Widerspruch zu Tim: Die meisten Unternehmen taten bislang gut daran, Rechnungen nicht elektronisch zu versenden. Noch gilt die Signationspflicht für mehrwertsteuerpflichtige Rechnungen in der EU und damit für fast alle Rechnungen zwischen Unternehmen. Die elektronische Signation aber ist allemal noch ein wesentlicher Kostentreiber für Unternehmen, die liebend gerne in ihrer Buchhaltung auf elektronisches Dokumentenmanagement umsteigen würden. Dank staatlich induzierter Überregulierung aber rechnet sich das einfach für die meisten Unternehmen nicht. Die Kalkulation Deines Freundes geht wohl erst dann auf, wenn die Pflicht zur elektronischen Unterschrift fällt. Und das scheint ja nun nach dem jüngsten Beschluss der EU-Ministerrats möglich zu werden. Bis Ende 2012 muss die Bundesregierung (diese oder eine andere) sich nun was einfallen lassen. Vielleicht genügt dann eine einfache pdf/a-Datei und ich kann mit Dir abrechnen. Man wird sehen.

  4. What’s so fucking hard about qualified digital signatures? (Verzeihung, eine Woche in Amerika, und schon verfalle ich ins Vernakuläre…)

    Im ernst: Jedes Unternehmen braucht heute sowieso eine QDS, um sein Steuererlärung abzugeben, zum Einkommensnachweis (ELENA), um Bescheide über Elterngeld, geringfügige Beschäftigung, für Bescheinigung nach dem Wohnraumförderungsgesetz und der Fehlbelegungsabgabe, und so weiter und so fort.

    Eine Firm, die nicht längst eine QDS hat, ist höchstens eine Würstchenbude. Bislang haben sie dafür nur Geld ausgegeben. Mit eBilling könnten sie endlich etwas davon wieder reinholen. Tun sie nicht. Und warum? Weil sie bescheuert sind, altersstarrsinnig, beratungsresistent oder weil sie einfach zu viel Geld haben.

    Ach so, ich selber schicke meine rechnungen auch noch per Post. Warum wohl? Mus mir noch ein gute Begründung einfallen lassen.

  5. What’s so fucking hard about qualified digital signatures? (Verzeihung, eine Woche in Amerika, und schon verfalle ich ins Vernakuläre…)

    Im Ernst: Jedes Unternehmen braucht heute sowieso eine QDS, um sein Steuererklärung abzugeben, zum Einkommensnachweis (ELENA), um Bescheide über Elterngeld, geringfügige Beschäftigung, für Bescheinigung nach dem Wohnraumförderungsgesetz und der Fehlbelegungsabgabe, und so weiter und so fort.

    Eine Firm, die nicht längst eine QDS hat, ist höchstens eine Würstchenbude. Bislang haben sie dafür nur Geld ausgegeben. Mit eBilling könnten sie endlich etwas davon wieder reinholen. Tun sie nicht. Und warum? Weil sie bescheuert sind, altersstarrsinnig, beratungsresistent oder weil sie einfach zu viel Geld haben.

    Ach so, ich selber schicke meine rechnungen auch noch per Post. Warum wohl? Mus mir noch ein gute Begründung einfallen lassen.

  6. Ich sehe jetzt nicht so ein großes Problem darin, dass Briefe noch per Post verschickt werden. Ich denke es gibt Sachen auf dieser Welt, über die wir uns mehr Gedanken machen sollten.

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