Warum ich über Bücher blogge

„Mich interessiert die Literatur, nicht das Buch.“ Warum ich trotzdem über Bücher blogge.

Das Zitat aus der Überschrift stammt von keinem Geringeren als von Marcel Reich-Ranicki. Und er hat natürlich recht. Wer würde es schon wagen ihm zu widersprechen … Und wenn ich seit einigen Jahren und immer öfter über Bücher schreibe, hier auf meinem Czyslansky-Blog und auch in meinem Instagram-Kanal, dann schreibe ich ja oft auch gar nicht so sehr über die Bücher, die ich gelesen habe, sondern über Literatur, das heißt, ich schreibe darüber, was das Lesen mit mir gemacht hat, darüber, was diese Bücher bewirken, was sie auslösen oder eben was sie gerade nicht bewirken. Ich assoziiere mehr oder weniger drauf los. Und das hat enorme Implikationen aufs Schreiben dieser Buchbesprechungen oder Leseempfehlungen …

Für wen schreibe ich? Nicht so sehr für Euch …

Natürlich freue ich mich über jede*n Leser*in, über jedes „Like“ und über jeden – auch kritischen – Kommentar. Aber eigentlich schreibe ich das alles nicht so sehr für Euch, sondern für mich, weil ich sonst so schnell vergesse, was für tolle Sachen ich mal gelesen habe und über was ich mich mal maßlos geärgert habe. Und ich schreibe natürlich für den Ruhm und die Ehre, die man – wie jede*r weiß – eh nur von der Nachwelt erhält … Außerdem freue ich mich immer über Lese-Hinweise, die ich manchmal sogar bereitwillig annehme.

Ich schreibe selbst, da hilft keine KI

Die Bücher, die ich auf Czyslansky oder auf Instagram bespreche, sind alle selbst gelesen, selbst gekauft und die Texte ohne KI selbst verfasst. Daran wird sich auch niemals nie nicht etwas ändern. Es handelt sich kaum um Inhaltsangaben. Manchmal steht mehr über mich in den Texten als über die Bücher. Es geht oft eher darum, was die Bücher mit mir machen, an was sie mich erinnern und es geht überhaupt querbeet um „Zeugs“.

Ich schreibe keine Zusammenfassungen gelesener Bücher. Es ist mir noch nie gelungen ein gutes Buch zusammenzufassen. Ein gutes Buch ist mir immer ein Ausgangspunkt für mehr oder weniger abenteuerliche Ideenreisen zu neuen Ufern. Ich springe dann von Assoziation zu Assozialem hin und her. Es ist uferlos. Und manchmal, wenn mir eine Buchbesprechung gelingt, was leider nicht immer der Fall ist, dann springen meine Mitleser*innen mit mir.

Als ich „Ein Sonntag mit mir und Bier“ von Ludwig Fels gelesen habe wurde daraus in der Rezension eben „Ein Sonntag mit Ludwig Fels und mir“. Das Buch hat mich in meine fränkische Jugend und meinen Besuch in der Schäff-Brauerei in den 70iger Jahren geflasht. Ich hätte dort Ludwig Fels treffen können. Ich habe damals schon seine Gedichte gelesen, wusste aber gar nicht, wie nah ich ihm war. Auf meine Rezension hin hat sich dann seine Frau bei mir gemeldet. Das hätte sie sicher nicht auf Basis einer Inhaltsangabe. Das Buch kannte sie ja. Es geht um „Erfahrungen“, nicht um „Gelesenes“, um Getrunkenes, nicht um Geschriebenes. Wer sich für Inhaltsangaben interessiert, der soll gefälligst Klappentexte in einer Buchhandlung lesen. Oder sich mit dem Doofsack ChatGPT unterhalten. So was kann der auch. Aber der hat nie den Duft vom Schäff-Bräu inhaliert. Nie.

Vom elend langweiligen Markt der Literatur-Blogs

Literatur-Blogs, Bookstagrams, Booktoks und BookTubes boomen ja seit Jahren wie ZDF-Krimis und Fernsehküchen. Und sie sind überwiegend ebenso langweilig. Eine nicht endend wollende Ansammlung von Klappentexten, von KI-generierten Inhaltsangaben, verziert mit wohlmeinenden Kaufempfehlungen und serviceorientierten Affiliate Links: kauf mich bei Amazon damit der Blogomat noch seine Prozente verdient. Zuvor hat der Influencer bereits sein Lese-Exemplar beim Verlag abgestaubt, wenn er überhaupt jemals das empfohlene Buch in Händen gehalten hat.

Mehr als eintausend Buch-Blogger verdienen so in Deutschland ein meist karges aber schnell verdientes Zubrot. Auf Instagram dealen nochmal so viele Influencer mit rund zehn Millionen Followern. Aber ich will nicht unfair sein – warum eigentlich nicht? – es gibt auch seriöse, spannende und sogar nette Menschen und Leser*innen unter ihnen. Ich habe eine ganze Reihe in den letzten Monaten kennenlernen dürfen und ich verdanke ihnen einige wirklich wertvolle Anregungen, Lese-Tipps und Hinweise.
Aber ich bin kein typischer Buch-Blogger und ich schreibe nicht nur über Literatur auf Czyslansky.

Ich bewege mich am Rand der Community. Ich erhalte aber ein wenig Rückenwind an den Ausläufern des Orkans und werde seit einiger Zeit immer mehr wahrgenommen von seriösen Teilnehmern der Community. Mir folgen heute auf Instagram ein paar spannende Verlage wie zum Beispiel der Verbrecher Verlag, oder der Verlag Karl Rauch und der Aviva Verlag, Autoren wie Leonhard F. Seidl, Christian V. Schmidt und Uwe Wittstock und ab und an auch relevante Influencer, die etwas zu sagen und zu schreiben haben wie der Kaffeehaussitzer. Dies mag auch ein wenig daran liegen, dass ich inzwischen auch auf Metablogs wie lit21 vom etablierten perlentaucher.de Erwähnung finde.

Meine Literaturliste an der Nahtstelle von Leidenschaft und Business, aber anders als gedacht

Im Jahr 2025 habe ich auf meinem Czyslansky-Blog 27 Bücher vorgestellt, so viele wie nie zuvor. Im Vorjahr kam ich grad mal auf 18, davor auf 11. Insgesamt finden sich in der Liste besprochener Bücher jetzt 66 aktuelle Einzelbesprechungen und 55 Kurzvorstellungen in Sammelbesprechungen aus den letzten vier Jahren. Zusammen mit älteren Texten sind das mehr als 200 Bücher in meiner kleinen Bücherkiste. Dabei stelle ich nicht alle Bücher vor, die ich lese. Da fehlt mir die Zeit und manchmal auch die Lust.

Zum Wachstum des Czyslansky-Blogs trägt der Literaturteil überproportional bei. Während die Anzahl der Aufrufe bei Czyslansky von 2024 auf 2025 um zehn Prozent gestiegen ist (nach vier Prozent von 2023 auf 2024) lag das Wachstum der Aufrufe bei den Literatur-Beiträgen bei fast 95 Prozent (nach knapp 14 Prozent im Vorjahr). Der absolute Renner war übrigens ein Beitrag über das Buch „Gunzenhausen. Das Leben des J.D. Salinger, von ihm selbst erzählt“ von Piet de Moor mit mehr als 4.000 Aufrufen. Auf Rang 2 folgte das schöne Buch „ Frau Komachi empfiehlt ein Buch“ von Michiko Aoyama. Und hier zeigt sich schon eine Besonderheit meines kleinen Literatur-Blogs: aufmerksam gemacht hat mich auf diese Schriftstellerin nicht eine der üblichen Buch-Influencerinnen, sondern eine gute Bekannte aus dem Vorstand von IBM Deutschland, die auch gerne liest. Hier verbindet sich Business und Hobby auf das Angenehmste.

Auf Rang 3, 5 und 7 folgen dann drei Bücher aus meinem Spezialgebiet „Exilliteratur“. Mit diesem Thema habe ich mich bereits während meines Studiums befasst und hierzu habe ich auch vor Jahrzehnten mehrfach publiziert. Die Anzahl der Zugriffe bewegt sich dabei zwischen knapp 100 und knapp 300 pro Artikel. Und ja – das sind keine wirklich beeindruckenden Zahlen, jedenfalls nicht im Vergleich zu den Masterminds unter den Bookfluencern.

Über Instagram erreicht man eine größere Zielgruppe

Über meinen Instagram-Account (knapp 1.000 Follower) erreiche ich zurzeit monatlich rund 4.500 Personen. Jeder Beitrag erreicht dort pro Monat zwischen 300 und knapp 500 Leser*innen. Das ist auch nicht der Brüller. Aber ich betreibe auch kein Marketing rund um diesen Kanal. Ich schreibe halt alle zwei Wochen mal eine Buchbesprechung und verfolge keine Wachstumsstrategie. Wer mich findet, findet mich. Ende des Marketings.

Social Media ist heute vermutlich wirkmächtiger als ein Blog. Aber ich bin davon überzeugt, dass ein Blog nachhaltiger ist. Viele ältere Blogbeiträge werden noch nach vielen Jahren angeklickt und gelesen. Ich sehe das an den Beiträgen über die Diskussion um Frank Schirrmacher und das Buch über „Digitale Aufklärung“ meiner Freunde Tim Cole und Ossi Urchs auf Czyslansky. Im Gegensatz zu Ossi leben diese Diskussionen und die Artikel heute noch. Ältere Instagram-Beiträge aber verschwinden in der Timeline.

Es gibt aber auch sonst einige Unterschiede zwischen – jedenfalls meinen – Accounts auf Instagram und in der Blogosphäre: Poesie geht auf Czyslansky gar nicht, auf Instagram schon eher. Krimis gehen auf Czyslansky sehr selten, auf Instagram durchaus.

SEO? Und wie sucht KI?

Grundsätzlich bemühe ich mich schon ein wenig nach SEO-Kriterien zu schreiben. Aber ich übertreibe es nicht. Natürlich stehen Buchtitel und Autor in der Überschrift. Ich schreibe vor allem, wie es mir Spaß macht. Schließlich schreibe ich ja auch weil es mir Spaß macht. Google findet meine Blog-Beiträge wenn man nach Autor und Buchtitel sucht heute in aller Regel sehr gut. Aber es wird nicht allzu häufig nach diesen Büchern gesucht. Wer nach der „Edelkomparsin von Sanary“ sucht, der findet meine Besprechung dieses wunderbaren Buchs über Hilde Stieler unter den Top 3-Suchergenissen bei Google. Aber es sucht halt niemand nach Hilde Stieler. Wer kennt sie schon? Bei „Lion Feuchtfanger: Der Teufel in Frankreich“ sieht es nicht arg viel besser aus.

Man kann auch ChatGPT fragen

„Wo finde ich eine gute Buchbesprechung von Lion Feuchtwanger: Der Teufel in Frankreich?“.

Die KI gibt dann eine klare Empfehlung ab:

„Auf czyslansky.net gibt es eine gut lesbare Buchvorstellung und mini-Rezension, die über den Inhalt, Kontext und Eindruck des Buches spricht. Der Autor erklärt, worum es in Der Teufel in Frankreich geht …“

Es ist immerhin die einzige Leseempfehlung von ChatGPT.

Das funktioniert auch mit anderen Buchvorstellungen:

„Nenne mir gute Buchbesprechungen von „Ein Sonntag mit mir und Bier“ von Ludwig Fels“.


„1. Rezension & persönliche Besprechung auf czyslansky.net. Eine ausführliche, literarisch reflektierte Besprechung des Buches, in der der Autor des Blogs das Werk kontextualisiert und persönliche Eindrücke teilt.
👉 Du bekommst dort eine Bewertung des Stils, der Stimmung und der fränkischen Perspektive sowie eine Auseinandersetzung mit dem Ton des Buches (fränkische Identität, Selbstbild, Humor).“

Auf Rang 2 wird dann noch eine Besprechung in der Tageszeitung DER STANDARD empfohlen. Damit kann ich leben.

Ich könnte das mit weiteren KI-Tools und anderen Buchbesprechungen fortsetzen. Zusammenfassend darf ich festhalten, dass die Künstliche Intelligenz meine Besprechungen offenbar sehr schätzt. Ich vermute, dass die KI erkennt, dass meine Texte nicht mit KI verfasst werden. Das wäre zumindest eine Erklärung. Und das ist ein perfekter Cliffhänger zu meinem geplanten Beitrag im Blog der Agentur vibrio über den Stand der Künstlichen Intelligenz, der noch im Januar erscheinen soll. Solche prospektive Verweise beherrscht die KI übrigens auch nicht … 😉

Illustrationen © Michael Kausch

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2 Antworten

  1. Es war eine Wohltat, Deinen Beitrag und Deine eigene Positionierung zu lesen, lieber Mick.

  2. Sehr gut und treffend formuliert. Wie immer sehr vorbildlich — im wahrsten Sinne des Wortes. Michael schreibt, was ich denke und was ich früher oder später auch so machen will, wenn ich einmal groß bin. Micheal kommuniziert wie ein Vorbild für mich, auf das ich seit Jahrzenten immer ein wenig heraufschaue. Dieser sein literarischer Blick gefällt mir, weil es mir genauso geht, wenn ich über Bücher schreibe, die etwas mit mir machen. Danke‼️

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