Mein Zeitungssterben

Zeitungssterben by Tim Möller-Kaya

Ich hatte ja gehofft, dass ich es noch bis zum Ablaufdatum schaffe, ohne auf elektronisches Papier umsteigen zu müssen. Aber dann kam es alles ganz anders. Es fing damit an, dass ich mir so einen schicken kleinen Kindle von Amazon zugelegt habe, um auf Reisen nicht mehr diese wuchtigen Schmöker mitschleppen zu müssen. Jetzt trage ich eine ganze Bücherei in der Westentasche mit mir herum und lese im wahrsten Sinne des Wortes wo ich geh‘ und steh‘: In der Straßenbahn, beim Zahnarzt (im Behandlungsstuhl!), auf dem Zugklo. Ich lese sogar heimlich im Flieger während Takeoff und Landung. Man muss nur aufpassen, dass es die Stewardess nicht mitkriegt, aber die streiken ja sowieso…

Meine Tageszeitung, jedoch, die sollte mir das Schicksal eigentlich schon aus der toten, klammen Hand reißen müssen. Schließlich habe ich ja Tgeszeitung „gelernt“, damals als man sie noch im Bleidruck herstellte wie weiland der alte Genschfleisch, genannt Gutenberg.So hatte ich mir das jedenfalls gedacht. Ja, ich weiß: Den Zeitungshäusern weht der Wind hart ins Gesicht. Im Juni stellte die „Times-Picayune“ ihre Printausgabe ein und erscheint nur noch online, womit New Orleans die erste amerikanische Großstadt ohne eigene Tageszeitung wurde. Erst Katrina, dann das! Aber meine verbleibenden Jahre, so dachte ich, würde ich schon noch das schöne haptische Gefühlserlebnis des Blätterns in toten Bäumen mir bewahren können.

Doch dann kam der Umzug. St. Michael im Lungau, wo wir unseren Lebensabend verbringen werden, ist ein Bilderbuchstädtchen wie aus dem alpenländischen Urlaubsprospekt, aber es ist halt sehr, sehr abgelegen. Es gibt einen wunderbaren Laden, der Bücher, Bastelbedarf und eben auch Zeitungen und Zeitschriften verkauft, und ich bekomme dort sogar tagesfrisch die „Süddeutsche“. Aber meine über alles geliebte „International Herald Tribune“ gibt es dort nur mit einem Tag Verspätung. Auch der junge Mann vom Aboservice konnte mir nicht weiterhelfen: Per Post könnte ich sie schon bekommen, aber eben auch einen Tag später. „Warum lesen Sie sie nicht online?“, fragte er fröhlich. Ja, warum eigentlich nicht? Ich habe schließlich einen iPad, und da gibt es eine App zum Herunterladen. Probieren wir’s mal aus, dachte ich mir. Und siehe da: es funktioniert! Ich bekomme die News sogar noch eine Nummer aktueller als in der Offline-Edition, denn zusätzlich zu den üblichen Rubriken hat die Online-Ausgabe eine, die sich „latest news“ nennt und in der die brandheißen Nachrichten sofort einfließen. Außerdem gibt es eine Abteilung „Video“ mit Clips und Kurznachrichten im Bewegtbildformat. Probieren Sie das mal mit einer Papierzeitung!

Ich habe also mein Papierabo gekündigt und lese die IHT nur noch elektronisch. Aber die „Süddeutsche“, die wollen wir schon noch weiter lesen wie gehabt, meine Frau und ich – oder?

Vielleicht auch nicht. Jedenfalls ist meine Frau gerade dabei, sämtliche Boote hinter uns zu verbrennen, indem sie alles kündigt, was sich im Laufe der Jahre an regelmäßigen Verpflichtungen angesammelt hat: Fitnesscenter, Jahresnetzkarte der MVV, Philharmonikerabo und so. „Brauchst du eigentlich in Österreich noch den ‚Spiegel‘?“, fragte sie neulich. Und als ich darüber nachdachte, wurde mir klar: Eigentlich nicht. Es gibt auch für die „Bild am Montag“ eine wunderbare App. Für den „Economist“ auch. Der Bildschirm des iPad ist fast so groß wie das Papierformat der Nachrichtenmagazine, umgeblättert wird mit dem Zeigefinger. Wozu also Woche für Woche einen Stapel Papier in unsere wunderbaren Alpen karren lassen, wo ich ihn bloß mühsam entsorgen muss: Die Einwohner von St. Michael müssen ihr Altpapier zum Wertstoffhof fahren. Abgeholt wird nur der normale Müll.

Tja, damit sind drei meiner vier wichtigsten Nachrichtenquellen also bereits digitalisiert. Und so geht es jetzt der letzten an den Kragen: Ab Oktober endet mein 25jähriges Abonnement der „Süddeutschen Zeitung“, jedenfalls der Papierausgabe. Ich habe mich für das Online-Abo angemeldet und werde ihn wohl auch nutzen.

Das heißt, wenn ich zwischendurch nicht schwach werde und mir heimlich ab und zu beim Schreibwarenladen an der Ecke eine altmodische Papierausgabe hole. Aber sagen Sie es bitte nicht meiner Frau!

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