Lesja Ukrajinka Am Meer

Lesja Ukrajinka: Am Meer. Kurzgeschichten aus der Ukraine

Lesja Ukrajinka kennen heute leider nur wenige Menschen außerhalb der Ukraine. Das ist sehr schade, denn sie ist zweifelsohne eine der wichtigsten Schriftstellerinnen dieses Landes. Geboren 1871 als Laryssa Petriwna Kossatsch im damals russischen Swjahel (Wolhynien), gestorben 1913 in Surami bei Tiflis, verfasste sie schon mit neun Jahren ihre ersten Gedichte. Und als Lyrikerin ist sie noch heute den meisten ihrer Landsleute ein Begriff, Ihre Prosa-Schriften sind weit weniger bekannt.

Wichtig ist sie aber auch als Übersetzerin von Werken zum Beispiel von Heinrich Heine, Shakespeare, Victor Hugo, Dante, Lord Byron und Gerhart Hauptmann. Sie sprach neben Russisch und Ukrainisch fließend Englisch, Polnisch, Deutsch und Französisch. Ihre eigenen Schriften verfasste sie vor allem in der damals verfolgten und zum Teil verbotenen ukrainischen Sprache. 

Sieben Erzählungen in einem Band

Sieben Erzählungen versammelt der Band „Am Meer“ aus dem Wallstein Verlag, der immer wieder mit wunderbaren literarischen Entdeckungen überrascht. Im deutschen Feuilleton wurde der Band fast durchweg wohlwollend aufgenommen. Ich bin ein wenig zwiegespalten: die beiden längeren Erzählungen „Am Meer“ und „Freundschaft“ halte ich für ganz ausgezeichnet, die kurzen Skizzen aber sind in meinen Augen zum Teil aber sehr unrund, nicht Fisch, nicht Fleisch, sowohl in ihrer Konzeption, als auch in ihrer sprachlichen Ausarbeitung irgendwie „unfertig“.

Von Nachfaltern und Motten

Die erste kleine Geschichte vom „Nachfalter“ ist eine hübsche Idee, die sich auf gut zwei Seiten kaum entfaltet: ein Nachtfalter sitzt in einem dunklen Kellerloch, über ihm hängt eine einsame Fledermaus. Er hat noch nie ein Licht gesehen und sehnt sich doch so sehr nach hellerem. Es kommt, wie es kommen muss: eines Tages betritt eine Magd mit einem offenen Kerzenlicht die Kammer, er verzehrt sich nach dem Licht, fliegt endlich hinein ins Helle, ins Feuer, verglüht und stirbt jämmerlich. „Dem Dummen ein dummer Tod! Doch wäre sein Tod klüger gewesen, wenn er im dunklen Keller für immer entschlafen wäre?“

Die ewig alte Geschichte. Erinnert sich noch jemand an das Lied vom „Rat der Motten“ von Witthüser & Westrupp? Wie oft habe ich das in den süßrauchigen 70iger Jahren am Lagerfeuer zur Gitarre gesungen. Die gleiche schummrige Story:

Die Stadt der Trauer

Die Stadt der Trauer ist eine kleine Geschichte, die in einer Irrenanstalt spielt. In dieser Anstalt lebt ein Panoptikum, das einem Film Frederico Fellinis entsprungen zu sein scheint. Eine hübsche Idee und eine wahrhaft demokratische Gesellschaft. Einer der Insassen erklärt der Besucherin: „Ich mag es, dass wir hier eine solche Demokratie haben – alle sind gleich, die Könige und die einfachen Verrückten … bei uns gibt es Könige, Künstler, große Verbrecher, große Inquisitoren, und auch ich selbst bin kein Mensch letzten Ranges … Ich bin der älteste Irre hier … Und außerdem bin ich Professor für neue Psychiatrie.“ Nebenbei verfasst er eine Vorlesung für den nächsten Tag und eine Art Selbstdiagnose.

Das ist ein heiterer kleiner Text; irrsinnig heiter … eine Geschichte, die mich sehr an meinen Besuch in der Sonderausstellung „Erfindungswahn! Das Segelluftschiff des ‚Ingenieur von Tarden’“ im Museum der Berliner Charité erinnert hat.

Am Meer

Nun aber zur ersten großen und wirklich ganz und gar großartigen Erzählung in diesem Buch: „Am Meer“. Erzählt wird die Geschichte einer Frau, die zur Erholung an der Küste auf der Krym weilt und sich dort in einen Mann verliebt. Die Frau verfällt aber diesem Mann nicht, sondern sie sucht in ihrer ganzen Liebe zugleich ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Sinnbildlich steht dafür ihre Liebe zum Meer, zu dessen grenzenloser Weite. Die Größe des Meeres steht für die Freiheit und Selbstbestimmung der Frau und zugleich für ihre Bedrohung.
Lesja Ukrajinka war eine frühe Kämpferin für Frauenrechte. Ihre Erzählungen berichten von Frauen und ihren Kämpfen um Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Die Erzählung „Am Meer“ ist ihrer Zeit weit voraus, nicht nur im Sujet, sondern auch in ihren literarischen Stilmitteln. Ein großartige Kurzgeschichte.

Freundschaft

Ganz ähnlich verhält es sich in der Kurzgeschichte mit dem Titel „Freundschaft“. Berichtet wird von der vorgeblichen Freundschaft zwischen zwei Frauen, die in Wahrheit eine Beziehung in hierarchischer Abhängigkeit ist. Lesja Ukrajinka thematisiert soziale Konflikte in der Gesellschaft ihrer Zeit ebenso wie die Konflikte zwischen den Geschlechterrollen. Auch diese Geschichte ist ein Plädoyer für Emanzipation, für Selbstachtung und gegen Unterordnung. Dabei gelingt es Ukrajinka auf einen erhobenen Zeigefinger zu verzichten. Vielmehr schafft sie es spielerisch den Leser oder die Leserin sich mit ihrer Hauptperson zu identifizieren und mit dieser aus Erfahrungen zu lernen, meistens unter Schmerzen, selten nur mit Spaß und aus Erfolgserlebnissen.

Lesja Ukrajinka war eine frühe Kämpferin für Frauenrechte.

Sicherlich entspricht dies auch dem Naturell der Schriftstellerin, die zeit ihres Lebens kränklich war und unter Schmerzen litt. Schreiben war für sie vermutlich Therapie und mehr Lebensnotwendigkeit, denn Lebenslust.

Lesja Ukrajinka war eine Kämpferin, in eigener Sache, aber auch für die Sache einer gerechten Gesellschaft. In den letzten zehn Jahren ihres Lebens engagierte sie sich in der sozialdemokratischen russischen Bewegung.

In der Ukraine steht Lesja Ukrajinka heute für die nationale Kultur der Ukraine. Ihr Denkmal am Moskauer Ukrainskij Boulevard wird immer wieder von Putin-Gegner zu Ehren des ukrainischen Widerstands gegen die russischen Kriegstreiber geschmückt und von russischen Polizisten und Angehörigen des russischen Geheimdienstes „gesäubert“. In Berlin erinnert in der Johannisstraße 11 eine Gedenktafel – dort verbrachte sie einige Zeit in einer Klinik – und in Wien eine weitere Tafel an ihrem einstigen Wohnhaus in der Florianigasse 7 an die große Dichterin. Wichtiger als Gedenktafeln aber sind ihre Bücher, zum Beispiel die Erzählungen „Am Meer“ aus dem Wallstein Verlag.

Illustrationen © Michael Kausch

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