Der lange Abschied vom Papier

Über das Thema „Papierloses Büro“ könnte ich ganze Bände schreiben. Andere haben das schon getan: Eine Google-Suche nach „Bücher über das papierlose Büro“ ergab sage und schreibe 131.000 Treffer, darunter „Der Mythos vom papierlosen Büro“ oder „Paperless Office 2009“. Wie viele unschuldige Bäume würden heute noch leben, wenn diese Bücher nicht geschrieben worden wären?

Google hat mich aber auch zu Brinda Dalal geführt. Sie ist Anthropologin, arbeitet am Forschungslabor von Xerox und bezeichnet sich selbst als „Garbologist“, was so viel wie „Abfallforscher“ heißt. Ihr Job ist es, die Papierkörbe großer Unternehmen zu durchwühlen und herauszufinden, was die Leute im Büro so alles ausdrucken und wann sie es wieder wegwerfen. Ihre Ergebnisse sind ernüchternd: 1.200 Seiten druckt der durchschnittliche Firmenmitarbeiter pro Monat aus. Schlimm genug, aber schlimmer ist die Tatsache, dass 21 Prozent davon noch am gleichen Tag in die runde Ablage wandern.

Warum sie das tun? Weil sie Menschen sind, und Menschen haben nun mal gerne etwas in der Hand. Wir reden jetzt nicht etwa von Chefs, die ihre E-Mails von der Sekretärin ausdrucken und sich in der Postmappe vorlegen lassen. Solche Leute leben noch in der digitalen Steinzeit. Nein, wir reden vom ganz normalen Büroarbeiter, der seine Aufträge, Stücklisten, Rohentwürfe oder Mails gerne auf dem Schreibtisch vor sich liegen hat, wenn er etwas bearbeitet, weil er schneller und effizienter auf die Informationen zugreifen kann, die er braucht, um seinen Job zu machen.

Statt das zu beklagen, möchte Frau Dahl etwas dagegen tun. Nicht, indem sie noch ein elektronisches Dokumentenmanagementsystem entwickelt, sondern indem sie dafür sorgt, dass Papier immer wieder beschrieben kann.

Bitte jetzt keine Witze über wiederverwendbares Klopapier! Sie meint es ernst. Xerox hat Kopierpapier entwickelt, bei dem die Schrift spätestens nach 16 Stunden komplett verblasst, so dass man es wieder in den Kopierer oder in den Drucker legen kann. In ihren Versuchsreihen hat sie ein einzelnes Blatt Papier schon bis zu 55 Mal bedruckt, und sie meint, der einzige Begrenzungsfaktor sei die Lebensdauer des Papiers selbst. Irgendwann fängt es halt an, Gebrauchsspuren zu zeigen und muss dann unwiederruflich in den Papierkorb wandern.

Eine Alternative wäre natürlich echtes elektronisches Papier, und das gibt es auch schon. Es heißt „ePaper“ und wird von einer Firma mit dem schönen Namen „E-Ink“ hergestellt, die offenbar auch gleich die passende elektronische Tinte dazu liefert. Man rührt das Zeugs in großen Bottichen aus allen möglichen Chemikalien zusammen und rollt es zu hauchdünnen Bahnen aus, die nach dem Trocknen mit digitalen Texten und Bildern gefüllt werden können.

Einen Schritt weiter geht die Firma Americhip: Sie hat neulich im Auftrag des amerikanischen Fernsehsenders CBS Tausende von winzigen Folien-Bildschirmen geliefert, die in die Gesamtauflage der Zeitschrift „Entertainment Weekly“ eingeklebt wurden und auf denen der geneigte Leser einen kleinen Werbefilm anschauen konnten. Das Ding ist sogar wiederverwendbar! Mit Hilfe eines USB-Kabels kann die Batterie nämlich aufgeladen werden, und es lassen sich sogar andere Videos vom PC überspielen. Ich nehme an, Sie werden diese Kolumne irgendwann einmal als Podcast anschauen müssen. Ich kann sie dann allerdings nicht mehr vormittags im Morgenmantel schreiben, sondern muss mich vorher fein machen, aber so ist nun mal der Fortschritt.

Ich bin jedoch sicher, dass ein papierloses Büro eine sinnvolle Sache wäre, und wir sollten alle auch versuchen, etwas weniger davon zu benützen, der Umwelt zuliebe, aber auch der Kosten wegen. Nur glaube ich, ehrlich gesagt, nicht daran, dass Papier aus unserem (Büro-)Leben komplett verschwinden wird. Wäre ja auch schade: Worin sollen wir denn unsere Frühstücksbrötchen einpacken? Oder verschwinden die eines Tages etwa auch?

Ein Gedanke zu „Der lange Abschied vom Papier“

  1. Bis vor drei Jahren hatte ich eine Kollegin, die ihre Emails immer ausgedruckt hat, weil man sie dann besser lesen kann.
    Bis vor einem Jahr hatte ich eine Kollegin, die ihre Texte zur Korrektur immer ausgedruckt hat – weil man sie dann besser korrigieren kann – und anschließend alle Korrekturzeichen in den Korrekturmodus von Word übertragen hat.
    Bis zu einem papierlosen Büro wird es wohl noch lange dauern.
    Aber das mit dem Papier, das sich selbst löscht, ist eine überaus glückliche Erfindung. Bei Verfügbarkeit werde ich meine Joblisten von Outlook auf dieses Papier umstellen. Jobs, die nach zwei Wochen nicht erledigt sind, verschwinden dann einfach. Und zurecht! Herrlich!

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