Das Ende des Browserkriegs

Heute morgen wurde ich durch eine Radiomeldung verblüfft. Auf Bayern 5 war zu hören, der Browserkrieg sei nun beendet. Das war ein bißchen dick aufgetragen, was für ein Krieg? Der Krieg ist doch längst vorbei. Ein historischer Beitrag? Mitnichten. Es gab tatsächlich immer noch Diskussionen über den Browser, dessen Wahl Microsoft eben dem Anwender überlassen muß.

Wie war das noch mal? Microsoft hatte irgendwann einmal keinen Browser im Angebot. Mitte der Neunziger. Das machte einen Marktanteil von 0%, leicht zu rechnen. Aber das ist lange her. Bill Gates mußte einsehen, einen Fehler gemacht zu haben, eine Entwicklung schlicht verschlafen zu haben. Der flugs nachgelegte Internet Explorer („IE“) sollte das bereinigen. Aber der Zug war abgefahren. Nur drei Prozent Marktanteil konnte der IE im ersten Jahr erobern. Marktbeherrschend war damals Netscape, die kommerzielle Weiterentwicklung des ersten brauchbaren Browsers „Mosaic“. Die Software sagte über sich selbst

Remember, it is spelled N-E-T-S-C-A-P-E, but it’s pronounced Mozilla

Und es gab eine geheime Kommandofolge, nach deren Eingabe das Netscape-Logo verschwand zugunsten eines niedlichen Drachens, der sogar Feuer spuckte. Mozilla eben. Wie die Sache weiterging, ist heute Geschichte. Microsoft nutzte einfach seine Marktmacht als Betriebssystemhersteller und lieferte den Internet Explorer kostenlos bei jedem Betriebssystem mit. Wer den IE löschte, konnte auf einmal auf diverse Funktionen von Windows nicht mehr zugreifen. Zusätzlich begann man, „Erweiterungen“ in HTML einzubauen, damit es Dinge gäbe, die man nur im IE anschauen könnte und nicht in Netscape. Das gleiche tat übrigens auch Netscape, was nicht minder ärgerlich war, denn all das machte die Arbeit einer Webagentur nur sinnlos schwieriger. Mit steigendem Marktanteil mußte man immer häufiger lesen

Pages best viewed with Internet Explorer

Ärgerlich, zumal es für mein Equipment den IE gar nicht gab. Und gleichzeitig häuften sich die Sicherheitsvorfälle, die es lange nicht ratsam scheinen ließen, den IE einzusetzen. Und dennoch, das Blatt wendete sich. Nach drei Jahren war Netscape de facto vom Markt verschwunden und der IE lag weit über 90%. Aber der Netscape-Code blieb, inzwischen längst der Mozilla Foundation, also der Öffentlichkeit, übergeben. Und mit dem Konzept der Freien Software holte die Mozilla Foundation schnell wieder auf. So kam Firefox in die Welt und lehrte den inzwischen unbeweglichen und mangels Konkurrenz recht statischen Explorer das Fürchten. Und obwohl man den Firefox erst herunterladen und installieren mußte, während auf Windowssystemen der IE bereits installiert war, eroberte Firefox Prozentpunkt für Prozentpunkt den Markt zurück.

Bedenken wurden geäußert. Microsoft ist bekanntlich nicht zimperlich, seine Marktmacht zu verteidigen. Wenn der Wettbewerb nicht von selbst passiert, fühlt sich die Politik gerufen, und jeder dürfte die Antimonopolverfahren gegen Microsoft mitbekommen haben. Dabei war der Krieg zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr so ernstzunehmen. Heute geht es doch längst nicht mehr um den Browser. Microsoft hat inzwischen ganz andere Probleme. Linux zum Beispiel. Oder Google, das Microsoft auf dessen ureigenem Stammgebiet angreift: Betriebssysteme, Office-Software und Browser. Und das zeitgleich immun ist gegen den Angriff von Microsoft auf den Suchmaschinenmarkt, wie es aussieht. „bing“ tut sich schwer.

Zumindest hier tut mir Microsoft schon fast leid. Mit einem hohen Browsermarktanteil könnte Microsoft seine Suchmaschine pushen. So wie Firefox standardmäßig Google fragt, so könnte der IE die bing-Anfragen erhöhen. Aber jetzt hat sich die EU in diesem uralten Streit durchgesetzt und Microsoft muß jetzt vor dem ersten Browserstart auf jedem System scheinheilig fragen, ob man nicht vielleicht einen anderen Browser einsetzen will. In Deutschland ist das so seit heute. Und so kam es zu der Meldung, ein Krieg sei zuende.

Ein bißchen gruselig, dass der Krieg von der Politik beendet wurde. Also von Menschen wie Frau Zypries, der Justizministerin a.D., die ja bekanntlich gesagt hat „Browser, Browser, was war noch mal schnell wieder ein Browser?“

Ich verwende Safari, ich habe einen Mac. Aber Firefox finde ich nett, nicht zuletzt wegen der Chefin der Mozilla Foundation, Mitchell Baker, die man oben im Bild bewundern kann. Immer, wenn ich sie sehe, frage ich mich, was zuerst war: Das Firefox-Logo oder ihre Frisur?

2 Gedanken zu „Das Ende des Browserkriegs“

  1. Vielleicht ist der Krieg beendet, die Auswirkungen aber sind immer noch spürbar.

    Komplexere Webseiten haben für jeden Browser eine Weiche eingebaut. Alles was der IE7 nicht konnte, musste für ihn extra programmiert werden und das war nicht wenig. Der IE8 scheint dagegen ganz manierlich zu sein, aber viele Webseiten verhalten sich merkwürdig, weil sie den IE8 nicht kennen und ihn für einen schrottigen IE7 halten.

    Als Agentur ist man ständig am Nachbessern, wenn wieder ein neuer halbgarer Browser auf den Markt kommt … und wer bezahlt diese Leistung?

  2. Aber war Netscape nicht eine tolle Aktie? Man konnte eine zeitlang mit ihr richtig Fahrstuhl fahren: Wenn sie gerade unten war, stieg man ein, fuhr hoch, stieg aus, ging zu Fuß wieder runter – da war sie schon wieder da, und man konnte wieder einsteigen. Habe ich 3 oder 4x gemacht, meine einzige echt gute Dotcom-Investition (alle anderen sind pleite oder kosten heute ungefähr ein Zehntel von dem, was ich bezahlt habe…).

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