Amok…

Ein junger Mensch schnappt sich eine Waffe, tötet etliche Menschen und am Schluß sich selbst. Das ist unfaßbar tragisch. Familien sind zerstört, Schulen brauchen Jahre, um wieder zur Normalität zu finden, wir reagieren alle fassungslos. Die Bilder gleichen sich. Als Name hat sich Amok eingebürgert. Amok, eines der wenigen Fremdworte aus dem Indonesischen, von „amoak“, blindwütig töten. Auf den Amoklauf folgt das Ritual: Politikern fordern reflexhaft ein Verbot von bestimmten Computerspielen, also Ballerspielen, sogenannten Ego-Shootern. So ritualisiert, wie es beginnt, geht es weiter. Jedes Mal. Irgendwer erklärt, wie elementare Logik funktioniert.

Wenn aus A B folgt, so heißt dies nicht zwingend, daß aus B wieder A folgt. Wenn Champagner ein Getränk ist, heißt das nicht, daß jedes Getränk Champagner ist. Wenn Amokläufer gerne Ego-Shooter spielen, dann heißt das nicht, daß jeder, der gerne auf dem Computer ballert, Amok laufen wird. Man darf nicht Ursache und Wirkung verwechseln. Das heißt, man darf schon. Aber leider kommen wir so nie zu wirkungsvollen Maßnahmen der Vorbeugung.

Verrohen Spiele den Spieler? Wecken sie die Bereitschaft, durchzudrehen? Möglicherweise. Nicht ohne Grund sind manche Spiele für Kinder verboten. Ausschließen kann man jedenfalls nichts, gleichwohl bleibt der Verdacht ein vager. Möglicherweise helfen Computerspiele, Aggressionen abzubauen. Die Argumentation ist jedenfalls nicht neu. Mit der Erfindung der Kinematographie wuchs bei den Bedenkenträgern die Sorge, Filme verwirrten den Geist und stumpften ab. Und was ist die Kernaussage des berühmten Buches von Miguel de Cervantes, Don Quixote? Das Lesen von Romanen verwirrt den Geist. Auch hier: Ursache? Wirkung?

Spiele verbieten ist jedenfalls keine wirkungsvolle Maßnahme. Weitere Beispiele gefällig?

  • Spielsüchtige Menschen sind oft Kettenraucher. Das heißt aber nicht, dass man mit einem Verbot von Zigaretten die Spielsucht bekämpfen kann.
  • Wer viel Steuern hinterzieht, muß ein höheres Einkommen haben. Das heißt aber nicht, daß man alle Bezieher von höheren Einkommen wegen Steuerhinterziehung belangen sollte. Es heißt auch nicht, dass es sinnvoll wäre, höhere Einkommen erst gar nicht zuzulassen, um die Steuerhinterziehung zu verhindern, aber das wäre wenigstens nicht unlogisch.
  • Wenn im Internet Verbrechen verübt werden, heißt das nicht, daß eine Einschränkung des Internet Verbrechen verhindert.
  • Auch wenn in Österreich in einem Keller ein schreckliches Verbrechen verübt wurde, so hilft es nichts, die Unterkellerung von Häusern zu verbieten.

Die Liste läßt sich beliebig fortsetzen. Bei Eisenbahnunglücken sind die Personen im letzten Wagen durchschnittlich der höchsten Gefährdung ausgesetzt. Was kann man dagegen tun? Schizophrenie-Patienten neigen angeblich dazu, hierauf zu antworten: Hängen Sie den letzten Wagen ab!

4 Gedanken zu „Amok…“

  1. Amok wird in der Literatur als eine psychische Extremsituation beschrieben, die durch Unzurechnungsfähigkeit und absolute Gewaltbereitschaft gekennzeichnet ist. Im Gegensatz zum Berserker, der in mittelalterlichen skandinavischen Quellen als ein im Rausch Kämpfender bezeichnet wird, der keine Schmerzen oder Wunden mehr wahrnimmt, erfolgt in der Regel – wie in Winnenden – die Tat eines Amokläufers keinesfalls spontan, sondern durch langes Grübeln geplant und gelegentlich auch durch sogenannte Leakings angekündigt (auch wenn das in diesem Fall her eine Fälschung in einschlägigen Dikussionsforen zu sein scheint). Korrekt scheint mir hier eher der psychologische Fachbegriff des „School Shooting“ zu sein, mit dem Tötungen und Tötungsversuche von Jugendlichen bezeichnet werden, die in einem direkten Bezug zu einer schulischen Einrichtung begangen werden. Damit kann sich jeder von uns vermutlich schon eher identifiztieren: Wer wollte nicht irgendwann mal seinen Lehrer auf den Mond schießen – der operative Begriff hier ist „schießen“? Das alles gab es schon lange, bevor es Computerspiele gab, und kein Gesetz der Welt wird auch nur einen Deut daran rütteln. So schwer es fällt: Es bleibt am Ende keine andere Wahl, als Ereignisse wie diese den Entgleisungen menschlicher Natur zu schulden. Dagegen gibt es kein Mittel – nur demütige Selbsteinkehr.

  2. Ich weiß, das passt überhaupt nicht hierher, aber trotzdem bin ich froh, es gefunden zu haben:

    Which number do you have to press when you call the Psychiatric Hotline?

    If you are obsessive-compulsive, please press 1 repeatedly
    If you are co-dependent, ask someone else to press 2
    If you have multiple personalities, please press 3, 4 & 5
    If you are paranoid-delusional, we know who you are & we’ll trace the call
    If you are schizophrenic, listen carefully and a voice will tell what # to press
    If you are manic-depressive, it doesn’t matter which # you press, no one will answer
    If you believe you are the antichrist, please press the number six three times, you beast you
    If you have ADD, press . . . Hey, look at that pretty cloud out the window!
    If Autistic Savant play Beethoven’s Moonlight piano Sonata No.14 in C-sharp minor, 1st movement

    Thanks to http://www.bestandworst.com/rate/c/?id=899810

  3. Nach einem durchschnittlichen School-Shoting braucht man nicht lange warten, dass Counterstrike auf der Festplatte des Täters gefunden wird und der eine oder andere Sportschütze/Jäger in der Verwandtschaft von der Presse ausfindig gemacht wurde. Der Kausal-Zusammenhang ist schnell und einfach erklärt, wie auch die Tatsache, dass die Kinder, die Nintendos Mario-Kart gespielt haben, später auch für die vielen Verkehrstoten verantwortlich sind. Humphrey Borgart ist am Lungenkrebs tausender Casablanca-Fans schuld und deshalb darf in Spielfilmen nicht mehr geraucht werden …

    Wenn die Welt und die Menschen doch so einfach wären, wie die Massenmedien uns das weismachen wollen.

    Ich glaube, dass die Menschen mehr davor Angst haben, dass man manche Dinge eben nicht einfach so erklären und begreifen kann, als vor einem Counterstrike-zockenden Sportschützen mit Schulfrust.

  4. Nur weil’s so schön und richtig ist, hier einfach die Wiederholung von Alexander Broys Eintrag:
    „Ich glaube, dass die Menschen mehr davor Angst haben, dass man manche Dinge eben nicht einfach so erklären und begreifen kann, als vor einem Counterstrike-zockenden Sportschützen mit Schulfrust.“

    Die interessantere Frage wäre doch: Warum laufen nicht mehr Leute Amok? Als ob’s nicht Motive ohne Ende gäbe! Viel aufregender sind doch Leute, die nicht Amok laufen. Sie haben offenbar einen Grund gefunden, es nicht zu tun. So wie Albert Camus die Frage des Selbstmords als einzige wesentliche der Philosophie ansah.
    (mehr dazu auf meinem tazblog)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.