Ein Internet-Verbrecher an der Spitze

Er hat es geschafft!

Das war längst überfällig: Nachdem das Internet unseren Alltag und unsere Konversationen, die Geschäftsmodelle ganzer Branchen und die Wahrnehmung unserer Selbst durchdrungen und verändert hat, wurde es höchste Zeit, dass auch die Kriminalistik die Zeichen der Zeit erkannt und einen Internet-Gangster an die Spitze der Liste der meistgesuchten Verbrecher setze. Eric Justin Toth, ein Lehrer aus meinem Heimatstaat Washington, hat es geschafft. In der Liste der „Top Ten Most Wanted Fugitives“ ist er an die Spitze gelangt. Dazu war es allerdings erst nötig, dass US-Marinesoldaten den flüchtigen Terrorchef Osama bin Laden aus Putativnotwehr erschossen, aber jetzt war Platz eins frei, und den hat das FBI nun an Toth vergeben.

Nicht, dass er ein mordlüsterner Bankräuber im Stile Al Capones wäre (der es übrigens, entgegen landläufiger Meinung, nie auf den ersten Platz der Liste brachte). Nein, Eric ist Päderast. Zumindest ist er entsprechend veranlagt: Er schaut sich gerne Bilder von kleinen Mädchen und Buben an. Belästigt hat er, soweit man weiß, zwar noch keines davon. Er wurde 2008 lediglich deshalb verhaftet, weil man auf seiner Festplatte Kinderpornos entdeckt hatte. Das ist sicher verwerflich, aber ob das wirklich für einen Platz unter Amerikas Topverbrecher langt, darüber darf man zumindest Zweifel anmelden. Jedenfalls ist er untergetaucht, und das FBI ist frohen Mutes, ihn bald fassen zu können dank Internet und Online-Fahndung. Immerhin hat er eine auffällige Warze am Auge, das müsste ihn früher oder später verraten.

Man fragt sich bei dieser Gelegenheit, wie es überhaupt einer schafft, unter die Top Ten zu kommen. Die berühmte Liste war eine Erfindung des äußerst publicitygeilen FBI-Chefs G. Edgar Hoover, der den Serienbankräuber John Dillinger in den 30ern offiziell zum „Public Enemy Number One“ erklären lies. Die Liste der zehn Meistgesuchten wurde aber erst 1950 eingeführt. Der erste, der Platz eins besetzte, war William Holden, der seine Frau und seine beiden Schwager tötete und sich anschließend ein Jahr lang erfolgreich verstecken konnte, bevor er gefasst, verurteile und nach Alcatraz verschickt wurde. Seitdem haben 494 Namen die Liste geziert, wovon 464 dingfest gemacht werden konnten; einer von ihnen, der Kleinkriminelle Victor Manuel Gerna, befindet sich seit 1983 immer noch auf freiem Fuß.

Von Zeit zu Zeit wird die Liste auch dafür verwendet, politisch Unliebsame zu Staatsfeinden zu erklären, wie beispielsweise die Aktivistin Angela Davis, die bei Herbert Marcus studierte und später zu den Kommunisten stieß. Man warf ihr vor, die Tatwaffe besorgt zu haben, mit der 1970 versucht wurde, George Jackson, ein Mitglied der Black Pathers, zu befreien. Sie wurde gefasst und vor Gericht gestellt, jedoch in allen Punkten freigesprochen, und kandidierte später für die Kommunistische Partei der USA für das Amt des Vizepräsidenten.

Der gute – nein: der böse – Toth ist also in durchaus gemischter Gesellschaft mit seinem Listenplatz. Vor allem aber markiert seine Aufnahme in den Verbrecher-Olymp das erste Mal, dass es das Internet unter die Top Ten geschafft hat. Das ist auch irgendwie ein Meilenstein in der Online-Geschichte, oder nicht?

 

Ein Gedanke zu „Ein Internet-Verbrecher an der Spitze“

  1. Wird der werte Herr denn auch von der Kontentmafia gesucht?
    Wenn er selbst keine Vergehen an Kindern begangen hat, so bleibt nur die Möglichkeit des Kopierens – also des Raubmordkopierens.

    Raubmordkopierer gehören ja natürlich ganz oben auf diese Liste, das steht ja schon länger in allen Zeitungen.
    Nicht das ich das KiPo Thema verharmlosen will, aber es passte nun so gut in die Diskussion.

    Respekt das du @Tim den Mumm hast überhaupt über so ein Thema zu bloggen. Es ist ja leider so, das es darüber keine ehrliche Diskussion gibt und Medien das nicht mal mit der Pinzette anpacken. Lieber Stoppschild vor und das tun was den wahren Opfern am wenigsten bringt: Verstecken und verdrängen.

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