Chinas Blogger machen Journalisten Feuer unterm Hintern

Verbotenes Bild: Hotelbrand in Bejing

Verbotenes Bild: Hotelbrand in Bejing

Wenn die richtigen Journalisten ihren Job nicht machen können oder wollen, dann werden ihn eben die Blogger machen. Das ist die Botschaft, die aus China zu uns kommt nach dem verheerenden Feuer, bei dem am Montag das neuerbaute Hotel Mandarin Oriental bis auf ein ausgeglühtes Stahlskelett ausbrannte.

Inzwischen ist klar, dass es Mitarbeiter des Staatsfernsehens China Central Television (CCTV) waren, die mit einem illegalen Privatfeuerwerk die Brandkatastrophe ausgelöst haben. Überall in China werden am letzten Tag des Mondjahres Böller gezündet und Raketen abgefeuert. Eigentlich ist das verboten, weil in der Vergangenheit immer wieder Unglücke passiert sind, aber die Behörden drücken meist ein Auge zu – Traditionspflege und so.

Nun ist die Sache gründlich schief gegangen, eines der Wahrzeichen der Olympiade von Bejing ist eine verkohlte Ruine, und das zu einer Zeit, in der das ganze Land aufgrund von Wirtschaftskrise und Exportrückgang an Katzenjammer leidet. An Symbolträchtigkeit ist das eigentlich nicht mehr zu überbieten – nur bekommen die Chinesen die Bilder nicht zu sehen.

Jedenfalls nicht im Staatsfernsehen. Auch die angesehene Tageszeitung „Beijing News“ brachte keine Fotos auf der Titelseite, und die Nachrichtenagentur Xinhua zog es vor, auf ihrer Homepage ein Foto einer ganz anderen Katastrophe abzubilden: eine Massenpanik in Südkorea, bei der vier Menschen zertrampelt worden sind.

So richtig peinlich wurde es dann, als eine Direktive der Propagandaabteilung der Regierung im Internet auftauchte, in der den Journalisten des Landes klare Anweisunhgen gegeben wurde, wie sie den Brandfall von Bejing zu behandeln hätten: „Keine Fotos, keine Video-Clips, keine vertiefende Berichterstattung!“ Alle Medien hätten sich gefälligst der Meldungen von Xinhua zu bedienen. „Die Meldung soll ausschließlich in den Nachrichtenteil gestellt werden, und Kommentarfunktionen sind abzuschalten.“

Pech nur, dass Leser und Zuschauer in China längst nicht mehr auf die Profi-Journalisten angewiesen sind. Binnen Minuten nach Beginnd es Brandes standen in den Blogs schon mit Mobiltelefon-Kameras aufgenommene Bilder und Filme, von denen einesganz klar zeigte, wie eine von CCTV-Mitarbeitern abgefeuerte Rakete ins Dach des Hotelgebäudes einschlug, aus dem sodann Flammen aufloderten. Wang Xiofeng, Chinas berühmtester A-Blogger, den TIME 2006 zum „Person of the Year“ erklärt hat, verhöhnte die Fernsehmacher, die aus Versehen eines der größten News-Stories des Jahres ausgelöst, es aber versäumt hätten, darüber zu berichten. „Sie empfanden offenbar kein Bedürfnis, die Nachricht zu melden, obwohl das Feuer ihnen bis zu den Augenbrauen stand“, schrieb er, und fügte hinzu: „In diesem Fall der Nachrichtenlage sind die offiziellen Medien von den Bürgermedien geschlagen worden!“

Es steckt eine tiefe und für einen Journalisten beunruhigende Erkenntnis in diesen Zeilen. Wenn die Leser und Zuschauer in Zukunft, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr mit dem zufrieden sind, was wir abliefern, dann werden sie uns den Rücken kehren und sich eben eine andere Informationsquelle suchen – oder eben selber machen. Und sie können das, weil wir längst die Nachrichtenhohheit abgegeben haben – abgeben mussten, denn die Leser-Reporter von BILD sind überall, wir nicht.

Wenn wir jetzt auch noch, wie die Kollegen in China, unsere Glaubwürdigkeit an der Eingangstür zur Redaktionsstube abgeben, dann sind wir als Berufsstand ganz schnell komplett marginalisiert.

2 Gedanken zu „Chinas Blogger machen Journalisten Feuer unterm Hintern“

  1. Man muss ja gar nicht China als Beispiel nehmen – seit ich für mein tazblog etwas genauer hinschaue, seh ich auch hierzulande gewohnheitsmäßige Nachrichtenunterdrückung. Oder hast du erfahren, dass Bolivien und Venezuela schon Anfang Januar die diplomatischen Beziehungen zu Israel abgebrochen haben, aus Protest gegen die Angriffe auf Gaza? Gezielte Nichtinformation betreibt aber nicht nur die taz, auch ARD und ZDF, SternSpiegelZeitSZFAZ. Verblüfft war ich dann aber schon, als ich erfahren habe, dass in Hamburg sogar das Angebot im Kabelfernsehen reduziert wurde. Vorige Woche schrieb Joseph Glagla aus Hamburg einen Leserbrief zu einem taz-Kommentar von Iris Hefets. Die Berliner Jüdin hatte „bemerkt, wie die deutschen Medien bevorzugt die israelische Position im Nahostkonflikt verbreiten und andere Stimmen ignorieren.“ Der taz-Leser fügte eigene Erfahrungen hinzu: „Anfang Januar wurde in unserem Kabelnetz der Sender Al-Jazeera/English abgeschaltet. Rein zufällig war es genau die Zeit, in der der Gazakrieg tobte, Israel ausländischen Journalisten den Zugang in den Gazastreifen verwehrt hat und nur die dort anwesenden Al-Jazeera-Journalisten berichten konnten.“
    Na klar, reiner Zufall. Wer DSL hat, kann aber auch im Internet gucken: english.aljazeera.net/. Die können es inzwischen locker mit news.bbc.co.uk/ aufnehmen. Vergleiche mal, du wirst dich wundern!

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