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100 Tage – 100 Schallplatten

Gestern endete auf meiner Facebook-Seite „Michael Kausch schreibt“ und auf meinem Instagram-Kanal das Projekt #tagesplatte. Über 100 Tage habe ich jeden Tag eine Schallplatte aus einer Sammlung vorgestellt.  Angefangen hat es mit einer dieser Aktionen, in der Freunde einen darum bitten 10 Dinge zu tun und 10 Freunde darum zu bitten ebenfalls 10 Dinge zu tun. Ihr kennt das: eine Schneeball-Aktion, die dazu führt, dass Facebook jede Menge Traffic bekommt. Ich mag diese Challenges, die neuerdings sogar bei LinkedIn um sich greifen eigentlich nicht besonders und mach in der Regel auch nicht mit, aber bei Schallplatten kann ich nur sehr schwer NEIN sagen. Ich liebe diese schwarzen Scheiben nun mal. Und eigentlich sollte ich auch nur Bilder der Cover online stellen, aber das geht ja gar nicht. Ich muss doch sagen, warum ich gerade diese Platten vorstelle und nicht tausend andere. Und wie soll ich mich für 10 (!) entscheiden? Schon die Auswahl von 100 war eigentlich ganz und gar unmöglich.

Der Autor beim Hören einer Schallplatten

Trotzdem ich hab es getan: ich habe 100 Tage lang 100 Platten – ausschließlich Vinyl – vorgestellt. Und immer habe ich ein bisschen was dazu geschrieben, mal mehr, mal weniger. Keine Plattenkritiken. Mehr so persönliche Erinnerungen und Assoziatiönchen. Und die Auswahl war furchtbar unfair gegenüber die vielen Platten, die hier noch herumstehen und die mir genauso wichtig sind.  Manche vielleicht sogar wichtiger. Je nach Tageslaune.

Was bleibt nach 100 Tagen? Eine große Ernüchterung:

Die Filterblase der Schallplattenhörer

Tom Waits

Analysiert man mal, welche Plattentipps besonders viele Likes bekommen haben und welche gar keine, dann muss man feststellen, gelikt wird was man kennt, nicht was überrascht. Und das ist natürlich schade. Das waren die meistgelikten Scheiben:

  • Jethro Tull: Aqualung
  • Beatles: Abbey Road
  • Jane Birkin: Je t’aime … moi non plus
  • Doors: Weird Scenes Inside The Gold Mine
  • Simon and Garfunkel: Bridge Over Troubled Water
  • Johnny Cash: At Folsom Prison
  • Peter Thomas: Raumpatrouille Original Soundtrack
  • Leonard Cohen: Songs from the Road

Das sind nun Platten, die wirklich jeder und jede – jedenfalls in meiner Altersklasse – kennt.  Das läuft heute auf Bayern 1. Einziger Ausreißer: Die Musik vom Raumschiff Orion. Aber das war der Kult-Klassiker aus der Fernsehgeschichte. Ich hab sie hochgejubelt und es hat funktioniert.

Jethro Tull

Aber seltsam: ich höre ja gar nicht Bayern 1 – es sei denn, es läuft grad „Heute im Stadion“! Ich höre Bayern 2 (Zündfunk seit 40 Jahren) und Bayern 4, das sich mittlerweile „Klassik“ nennt. Aber Klassik geht bei meinen Freunden ebenso wenig wie Jazz. Und überhaupt geht gar nicht, was man nicht kennt. Die Platten, die gar keine Likes bekommen haben:

  • Uschi Laar: Ainka
  • Ihre Kinder: Mondfahrt
  • Charlie Parker: Bird on 52 Street
  • Volker Kriegel: Live in Bayern
  • Maximilian Kerner
  • Tommi: Fuchs, du hast die Gans gestohlen
  • Richard Wagner: Der Fliegende Holländer
  • Robert Schumann: Fugen über Bach
  • Jean-Christian: Michael Requiem
Uschi Laar

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Immer wieder habe ich versucht zwischen die großen Brüller mal ein paar Tipps einzustreuen, selten genug. Aber damit bin ich auf taube Ohren gestoßen, im wahrsten Sinne des Wortes.

Wenig Interesse an „Ihre Kinder“, die einstmals beste R&B-Band mit deutschen Texten. Kein Interesse an den „Monks“, aber natürlich an „Kraftwerk“. Dabei hätte es „Kraftwerk“ ohne die „Monks“ vielleicht nie gegeben. Uschi Laar und Jean Christian sind tolle Instrumental-Solisten: interessiert keine Sau! „Poesie und Musik“,  „Oswald von Wolkenstein“, sie haben alle keine Chance auf Aufmerksamkeit.

Monks

Gelikt wird was man kennt. Die Filterblase funktioniert auch hier. Und trotzdem gibt es immer wieder mal Momente, wo ich mich richtig gefreut habe. Das Dylans letzte Platte gegen Willy Michl bei meinen Facebook-Freunden mächtig abstinkt: Toll!

Und ich will auch nicht aufgeben gegen die Blase anzuschreiben: Ich werde  ein neues Projekt starten: 100 Tage – 100 Bücher. Unter dem Hashtag #tagesbuch werde ich diese Woche damit beginnen in 100 Tagen auf meiner Facebook-Seite „Michael Kausch schreibt“ 100 Bücher vorzustellen. Und zwischen ein paar Nobelpreisträgern wird es garantiert ein paar völlige Außenseiter geben, die man unbedingt lesen sollte und deren Entdeckung wirklich lohnend ist. 

3 Gedanken zu „100 Tage – 100 Schallplatten“

  1. Spannend, wenn auch wenig überraschend, ich habe auch nur geklickt, was ich mag (und dazu gehört nun mal zwangsläufig, dass ich es kenne).
    Allerdings habe ich festgestellt, dass ich mitnichten alle FB-Posts gesehen habe, sonst hätte es vielleicht ein paar Herzerl mehr gegeben.
    Vielleicht sind wir aber auch in einem Alter angekommen, wo man sich musikalisch mehr nach Vertrautem sehnt, was man kennt und immer schon gehört hat und einem die eigene Jugend wenigstens einen Moment lang zurückgibt. Da bleibt dann Neugier, Interesse, Experimentierlust doch ein wenig auf der Strecke. Oder verkürzt in freier Abwandlung:
    Was der Senior nicht kennt, hört er nicht.
    Dabei wäre es doch heutzutage wesentlich leichter, zumindest mal in Unbekanntes reinzuhören (z..B. via Spotify) als in einem Laden mal zu fragen, ob man die Platte mal probehören darf.

    Jetzt aber bin ich gespannt auf die 100 Bücher – und werde wieder nur klicken, was ich mag oder was mich zumindest so anspricht, dass ich es lesen möchte.

  2. Ich mach das tatsächlich anders. Ich schreibe mir immer wieder Lese- und Hörtipps in einen Notizzettel in mein Smartphone mit Hinweis von wem der Tipp kommt und kaufe später Platte oder Buch. Natürlich abhängig davon , von wem der Tipp kommt. Es gibt Menschen, die schätze ich sehr und ich würde blind jedem ihrer Restaurant-Tipps folgen und um jeden Buch-Tipp einen großen Bogen machen. Und umgekehrt. Natürlich kommt es vor, dass man ab und an dann auch mal ein Buch nach einigen Seiten mit großem Stöhnen auf die Seite legt. So ging es mir mit einem japanischen Schriftsteller, dessen Namen ich schnell verdrängt habe. Aber das kommt doch recht selten vor. Es überwiegen die positiven Überraschungen. Solange mein Hof- und Hausbuchhändler noch lebte konnte ich zu ihm gehen und sagen „Ich hätte gerne was zu lesen“ und er drückte mir ein Buch in die Hand. Er kannte meine Vorlieben, z.B. Expeditionsgeschichten aus dem 19. Jahrhundert, Geschichtenerzähler orientalischen oder südeuropäischen Zuschnitts mit getragener Erzählweise und Menschen mit skurrilem Humor.
    In der Literatur gelingt mir die Weiterentwicklung noch leichter als in der Musik. Aber auch da helfen mir wohlmeinende Freunde und der Rundfunk. Immer wieder zücke ich beim Zündfunk oder in Bayern 4 Soundhound und identifiziere einen Interpreten, von dem ich mir später eine Platte kaufe. Auch hier folge ich manch gut gemeinten Ratschlägen. Das Leben ist zu kurz um immer im gleichen Teich zu baden. Aber wem erzähl ich das, lieber Lutz 😉

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