Schlagwort-Archive: Schirrmacher

Facebook und die Gedankenfreiheit

...aber Facebook kann sie erraten!

…aber Facebook kann sie erraten!

Also doch: Orwell hatte Recht! Sein Albtraum von der „Gedankenkontrolle“ ist Wirklichkeit geworden, die bösen Macher von Facebook sind dabei, unsere Gehirne umzuprogrammieren. Google kontrolliert, was wir denken dürfen. O tempora, o mores!

Der Skandal um manipulierte News-Feeds im Rahmen eines sozialpsychologischen Experiments auf Facebook (die so genannte „Emotional Contagion Study„) haben den Kulturpessimisten reichlich neue Nahrung gegeben. Schade, dass Frank Schirrmacher das nicht mehr erleben durfte!

Aber worum geht es hier eigentlich? Wie jetzt herausgekommen ist haben sich die Wissenschaftler  Jeffrey Hancock and Jamie Guillory von der angesehenen   Cornell University zusammengetan um zu prüfen, ob das Lesen von negative Meldungen Einfluss auf das seelische Befinden von Menschen hat, also ob wir traurig werden, weil wir traurige Nachrichten vorgesetzt bekommen und umgekehrt, ob sich unsere Laune durch die Lektüre guter Nachrichten heben lässt. Dazu wurden die dargestellten Meldungen in den Timelines von rund 700.000 der 1,3 Milliarden Facebook-Nutzern manipuliert, und zwar ohne deren Wissen. Danach analysierten die Forscher die Posts der Betroffenen mit Hilfe von Software, die in der Lage sein soll, aus deren Wortwahl beim Schreiben Rückschlüsse auf ihre Stimmungslage zu ziehen.

Ich muss zugeben: Meine erste spontane Reaktion, als ich das las, war: Wow: eine Software, die lesen kann! Nicht nur lesen, sondern verstehen, wie mir beim Schreiben zumute war. Wie geil ist das? Weiterlesen

Ein Schwimmring für die Datenflut

Afrika

Es vergeht kein Tag, an dem nicht irgendein Kulturpessimist über die Datenflut schwadroniert, in der die Menschen einzeln oder kollektiv zu ertrinken drohen. Big Data ist unser Verderben! Der Kopf, so der jüngst verstorbene FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, kommt nicht mehr mit. Unsere Hirne bilden sich zurück, bis wir, so der Boulevard-Neurologe Manfred Spitzer, den Zustand der „Digitalen Demenz“ erreicht haben.

In Wahrheit scheint die Menschheit in einer Flut von Bedenkenträgern zu versinken. Jeder und sein Bruder ist offenbar bemüht, noch’n Buch zu schreiben, in dem der baldige Untergang der christlich-abendländischen Kultur aufgrund digitaler Überlastung aller Beteiligten vorausgesagt wird. Da tut es richtig gut, zur Abwechslung ein Buch zu lesen, bei dem der Schreiber – in diesem Fall der amerikanische Statistiker Nathan Yau – verstanden hat, dass es einen Unterschied gibt zwischen Daten und Information, und dass es vor allem darum geht, die angeborene Fähigkeit des Menschen, komplexe Strukturen in einfache Bestandteile zu zerlegen und darin Muster zu erkennen , durch die intelligente Aufbereitung der immer größer werdenden Datenmengen zu unterstützen.

Es geht bei ihm um Datenvisualisierung, eine ebenso wichtige wie anspruchsvolle wissenschaftlich-publizistische Disziplin, die laut Yau viel mehr ist als nur die hübsche Aufbereitung von Zahlen. Weiterlesen

Frank Schirrmacher ist tot

schirrmacher nachruf

Eines war er sicher nicht: ein „Mann der Zukunft“, wie ihm die Süddeutsche Zeitung ins Grab rief

Frank Schirrmacher ist tot. Und glaubt man den unzähligen bemühten Nachrufen, dann ist ein Gigant von uns gegangen, ein „herausragender Publizist“ (Gauck), ein „publizistisches Universalgenie“ (SPIEGEL Chefredakteur Büchner), gar „ein Freund“ (Sigmar Gabriel). Ja ja – über frisch Verstorbene sagt man nur Gutes. Am ehesten gefällt mir da noch der Nachruf Frank-Walter Steinmeiers: „Frank Schirrmacher war gesellschaftlicher Vordenker und intellektueller Grenzgänger zugleich. Er hat in seiner Zeitung und im deutschen Feuilleton wichtige gesellschaftspolitische Debatten angestoßen. Wie nur wenige hat er engagiert für seine Überzeugungen gestritten und dabei die Gabe gehabt, zutiefst politisch zu denken und zuzuspitzen, ohne zu verletzen.“

Eins ist klar: an die Maxime, nach der man über frisch Verstorbene nur Gutes zu sagen habe, hätte einer sich gewiss nicht gehalten: Frank Schirrmacher.
Er war fürwahr ein „intellektueller Grenzgänger“. Er hat in „Payback“ viel Dummes über das Internet geschrieben, ebenso im „Methusalemkomplot“ über das Mehrgenerationenhaus Deutschland. Seine Auseinandersetzung mit dem Netz hat uns bei Czyslansky heftig beschäftigt. Wir haben dazu sogar im Dezember 2009 eine öffentliche Diskussionsrunde in München veranstaltet. Es war mein Freund Tim Cole, der im November 2009 den großen Fehdehandschuh in den intellektuellen Ring warf.

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Zwischen Schirrmacher und Renner – Digital ist anders

Unter dem programmatischen Titel “Digital ist anders” habe ich in der jüngsten Wochenendausgabe der F.A.Z. versucht, einen Weg zwischen der opportunistischen Erlösungstheorie der Renner-Brüder und dem kulturkritischen Skeptizismus des F.A.Z.-Herausgebers Frank Schirrmacher bei der Bewertung des Internet und dessen gesellschaftlichen Auswirkungen aufzuzeigen.

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Auch wenn mir Frank Schirrmacher freundlicherweise gleich eine Doppelseite in der nicht gerade kleinformatigen F.A.Z. zugesprochen hat, so musste natürlich trotzdem ein guter Teil des Manuskripts unter dem Diktat der Raumökonomie weichen. Neben vielem anderen hat das Internet gegenüber dem alten Holzdruck den unvergleichlichen Vorteil des unbegrenzten Raumes. Deshalb darf ich an dieser Stelle den Artikel der F.A.Z. mit einigen verfallenen Passagen vervollständigen. Dieses Posting ist also nicht eigenständig zu lesen, sondern als Addendum zum dort veröffentlichtem Text.

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Zeitungs-Skandal: Wer ist der Nächste?

Feuer frei: Zeitungen im Schußfeld

Mordoch stellt sein Massenblatt „News of the World“ ein, meldete soeben die „Tagesschau“ in einer Eilmeldung. Allzu bunt hatten es die Journalisten dort getrieben, Telefone von Promis abgehört und auch sonst wohl bei der Jagd nach der nächsten Schlagzeile übertrieben. Nun wird zurückgeschossen, die drei Millionen Leser müssen jetzt nach einer anderen Boulevardlektüre greifen, wovon es in Großbritannien ja gottlob genügend.

Die Frage, welche Konsquenzen die Schließung der auflagenstärksten englischen Tageszeitung hat, wird sicher noch lange für Debattenstoff sorgen. Viel spannender aber diese: Wen trifft es denn als nächstes? Bei BILD sollen sorgenvolle Mienen bei der Konferenz zu beobachten gewesen sein. Auch bei „Blick“ in Zürich und der „Krone“ in Wien schlichen die Kollegen dem Vernehmen nach verhuscht durch die Gänge. Jeden könnte es treffen: Die „FAZ“, weil sie grob fahrlässig den Stuß von Frank Schirrmacher veröffentlicht, der „Bote vom Welzheimer Wald“ wegen des Dreckfuhlers auf der zweiten Lokalseite.

Wer weiß: Vielleicht erleben wir jetzt endlich die überfällige Renaissance des Qualitätsjournalismus, notgedrungen…

 

Umfrage: Was hat das Internet mit Dir gemacht?

Frank Schirrmacher, der Herausgeber der F.A.Z., hat mich gebeten in einem kleinen Beitrag für die F.A.Z. einmal zusammenzufassen, was das Internet mit mir gemacht hat:

Bin ich auf Grund des Web besser informiert oder überfordert? Sind meine zwischenmenschlichen Kontakte intensiver oder oberflächlicher? Bin ich kreativer oder komm ich gar nicht mehr zum Schreiben? Haben sich Alltag oder Job verändert? Meine Denke? Vinyl oder MP3? Alte Freunde wieder getroffen? Unter Nervensägen gelitten? Ideen und Dissertationen erfolgreich geklaut? Spaß oder Frust?

Mein Artikel nähert sich der Finalisierung. Dabei habe ich bestimmt wieder ein paar Themen übersehen. Deshalb bitte ich Euch um Hilfe: was haben Internet und Social Media mit EUCH gemacht? Ich bin für jede Antwort, für jeden Kommentar auf diesen Eintrag hier dankbar.
Was hat das Internet mit Dir gemacht? Sag’s mir! Knackig und kurz! In maximal 130 Wörtern! Als Kommentar auf dieses Posting. Danke für Eure Hilfe.

Die Sarrazin/Schirrmacher-Debatte: It takes one to know one

Ein Enthüller wird enthüllt

Propaganda bezeichnet laut Wikipedia einen absichtlichen und systematischen Versuch, Sichtweisen zu formen, Erkenntnisse zu manipulieren und Verhalten zu steuern, zum Zwecke der Erzeugung einer vom Propagandisten erwünschten Reaktion. Folgt man dieser Definition, dann sind die beiden Medienphänome Thilo Sarrazin und Frank Schirrmacher ziemlich eindeutig als Propagandamacher einzustufen.

Beide Erfolgsautoren sind zum Beispiel Meister in der Kunst der Verknappung, der Reduktion von komplexen Inhalten auf einfache, leichtverdauliche Häppchen, die beim unbedarften Leser eine Art geistigen Schluckreflex auslösen. Beide arbeiten mit dem klassischen Propagandamittel des Feindbilds – Muslime, Migranten, Alte, Präkarier,  Algorythmenschreiber.  So simpel lässt sich die Welt erklären, wenn man es nur, wie Sarrazin oder Schirrmacher  versteht, die Fakten und Zahlen richtig zu interpretieren, sprich durch Weglassen von Details auf den eigentlichen Kern des Problems zu reduzieren. Das klingt einleuchtend für denjenigen, dem die Welt ohnehin zu komplex erscheint oder der das Gefühl hat, sein Kopf kommt nicht mehr mit.

Das einzige Mittel, um einen Propagandisten zu entlarven, besteht darin, seine Zahlenbasis anzugreifen. Wenn nachweislich und nachvollziehbar mit falschen, geschönten oder frei erfundenen Fakten und Statistiken gearbeitet wurde, dann bricht das kunstvoll errichtete Argumentationsgebäude wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

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So sehen Bestseller aus!

Wie sich die Bücher gleichen…

„Deutschland schafft an, müste der Titel von Thilo Sarrazins neuem Buch eigentlich lauten. Das Ding geht jedenfalls schneller weg als warme Semmeln. Wie eine dpa-Umfrage ergab, war das Buch bereits am Freitag bei vielen Buchhändlern vergriffen. DVA erklärte, das bereits 70.000 Bücher ausgeliefert wurden und am Montag bereits die vierte Auflage mit weiteren 80.000 Exemplaren folgen soll. Auch die fünfte und sechste Tranche sei schon in Auftrag gegeben, so eine Sprecherin der Deutschen Verlags-Anstalt in München. Die Gesamtauflage werde bei 250 000 Exemplaren liegen, denn das Buch sei ein grosser Verkaufsschlager.

Auf der Bestsellerliste von Amazon ist das Buch längst auf dem ersten Platz zu finden, gefolgt von dem Werk „Das Ende der Geduld“ von der verstorbenen Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig. Auch in meinem eigenen Online-Buchladen, wo das Werk von Sarrazin neben Schirrmachers Pestseller unter der Rubrik „schlechte Bücher – die man aber trotzdem gelesen haben muss, um mitreden zu können“ feilgehalten wird, liegt der Noch-Bundesbanker deutlich vorn: 2 Besucher meiner Website haben dort in dieser Woche den roten Einband bestellt, nur einer griff zu grün. Im Übrigen entschuldige ich mich jetzt schon, wenn es noch ein bißchen dauert: Laut dpa liegt die Wartezeit für die Auslieferung bei bis zu drei Wochen.

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Warum sich neue Medien immer schwer tun

Aber wie soll man damit Geld verdienen?

Das Internet wird im Englischen häufig als eine „dispruptive technology“ beschrieben. Leider ist der Ausdruck schwer zu übersetzen, auch wenn Wikipedia etwas vorlaut Synonyme vorschlägt wie „etwas Bestehendes auflösend“ oder „ zerstörend“. Im Englischen ist der Begriff viel subtiler und suggeriert einen schleichenden Niedergang, eine unverhoffte Zeitenwende, deren Bedeutung sich den meisten erst sehr viel später erschließt. Es ist kein Säurebad, in dem eine Cleopatra ihre Perle vor den Augen eines staunenden Markus Antonius auflöst und trinkt, sondern schon eher ein saurer Regen, der eine mächtige Kathedrale über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte hinweg auffrisst und bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet.

Das Internet wird gerne als die endgültige „disruptive“ Technologie beschrieben, und die Auswirkungen werden gerne mit denen der Druckerpresse verglichen. Wenn der Sprecher allerdings gebeten würde zu sagen, was genau die disruptiven Folgen der Erfindung beweglicher Lettern sei, geriete er vermutlich (ich schließe mich da ausdrücklich mit ein) schnell ins Stottern: Na ja, die Kopisten in den Klöstern waren irgendwann arbeitslos, aber sonst? Irgendwie scheint der Übergang vom Handgeschriebenen zum Bedruckten doch rückblickend ziemlich glatt über die Bühne gegangen zu sein.

Deswegen bin ich Andrew Pettegree dankbar, dem britischen Historiker, der an der ehrwürdigen St. Andrews-Universität die Geschichte der Reformation lehrt und der jetzt ein wunderbares Buch geschrieben hat, „The Book in the Renaissance“, in dem er einen Überblick über die turbulenten Frühtage des Buchdrucks gibt.
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Das Toyota-Komplott

Wer ist nun eigentlich der Dumme?

Jetzt ist amtlich, was Autoexperten schon seit Jahren gewusst haben: Nicht irgendwelche verrutschten Bodenmatten oder falsch konstruierte Gaspedale sind Schuld an der unheimlichen Pannenserie bei Toyota („…nichts ist unmöglich!“) in den USA, sondern die Fahrer selbst! Sie sind schlicht und ergreifend aufs Gas gestiegen statt auf die Bremse. Das hat eine neue Untersuchung der US-Regierung ergeben.

Toyota nützt die späte Erkenntnis  jetzt leider nicht mehr viel, Der erlittene Imageschaden ist nämlich kaum wieder gut zu machen, was sich unter anderem daran zeigt, dass der Ausdruck „to do a Toyota“ inzwischen in die amerikanische Umgangssprache eingegangen ist um zu beschreiben, dass jemand Mist gebaut hat. Und das einem Autobauer, der jahrzehntelang sich mühevoll einen Ruf aufgebaut hat dafür, die sichersten und bestgebauten Autos der Welt zu produzieren.

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