Im Test: Der Audio-Technica ATH-W1000X Kopfhörer am Reussenzehn Harmonie III. Holz, Gold und Röhre für den Kopf.

Kopfhörer

Was hab ich mir nicht alles auf den Kopf geschnallt: den Denon  AH-D7100, den recht neuen beyerdynamic T1, den Ultrasone Signature Pro und natürlich auch den magnetostatischen HiFiMAN HE-500. Hängengeblieben auf meinem Schädel ist nun der Audio-Technica ATH-W1000X . Warum das so ist? Deshalb:

Man sieht ja bereits an der Auswahl, dass ich auf der Suche nach einem geschlossenem Kopfhörer war. Es geht mir darum, dass ich mal Musik in einem Raum hören möchte, in dem sich auch andere Leute befinden. Und ich will weder die stören, noch von denen gestört werden. Also brauchte es ein System, dessen Hörmuscheln die Ohren fest umschließen. Dass das Nachteile im Klang hat, das nehme ich in Kauf. Geschlossene Systeme vermitteln eigentlich immer ein relativ enges Hörbild, dass sich zum guten Teil IM Kopf abspielt und nicht so sehr in virtuellen Räumen VOR dem Kopf.

Schließlich war ich auf der Suche nach einem Kopfhörer, der weder überragend analytisch klingen soll (wer eine typische „Abhöre“ sucht, der ist immer mit einem Stax am besten bedient. Da gibt es aus meiner Sicht keine Alternative), noch eine Wuchtbrumme mit aufgedickten Oberbässen: Headbänger mit Kopfhörer befinden sich immer in akuter Schleudergefahr. Nichts für mich!

Audio Technica ATH-W1000X Kopfhörer

Entschieden habe ich mich zu guter Letzt für den Audio-Technica. Der ATH-W1000X  ist mit einem Preis von rund 650 Euro das zweitgrößte Modell der Japaner, die hierzulande im Kopfhörer-Markt nur eine untergeordnete Rolle spielen. Viel bekannter sind die Tonabnehmer von AT. Und die Studioausrüstung. Beides, die Studiotechnik, wie auch die Tonabnehmer bezeugen die Leistungsfähigkeiten des Herstellers. Wer ordentliche Tonabnehmer bauen kann, der sollte auch die feinmechanischen Qualitäten für den Kopfhörerbau mitbringen. Grado ist dafür ja ein gutes Beispiel.

Was also zeichnet den Kopfhörer Audio Technica ATH-W1000X aus?

Schon auf den ersten Blick sieht der hölzerne Korpus der Ohrmuscheln edel aus. Die Verarbeitungsqualität ist erhaben. Keine Frage. Wenn das Auge mithört, bekommt es hier ordentlich was auf die Ohren. Der Hersteller spricht von „schwarzem amerikanischem Kirschholz“. Ich bin ja Schreiber statt Schreiner, aber für mich ist das Holz sehr schön, allerdings klar rot und nicht schwarz.

Sodann fällt der ungewöhnlich geformte Bügel auf: der Bügel liegt nicht auf dem Kopf auf, sondern nur zwei kleine Flügelchen sorgen für einen recht stabilen, dabei aber federleichten Halt. Da drückt nix und vor allem der empfindliche Scheitelbereich des Kopfes bleibt frei. Leicht ist der Hörer auch: er bringt gerade einmal 350 Gramm auf die Waage. Wenngleich – zumindest bei mir – der Hörer nicht gleichmäßig sitzt, sondern bei mir links stärker auf die Schädeldecke drückt, als rechts. Aber vielleicht ist ja mit meinem Kopf irgendwas nicht ganz in Ordnung. Das behaupten ja manche … Jedenfalls kenne ich keinen Kopfhörer, der sich auch über lange Zeit bequemer tragen lässt.

Das Kabel ist mit 3 Metern Länge für mich ein wenig zu kurz, aber es ist von ordentlicher Qualität. Es ist glatt und schlicht, was gegenüber Textilummantelungen zu erheblich weniger „Streichgeräuschen“ führt, wenn das Kabel irgendwo dagegen schlägt oder über den Pullover schleift. Der 6,3mm-Stecker ist vergoldet und – holzgefasst. Ein hübsches Detail.

Was man nicht sieht: die beiden 53mm-Treiber jagen ihren Schall nicht rechtwinklig aufs Ohr, sondern sie sind ein wenig nach vorne versetzt in den Hörern untergebracht, so dass der Klang schräg von vorne auf das Ohr trifft und die Ohrmuscheln ihren Beitrag zum Klang leistet. Das verbessert durchaus die Ortbarkeit und sorgt dafür, dass der Ton, der bei Lautsprechern in der Mitte der virtuellen Bühne zu verorten ist, tatsächlich nicht im Kopf, sondern ein wenig vor dem Kopf steht. Die Bühnenflanken schaffen es freilich kaum nach vorne, so dass sich die Hörbühne – wenn man überhaupt von einer virtuellen Bühne reden will – eher wie ein Hufeisen um den Kopf fügt. Das bleibt ein typischer Kopfhörerklang, ist aber nicht unangenehm.

Freilich erlaubt die „Nach-Vorne-Ausrichtung“ der Treiber auch das umgekehrte Aufsetzen des Hörers: liegt die rechte Ohrmuschel auf dem linken Ohr und umgekehrt, so kommt der Sound tatsächlich scheinbar „von hinten“. Da der  ATH-W1000X mit einer Impedanz von 42 Ohm auch laut genug für mobile MP3-Player ist, kann man also eine Aufnahme bellender Hunde einspielen und damit das eigene Lauftempo beim nächsten Halbmarathon entscheidend erhöhen …

Wie also klingt der ATH-W1000X ?

Sehr impulstreu und schnell. Der Bass ist kräftig, aber nicht zu fett. Besonders „schön“ klingen nicht elektronisch verstärkte Instrumente: Gitarre, kleine Jazz-Formationen und nicht nur späte Streichquartette Beethovens. Auch die Stimmenverständlichkeit ist sehr gut. Im Gegensatz zu vielen Hörberichten anderer AT-Modelle kann ich keine „Loudness“-Hörkurve erkennen. Im Gegenteil: die Mitten kommen ausgesprochen sauber konturiert. Fast könnte man von britischen Kompaktboxen für Kopf-Hörer sprechen.

shadows

Ich höre Kopfhörer immer erstmal mit einer CD-Zuspielung: „Shadows in the rain“ mit Christof Lauer und Jens Thomas. Der Titel-Song (das dritte Stück) ist ebenso wunderbar komponiert und gespielt wie miserabel aufgenommen. Die ganze Platte wurde übersteuert, was man dem Label ACT eigentlich gar nicht zutrauen will, aber bei „Shadows in the rain“ nervt die Übersteuerung grausam. Wenn das beim Kopfhören nicht richtig weh tut, dann sollte man den Hörer als Schönfärber wegwerfen.

gettintoit

Ein echtes Schmankerl – auch aufnahmetechnisch – ist hingegen „gettin to it“ von Christian McBride. Eine wunderbare Aufnahme um herauszuhören, ob eine „Anlage“ einen sauberen und schnellen Bass reproduzieren kann, ist zum Beispiel der siebte Titel „Stars fell on Alabama“, ein Klassiker von 1934, in dem McBride seinen Bass zupft, dass die Ohren wippen. Anhören! Pflicht!

Der Kopfhörerverstärker: ein Reussenzehn Harmonie III

Reussenzehn Harmonie III

Ich höre den ATH-W1000X – was für ein bescheuerter Name – übrigens an einem Röhrenkopfhörerverstärker von Reussenzehn. Mein Harmonie III ist die neueste Entwicklung des hessischen Röhrenpapstes. Er leistet 2 mal 3,5 Watt und ist in zwei Stufen anpassbar auf unterschiedliche Hörerimpedanzen. Reussenzehn hat hier zwei Röhren vom Typ RT100 verbaut, eigentlich eine Doppelröhre, wie man sie aus kleineren Gitarren-Amps und aus einfachen Röhrenbausätzen kennt. Reussenzehn-typisch lassen sich die Röhren per Drehregler ein wenig „übersteuern“, so dass auch miese alte CDs über den Kopfhörer anhörbar werden. Nicht die reine Lehre, aber die reine Freude. Sowas baut man nur, wenn man sich als bodenständiger – und erfahrener – Röhrenhandwerker versteht, nicht als Gralshüter von Röhrenanbetern.

Wie bei allen Reussenzehn-Verstärkern ist Brumm ein Fremdwort. Ich habe mir von Thomas Reussenzehn meinen Kopfhörerverstärker in Gold bauen lassen. Das Auge hört eben mit und schlechter wird der Klang durch die Vergoldung ja nicht 😉 Und für den guten vollen Klang und eine hervorragende technische Verarbeitung sorgt Meister Reussenzehn.

Unter einer „hervorragenden technischen Verarbeitung“ verstehe ich übrigens saubere Lötstellen, ordentliche – mehrfach geschachtelte – Trafos und Ausgangsübertrager aus eigener Manufaktur und natürlich ein ausgelagertes Netzteil. Was ich NICHT darunter verstehe, ist ein opulentes Innendesign, wie es vor allen Dingen italienische Röhrenbuden gerne für viel Geld anbieten. Ich gucke gewohnheitsmäßig in alle frisch gelieferten Geräte rein – Schrauben sind grundsätzlich zum Aufschrauben da – und ebenso schnell schraube ich die Kisten von Reussenzehn dann wieder zu. Deshalb gibt es hier auch keine Bilder der Eingeweide. Sie wollen gar nicht sehen, wie es da drin aussieht. Denn Thomas Reussenzehn ist Musiker. Er legt alle Sorgfalt auf alles was hörrelevant ist. Eine saubere Freiverdrahtung finden sie in allen seinen Verstärken.  Aber Röhrensockel erigieren bei ihm nun mal nicht mit angelegter Wasserwaage und Lötleisten werden nicht im 89,99 Grad-Winkel verlegt. Kurz: im Inneren geht es immer ein wenig hessisch-leger zu. Aber hörrelevant ist das alles nicht, auch wenn ein paar Kritikaster das manchmal in den einschlägigen Hifi-Foren glauben machen. Und in Sachen Haltbarkeit und Langzeitqualität hab ich noch nichts Negatives bei Reussenzehn erlebt. Ganz im Gegenteil: Reussenzehn-Verstärker sind für den Musikfreund gemacht, nicht für den abgedrehten High End Spinner. Und die Röhren-Branche bietet da andernorts ja wirklich viel Röhrenbrache.

Kurz: Hört euch mal den Reussenzehn Harmonie III an. Und stöpselt einen Audio-Technica ATH-W1000X dran. Und dann macht eine schöne Flasche Wein auf. Der geht dann genauso direkt in den Kopf, wie die Musik.

 

Nachsatz: Test-Berichte auf Czyslansky

Czyslansky testet ab und an emotionale und technische Produkte: gründlich und kritisch, aber nach rein subjektiven Kriterien. Bislang erschienen auf diesem Blog folgende Testberichte vom Autor:

Kaffeemaschine von Kaffee Partner
Radio Tuner von Restek
Fahrrad (Trike) von HP velotechnik
Sony NEX-7 Digitalkamera
Microsoft Surface Tablet PC
Citroen DS 5 Hybrid
Der Tonarm Mörch DP-8 im Test
Dichtung und Wahrheit –
Der RESTEK EPOS+ CD-Spieler im Test

Der Phonovorverstärker RESTEK MINIRIA

Kauf-Tipp: Mobile Kopfhörer für unterwegs

 

 

 

 

9 Gedanken zu „Im Test: Der Audio-Technica ATH-W1000X Kopfhörer am Reussenzehn Harmonie III. Holz, Gold und Röhre für den Kopf.“

  1. Um es vorweg zu nehmen: Auch der W1000X ist nicht fehlerlos, allerdings ist seine Abstimmung wohl die „europäischste“ von allen Holzkopfhörern von Audio-Technica. Der W1000X stellt für mich ohne Frage den am meist begeisternden Kopfhörer der Serie dar. Warum er dies erreicht und wo seine Schwächen liegen, will ich im Folgenden mit einigen Hörbeispielen versuchen zu beleuchten.

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