Kick it & Klick it (Teil 5) – Der Wald von Birnham vor den Toren

Die Zeit ist gut: Zwischen dem Ende der Liga und der Pokalturniere und dem Beginn der EM richten wir den Blick rückwärts auf ein paar Fussballerlebnisse der vergangenen Saison….

20. März 2012 – München

Theater ist große Unterhaltung, aber eben für Minderheiten. Fußball auch. Zwar mögen am Wochenende zig Tausend Zuschauer mehr in die Bundesliga-Stadien pilgern als in die Theater und Opernhäuser, letztlich aber bieten beide ein Programm, das von einem Teil der Bevölkerung abgöttisch geliebt wird, während ihm ein anderer Teil der Bevölkerung mit kolossalem Unverständnis begegnet.
Die Gemeinsamkeiten gehen noch weiter: Der Schauwert ist immens – zumindest bei guten Spielen und guten Inszenierungen. Für den Wert der Unterhaltung wie auch der Spannung gilt selbiges. Fußballplätze sind stellvertretende Schlachtfelder, Bühen auch. Und es gibt noch mehr Parallelen:
Die Ticketpreise können auf dem Schwarzmarkt ins Unermessliche steigen, wenn Jonas Kaufmann singt oder Lionel Messi spielt.

Andererseits fragen sich im Theater und im Stadion nicht selten Akteure und Zuschauer kopfschüttelnd, was sich der Spielleiter eigentlich gedacht hat. Es gibt dramatische und komische Szenen, Spannung und erlösende Momente, innige Umarmungen und erbitterte Duelle. Weiterlesen

Kick it & Klick it (Teil 4) – Mit Hummer und Avocado gegen England – sehr analog und sehr teuer.

19. Mai 2012 – München

Das Finale dahoam – das war es dann also. Die Saison der Champions League 2012/13 ist vorbei. Das anfangs prognostizierte Ergebnis, es würde ein rein spanisches Treffen zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona geben, ist bekannterweise ausgeblieben. Statt dessen der deutsche Tabellen-Zweite gegen den englischen Tabellen-Sechsten: FC Bayern vs. FC Chelsea. Das Ergebnis ist bekannt – ein Nervenkrimi, der durch Drogbas Ausgleich in der 88. Minute bis ins Elfmeterschießen reichte und nach Olic‘ und Schweinsteigers Fehlschüssen durch Drogbas Treffer dem Verein von Roman Abramowitsch den ersten CL-Titel seiner Geschichte sicherte.
Für die Bayern muss es ein merkwürdiges Gefühl gewesen sein, nicht Hausherr und Gastgeber im eigenen Stadion gewesen zu sein und deshalb nur 17.500 Tickets an die eigenen Fans verteilen zu dürfen. Um den Massen, die nicht in die Arena durften, wenigstens einen Hauch von Gemeinschaftsgefühl zu liefern, war ganz München ein Public Viewing. In jeder Kneipe, in jedem Biergarten, im Olympiastadion und natürlich auf der Theresienwiese war kollektives Mitfiebern und am Ende tiefes Entsetzen angesagt. Bier floss in Strömen, dazu gab’s Bratwurst, Pommes, Brezen – all die kulinarischen Köstlichkeiten, die unverzichtbar sind für einen zünftigen Fußballabend. Am Ende sicher auch den einen oder anderen Schnaps und eine zusätzliche Maß um die Ungerechtigkeiten der Welt zu ertränken… 

Weniger Public, dafür mehr elitäres Viewing und noch mehr Feasting (qualitativ, nicht quantitativ) versprach eine Einladung, die im Raum München per Mail verschickt wurde – natürlich nur an gute Kunden und Gäste des Hauses und damit an ein exquisites Clübchen. Für 99 Euro hätte man dort ein halbes Fläschchen Champagner, vor dem Spiel Canapees und in der Halbzeit ein Tartar/Kaviar-Schnittchen goutieren können. Ganz München eben eine Fan Meile der besonderen Art: Ein Hauch von Abramowitsch an der Isar. Ein Angebot, das in den bekannt-besseren Kreisen an der Isar bestimmt reißenden Absatz gefunden hat. Jedem halt das Seine. Ob die Besucher solcher Haute Volée Veranstaltungen dorthin gehen, um ein Spiel zu sehen, oder ob es ihnen wichtiger ist, selbst gesehen zu werden, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

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Kick it & Klick it (Teil 3) – Der Eine und der Andere. Anmerkungen vor dem Pokalfinale

11. Mai 2012 – München

Der Eine und der Andere: Sie haben viel gemeinsam. Zum Beispiel ihr Alter und ihre Herkunft. Beide nähern sich der 50, beide stammen aus der gleichen Stadt, die irgendwo eingezwängt ist zwischen Ruhrpott und Sauerland, umspült von Lenne, Volme und Ruhr.
Beide haben fast das gleiche studiert, wenn auch in verschiedenen Städten und mit ganz unterschiedlichen Perspektiven und Zielen.
Und so trieb es den einen über die Ruhr nach Norden, den anderen über die Donau tief in den Süden.
Eine Zeitlang liefen ihre Lebenswege parallel, man kannte sich, war locker befreundet, verbrachte gemeinsame Zeit. Dann trennten sich die Pfade, der Kontakt riss ab – wie das eben so ist.
Während der eine nun in Dortmund lebt und arbeitet, pendelt der andere tagtäglich im Münchner Raum hin und her. Skurrilerweise ist der Eine, der Wahl-Dortmunder, eingefleischter Fan des FC Bayern und damit im tiefsten „Feindesland“. Der Andere ist der Zugroaste in Bayern und damit tief im Stammland der FC-Bayern München. Sein westfälisches Herz aber schlägt  schwarz-gelb – also auch er an der „final frontier“.
Das ist paradox, aber Realität. Ich bin der andere, soweit steht fest, die Identität des Einen tut hier nichts weiter zur Sache.
Jahre haben der eine und der andere nichts voneinander gehört, dann aber holt den einen wie den anderen die Vergangenheit wieder ein. Zwar kann man sich ohnehin nie von seiner eigenen Geschichte nicht trennen, aber meist lässt man doch Abschnitte seines Lebens in der Vergangenheit zurück, Kapitel, die man als geschlossen erachtet.
Heute aber funktioniert das weniger denn je. Es reicht ein gemeinsamer Bekannter, den man als „Facebook-Freund“ akzeptiert hat, und schon schlägt einem die Social-Community längst vergessene Namen von uralten Freunden aus Schule, Nachbarschaft und Studium vor. Da es denen aber genauso geht, kommen plötzlich Freundschaftsanfragen von Menschen, an die man sich erinnert, sie mal gekannt zu haben.
Aus den Augen, aus dem Sinn – Facebook straft das Lügen.

Nun also erfreut sich der Eine, der Bayern-Fan, daran, seinen Facebook-Freunden immer wieder die rote Erfolgsgeschichte unter die Nase zu halten, während der andere noch jeden Torjubel des BVB-Facebook-Livetickers mit „gefällt mir“ versieht und auch sonst Meldungen seines Vereins auf seine Pinnwand spiegelt. Das ist nicht ungewöhnlich, das machen Tausende Fans aus echter Liebe zu ihrem Verein.
Dann aber kommt es am 30. Spieltag der Saison erneut zum Gipfel. Dieses Mal in Dortmund.
Siegeswillig waren die Bayern an die Ruhr gekommen, sich für die novembrige Schmach zu revanchieren. Damals war der Andere, also ich, in der Allianz-Arena, komplett in Schwarz-Gelb. Davon wird später an dieser Stelle noch zu reden sein.

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Kick it & Klick it (Teil 2) – Drin oder nicht drin? Das ist hier die Frage

07. März 2011

Es war die 17. Minute im Spiel Hamburger SV gegen Mainz 05. Ein langer Ball von Torwart Frank Rost landete am rechten Flügel bei Mladen Petric. Der Kroate flankte in die Mitte, der Ball kam in hohem Bogen zu Marcell Jansen, der aus 12 Metern Volley abzog: Tor! Oder auch nicht.“

So leitete damals taz-Autor Christian Aichner seinen Bericht über eine mögliche elektronische Tormessung beim Fußball ein.
Schiedsrichter Babak Rafati, der zwei Wochen später in einem Kölner Hotel einen Selbstmordversuch unternahm (doch das ist eine andere Geschichte),  entschied bei diesem Spiel auf Tor – zu Unrecht, wie die TV-Auswertung unmittelbar darauf bewies.
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Kick it & Klick it (Teil 1) – König Fußball im digitalen Zeitalter

Mit dem bevorstehenden Finale im DFB-Pokal, der Champions League und der Europameisterschaft ist König Fußball wieder einen Sommer lang in den medialen Mittelpunkt gerückt. Während auf Vereinsebene noch um zwei Pokale gerungen wird, ist das internationale Fußballgeschehen zumindest auf europäischer Ebene längst wieder ein Thema: Panini-Sammelbildchen, schwarz-rot-goldener Nippes, DfB-Fanartikel, Trikots in der Bierwerbung und allerlei Grillzubehör sind untrügliche Vorboten des kommenden Sommermärchens – wenn es denn eines wird.
In Scharen werden Fans zum Public Viewing pilgern, am Morgen am Arbeitsplatz die Spiele des Vorabends analysieren und die krassen Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern und Trainern diskutieren.

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Wenn der Spieler drei mal postet…

Zwei Dinge ist Mittelfeldspieler Anatolij Tymoschtschuk gewiss nicht: Einer der führenden Stars im Teamaufgebot des FC Bayern und ganz gewiss ist er auch kein Maulwurf. Seine via Twitter herausposaunten „Nachrichten“ zur Gefühlslage erscheinen unter seinem Namen. Man weiß, mit wem man es zu tun hat.

Als er vor einigen Wochen ein Foto der in der Kabine schön ordentlich aufgereihten Trikots bei Twitter hochlud und mit den Worten kommentierte „Wir sind bereit!“ platzten dem ohnehin rotschädeligem Bayern-Präsident Hoeneß und dem Vorstandsvorsitzenden Rummenigge fast der Kragen.
Tymoschtschuk, Neuer, Breno – die Spieler des FC Bayern kommunizierten munter via Twitter und Facebook, kommentieren ihre Leistungen und lassen auch sonst allerhand über sich wissen. Das ist nicht weiter ungewöhnlich, viele Stars aus Sport und Entertainment nutzen die Bühne des Social Media, um sich selbst gegenüber ihren Fans und Freunde zu präsentieren – so wie eben Millionen und Abermillionen „normaler“ Menschen das auch tun.

Ärger in der Arena. Spieler sollen spielen und nicht twittern. Foto: Paul Huebgen, Wikipedia

Und sie sind genauso gedankenlos und ungeübt im Hochladen von Kommentaren und Bildern wie viele andere im Alter von Anfang Zwanzig. Nur gibt es da einen Haken: Die Posts von Erika Mustermann interessieren nicht wirklich jemanden, die von Anatolij Tymoschtschuk hingegen schon…
Der Verein reagierte prompt und verbot  seinen Spielern vor und nach dem Spiel solche öffentlichen Äußerungen und die Verbreitung von Bildern aus dem Allerheiligsten. Tymoschtschuk hatte – vielleicht unwissend – eine der in Stein gemeißelten Regeln gebrochen: Nichts aus der Kabine dringt in die Öffentlichkeit . Die Umkleide des FC Bayern ist fast so heilig wie die Kaaba in Mekka oder einst der Tempel Salomos in Jerusalem: Sanktuarien, deren An- und vor allem Inneneinsichten dem schnöden Volke verborgen zu halten sind.
Die Fans reagierten empört. Zum einen habe Tymoschtschuk nichts wirklich Schlimmes oder Pikantes gezeigt, es seien nicht mal Personen auf dem Bild. Zum anderen schätzen sie diese Illusion einer unmittelbaren Nähe zu ihren Spieler-Idolen. Ein wenig Vertrautheit, ein wenig Menschlichkeit, ein Star zum anfassen – wenigstens virtuell. Irgendwie…

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