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Trotz des massiven Einsatzes von Czyslansky-Jüngern an der TV-Front hält Familienministerin Ursula von der Leyen  an ihrem unsinnigen und gefährlichen Plan fest, die Zensur in Deutschland wieder einzuführen.

Gestern rief der Bonner TV-Sender Phoenix plötzlich an, ob ich als Internet-Fachmann etwas zur Sperrung von Websites mit kinderpornografischen Inhalten sagen würde. Ich rief daraufhin meinen Freund und Mit-Czsylansky Sebastian von Bomhard von Spacenet an, der als einer der betroffenen Internet-Provider bekanntlich strikt gegen einen solchen staatlichen Willkürakt ist (siehe “Zensur in Deutschland“), um mit ihm ein paar Zitate abzustimmen. Er war aber auf dem Sprung: “Ich muss zu RTL, die wollen mich in der Sendung haben.”

Auch ohne lange Absprache haben wir beide so ziemlich genau das Gleiche erzählt. Dass nämlich mit diesem unmoralischen Ansinnen an die Provider, bestimmte Inhalte und Webseiten zu sperren, egal welche und egal aus welchem Grund, in Deutschland die Zensur durch die Hintertür wieder eingeführt wird. Dass Poltiker dabei sind, eines der kostbarsten Errungenschaften der liberalen Demokratie, nämlich die Abschaffung der Informationskontrolle durch die Obrigkeit, fahrlässig oder vorsätzlich aufs Spiel zu setzen. Und dass sie dabei ganz unverhohlen auf den Wahltermin im September schielen (Frau von der Leyen hat den Wahlkampf schon eröffnet mit ihrem billigen Vorwurf an die SPD, nicht genug zum Schutz von Kindern tun zu wollen).

Und wir haben beide auf die technische Inkompetenz von Politikern geschimpft, die gerade noch wissen, wie man einen PC ein- und ausschaltet. Was im Grunde nicht so schlimm wäre; Politiker müssen nicht von allem etwas verstehen, um ihren Job machen zu können. Sie sollten aber ab und zu mal auf ihre eigenen Fachleute hören. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags hat bekanntlich die Aufgabe, komplexe Zusammenhänge so aufzubereiten, dass sogar eine Frau von der Leyen sie versteht. Im Januar diesen Jahres schrieb der Staats-Dienst:

“Sperrtechniken (können) mit einem vergleichsweise geringen Aufwand umgangen werden. Zum anderen bleibt … festzuhalten, dass eine dauerhafte und zielgerichtete Sperrung ohne erhebliche Nebenwirkungen nahezu unmöglich ist.”

Ich bekam bei Phoenix gerade vier Minuten, um all das dem deutschen Fernsehpublikum zu vermitteln. SvB durfte bei RTL ein bisschen länger reden. Wir waren aber beide eindeutige Exoten, eingepfercht zwischen der unkritischen Berichterstattung des gestrigen Tages über vdL’s  naßforschen Auftritt und den zaghaften, mit vorauseilenden Entschuldgungsfloskeln gespickten Nachfragen der Bundestagsabgeordneten, die höflich wissen wollten, ob die Sperren denn tatsächlich wirkungsvoll wären und ob da auch nicht versehentlich die Websites braver Bundesbürger oder – Gott bewahre – von Online-Läden betroffen sein könnten, die dann den Staat auf Schadensersatz verklagen könnten. Nein, nein, beruhigte vdL, das habe man gut im Griff. Schließlich stamme ja die Liste der zu sperrenden Websites vom BKA. Da sei man ja in guten Händen…

Am widerlichsten fand ich vdL’s ständiges moralinsaures Lamentieren darüber, dass jemand dabei zuschauen könne, wie Kinder vergewaltigt werden. Als ob die Vergewaltigung aufhören würde, sobald keiner mehr zuschaut. Unsere Familienministerin hat offenbar an der gleichen amerikanischen Uni studiert wie ich und dort den Kurs “philosophy 101″ belegt. Wir haben einen halben Semster lang die Frage erörtert: “Wenn ein Baum im Wald umfällt, und keiner ist da, der es hören kann – macht es dann überhaupt ein Geräusch?” Alternativ könnte sie der Frage nachgehen, ob die Glühbirne im Kühlschrank ausgeht, wenn sie die Tür zumacht.

Vielleicht sollte Frau Ministerin sich statt dessen mal mit den gleichen Beamten von der Online-Fahndung unterhalten, mit denen ich gesprochen habe, als ich einen Artikeln über Kinderporno im Net recherchiert habe. Die hätten ihr nämlich gesagt, dass es in Wahrheit nicht um Pornobildchen geht, sondern um die Kinder selbst. Die einschlägigen Websites sind fast immer Marktplätze für Kinderprostitution. Zuhälter und Freier umkreisen sich dort über Wochen oder Monate hinweg ganz, ganz vorsichtig, tauschen ein paar Bilder oder Filme aus, lernen sich kennen, bauen Vertrauen auf, bis dann eines Tages die Kids Samstagmorgens am Münchner Hauptbahnhof vom netten Onkel in Empfang genommen und Sonntagsabends wieder abgeliefert werden.

Die Kripoleute, die ich kenne, treiben sich ebenfalls in der Online-Szene herum, und ich beneide keinen von ihnen um den Job, aber sie müssen es tun, denn sie wissen, dass die Lottel und die Päderastenschweine nirgendwo so verwundbar sind wie auf den Tauschbörsen. Sperrt man diese, verschwinden die Typen in den digitalen Untergrund, und die Polizei hat überhaupt keine Chance mehr, sie anzuködern und ihnen am Ende am Hauptbahnhof Handschellen anzulegen.

Frau von der Layen sagte gestern mehrmals, dass es ihr darum geht zu erreichen, “dass Websites mit entsprechenden Inhalten in Deutschland künftig nicht mehr aufgerufen werden können.” Dass sie damit die Kripo ihres wirkungsvollsten Fahndungswerkzeugs beraubt, sagt sie nicht. Vielleicht weiß sie es auch nicht. Oder vielleicht doch. Aber dann ist es ihr egal, weil sie im Herbst eine Wahl gewinnen will. Die Kinder sollen schauen, wo sie bleiben. Wir anderen schauen dann derweil mal in die Röhre – oder weg…