Kunst, auf die Spitze getrieben

oneandother

Andy Warhol glaubte, dass jeder Mensch 15 Minuten lang berühmt sein wird. In England, dem Land mit der wohl höchsten Exzentrikerdichte Europas, können es jetzt auch 60 Minuten sein. Seit gestern steht jedem Bürger des Landes die Spitze einer Säule auf dem Trafalgarplatz zur Verfügung, um dort vor den Augen der Passanten sowie Millionen von per Internet zugeschalteten Zuschauern das zu tun oder zu lassen, was sie wollen.

Das Projekt heißt „One & Other“ und ist der Versuch, die Grenzen der Kunst um eine neue Form der Selbstdarstellung zu erweitern, wobei man sich – alles schon mal dagewesen – des Vorbilds Symeon Stylites des Älteren (389-459) von Telanissos bedient. „Es geht nicht um Privileg, nicht um Macht, nicht um Krieg oder darum, die Toten zu ehren“, lässt sich der Aktionskünstler Antony Gormley, der geistige Vater es Projekts, heute in der International Herald Tribune zitieren: „Es geht darum, die Lebenden zu feiern.“

Die Lebenden feiern sich, indem sie für eine Stunde auf die Spitze des „fourth Pilth“, der vierten Säule des Trafalgar Square stellen und damit aufschließen zu nationalen Kultfiguren wie Lord Nelson, König Georg IV und die Generäle Sir Charles Napier und Sir Henry Havelock, die seit Mitte des 18ten Jahrhundert von oben auf die Tauben- und Touristenschwärme blicken. Jeder kann sich für einen der 2.200 Stundenfenster bewerben, vorausgesetzt er lebt im Vereinigten Königreich und ist über 16. Ein Zufallsgenerator wählte die Glücklichen für den Monat Juli unter bislang mehr als 17.000 Antragsstellern aus; die Ziehung für August und September steht noch aus.

Die Auserwählten werden mittels eines Krans auf die Plattform gehievt. Dort sollte übrigens eigentlich ein Reiterstandbild von König Wilhelm IV stehen, dessen einziger wirkliche Verdienst es war, der Vater von Königin Victoria zu sein, und das folglich wegen eines ungenügenden Spendenaufkommens gar nicht erst gegossen wurde. Seit 1999 wird das leere Kapitell als Wechselausstellungsfläche genutzt für Werke zeitgenössischer Künstler wie Bill Woodrow, Marc Quinn oder des aus Oldenburg stammenden Bildhauers Thomas Schütte. Auch Firmen haben die Säule schon als Plattform für – in der Regel nicht autorisierte – Werbe-Events missbraucht, etwa als Madam Tussads anlässlich der Fußball-WM 2002 eine Wachsfigur von David Beckham auf die Säulenspitze hieven ließ.

„Plinthers“, heißen die modernen Säulenheiligen bereits im Londoner Volksmund. Die erste von ihnen war Rachel Wardell, eine Hausfrau aus Sleaford, die eine Stunde lang ein Plakat mit der Aufschrift „N.S.P.C.C.“ in die Höhen hielt und damit auf den britischen Kinderschutzbund („National Society for the Prevention of Cruelty to Children„) aufmerksam machte. Suren Seneviratne, ein 22jähriger Diskjockey, stellte sich eine Stunde lang in einem Pandakostüm auf die Säule und telefonierte mit seinen Fans. Der Kneipenbesitzer Scott Illman verkleidete sich als mittelalterlicher Marktschreier und trug ein selbstverfasstes Gedicht vor, das sich stellenweise sogar reimte. Als ich mich soeben einwählte, machte eine Dame Werbung für die inhaftierte Nobelpreisträgerin und Friedensaktivistin Aung San Suu Kyi.

Plinther stehen rund um die Uhr da oben, und wer Pech hat muss auch morgens um drei antreten, wo die Zuschauerresonanz, sagen wir, etwas verhaltener ist. Die Frage, was passiert, wenn einer mal muss, ist übrigens noch nicht geklärt. Erlaubt ist, was gefällt – in Maßen, natürlich. Wer sich ausziehen will – bitte sehr. „Nacktheit ist absolut wichtig, Nacktheit ist für die Kunst das, was das runde Leder für den Fußball ist“, wird Anthony Gormley zitiert. Und was ist mit Sex? „Nein, bitte kein Sex da oben. Erst die Kunst und dann der Sex.“

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