Czehn mal was auf die Ohren

Vielleicht nicht auf den Tag genau, aber es ist jetzt 30 Jahre her, dass ich mir meinen ersten CD-Spieler und eine (!) erste CD gekauft habe. Damals hat mich das als Schüler ein gefühltes kleines Vermögen gekostet. Die CD war Chariots of Fire, der Soundtrack von Vangelis zu dem gleichnamigen Film. Nicht, weil ich ein besonderer Fan davon bin, sondern weil ich mich zum einen mit den elektronischen Klängen an den damals revolutionären glasklaren Klängen berauschen konnte.

Jetzt, da überall der Abgesang der Silberscheiben in den Medien angestimmt wird, ist eine gute Gelegenheit, sich einmal mitten in meine umfangreiche CD-Sammlung zu setzen und meine Blicke schweifen zu lassen. Ist ganz schön viel zusammengekommen in den vergangenen 30 Jahren. Ist auch ne Menge wieder weg: CDs, die auf Parties verloren gingen, bei Umzügen ausgemustert und über ebay oder Flohmärkte verhökert wurden, CDs, die im Müll gelandet sind, weil sie niemand mehr haben wollte. Aber der Bestand kann sich sehen lassen – finde ich jedenfalls.
Zeit, für Czsylanskys Czehn eine Liste der CDs anzufertigen, die ich immer wieder neu in meiner Musik-Bibliothek entdecke. Nicht, dass ich vergessen hatte, dass ich sie gekauft hatte. Es sind eher die CDs, die wie kleine Inselchen im Mainstream-Meer herausragen, die selten gehört werden aber dann mit großer Konzentration und Begeisterung, um danach wieder für einige Zeit in den Weiten der Sammlung abzutauchen.
Schräg wäre vielleicht das falsche, weil negativ konotierte Attribut, Juwelen sind es auch nicht gerade, aber doch CDs, die etwas abseits meiner alltäglichen Hörgewohnheiten liegen.
Hier also Czyslanskys Czehn CDs, die in meiner Sammlung eine ganz besondere Rolle eingenommen haben. Die Reihenfolge entspricht der Veröffentlichung.

James Last, Karin Baal, Hannes Messemer, Helmut Qualtinger, Bertha Drews, Hanne Wieder: Die Dreigroschenoper – 1969
James Last? Eben der. Das Grauen, zu dem ganz Deutschland in den 70ern das Tanzbein geschwungen hat. Der hat Weill &Brecht interpretiert? Wer hätte das gedacht! Sicher ist das eine der umstrittendsten Einspielungen der Dreigroschenoper (ich habe auch mehrere andere) und mit James Last sicher eine, die sich am meisten dem Unterhaltungswert verpflichtet hat. Warum nicht? Messemer und Baal singen nicht wirklich gut, aber Qualtinger und Drews als Ehepaar Peacum areißen alles raus. Schon das allein ist ein Genuß. Und – um das bemerkenswerte Interpretenensemble zu vervollständigen: Väterchen Franz Josef Degenhardt singt die Ballade von Mackie Messer. Dgenhardt und James Last auf einer CD. Eigentlich schwer vorstellbar.

Sergei Prokoviev: Peter and the Wolf – Narratred by David Bowie – 1977
Für das Wiederbeleben von Kindheitserinnerungen ist diese Variante der musikalischen Früherziehung bestens geeignet, daher höre ich sie immer wieder mal ganz gern. David Bowie als Erzähler  verfremdet das Ganze genug, dass man es auch als Erwachsener genießen kann. Bowies Stimme ist eine wunderbar ironische Durchbrechung. Das Highlight: Die englische Aussprache von oboe. Ich bedauere die armen Leute, die noch immer dem pädagogisch so wertvollen Rolf Zukowski oder ach so empfindsamen Reinhard Mey bei „Peter und der Wolf“ freiwillig zuhören.

Grobschnitt – Rockpommels Land – 1977 als CD wiederveröffentlicht 2005
Nach wie vor ein unglaubliches Abenteuer, ein Rockmärchen, ein Krautrock-Event und für mich ein Stück Heimat. Das Album erzählt Ernies Reise auf dem Papierflieger zum Vogel Maraboo und zu Mr. Glee, vom Streit mit den Blackshirts und vom Wert des Lachens. Die Story ist irgendwie schon ein Abklatsch von Michael Ende und James Krüss, aber egal. Ich mag es trotzdem. Schon weil Grobschnitt aus Hagen kommt und es die Musik meiner Jugend ist: Anywhere, my friend, you’ll find a human land / behind all mountain’s sand / be born or died – it’s not your end

Brian Eno: Ambient 1 Music for Airports – 1978
Es gibt Momente, da wird mir Brian Enos Ambient-Musik schon nach fünf Minuten lästig. Dann wieder könnte ich stundenlang zuhören und mache das auch. Was beweist: Die CD ist genial. Sie funktioniert ganz, oder sie funktioniert gar nicht – je nach meiner aktuellen Befindlichkeit. Eine Zwischenlösung gibt es nicht. Und genauso muss es sein, das macht die Genialität von „Ambient“ aus – schade, dass das Genre zu Fahrstuhl-, Lounge- und Chill-Musik verkommen ist . Und was einem heutzutage auf den Flughäfen an Lärm und Gequatsche zu Ohren kommt – dann lieber iPod rein und Eno lauschen…

Pink Floyd: The final Cut – 1983
Gibt es etwas Besserers von Pink Floyd als die CD zum fulminante Finale?  Viele sagen „Ja“. Ich finde „Nein“. Dieses Album – entstanden unter dem Eindruck des Falklandkrieges und der Thatcher-Regierung – ist politisch wie kaum ein anderes, hoch reflektierend und kommentierend. Kriegswahsinn, -traumata und -angst wurden selten besser zur Sprache gebracht.  Das traf den Nerv der Zeit – und den meinen. Nach The Wall war es natürlich schwer, anzuschließen. Aber ich zumindest finde auch die zweite große Nabelschau von Roger Waters beeindruckend – auch heute noch.

Henryk Gorecki: 3. Sinfonie op. 36 (Symfonia pieśni żałosnych – Sinfonie der Klagelieder) – Einspielung: Dawn Upshaw (Sopran), London Sinfonietta, David Zinman – 1992
Eine der wenigen klassischen CDs, die es nach der Veröffentlichung hinüber in die Popcharts geschafft haben. Zu Recht. Düster, melancholisch, schwer und dann wieder überraschend friedvoll. Nichts für dunkle Herbstabende, nichts für depressive oder suizidgefährdete Personen. Ein fast schon wieder vergessener Klassiker, eine Modeerscheinung der frühen 90er, aber immer wieder eine Entdeckung wert.

Andreas Scholl, Dominique Visse, Pascal Bertin: The Countertenors – 1995
Das ist einfach nur witzig. Schräge Interpretationen großer Klassiker wie der Habanera aus Carmen, O sole mio, Maria aus der West Side Story oder Frank Sinatras Klassiker My Way durch die drei weltberühmten Countertenöre. Man hört den Spaß, den die drei bei den Aufnahmen gehabt haben müssen, förmlich heraus. Dieser Grenzgang zwischen U- und E-Musik funktioniert, manch anderer nicht. So bleibt das Musical-Gedudel von Jose Carreras und Co dagegen entbehrlich.

Maria Scharwieß: Jazz auf der Pfeifenorgel – 1999
Das Geschenk eines Studienkollegen, den es nach Berlin verschlagen hat. Unvorstellbar und doch machbar, dass ein so gewaltiges Instrument wie eine Kirchenorgel so viel Fahrt aufnehmen und dabei doch so leicht daherkommen kann, dass Gershwins Summertime, Yesterday von den Beatles oder Oh Happy Day noch immer gehaucht klingen.
Die Aufnahmequalität ist eher bescheiden, doch das ist der Situation geschuldet. Eben kein hochtechnisches Studioprodukt, sondern die Orgel so, wie man sie als Kirchgänger oder Konzertbesucher von den Bänken aus hört.

Michael Skasa (Hrsg.) Die Männer sind alle Verbrecher – 2001
Die Schlager der Zwanziger Jahre – nicht gesungen, sondern gelesen. Interpretiert und grandios vorgetragen werden die „Lyrics“ von Axel Milberg, Sunnyi Melles, Mario Adorf, Doris Schade, Thomas Holtzmann, Rosemarie Fendel, Otto Sander, Rolf Boyyen, Helen Vita und anderen. Ein tolles Projekt, das leider einmalig geblieben ist. Dabei gibt es doch so großartige Stimmen und so geniale Schlagertexte…

Haindling: Vivaldi & Die Vier Jahreszeiten – 2004
Ebenfalls sehr witzig, finden Sie nicht? Da macht sich ein Autodidakt auf, vertont und verkürzt die spätestens seit Nigel Kennedys Version weltberühmten Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi zu einer folkartigen „Blasmusi“-Version, verlängert sie um eigene Elemente und macht daraus ein wunderbares Gute-Laune-Werk. Unter den drei Vier-Jahreszeiten-Extremeinspielungen (Nigel Kennedys Gewaltmarsch, James Galways Querflötenversion und eben Haindling) in meinem Regal  sicher die schrägeste.

Die zehn CDs, die ganz dem Geiste Czyslanskys entsprechen, sind sicher nicht die von mir meistgehörten oder meine absoluten Lieblings CDs und sicher nicht die, die ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Es sind – wie gesagt – zehn permanente Wiederentdeckungen.
Ich werde sie wieder und wieder entdecken, selbst wenn die CD schon lange vom Markt verschwunden sein sollte.
Und Sie?
Haben Sie nicht auch solche Skurrilitäten im Regal? Gehen Sie doch auch mal auf Entdeckertour…

Die Coverabbildungen entstammen dem aktuellen Angebot der CD-Firmen. Alle CDs sind noch erähltlich.

Ein Gedanke zu „Czehn mal was auf die Ohren“

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