Hilde Stieler

Buchvorstellung: Hilde Stieler: Die Edelkomparsin von Sanary

Komparsen sind „lebende Requisiten, welche die Hintergrundaktion einer Filmszene darstellen“ meint die Wikipedia. Und Hilde Stieler bezeichnete sich als eine solche Komparsin, immerhin als eine „edle“. Was für eine grobe Untertreibung …

Aber wie soll man auch Mut zur Selbstdarstellung gewinnen, wenn man sich sein Leben lang mit Geistesgrößen und Diven wie Thomas und Heinrich Mann, Albert Einstein, Walter Rathenau, Rainer Maria Rilke, Stefan George, Paul Klee, Alma Mahler-Werfel, Franz Werfel, Aldous Huxley, Lion Feuchtwanger und Bert Brecht umgibt?

Das „Hildchen“ war eine starke Frau

Man muss sich nicht wundern, wenn man in einem solchen Freundkreis „das Hildchen“ genannt wird. Dabei war die 1879 in Zürich geborene Hilde Stieler alles andere, als eine kleine dumme Göre und Gespielin großer Männer und Frauen. Sie war eine selbstbewusste moderne und freigeistige Frau, keine schlechte naive Malerin und eine begabte Schriftstellerin und Publizistin ihrer Zeit.

Ihre Zeit, das waren die sagenhaften zwanziger Jahre in Berlin und die schwierigen dreißiger Jahre im französischen Exil, in Paris und an der Côte d’Azur. Dort lebte sie lange Jahre bis zu ihrem Tod in Sanary-sur-mer, damals ein kleines Fischerdorf, das in den dreißiger und frühen vierziger Jahren eine Zeitlang der Mittelpunkt der deutschsprachigen Exilliteratur war.

In Sanary-sur-mer wohnte sie lange Jahre mit dem heute weitgehend vergessenen Maler und Theaterdekorateur Erich Klossowski im Hinterhaus der Hafenbar „National“. In dieser Zeit pflegte sie engen Kontakt zu Aldous Huxley, der gerade an seiner „Schönen neuen Welt“ schrieb. Sie war Stammgast auf den Partys bei Lion Feuchtwanger und eng mit den Werfels befreundet. Franz Werfel war wohl in Berliner zeiten einige Zeit ihr Liebhaber gewesen.

In ihren autobiographischen Notizen, die im AvivA Verlag unter dem Titel „Die Edelkomparsin von Sanary“ erschienen sind, spielen alle diese berühmten Namen kleine Rollen, sie bilden die Komparserie neben der Hauptdarstellerin Hilde Stieler. So gehört sich das …

Die Erinnerungstafel am ehemaligen Wohnhaus von Hilde Stieler in Sanary-sur-mer

Große Namen, kleine Geschichten

Das Buch ist eine Fundgrube für Geschichtensammler. So berichtet sie von einem Aufenthalt in Paris, während dem sie den Kunstsammler Wilhelm Uhde kennenlernt. In einem kleinen Wäschegeschäft an der Ecke Boulevard Rochechouart Rue des Martyrs – das ist am Montmartre – entdeckte er ein kleines Gemälde, das eine nackte Frau mit gelbem Haar in naivem Stil darstellte. Uhde erstand es für 10 Francs. Den Maler kannte er nicht. Dieser hatte es wohl für das Reinigen seiner Wäsche dort in Zahlung gegeben. Einige Tage später erzählte Uhde in einer Bar einem jungen Pariser Künstler von diesem Bild, der sich sogleich als der Schöpfer des Gemäldes vorstellte. Der junge Mann hieß Picasso und war hocherfreut soeben seinen ersten Anhänger und Sammler kennengelernt zu haben.

Die "Bar National" heute. Im Hinterhaus wohnte Hilde Stieler.

Hilde Stieler im Lager

Im Jahr 1940 wurde Hilde Stieler wie alle exilierten deutschen Frauen von der französischen Regierung zur unerwünschten Ausländerin erklärt. Sie lebte zwar schon lange in Frankreich und galt in Deutschland als politisch verfolgt. Aber letztlich musste sie das gleiche Schicksal erleiden, wie deutsche Juden und Antifaschisten in diesem Jahr. Lion Feuchtwanger war bereits in Les Milles interniert worden, als Hilde Stieler nach Hyères nicht weit von Sanary gefahren wurde. In ihrem Buch schildert sie, wie sie dort auf Grund einer Erkrankung nach kurzer Zeit auf eine Krankstation verbracht und nach wenigen Wochen entlassen wurde. So blieb ihr der Transport und eine mehrwöchige Internierung im berüchtigten Frauenlager Gurs in den Pyrenäen erspart.

Sie kehrte nach Sanary zurück und blieb dort auch als die meisten ihrer intellektuellen Freunde nach der Niederschlagung des Faschismus wieder nach Deutschland oder nach Israel oder in die USA gingen. Hilde Stieler heiratete in Sanary den holländischen Mönch und Übersetzer Robert Marie Henri de Wilt, wodurch sie einen niederländischen Pass erhielt. Ihre große Zeit als Edelkomparsin aber war vorbei. Der Vorhang über der Bühne Sanary hatte sich für immer geschlossen. Das große Exil-Theater hatte sein Ensemble verloren. 1959 beklagte sich „Hildchen“ bitter über ihre Vereinsamung „in diesem Nest Sanary“.

Und während Sanary einige Jahre später als Urlaubshochburg für Touristen (wieder-)entdeckt und wachgeküsst wurde, wurde Hilde Stieler weitgehend vergessen. Auf der ersten Tafel, die das Touristikamt von Sanary mit den Namen der berühmten Exilanten der dreißiger Jahre am Hafen aufstellte, hatte man sie schlicht vergessen. Erst Jahre später wurde ihr Name der „Version 2.0“ der Gedenktafel hinzugefügt. Übersetzer und Herausgeber Manfred Flügge und dem umtriebigen AvivA Verlag ist es zu verdanken, dass die spannenden Lebenserinnerungen von Hilde Stieler unter dem Titel „Die Edelkomparsin von Sanary“ heute verfügbar sind.

Die Côte d’Azur bei Sanary heute: ein Traumziel für Touristen.

Illustrationen © Michael Kausch

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