Jannot: 1984. Der 18-Jährige, der einen Zettel schrieb und verschwand.

Buchempfehlung: Tommy H. Jannot: 1984. Der 18-Jährige, der einen Zettel schrieb und verschwand.

Ein Buch über eine Flucht aus der DDR. Nein, ganz falsch. Das ist eben keine Fluchtgeschichte, nicht wieder ein romantischer Abenteuerbericht über eine spannende Ballonfahrt über die deutsch-deutsche Grenze, über Tunnelbauer zwischen Ost- und Westberlin, über eine abenteuerliche Seefahrt über die nächtliche Ostsee. Nichts gegen solche Geschichten. Aber Tommy Jannot hat für uns etwas ganz anderes aufgeschrieben: den authentischen Bericht seines ganz normalen Grenzübertritts von Ost nach West. Na ja, was halt damals als „normal“ vorgesehen war.

Die Kurzversion geht so: Ein jugendlicher Bürger der Deutschen Demokratischen Republik setzt sich in einen Zug, der in die Bundesrepublik Deutschland fährt. Einfach so. Die Volkspolizei kontrolliert ihn, holt ihn raus, fragt ihn, wohin er wolle. Er erklärt, er wolle in den Westen. Einfach so. Daraufhin wandert er – nein, nicht in den Westen, sondern – in den Knast. Nach vielen Monaten überweist die Bundesregierung der BRD der Staatsregierung der DDR Geld und der Jugendliche wird per Bus in die BRD verfrachtet.

Die Langversion dieser Geschichte aber hat mehr als 400 durchgehend spannende, desillusionierende, aufklärende Seiten, in denen Thomas psychisch und physisch schwer verletzt wird, oftmals verzweifelt, immer wieder hofft, die Brutalität des DDR-Strafvollzugs erlebt und Freundschaften im Knast schließt, aufs Äußerste erniedrigt wird und Dinge lernt, die ihm im späteren Leben wertvoller sein werden, als manche berufliche Ausbildung.

Let´s go West

Eines Tages also beschließt Tommy gemeinsam mit einem Kumpel in den Westen zu gehen. Und er geht einen geraden Weg, nicht über den Stacheldraht, nicht über die See. Er schreibt einen Zettel mit dem Text „Let´s go West“, legt ihn auf sein Bett im Wohnheim und macht sich zu Fuß auf Richtung Westen.

„Jetzt woll’n wir doch mal seh’n
Wie weit die Reise geht
Und wohin der Wind mich weht
Es muss doch irgendwo ’ne Gegend geben
Für so ’n richtig verschärftes Leben
Und da will ich jetzt hin“

(Udo Lindenberg, aus „Ich träume oft davon ein Segelboot zu klau’n“. Aus dem Film „Nordsee ist Mordsee“ von Hark Bohm; Ich zitiere Lindenberg weil Tommy in jenen Jahren so ziemlich alle Lieder von ihm auswendig konnte und im Knast gerne sang; und weil ich diesen Film liebe.)

Beiden war klar, dass sie früher oder später von der Volkspolizei oder den Grenztruppen aufgegriffen werden würden. Die Konsequenzen: „Im schlimmsten Fall zwei Jahre Knast. Entlassung in den Osten und Scheiße fressen bis zum nächsten Mal. Im besten Fall Abschiebung oder Freikauf. Mit regelmäßigen Ausreiseanträgen vielleicht irgendwas in der Mitte.“ Das war dann aber auch schon die ganze Strategie. Und die ganze Vorbereitung.

Irgendwann geht es dann mit dem Zug weiter. Und im Zug vollzog sich dann auch die erwartete Verhaftung.

Im Knast

„Rums-rums, rassel-rassel, schließ-schließ“. Es folgen viele Monate im Knast. Der ist ein wenig so, wie sich Tommy das vorgestellt hat, und doch ganz anders und auf die Dauer viel härter. Vor allem die Konfrontation mit den anderen Gefangenen ist heftig. In der Hierarchie der Knastis muss man erstmal seinen Platz finden. Das beginnt beim geruchsarmen Vollzug des Stuhlgangs und endet noch lange nicht bei den anstaltsinternen Tauschgeschäften mit Zigaretten, Zwiebeln und Brot, vielleicht beim Schutz der eigenen rückseitigen Jungfräulichkeit. Der Autor schildert den Alltag im Knast eindringlich und im Klartext. Eine Verfilmung dieses Buchs würde die FSK wohl herausfordern.

Die Bakelit-Stecker, die Tommy im Knast montierte, konnte man vermutlich im Westen gegen harte D-Mark kaufen. „Es gibt sie noch, die guten Dinge des Lebens …“; nicht zuletzt dank der politischen Häftlinge im Arbeiter- und Bauern-Staat.

Zwischen Knastarbeit und Positionskämpfen in der Knasthierarchie dann immer wieder Verhöre und das Schreiben von Ausreiseanträgen. Irgendwann hörte Tommy dann etwas von einem Anwalt Vogel in Ostberlin, der sich auf Fälle wie den seinen spezialisiert hatte. Und tatsächlich übernahm dessen Kanzlei die Vertretung im Fall Tommy H. Jannot.

Rübergemacht

„Jannot … Thomas … wurde am 15.08.1984 nach der BRD entlassen.“ (aus dem Entlassungsschein). Westwärts geht es mit dem Bus. „Ein älterer Herr steigt ein. Gestatten, Rechtsanwalt Vogel. Er wird uns bis zur Grenze begleiten. Nach ein paar Worten steigt er wieder aus und wechselt in einen Benz. Dann starten die Motoren. Eine stählerne Schleuse öffnet sich. Wir fahren hinein. Die Schleuse schließt sich. Ein stählernes Tor öffnet sich. Wir fahren hinaus. Es geht auf die Autobahn in die richtige Richtung. Kurz vor der Grenze halten wir die Luft an: Vogels Benz fährt auf der Überholspur voraus. Vorbei an einer langen Schlange. Unsere Busse direkt hinterher. Die Schranken öffnen sich. Die Grenzer winken uns durch. … Alle Straßen wie neu. Bunte Häuser. Schneeweißer Putz. Rote Dachziegel. Alles in Farbe. Ohne Grauschleier.“

Du hast den Farbfilm vergessen, mein Thomas …

Das Buch ist übrigens reich illustriert. Mit zahlreichen Originaldokumenten und KI-Illustrationen. Alles in schwarzweiss. Auch die Erinnerungen sind schwarzweiss, aber authentisch. Manchmal ist schwarzweiss einfach authentischer, verkürzt, aber klarer in der Aussage.

Persönliches Nachwort

Und nun muss ich mal ganz persönlich werden: Thomas Jannot kenne ich schon seit mehreren Jahrzehnten als exzellenten Technik-Journalisten. Erst seit rund zehn Jahren aber kenne ich seine Lebens- und Fluchtgeschichte. Er ist den Weg der Ausweisung bzw. des „Freikaufs“ (ein furchtbares Wort) gegangen. Er hat diese Geschichte aufgeschrieben, erst in den sozialen Medien und nun – endlich – auch in einem Buch. Ich bin davon überzeugt, dass er uns allen viel zu berichten hat. Und Leute wie ich können daraus nur lernen. Denn vor – sagen wir mal – 40Jahren hätte ich seine Flucht wohl eher nicht gebilligt, hätte an die Veränderbarkeit der Verhältnisse in der DDR geglaubt und hätte eben diese Demokratisierung als Aufgabe der „Brüder und Schwestern drüben“ angesehen. Nicht, dass ich die Verhältnisse in der DDR gut geheissen hätte, aber verklärt hab ich manches sicherlich. So wie Biermann in seinem Lied vom Flori Have, dem uralt klugen Kind Robert Havemanns, das auch „rübergemacht“ hat.

Ich war blinder als Thomas. Und er war mutiger. Er ist eben nicht „geflohen“, sondern hat ein uraltes Menschenrecht eingefordert, das Recht auf Freiheit, auch auf die Freiheit Grenzen zu überwinden. Und auf das Recht Sicherheitsnadeln im Ohr zu tragen, statt Orden der Jungen Pioniere. Heute habe ich davor Respekt und ich schäme mich ob der Arroganz, mit denen ich damals „Republikflüchtlingen“ begegnet bin.

Lese-Empfehlung

Wer sollte „1984. Der 18-Jährige, der einen Zettel schrieb und verschwand“ von Tommy H. Jannot lesen? Jeder, der sich für die Geschichte der DDR interessiert und erst recht Menschen, die mit diesem Land einmal mehr oder weniger große Hoffnungen und Illusionen verbanden. Jede, die an die Würde des Menschen glaubt und für die Reisefreiheit uneingeschränkt für alle Menschen gilt. Vielleicht auch jeder, der den Film „Nordsee ist Mordsee“ mag.

Das Buch ist als BoD erschienen: Link zu amazon 

Illustrationen © Michael Kausch

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