Jules Verne Werkausgabe

Buchbesprechung: Jules Verne: Die Jangada. 800 Meilen auf dem Amazonas

Einige warten  hier auf meinen Reisebericht vom Amazonas. Tatsächlich bin ich ja vor wenigen Wochen den großen Fluss von Tabatinga bis Manaos hinunter gefahren. Sie müssen noch ein wenig warten. Der Bericht ist in Arbeit.

Vor mehr als 150 Jahren unternahm diese Reise schon ein gewisser Joam Garral, eine Figur aus dem Figurentheater von Jules Verne, aufgeschrieben 1881,  unter dem Titel „Die Jangada“ erstmals ins Deutsche übertragen 1882, dann lange Jahre vergessen und schließlich auf wundersame Weise gefunden, sorgsam editiert und sorgfältig wiederveröffentlicht als Band 406 der Anderen Bibliothek im Oktober 2018 im Berliner Aufbau Verlag. 

Jangada war nun auch der Name des Schiffes mit dem ich im Oktober 2022 den Amazonas bereiste. Und ganz eigentlich bezeichnet Jangada eine besondere Art Floß, versehen mit einem dreieckigem Segel und einer Strohhütte, die einer Indio-Familie als schwimmende Wohnung dient. Eine Janganda war also im 19. Jahrhundert eine Art Hausboot in Form eines groben Floßes. 

Amazonasboot

Die typische Bootsform auf dem Amazonas sind heute kleine Kanus mit kleinen Außenbordmotoren.

Die Storyline von Jules Vernes Jangada

Worum geht es in diesem Abenteuerroman?

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Alexander Solschenizyn

Alexander Solschenizyn: Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch

Manchmal steht man vor seiner Bibliothek und greift einfach hinein. Und dann zieht man ein Büchlein heraus, wie einen Ertrinkenden aus dem Meer. Dieser kleine, geschundene dtv-Band trägt das Veröffentlichungsdatum 1973. Sein damaliger Preis: 2.80 DM. Er muss also schon reichlich lange in den Fluten meiner Regale treiben. Es handelt sich um die 7te deutsche Taschenbuchauflage von Alexander Solschenizyns Erstlingswerk „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“.

Ich weiß nicht mehr, wann ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe. Als ich es kaufte, hatte der Autor gerade 3 Jahre zuvor den Nobelpreis für Literatur erhalten.

Der Roman schildert einen Tag im Leben eines Häftligs in einem stalinistischen GULAG. Der Kunstgriff, eine Geschichte auf den Zeitraum von 24 Stunden zu verdichten, hat mir schon immer imponiert: bei Sansibar von Alfred Andersch (ok, da sind es 27 Stunden) und natürlich bei Ulysses.

Solschenizyn berichtet von den Erfahrungen des Gefangenen Iwan Denissowitsch, vom täglichen Überlebenskampf, von den Hierarchien im Lager, von den sozialen Beziehungen unter den Häftlingen. Vieles von dem was er so eindrucksvoll und intensiv erzählt entstammt seinen eigenen Erfahrungen. Schließlich verbrachte er selbst mehrere Jahre in Arbeitslagern. Es ist ein bitteres, erhellendes und wichtiges Buch. Liest man es noch in den Schulen? Es wäre gut.

"Ein Drama für Jack Taylor"

Buchbetrinkung: Ken Bruen, Harry Rowohlt: „Ein Drama für Jack Taylor“

„Ein Drama für Jack Taylor“ war nun der zweite Band der von Harry Rowohlt geschriebenen Detektivgeschichtenreihe über Jack Taylor, die angeblich ein Ken Bruen sich hat einfallen lassen. „Übersetzt von Harry Rowohlt“ steht auf dem Einband. „Übersetzt“ … so ein Unfug. Wenn man die Bändchen liest, hockt einem Harry livehaftig wie Jameson der Satanische gegenüber und liest heiteren Gemüts vor. Sei’s drum.

Wobei „Ein Drama für Jack Taylor“ völlig aus der Reihe fällt. Schon weil Jack das ganze Buch hindurch nichts trinkt und auch nichts raucht. Es handelt sich um einen Entziehungroman mit den erwartbaren Nebenwirkungen. Der Plot ist noch wirrer, als zu erwarten gewesen wäre, wäre der Normalpegel eingehalten worden. Laut Klappentext geht es um einen Mord an zwei Studentinnen, unter deren Leichnams Bücher des irischen Klassikers Synge deponiert wurden. Tatsächlich klärt Jack Taylor zwar die Morde auf, was aber noch lange nicht bedeutet, dass es auf den gut 200 Seiten irgendwie um die Aufklärung dieser Verbrechen ginge. Um was es geht erschließt sich dem Leser und der Leserin nicht so richtig. Irgendwie um „Galway-Kram“. Etwa in der Art der Selbstbeschreibung des Protagonisten als Nicht-Tänzer: „Als Nächstes ging man am Samstagabend zum Tanz, die hohe Zeit der Showbands. Hier begann der Albtraum im vollen Ernst. Meine Generation tanzte nicht. Die Mädchen konnten jiven und hotten, bis die Kühe nach hause kamen. Die Typen kippten den Schnaps aus verbotenen Flachmännern, warteten auf den ‚langsamen Set‘ und schafften es, ihr eine Hand auf die Schulter zu legen, vielleicht das Riemchen ihres BHs zu ertasten und danach wochenlang heiß zu sein. Wenn man gezwungen war bei den schnellen Nummern mitzumachen, demonstrierte man, wie sehr man ein Kind der Sechziger war. Man vollführte eine Serie schrulliger unzusammenhängender Zuckungen, ohne die Füße zu bewegen, und schwitzte grimmig.“

Kurz: in dem Buch werden sich viele Kinder der Sechziger mit Schrecken in den zuckenden Augenlidern wiedererkennen und sich zur Beruhigung noch ein Getränk holen und „die letzte der Pints lenzen“, wie ich in meiner zarten Besprechung von „Ein Grabstein für Jack Taylor“ auf Czyslansky denselbigen zitierte. „Slainte amach.“ „Leat fein.“ Sag ich doch, Harry, sag ich doch.

Deutschlands Top Corporate Blogs 2022

Das sind Deutschlands Top-50-Corporate Blogs – Ich bin dabei!

Faktenkontor hat Deutschlands beste Corporate Blogs gewählt. Aus rund 2.000 Unternehmens-Blogs haben die Kollegen die 50 besten Blogs ausgesucht. Die Kriterien für die Wahl lauteten:

  • die Sichtbarkeit des Blogs im Internet,
  • die Anzahl der Verlinkungen auf den Blog,
  • die Social-Media-Aktivitäten des Blogs,
  • die Aktivität des Blogs,
  • die Interaktion des Blogs mit seiner Community.

Ein Schwester-Blog von Czyslansky ist unter den Top25: mein Agentur-Blog von vibrio!

Und was mich besonders freut: auf Rang 25 findet sich das Schwester-Blog von Czyslansky, das Blog meiner Agentur vibrio.   Die dampfLog habe ich parallel zu Czyslansky im Juni 2008 aus der Taufe gehoben. 

Der Agentur-Blog war von vornherein ein klassischer Corporate Blog der Agentur vibrio: alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Agentur haben an ihm mitgeschrieben und inzwischen mehr als 1.000 Beiträge auf ihm veröffentlicht. Die Themen sind vielfältig und reichen von klassischen PR- und Marketing-Themen über Markt und Technologien bis hin zum Leben in und mit der Agentur. Gelegentlich kommen auch Kunden zu Wort und stellen neue Technologien und Strategien zur Diskussion.  

Zu den bisherigen Highlights gehören sicherlich ein Erfahrungsbericht mit einer Kaffeemaschine, der sich zu Deutschlands längstem Shitstorm ausweitete – Czyslansky berichtete –  und ein Praxis-Tipp, wie man auf LinkedIn als Unternehmensseite Beiträge liken und teilen kann. Allein der letzte Beitrag wurde rund 40.000 mal gelesen.

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Thiele TA01

Der Thiele TA01 – ein Tonarm ohne Fehl mit Adel

Am vergangenen Wochenende war ich bei ATR in Eltville am schönen Rhein. Das Team von Audiotrade hat zum „Open House“ eingeladen und es war wirklich eine tolle Veranstaltung mit zahlreichen Vertretern hochkarätiger Hifi-Hersteller. Einmal mehr beeindruckten die großen La Sphére von Cabasse meine Ohren und die schrägen Laufwerke von Pro-Ject. 

Die Cabasse in der Vorführung

Die Cabasse in der Vorführung

Ganz besonders aber fesselte mich ein Arm. Der Tonarm sah nach klassischem Maschinebauhandwerk aus: nicht eben grazil, aber schwer durchdacht und blitzsauber verarbeitet. Eine Mischung aus deutschem Maschinenbau und deutschem Industriedesign. Und wie der Zufall so spielt wurde mir das Meisterstück auch vom Meister persönlich vorgeführt, vom Entwickler Helmut Thiele, seines Zeichens Industriedesigner und gelernter Maschinenbauer und Hifi-Enthusiast und Duisburger – alles in einer Person. Und hömma, wenn der dir sacht, wo der Frosch die Locken hat, denn weisse aber Bescheid, ne.

Tonarm Thiele TA 01

Also tu ich jetzt Bescheid wissen über den Thiele TA01, denn der ist kein Drehtonarm und kein Tangentialtonarm und aber vielleicht auch beides zusammen.

Der Thiele TA01 ist ein Drehtangentialtonarm – oder so…

Der Thiele TA01 verbindet die Vorteile eines Drehtonarms mit einem Tangentialtonarm.

Mal für die Nicht-Vinylisten: Ein Drehtonarm ist ein Tonarm, wie ihn jeder kennt: der führt die Abtastnadel in einem Kreissegment über die Schallplatte. Und wer jetzt nicht weiß, was eine Schallplatte ist soll weiter MP3 hören und seine Ohren schinden. Man kann sich vorstellen, dass die Nadel bei der Bewegung auf dem Kreissegment genau an einem Punkt optimal in der Rille sitzt, aber an allen anderen Punkten ein wenig schräg zur Rille in der Scheibe kratzt. Dabei gilt: je kürzer der Arm ist, desto stärker ist dieser sogenannte „Spurfehlwinkel“. Der Spurfehlwinkel führt zu einer unsauberen Abtastung und zu einer erhöhten Abutzung von Abtastnadel und Schallplatte.  

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Die Schule der Trunkenheit

Die Schule der Trunkenheit – ein Leerbuch, äh … Lehrbuch

„Die Schule der Trunkenheit“ ist nun wirklich nicht mein erstes Buch aus dem Verbrecher-Verlag. Aber ich habe, so glaube ich zumindest, noch nie ein Buch aus dessen Programm besprochen. Was für ein Verbrechen.  Schließlich verlegt der Verlag wirklich Hochprozentiges. Antifaschistisches, Literarisches, Ozeanisches. Folget dem Link, es lohnt sich.

Die „Schule der Trunkenheit“ gehört neben den Shell Autoatlas, und sonst nirgendwohin

„Die Schule der Trunkenheit“ lohnt sich allemal. „Welche Spirituose kurvte im Glas von Willy Brandt und was trug diese zur Entspannung zwischen Ost und West bei? Warum gefährdete ein katholischer Geheimbund die Brandy-Produktion?“ Wer die Antwort auf solche Fragen sucht, der trinkt nicht aus Sucht, sondern weil er weiß, dass die Antwort auf die Frage aller Fragen nicht 42 lautet, sondern 40. Und zwar exakt 40, weil 40 Prozent der Alkoholgehalt ist, den der Erfinder des Periodensystems der Elemente Dmitri Iwanowitsch Mendelejew 1894 als russischen Standard definierte, weil so der Wodka am bekömmlichsten ist. Wer das weiß, der trinkt nicht aus Sucht, sondern aus wissenschaftlichem Interesse und der liest das Buch „Die Schule der Trunkenheit“ eben aus literarischem Interesse, ach was, als Sachbuch, als Standardwerk, als Grundlagenwerk, als das Buch, das im Regal direkt neben dem Shell Autoatlas steht und nirgends sonst. Weil ohne diesem Werk alles gar keinen Sinn hat. 

Wie komme ich auf Shell und dessen Atlas? Ach ja, logisch, weil die beiden Autorinnen ihr Werk mit dem Hinweis auf die Weltausstellung 1889 einleiten, auf dem in Paris, zu Füßen des Eiffelturms Europas erste American Bar ihre Flügeltüren öffnete, als „ein Ort der Kommunikation zwischen den Geschlechtern […]. Es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein, dass der Alkohol als Treibstoff des gesellschaftlichen Fortschritts diente. Obwohl nicht verschwiegen werden sollte, dass er nicht selten auch seine Bremsflüssigkeit war.“

Darf ich vorstellen: die blutige Marie

Und so geht es denn dahin, das Gedenke und das Fabulieren rund um jene Verbindung, die keine Lösung, aber auch kein Problem ist. Jedenfalls für den (aus)gebildeten Trinker. Im Folgenden stellen die Autorinnen die wichtigsten Drinks und die besten Geschichten rund um diese Drinks vor. Und ich kannte und kenne viele (Drinks und Geschichten) und habe doch viel Neues bei der Lektüre dieses Buches kennengelernt.

So kannte ich natürlich die blutige Marie, die „Bloody Mary“, von der „Roten Katjuschka“ hatte ich aber noch nie zuvor gehört. Mein Freund und Czyslansky-Bruder Alexander Broy kennt die Katjuschka vermutlich persönlich. Aber der hat ja auch eine Zeitlang als Barkeeper gearbeitet. Aber ob er die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen James „Jim“ Beam und Jakob Böhm kennt? Und ob er weiß, dass Jack Daniels – Ich weiß, Freunde nennen ihn „John“ – nicht an einem gebrochenen Herzen, sondern an einem gebrochenem Zeh starb? Der Verletzung soll er sich bei einem harten Tritt gegen eine verklemmte Tresortür zugezogen haben. Geld macht nicht glücklich, nein nein …

God bless the Queen

Dass der Begriff „Proof“ für einen Alkoholgehalt von 57 Prozent steht und daher rührt, dass man Alkohol mit mehr als 57 Prozent Alkohol mit gelber Flamme anzünden kann. Dazu muss man den Alkohol mit Schießpulver vermengen vor dem Anzünden. Hat er genau 57 Prozent verpufft er mit blauer Flamme. Hat er weniger, tut sich gar nichts.

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Das neue OM System 20 mm 1.4 ED Pro Objektiv im Praxis-Test

Gestern kam mein neues Standardobjektiv für die Olympus Pen-F an: das OM System 20 mm 1.4 ED Pro. Es ist das erste Objektiv, das unter dem neuen Markennamen „OM System“ auf den markt kommt und nicht mehr als „Olympus“. Man darf also der alten Marke ein wenig nachtrauern, sollte sich aber nicht lange mit Jammern aufhalten.  Wichtiger ist, ob es den hohen Ansprüchen an die „Pro“-Reihe seiner Objektiv-Geschwister genügt. Und soviel vorweg: das tut es!

Das neue 20 mm Objektiv ist ein wunderbares Reiseobjektiv

Für ein Pro-Objektiv von Olympus – Verzeihung: OM System – ist es mit rund 670,- Euro allerdings erstaunlich preisgünstig. Es ist allerdings auch minimal lichtschwächer, als die anderen Festbrennweiten. Die Anfangsöffnung liegt bei 1,4, nicht bei 1,2 wie bei dem 25er oder dem 17er. Dafür ist es mit nur 247 Gramm auch ein echtes Leichtgewicht. Das 25er wiegt immerhin mehr als 400 Gramm. Natürlich besteht so ein Leichtgewicht weitgehend aus Kunststoff, aber der ist hochwertig und die Objektivfassung ist natürlich aus Metall. Die Haptik ist schon in Ordnung, keine Leica, aber doch gut.

Das OM System 20 mm verzichtet aber leider auch auf den praktischen Umschalter zwischen manuellem und Autofokus. Viele Fotografen hassen diesen kleinen Schieberegler ja, weil er sich angeblich zu leicht im Alltag versehentlich verstellt. Ich komme damit bei meinem 12-100 mm Reisezoom der Pro-Reihe sehr gut klar.

Ich habe mich für das neue 20er entschieden, weil es eben dieses Objektiv und das neue 100-400 mm Supertele als lichtstarkes Standardobjektiv auf Reisen ergänzen soll. Es komplettiert mein Objektiv-Set für die kompakte Olympus Pen-F – das 60er Macro gehört noch dazu – immer dann, wenn ich unterwegs bin und auf Tele-Brennweiten nicht verzichten will und deshalb meine Leica M nicht zum Einsatz kommt. Die entscheidenden Kaufargumente waren also:

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Pablo

Herr Pablo ist tot

Gestern Abend verstarb Herr Pablo. Er wurde ungefähr 40 Jahre alt. So genau wissen wir das nicht. Aber er lebte mehr als 30 Jahre in unserem Haushalt. Für einen Senegalpapagei ist das ein schönes Alter. Er starb einen natürlichen Tod. Er ist ganz einfach friedlich eingeschlafen und in den Papageienhimmel geflogen.

Sein Käfig ist leer und für uns ist das gar nicht so einfach. Immerhin habe ich länger mit ihm zusammengelebt, als mit meinen Eltern oder mit meinen Kindern. Und da gewöhnt man sich aneinander. Wir haben so manche Erdnuß geteilt. Und ich habe mich an seine Marotten gewöhnt. Und er hatte viele Marotten. Er ist in den letzten Jahren ein alter gelbgrüner Mann geworden, so wie ich ein alter weißer Mann geworden bin.

Er hat in dieser Zeit viel erlebt. 30 Jahre war er ein Mohrenkopfpapagei. Dann wurde er ein Senegalpapagei. Aber das ist eine andere Geschichte, die ihm ziemlich an den Schwanzfedern vorbei ging. 

Wir haben ihn nicht mehr fliegen lassen, weil er es auch kaum mehr konnte. Insofern haben wir uns flugtechnisch einander angeglichen. Er konnte nur noch geradeausfliegen. Keine Kurven mehr. Und seine Landungen waren völlig unkontrollierte und ziemlich chaotisch verlaufende Notlandungen. 

Also ging er lieber zu Fuß, aber auch das in einem eher merkwürdigem Stil. Er humpelte nämlich, dass es dem alten John Silver mit seinem Holzbein zur Ehre gereicht hätte. Ein Papagei, der hinkt, wie ein papageienbewehrter Pirat – ein seltsames Bild. Er hatte sich vor Jahren an seiner rechten Kralle verletzt, so dass er diese nicht mehr recht schließen konnte. Deshalb konnte er damit auch keine Nuss mehr packen und sich auch nicht mehr am Gitter festhalten. Er vergaß das aber regelmäßig, was beim Klettern im Käfig immer wieder zu verhängnisvollen Abstürzen führte. Gerne hätte ich ihm einen Helm gekauft, wie einem Bergsteiger. Oder aus einer Walnusschale einen gebastelt. Er hätte ihn wohl aus Stolz verweigert.

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Literarisches Quintett

Literarisches Quintett X: Politisches: Mühsam – Chirbes – Bazyar – Pryce – Zahl

Vor rund zwei Jahren habe ich auf meiner Facebook-Seite Michael Kausch schreibt in 100 Tagen 100 Bücher von 100 Autoren vorgestellt. Nach und nach fasse ich hier auf Czyslansky diese kleinen Vorstellung – Besprechungen sind es eigentlich nicht – in Quintetts zusammen. Das Quintett Nummer IX erschein schon im Februar. es wird also mal wieder Zeit …

Heute stelle ich Bücher von fünf politischen Autor*innen vor:

Erich Mühsam: Judas

„An starken Anarchisten bräucht mer halt“ war ein beliebter Satz an bayerischen Stammtischen zu später Stunde, als studentische Kneipen noch geöffnet hatten und billiger Rotwein und edler Augustiner Stoff noch in breiten Urströmen floss. Und in den siebziger und frühen achtziger Jahren fiel dann immer wieder ein Name: „So einen wie den Mühsam Erich“.
Sehr verbreitet freilich waren dessen Schriften nie. Abgesehen vielleicht von seinem Lampenputzer-Gedicht. Das kannte jeder:

„War einmal ein Revoluzzer
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.
Und er schrie: „Ich revolüzze!“
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.“

1978 erschienen seine Schriften in neun anarchoschwarzen Bänden im Berliner Verlag Klaus Guhl. Gekauft hab ich sie im „Adalbert 14“, einem legendären und schon lange nicht mehr existierenden linken Münchner Buchladen und seitdem stehen sie in meinem Regal.

Der Band „Judas“ enthält das gleichnamige heute fast vergessene Theaterstück, ein „Arbeiterdrama in 5 Akten“, uraufgeführt 1921 in Mannheim. Geschrieben hat er das Stück während seiner Haft im Gefängnis in meiner Heimatstadt Ansbach. Und damit ist auch klar, warum ich ausgerechnet diesen Band hier zur Vorstellung ausgewählt habe.

Die Handlung spielt im Januar 1918 in einer deutschen Großstadt. Es geht darum, wie ein Arbeiterführer einen großen Streik organisiert und dabei sich in Widersprüche verstrickt und schließlich die Arbeiter verrät. Das alte Elend.

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Bahnbetrug? Mit der Deutschen Bahn auf dem Stehplatz von Köln nach München

Wenn einer etwas verkauft, was er nicht hat, dann spricht man von Betrug.  Oder vielleicht von einem Versehen, wenn ihm das Objekt der Begierde irgendwie kurzfristig abhanden gekommen ist. Wenn einer aber an nur einem Tag einem Kunden gleich zwei Mal etwas verkauft, was er nicht hat, dann darf sich der Kunde doch zu Recht irgendwie betrogen fühlen.

Ich bin ein großer Freund der Bahn und leidenschaftlicher Zugfahrer. Während der Pandemie war ich kaum unterwegs, weshalb ich den Bahncomfort-Status mangels Mobilität vorübergehend verloren habe. Meine Bahn-Card 50 für die 1. Klasse aber ist mir wichtig. Innerdeutsche Flüge nutze ich schon lange nicht mehr und das Auto lasse ich auf längeren Strecken gerne stehen. Und ich habe großes Verständnis für die Bahn und ihre „kleinen“ Schwächen. Doch vorgestern hat mir die Bahn gleich zweimal ein Ticket in Waggons verkauft, die sie einfach nicht hatte. Und sie hat mich mit mehr als vier Stunden Verspätung von Köln nach München gefahren. Stehend auf einem überfülltem Gang. Und das alles nicht wegen fiesem Sturm, Hagel oder umgefallener Bäume. Aber lasst mich den Horror-Trip einfach mal in aller Ruhe erzählen …

Von Aachen nach Köln verbummelt man gerne eine Stunde in der Bahn

Wenn alles normal läuft, braucht man mit dem ICE von Köln nach München knapp über vier Stunden. Um aber vorher von Aachen nach Köln zu kommen lässt man sich mit einem Bummelzug eine Stunde lang über die Dörfer schaukeln. Da sammelt man gerne Verspätung an und mein Fahrplan kalkulierte in Köln nur eine Umsteigezeit von neun Minuten. Der ICE wartet aber nicht auf einen Regionalzug. Also bin ich sicherheitshalber schon mal eine Stunde vorher in Aachen aufgebrochen. Diese Stunde investiert man weil man die Pünktlichkeitsprobleme der Bahn kennt und mit ihnen lebt.

Die Bahn bucht mich um – wie dumm …

Am vergangenen Freitag hatte das den Vorteil, dass ich noch Zeit hatte in Köln am Bahnsteig einen Blick auf den Wagenstandsanzeiger zu werfen. Und siehe da: Plötzlich gab es keinen Wagen 39 im ICE 107. Dabei war in eben diesem Wagen mein gebuchter reservierter Sitzplatz. Obwohl ich in meine Bahn-App eingetragen hatte, man möge mich über Änderungen informieren, war dies nicht geschehen. Was ich aber in der App sah war, dass der Zug außerordentlich stark ausgelastet war, sprich: es war alles besetzt. Gut, dass ich noch Zeit hatte ins Reisezentrum zu gehen. Dort empfahl man mir einen späteren Zug nach München zu nehmen. Leider könne man mir erst einen Platz im ICE 721 anbieten, der drei Stunden später Köln Richtung München verlassen würde.

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das blog zur analog- und digitalkultur

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