Wörterbuch der Zukunft

Sieht die Zukunft, wie sie ist: Doug Coupland

Für all diejenigen, die nicht warten wollen, bis sein Verlag die deutsche Fassung auf den Markt bringt (wenn überhaupt) will ich mal versuchen, das wunderbare Stück von Doug Coupland („Generation X“) zu übersetzen, dass heute unter der Überschrift „A dictionary of the near future“ in der „New York Times“ erschienen ist. Czyslansky hätte an ihm seine helle Freude gehabt!

Das Schlimme an der Zukunft ist, dass sie sich nie so ist, wie wir sie uns vorgestellt haben. Neue Empfindungen verlangen nach neuen Begriffen. Hier ein paar solche Ausdrücke die helfen sollen, unsere Gegenwart zu beschreiben.

Flughafen-induzierte Identitäts-Dysphorie: Beschreibt den Grad, bis zu dem das Reisen heute den Reisenden gerade eben so viel seines Identitätsempfindens nimmt, dass er das Bedürfnis verspürt, Aufkleber und Schnickschnack zu erwerben, die sein leicht erodiertes Persönlichkeitsgefühl wieder anheben: Flaggen der Welt, Familienwappen, Schulbedarf.

Bells Gesetz der Telefonie: Egal welche Technologie verwendet wird, die Monatsrechnung Ihrer Telefongesellschaft bleibt magischerweise immer gleich hoch.

Blank Collar Workers: Frühere Mittelklasse-Arbeiter, die nie wieder mittelklasse sein werden und die sich nie damit abfinden werden.

Cloud-Blindheit: die Unfähigkeit, Gesichter oder Formen in Wolken zu erkennen.

Komplexe Separation: Die Theorie, wonach ein Musikstück oder Song nur eine einzige Chance bekommt, bei uns einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Danach beginnt das Gehirn, ihn in seine musikalischen einzelteile zu zerlegen – Text, Melodie und so weiter.

Crystallografische Geldtheorie: Eine Hypothese, die besagt, dass Geld in Wirklichkeit der kristalline oder kondensierte Zustand von Zeit und Willensfreiheit ist – jene beiden Eigenschaften, die den Menschen von den anderen Lebensformen unterscheiden.

Denarration: Der Prozess, nach dem unser Leben aufhört, uns wie eine Erzählung vorzukommen.

Deselbstrierung: Das bewußte Verwässern unseres Selbstgefühls und Egos, indem wir das Interbet mit möglichst vielen persönlichen Informationen zukleistern (siehe auch: Undeselbstrifierung).

Dimanchophobie: Angst vor Sonntagen, ein Zustand, der unsere Unfähigkeit wiederspiegelt, mit unstrukturierte Zeit umzugehen. Nicht zu verwechseln mit Didominicaphobie oder Kysiakephobie – Angst vor dem Tag des Herrn.

Fiktive Erholung: Die Unfähigkeit vieler Leute einzuschlafen, bevor sie nicht wenigstens ein paar Zeilen Belletristik gelesen haben.

Frankentime: Wie sich Zeit anfühlt wenn dir endlich auffällt, dass du den Großteil deines Lebens vor einem Computer oder im Internet verbringst.

Ikease: Der Wunsch vieler Verbraucher, sich mit „generisch“ designten Objekten zu umgeben. Das Bedürfnis nach klaren, verwirrungsfreien Formen ist eine Methode, sein Leben einfacher zu gestalten und damit der Flut von Informationen zu begegenen, die auf uns einstürzen.

Intsant Reinkarnation: Die Tatsache, dass die meisten erwachsenen Menschen, egal wie großartig ihr Leben ist, sich nach radikaler Veränderung in ihrem Leben sehnen. Der Drang, sich zu noch zu Lebzeiten wiedeergeboren zu werden, ist fast universell.

Intravinkuläres Familienschweigen: Wir sehnen uns nicht deshalb danach, im Kreise unserer Lieben zu sein, weil wir so viele gemeinsamen Erfahrungen teilen, über die wir reden wollen, sondern weil unsere nächten Angehörigen genau wissen, welche Themen man lieber vermeiden sollte.

Humanalia: Vom Menschen gemachte Dinge, die nur auf der Erde vorkommen und sonst nirgendwo im Universum. Beispiele sind Teflon, Süßstoff, Seroxat und handfeste stücke des Elements Nummer 43, Technetium.

Innere Sprachblindheit: Die fast überall verbreitete Unfähigkeit der Menschen, den Tonfall und die Persönlichkeit der Stimme zu beschreiben, in dem ihr interner Monolog abläuft.

Intraaffinitäre Melancholie vs. extraaffinitäre Melancholie: Was ist einsamer: single und einsam zu sein, oder einsam zu sein in einer toten Beziehung?

Karaokeale Amnesie: Die meisten Menschen kennen nicht den ganzen Text ihrer Lieblingsliede auswendig.

Lyrische Knetmasse: Die Texte, die wir in unseren Köpfen schaffen, wenn wir den richtigen Text eines Lieds nicht kennen.

Malfaktorische Aversion: Die Fähigkeit herauszufinden, was wir im Leben nicht besonders gut machen, und damit aufzuhören.

Ich-Brille: Die Unfähigkeit, sich selbst so zu sehen, wie es andere tun.

Posthuman: Das, was als nächstes aus uns wird.

Rosenwalds Theorem: Der Glaube, dass immer nur die falschen Menschen selbstsicher sind.

Situative Desinhibition: Soziale Neuerungen die es einem erlauben, Hemmungen abzulegen, also Augenblicke, in denen es gesellschaftlich erlaubt ist, enthemmt zu sein, zum Beispiel im Gespräch mit Wahrsagern, mit Hunden oder anderen Haustieren, mit Barkeeper in Bars oder mit Ouija-Brettern.

Undeselbstrierung: Der Versuch, meistens verzweifelt und vergeblich, den Deselbstrierungsprozess umzukehren.

4 Gedanken zu „Wörterbuch der Zukunft“

  1. Steht das auch drin?

    Synblogergie: Blogs lesen während der Arbeitszeit?

    Paraskeuäophilie: Die Freude an Freitagen. In Amerika auch unter TGIFilie bekannt. (Analog zu der bereits genannten Kyriakäophobie).

    Hemiphrenie: Die Fähigkeit, mit einer Gehirnhälfte zu telephonieren und mit der anderen gleichzeitig Emails zu beantworten. (Vorschlag des Vereins zur Erhaltung der deutschen Sprache: Halbhirnismus)

    Ludophagie: Der Reflex der typischen Innenminister, wenn irgendwas Schlimmes passiert. (wörtlich: Spielefresserei. Gemeint sind Computerspiele, Ausnahme: Minesweeper)

    Vielleicht fallen anderen noch weitere Beispiele ein 🙂 ich muss meine Synblogergie in den Griff kriegen…

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