Wie kommt der Kuchen in den Tank?

Einmal volltanken, bitte!

In Thailand gibt es fast an jeder Straßenecke einen Händler, der in Karos geschnittene Stücke eines weichen, puddingartigen Kuchens verkauft, die er als „Cassava Cakes“ anpreist. Sie schmecken süßlich und machen schnell satt, und jeder kann sie sich leisten. Jedenfalls bisher.

In den „New York Times“ steht heute zu lesen, dass China letztes Jahr 98 Prozent der Cassava- oder Maniok-Ernte gekauft hat, um daraus Biosprit für die Millionen und Millionen von Autos zu destillieren, die jedes Jahr neu auf den Straßen des Riesenreichs rollen. Und sie sind nicht alleine. In den USA wird der überschüssige Mais, der früher in die Länder der Dritten Welt verkauft und dort verzehrt wurde, versprittet, weil der US-Kongreß per Gesetz die vorgeschriebene Menge des Biotreibstoffs aus heimischer Produktion bis 2022 vervierfacht hat. Die EU hat sich zum Ziel gesetzt, zehn Prozent des Energiebedarfs aus erneuen Quellen zu schöpfen, also hauptsächlich aus Windkraft und Biomasse. Windräder sind teuer, Rapsöl ist dagegen ziemlich billig.

Die Bauern freuen sich, weil gestiegene Nachfrage natürlich auch die Preise in die Höhe treibt. Die FAO, die Ernährungs-und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, meldete kürkzlich einen Anstieg der weltweiten Lebensmittelpreise allein zwischen Oktober und Januar von mehr als 15 Prozent. Dadurch würden „weitere 44 Millionen Menschen in niedrigen und mittleren Einkommensgruppen in die Armut getrieben“, wie es in der Pressemeldung der FAO heißt.

Die Debatte über E-10 in Deutschland wird so gut wie ausschließlich um die Frage geführt, ob wir damit die ach so sensiblen Antriebsaggregate unserer überzüchteten PS-Boliden beschädigen können oder nicht.

Ich finde das unglaublich zynisch.

Sagen wir es doch mal so, wie es ist: Wir nehmen den Leuten in den armen Ländern das Essen vom Teller und verbrennen es. Punkt!

Und kommen Sie mir jetzt nicht mit der Biokraftstoff-Nachhaltigkeitsverordnung von 2009 oder die EU-Richtlinie 2009/28/EG. Durch die wird der Wahnsinn nur verbeamtet. Was wir brauchen ist ein Ende des Verbrennungsmotors im Auto. Ja, auch mein Cabrio, das ich liebe und das aus dem Jahr 1998 stammt, sollte längst wirklich ein Museumsstück sein. Wir hätten schon vor 20, 30 Jahren eine Forschungsoffensive starten müssen, um uns von der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen lösen zu können. Haben wir nicht gemacht. Haben wir leider verpennt. So ist das eben.

Und nun nehmen wir Kindern ihren Cassava-Kuchen weg und stopfen ihn in unsere Tanks. Mir vergeht bei dem Gedanken der Appetit.

 

 

4 Gedanken zu „Wie kommt der Kuchen in den Tank?“

  1. Diese Diskussion geht mitten ins Herz der Deutschen – den V6, V8 oder V12 aus Stuttgart, Ingolstadt, München oder Zuffenhausen. Und was wird die immergleiche Antwort sein: Ja aber die Arbeitsplätze und die Wettbewerbsfähigkeit. Diese Diskussion ist in der Tat genause zynisch wie lächerlich.

    Welche Nachhaltigkeit hat eine Industrie, in der es darum geht, den Verbrauch und Schadstoffausstoß jährlich um wenige Promille zu reduzieren?

    Anstatt auf Luxuskarossen sollten wir uns auf andere, wichtige und nachhaltige Industriezweige konzentrieren, wie z. B. die Umwelttechnologie, Agrartechnologie und Gesundheitswirtschaft. Wir haben bzw. eher hatten in Deutschland die besten Ingenieure und Maschinenbauer der Welt und es gibt in der Zukunft riesige Chancen, die wir vergeben weil uns die Zylinderanzahl und die Auswahl des nächsten Urlaubsziels wichtiger sind, als Nachhaltigkeit.

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    Zum Thema Schadstoff-Ausstoss empfehle ich einen Blick in die Frontal 21-Sendung vom 5.4. zu werfen. Hier werden die Machenschaften der Automobilindustrie unter die Lupe genommen.

  2. Irgendwo in der 3. Welt, Mittagessen, Mutter und Kind sitzen am Tisch:

    Kind: Mama, Mama ich will meinen Cassava-Kuchen nicht essen.

    Mutter: Was auf den Teller kommt wird aufgegessen!

    Kind: ich mag aber kein Cassava

    Mutter: Du wirst schön aufessen, denk an die vielen Menschen in der 1.Welt, die nichts mehr zu Tanken haben.

    Kind: Dann schick ihnen doch den blöden Kuchen!

  3. Es ist eine Schande, dass wir diesen Menschen das Essen weg nehmen, um damit Benzin herzustellen. Aber auf der anderen Seite, Millionen in Entwicklungshilfe usw… pumpen.

    Aber davon abgesehen. Müssen wir uns von Autos lösen. Wir haben keine andere Wahl. Der ÖPVN muss dafür stärker ausgebaut werden. Und ja wir brauchen auch eine PKW-Maut, damit die Menschen sich einschränken in ihrem Auto-Fahrverhalten.

    Das möchte in Deutschland zwar niemand hören. Aber wir werden auf lange Sicht, nicht drum herum kommen.

  4. Das ist ein zweischneidige Sache und Dein Beitrag illustriert dies auch vorzüglich:
    a) einerseits ist der Aufkauf der Maniok-Ernte für chinesische Autos natürlich verwerflich, da hier ein vergleichsweise reiches Schwellenland in einem armen Land Nahrungsmittel aus einheimischer Produktion abkauft und so die Preise treibt.
    b) andererseits ist die Verhinderung des amerikanischen Mais-Exports in Entwicklungsländer zumindest mittelfristig ein Segen für diese Länder, da der Nahrungsmittelexport der Industrieländer häufig die einheimische Nahrungsmittelproduktion behinderte: zu Gunsten einer vergleichsweise reichen Oberschicht und zu Lasten der Bauern vor Ort.

    Entsprechend muss über die Nutzung nachwachsender Rohstoffe auch stets regional entschieden werden: Die „Verfeuerung“ von Überschüssen wie in den USA mag sinnvoll sein, muss aber in einer ökologischen Gesamtbilanz gegengerechnet werden zu den ökologischen Schäden einer Monokultur (Mais-Monokulturen sind ja nochmals problematischer, als Raps-Mono-Kulturen).

    Im Ergebnis wird eine „begrenzte“ Nutzung von Bio-Rohstoffen vermutlich ökologisch sinnvoll sein. Die Verwertung von Nahrungsmitteln aus Entwicklungsländern kann allerdings kann nicht akzeptiert werden, wenn diese Länder selbst auf diese Nahrungsmittel angewiesen sind. Und der Schutz von Boden und Grundwasser muss in allen Anbauländern Vorrang gegenüber einer Nutzung für den Individualverkehr haben.

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