Wir hatten ja nichts – nicht mal Studiengebühren

Gibt es heutzutage eigentlich noch Universalgelehrte wie einst Aristoteles oder Paracelsus? Oder Philosophen, die auf verschiedenen Gebieten Genies sind?

User „allesmurks“ wollte es genau wissen und hat diese Frage am o7. März 2012 ins Netz gestellt. Bekanntlich weiß und behält das Netz  nicht nur alles – es beantwortet auch alles. Und sei die Frage noch so abstrus. Die Plattform gutefrage.net ist ein hervorragendes Beispiel. Von der Lebenskrise über Reisetipps, von Therapiezweifel bis zum artgerechten Wellensittich-Futter: gutefrage.net ist eine feine Anlaufadresse für Menschen, die nicht weiter wissen, oder die zu bequem sind, sich selbst des Verstandes zu bedienen.
Czyslansky war da anders.

Aber das ist lange her. Sie kennen das. Das war früher; in einer Zeit, als es einfach noch nichts gab. Wir hatten ja nichts, pflegte Czyslansky im hohen Alter seine Erzählungen zu beginnen. Meterhohe Schneewehen haben wir täglich durchwandert. 9 Kilometer zur Universität und dann den gleichen Weg zurück. Aber wir waren ja so dankbar, dass wir was lernen durften. Wollten wir neue Schuhe, bekamen wir vom Vater ein Messer und die Anweisung: Dann schnitz‘ Dir welche.
Stimmt. An diese Zeiten können sich die älteren Leser dieses Blogs sicher auch noch erinnern. Damals, als es kaum Bücher in den kargen Hütten gab, höchstens die Bibel. Gelesen wurde nicht. Die Bibel kannte man ohnehin auswendig, und wer immer ein Buch zur Hand nahm, dem wurde vorgeworfen, er habe wohl nichts Gescheites zu tun: Beeren abribbeln, Wolle spinnen, alte Nägel wieder gerade schlagen. Eben Sinnvolles.

Aus Czyslansky ist am Ende doch etwas geworden. Ein Universalgelehrter, ein Polyhistor, wie man früher gerne sagte, es aber nur noch wenige überlebende Kenner und Freunde der alten Sprachen wissen. Das verdankt Czyslansky einem Studium generale, das im Zeitalter des Bachelor- und Masterstudiums den heutigen Jungakademikern Begeisterung und Angst gleichermaßen ins Gesicht treiben müsste: Interdisziplinäre Vorlesungen, Ringvorlesungen, Pro-, Haupt- und Oberseminare, Vertiefungskurse, „exotische“ Nebenfächer, alte Sprachen, Tiefgang und breite Allgemeinbildung…
Wie jammerte einst nicht ganz zu unrecht, der faustische Doktor:
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Doktor gar
Und ziehe schon an die zehen Jahr
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum –
Und sehe, daß wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen.

Recht hat er, der Faust. Bildung heute ist weit entfernt davon, und hätte Czyslansky nicht das große Glück gehabt, 42 Semester (eine andere Zahl kam nie in Frage!) zu studieren, er wäre wohl mitnichten einer der letzten Universalgelehrten geworden – ein Mensch, der in einem Atemzug mit Aristoteles, Augustin, Thomas von Aquin, Galileo Galilei, Leonardo da Vinci, Gottfried Wilhelm Leibnitz, Johann Wolfgang von Goethe, Allessandro Cagliostro, Quentin Tarantino oder eben Dr. Faust zu nennen wäre.
Diesen Weg wird allesmurks nun nicht einschlagen können, so sehr sich auch die Antwortgeber bemühen, ihm auf die Sprünge zu helfen. Denn 42 Semester würden zumindest in Bayern ganz schön kostspielig. Mit 500 €uro Studiengebühren pro Semester müsste der kluge Kopf € 21.000 auf den Tisch des Hauses blättern. Das ist angesichts der Kosten für einen vollgetankten, gut erhaltenen Gebrauchtwagen nun nicht allzu viel, aber doch grundsätzlich zu viel, will doch Wissen frei sein. Aber der Freistaat generiert über die Gebühren eben 180 Millonen „Sonderbesteuerung“. Derzeit schicken sich  Studenten, Eltern und ein Großteil der Bevölkerung an, 940.000 Unterschriften für die Abschaffung zusammenzusammeln. Nicht wenigen ist der Inhalt dieses Volksbegehrens eigentlich egal. Hauptsache, man kann dem vehementen Gebührenverfechter, den bayerischen Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Wolfgang Heubisch stellvertretend für seine liberale Parteifreunde kräftig abwatschen. Das ist Motivation genug, und wenn es gegen die FDP geht, dann bitte gleich zweimal. Da folgt man doch gern den schwarzgelben Kampagnenplakaten und hüpft in die Rathäuser.

Und Czyslansky? Was hätte der gesagt?

Wir hatten ja nichts. Wir Studenten mussten jeden Tag etwas Verheizbares mitbringen; Klaubholz, ein Brikett, ein paar alte Holzschindeln, was auch immer. Sonst hätten wir den Hörsaal nicht betreten dürfen. Und das sommers wie winters. Denn das Heizmaterial im Sommer, damals gab es noch ordentliche und wenigstens die hatten wir, wurde im Winter dringend gebraucht. Gut, dass ich täglich neun Kilometer durch den Wald in die Stadt laufen musste. Dort konnte ich immer einen alten Wurzelstrunck schultern und mit zur Universität nehmen. Der zählte dann für zwei Wochen. 

Also liebe Leser im Freistaat: Sie haben noch bis zum 30.01. Zeit, Ihre Unterschrift zu leisten. Tun Sie das bitte. Sonst rupfen Ihnen eines Tages die Czyslansky-Nachfahren die teuren japanischen Hinoki-Zypressen aus dem Vorgarten, damit ihre Alma mater mal wieder ordentlich eingeheizt werden kann… Kein Witz!

4 Gedanken zu „Wir hatten ja nichts – nicht mal Studiengebühren“

  1. Warum sollen eigentlich z.B. Arbeiter, die nie studiert haben, per Steuern Czylansky 42 Semester Studium bezahlen? Warum meinen eigentlich immer manche Leute, dass gefälligst andere Leute für die Leistungen, die sie in Anspruch nehmen, zahlen sollen? Umverteilung ohne Ende …

  2. Wer heute studiert erlangt dadurch noch lange nicht automatisch einen Vorteil auf dem Arbeitsmarkt. Die Anhänger der Studiengebühren behaupten, „wer studiert, verdient später mehr, da ist es nur gerecht, wenn hierfür auch zur Kasse gebeten wird.“ Richtig ist: definitiv nicht jeder Akademiker verdient gut. Studium zahlt sich längst nicht für jeden aus: In diversen akademischen Berufen gibt es weniger Gehalt als in anderen nach betrieblicher Ausbildung. Viele Geisteswissenschaftler verdienen nur zwischen zehn und elf Euro pro Stunde. Nach einem Universitätsabschluss in Musik und Sozialarbeit sind es nur um die neun Euro. Gelernte Kaufleute ohne Studium (z. B. Spedition, Buchhaltung, Versicherung) verdienen dagegen zwischen elf und 13 Euro. (Quelle: Tagesspiegel vom 04.08.2012)
    Aber es geht auch nicht darum, Menschen mit Studium und Menschen mit praktischer Berufsausbildung gegeneinander auszuspielen. JEDE erste Ausbildung sollte grundsätzlich kostenfrei sein: egal ob Studium oder Meisterkurs!

  3. @Michael, absolut richtig, dass jede Ausbildung, sofern sie an staatlichen oder anderweitigen in öffentlicher Hand befindlichen Ausbildungsstätten stattfindet, kostenlos sein sollte.

    @Norbert:
    Ein kleines Gleichnis? Heinz. P, von Beruf Landschaftsgärtner und Leiter eines kleinen Betriebes hatte einst einen Unfall. Da war der dankbar, dass der vom Staat ausgebildete Arzt ihn behandelt hat. Ebenso hat er bei einem vom Staat ausgebildeten Apotheker seine Schmerzmittel beziehen konnte.
    In Folge des Unfalls kam es zu einer Rechtsauseinandersetzung, bei der Heinz P. einen vom Staat ausgebildeten Anwalt hinzuziehen musste, um seine Rechtsansprüche durchzusetzen.
    Heinz P.s Kinder besuchen eine Schule und werden von Lehrern (ebenfalls vom Staat ausgebildet) unterrichtet. Getraut wurde er von einemvom Staat ausgebildeten Pfarrer, der auch seinen Vater beerdigt hat.
    Vom Staat ausgebildete Statiker prüfen gerade, ob das Dach der Multifunktionssporthalle unter der Schneelast stabil bleibt. Ein Chemiker kontrolliert die Qualität des Trinkwassers, ein anderer die der Lebensmittel beim Discounter, wo er immer einkauft.
    Ein Steuerberater (ebenfalls ein Studierter) macht ihm im Gesetzesdschungel die Steuer für seinen Betrieb in einem kleinen Bürogebäude, das ihm ein Architekt entworfen hat.
    Man könnte dieses Gleichnis beliebig lange fortsetzen.
    So lange der Zugang zu bestimmten Berufen eine Hochschulausbildung voraussetzt (und ich finde, das sollte bei bestimmten Berufen definitiv so bleiben), muss der Weg in diese Berufe allen, die die Qualifikation dafür mitbringen, offen stehen, und nicht nur denen, die den finanziellen Background dafür haben.
    Es ist Unfug, pauschal zu behaupten, dass die Arbeiter die Ausbildung der Akademiker bezahlen und diese dann einen goldenen Reibach machen und irgendwie gar keine Steuern mehr zahlen.
    Der Großteil der – sagen wir – ganz normalen Akademiker zahlt verdienstabhängig ganz genauso seine Steuern und finanziert so Universitäten wie auch berufsbildende Schulen ebenso mit.
    Und wohlgemerkt: Es geht nicht um das Klischee der 42 Semester und der ewigen Studenten, nicht um die Kategorie der Leute, die drei Studengänge beginnen und abbrechen, um dann frustriert irgendwas zu machen. Es geht um das Gros der ganz normalen Studenten…

  4. Ohne Czyslanskys 42 Semester hätten wir bis heute NICHTS denkt mal daran, was wir diesem grossen Geist alles zu verdanken haben … Computer, das Internet, den Plattenspieler …

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